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    Würzburg

    Der Abgesang der „modernen“ Theologie

    Gerade in einer Notsituation erwarten diejenigen, die dem Glauben verbunden sind, dass die Kirche das tut, wofür sie da ist: die Menschen zu Gott zu führen. Stattdessen scheint es, als betrachte sich die Kirche selbst nicht mehr als systemrelevant.

    Coronavirus: Messe in leerer Kirche
    Wenn der Priester das Messopfer darbringt, dann handelt er nicht „privat“ sondern immer in persona Christi capitis und d... Foto: Antonio Calanni (AP)

    Die Corona-Pandemie zieht alle in den Bann und bringt teilweise drastische Auswirkungen mit sich, von denen auch die Katholische Kirche nicht verschont bleibt. In dieser Situation tritt etwas zu Tage, was sich schon seit Jahrzehnten anbahnte, nun aber mit aller Deutlichkeit zum Vorschein kommt: der Abgesang der „modernen“ Theologie.

    Die durch die Ausbreitung des Virus verursachte Krise zwingt einen jeden auf das Wesentliche zu schauen. Aber was ist eigentlich das Wesentliche in der Kirche? Lange schon ist ein Weg beschritten worden, der dem der Gesellschaft ähnelt. Dabei wurde der Zeitgeist oft zum Kriterium erhoben, der sich durch den Fortschritt an Technik und Wohlstand anmaßte, besser zu sein, als alles Frühere. Vielerorts machte sich die irrige Auffassung breit, den Menschen die Lehre von Kreuz, Sünde, Gericht, Purgatorium, Hölle und anderen wichtigen Themen nicht mehr zumuten zu können. Ganz im Gegenteil wurde eine „Wohlfühltheologie“ geschaffen, die sich als „modern“ präsentiert, aber sich letztlich nur an dem orientiert, was die Menschen hören möchten.

    Doch auf einmal steht die Gesellschaft vor dem Ernstfall, der Tod klopft an die Tür. Nicht, dass es den Tod vor dem Coronavirus nicht gegeben hätte, wohl aber wurde er verdrängt und dessen Konsequenzen ausgeklammert. Nun fühlt jeder Mensch die Bedrohung ganz akut. Die Medien stellen den Tod tagtäglich mit plastischen Bildern vor Augen und die Menschheit entdeckt neu, wie verwundbar und begrenzt sie ist. Eigentlich wäre eine solche Situation wie für die Kirche gemacht, zumal es hier um das Proprium dessen geht, was Kirche ausmacht, nämlich die Verkündigung der Botschaft der Hoffnung und des Ewigen Lebens. Doch mancherorts scheint genau das Gegenteil zu passieren.

    Ratlosigkeit angesichts der gegenwärtigen Herausforderung

    In einem im Südkurier veröffentlichten Artikel mit der Überschrift „Verschlossene Kirchen, Pfarrer auf Tauchstation: Die Kirchen geben in der Coronakrise kein gutes Bild ab“ deckt Uli Fricker die unzureichende Reaktion der Kirche auf. Er stellt fest, dass die Kirche und die kirchlichen Gemeinschaften die Segel gestrichen zu haben scheinen. „Sie betrachten sich offenbar nicht mehr als systemrelevant, arbeiten also nicht in dem Bereich, der unverzichtbar ist. Eine Tankstelle darf öffnen, ein Bäcker, ein Zeitungsverkäufer. Sie garantieren nach verbreiteter Ansicht, dass die Grundbedürfnisse gestillt werden. Die Dienste der religiösen Gemeinschaften zählen dazu nicht.“ Die Eucharistie darf öffentlich nicht mehr gefeiert werden. Selbst die Kirchen, Orte der Zuflucht und des Gebetes in schwierigen Zeiten, bleiben in vielen Ländern geschlossen, obwohl das Osterfest vor der Tür steht.

    In der Vergangenheit war es so, dass in Zeiten der Not mehr gebetet und Gelübde abgelegt wurden. Nun hingegen kommt es zu einer bis dahin noch nie dagewesenen Reaktion. Die Deutsche Bischofskonferenz – und mit ihr viele Bischofskonferenzen weltweit – entbindet von der Sonntagspflicht. Anstatt die Gebete zu verdoppelt – auch wenn es nur eine „gestreamte Messfeier“ wäre – wird von der Sonntagspflicht dispensiert! Deutlicher kann man nicht zeigen, um es mit den Worten von Fricker zu sagen, dass die Kirche nicht mehr systemrelevant sein will.

    Spätestens nach zwei Wochen der Corona-Krise macht sich Ratlosigkeit breit. Wie soll es weitergehen? Wenn die Gläubigen so leicht von der Sonntagspflicht zu dispensieren sind, werden sie dann später wiederkommen? Mehr noch, was hat die Kirche zu bieten in dieser Situation? Wie kann sie den Menschen Hoffnung geben? Reicht etwas „Telefonseelsorge“ um zu zeigen, dass man „bei den Menschen ist“? An Kreativität fehlt es nicht: Einige raten dazu, Kerzen in den Fenstern aufzustellen, geweihte Palmzweigen zu verschicken oder die Kirchenglocken zu läuten. Aber kann das genügen?

    Die Krise der moderne Theologie

    Gerade in einer Notsituation erwarten diejenigen, die dem Glauben verbunden sind, Zeichen der Hoffnung. Sie erhoffen, dass die Kirche das tut, wofür sie da ist: die Menschen zu Gott zu führen, ihnen zu helfen, den Weg zum Ewigen Leben zu finden. Daran hat Papst Franziskus erinnert, als er mit ausdrucksstarken Bildern auf dem leeren Petersplatz betete und mit dem eucharistischen Herrn den Segen Urbi et Orbi spendete. Der Herr ist gegenwärtig vor allem in den Sakramenten, aber deren Feier ist momentan eingeschränkt und kann öffentlich nicht erfolgen. Umso mehr, so sollte angenommen werden, ist die Kirche darauf angewiesen, dass die Priester stellvertretend für das Volk – wie es dem Wesen des Priestertums entspricht – das Messopfer darbringen, doch gerade dagegen regt sich erbitterter Widerstand.

    Zunächst meldeten sich drei Liturgiewissenschaftler zu Wort, die in einer Zeit großer Not und ohne öffentliche Messen, auch noch die Abschaffung der „Privatmessen“ forderten. Ausgehend vom Fortschrittsglauben sprechen sie gar despektierlich von „Geistermessen“ und postulieren fälschlich, dass Priester „allein“ die Messen feiern würden. Sie wittern „Exklusion“ und eine verhängnisvolle „Wiederauferstehung von […] Überlebtem.“ Fast esoterisch anmutend fordern sie „spirituelle Potentiale in den Familien, Freundeskreisen und sozialen Netzwerken zu wecken und zu fördern.“ Es ist schon erstaunlich, dass sie an die Stelle der göttlichen Handlung, die sich in der Eucharistie vollzieht, alternativ den prophetischen Charakter von Menschen in Italien sehen, „die zusammen auf Balkonen singen und musizieren.“

    Der Abgesang der modernen Theologie geht aber noch weiter, wie die Erfurter Theologieprofessorin Julia Knop mit Nachdruck zeigt. Sie bezeichnet Sakramentenprozessionen durch leere Straßen als „Retro-Katholizismus“ und spricht von inszenierten Kirchenbildern die nicht mehr anschlussfähig seien. Ob sie auf Papst Franziskus anspielt, als er allein vor dem leeren Petersplatz nach einer kurzen Prozession den eucharistischen Segen spendete?
    In diesen und ähnlichen Aussagen offenbart sich sehr deutlich die Krise der modernen Theologie. Es zeigt sich, dass eine solche Theologie, die auf den Zeitgeist setzt und oft im Gegensatz zum überlieferten Glauben der Kirche steht, überflüssig ist. Die Kirche braucht sie nicht und noch weniger die Menschen von heute, die einer existentiellen Krise gegenüberstehen.

    Der Glaube der Kirche

    Gemäß dem Glauben der Kirche, wie er in Schrift, Tradition und authentischem Lehramt zum Ausdruck kommt, hängt der Glaubensakt des Menschen, wie es Papst Franziskus sagt, nicht an der Kreativität des Einzelnen, sondern hat „eine notwendig kirchliche Gestalt.“ Alles andere wäre Gnosis oder schlicht Anpassung an den Zeitgeist.

    Ausgehend von diesem Grundverständnis wird deutlich, warum es zum Beispiel „Privatmessen“ gar nicht gibt. Wenn nämlich der Priester, dessen Priestertum sich dem Wesen nach vom gemeinsamen Priestertum der Gläubigen unterscheidet, das Messopfer darbringt, dann handelt er nicht „privat“ sondern immer in persona Christi capitis und damit im Namen des ganzen Volkes Gottes. Mit Recht haben daher viele Bischöfe ihren Priestern nahegelegt, gerade in diesen Zeiten der Krise täglich das heilige Messopfer zu feiern, weil dadurch die Gebete und Anliegen des ganzen Gottesvolkes vor Gott getragen werden. Die moderne Theologie lässt deutlich werden, wie weit man sich von jener Mitte des Glaubens entfernt hat, die das Zweite Vatikanische Konzil als „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ beschrieben hat.

    Der Glaube der Kirche gründet nicht auf Kreativität, auch wenn er kreative Formen finden kann. Er gründet auf Jesus Christus, der jenes Fundament ist, „auf dem die Wirklichkeit und ihre letzte Bestimmung gründen.“ In diesem Glauben wissen wir, dass die Mächte der Unterwelt die Kirche nicht überwältigen werden (vgl. Mt 16,18) und dass nach dem Abgesang der modernen Theologie wieder eine in Christus Jesus geerdete Theologie entstehen wird. Sie wird mehr zu bieten haben als kreative Zeichen, da sie den Weg weist, der hinführt zum lebendigen Gott, der auch heute in Seiner Kirche gegenwärtig ist und durch den die Menschen Heil und Hoffnung erfahren.

    Prof.  Dr. Dr. Ralph Weimann ist Dozent für Theologie und Bioethik.

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