• aktualisiert:

    Würzburg

    Charisma ist kein Menschenrecht

    Der biblische Gott lässt sich nicht in menschliche Vernunftkategorien fassen – und ebenso wenig der priesterliche Zölibat.

    Bischofsweihe von Stefan Oster
    Gott ruft Menschen auf skandalös eigenwillige Weise in seine Nähe. Es bleibt ein unauslotbares Geheimnis. Foto: KNA

    Seit Jahrhunderten orientieren sich christliche Gemeinden für das Berufsbild ihrer Hirten an den Aussagen der Bibel über Propheten und Apostel, Bischöfe und Älteste. Diese Selbstverständlichkeit ist akut in Gefahr. Ein Symptom: Auch bei den Protestanten ist der Pfarrernachwuchs katastrophal gering, denn lange schon weiß man, dass zwischen dem biblischen Bild des Apostels beziehungsweise Pfarrers und anderen Berufen große Unverträglichkeiten bestehen. In Kontrast dazu stehen die „Menschenrechte“ und die üblichen Berufsbilder.

    Geistliche Ehelosigkeit als freie Entscheidung

     

    Ist „Geistlicher“ ein ganz normaler Beruf? In der Diskussion zum Thema Zölibat wird die Kirche nicht müde zu betonen, zum Beispiel geistliche Ehelosigkeit sei eine freie Entscheidung, denn niemand werde ja zum Zölibat gezwungen. Denn jedermann könne es ja auch bleiben lassen, sich weihen zu lassen. Als biblischer Theologe sitze ich da allerdings zwischen allen Stühlen. Denn gerade hier auf dem sensiblen Feld der Berufswahl finde ich überhaupt gar keine biblische Aussage, die hier die Freiheit und Freiwilligkeit der Berufswahl auch nur annähernd in Betracht zöge.

    Natürlich kann man nach guter Theologenart erkläre, diese „niederschmetternden“ Aussagen seien nicht so ernst gemeint, da sie von Gott sprächen. Aber diese Art von Exegese halte ich schlicht für unanständig. Und Kanonisten können leicht belegen, dass die freie Zustimmung des Kandidaten zu den Weihebedingungen erst dem Einfluss des römischen Rechtes im elften und zwölften Jahrhundert zu verdanken ist.

    Also ein unfreier Beruf? Im ersten Korintherbrief schreibt der Apostel Paulus, dass er das Evangelium verkünde, sei kein Grund stolz zu sein. Denn ein eiserner Zwang liege da auf ihm: „Wehe mir, wenn ich das nicht täte.“ Wenn Jesus Jünger beruft, müssen sie alles stehen und liegen lassen und dürfen sich noch nicht einmal von den Eltern verabschieden. Paulus bezeichnet sich zu Beginn jedes Briefes als „Sklave Jesu Christi“. Um ihn berufen zu können (Apostelgeschichte 9, 4) lässt Jesus Paulus brutal zu Boden stürzen.

    Sklaven sind „Brüder“ und „Schwestern

    Apostel und Propheten nennt Paulus im Epheserbrief 4, 8–10 „Kriegsgefangene“ – bis zum Genfer Abkommen von 1949 gehörten ihre Lebensbedingungen zu den schlechtesten überhaupt. Und sein weltweites Apostolat sieht Paulus in diesem Bild: Christus führt ihn wie ein römischer Triumphator als sichtbares Beutegut überall mit sich herum.

    Dass es dem Apostel Petrus nicht besser ergehen wird, sagt Jesus ihm nach Johannes 21, 18: „Als du jung warst, hast du dich selbst gegürtet und bist dort hingegangen, wo du hingehen wolltest. Aber wenn du alt bist, wirst du gehorsam deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten, ein neuer Herr, dessen Sklave du sein wirst, und er wird dich dorthin führen, wohin du nicht willst.“ Ein Sklave wird von seinem Herrn mit einem Gürtel ausgestattet, denn sonst ist er nackt und besitzt von sich aus nichts.

    Die Gemeinden bezeichnet Paulus nirgends als Sklaven, sie sind „Brüder“ und „Schwestern“. Denn „Sklaven“ oder untereinander „Mitsklaven“ sind die Hirten gegenüber ihrem Herrn – so auch in den Sklavengleichnissen. In der Unterscheidung Sklaven/ Freie deutet sich die Trennung Priester/ Laien an, und zwar auf völlig unerwartetem Gelände. Die Hirten sind die Sklaven, die übrigen Christen dagegen werden wie freie Menschen angeredet.

    Dieses Verhalten namens Gehorsam gilt in der Antike von Kleinkindern und Sklaven, in der Kirche aber bis heute vom Klerus gegenüber dem Bischof („promitto. .oboedientiam“). Sklaven sind ehrlos. Nun kann man sagen: Bei Aposteln und anderen geistlichen Führern gilt das alttestamentliche Gottesbild weiter, aber unter „Laien“ gilt es schon lange nicht mehr. Jesus hatte die familiäre Metaphorik erneuert und vertieft.

    Nicht die Begabungen, sondern der Wille Gottes

    Bei der Berufsentscheidung für den Dienst als Priester geht es nicht um Vorlieben oder Begabungen, sondern um das, was der Herr von mir will. Das „Menschenrecht der freien Berufswahl“ gilt weder vor noch nach der Weihe. Das Verhältnis gegenüber dem Dienstherren ist bestimmt durch dessen Nötigung.

    Nun kann man sagen, alles hier Genannte seien veraltete Strukturen und Reste eines überholten alttestamentlichen Gottesbildes. Ich denke dabei immer an die Eingangsszene der Karfreitagsliturgie: die vor dem Altar schweigend auf dem Boden ausgestreckten Geistlichen. In der äußersten Erniedrigung Gottes stehen beziehungsweise liegen sie auf der Seite ihres Herrn. Es ist kein Zufall, dass sich diese karfreitägliche Szene bei den höheren Weihen wiederholt.

    Aktuell betroffen von diesen Dokumenten biblischer „Sklaverei“ sind das Priesterbild und das Verhältnis von Kirche und Menschenrechten. Gegen jedes Menschenrecht verstoßen nicht nur Riten wie die prostratio vor dem Altar, sondern auch der lebenslängliche Gehorsam, Zölibat und Ausschluss von Frauen. Der gemeinsame Grund liegt darin, dass das antike Weltbild von Sklave und Herr weiterhin die Religion bestimmt. Das gilt auch für den Sohn Gottes, der besonders in den Passionsberichten als der leidende Sklave Gottes nach Jesaja 53 gilt – „leidender Gottesknecht“ ist auch hier eine verharmlosende Übersetzung.

    Nach der Willkür von Sklavenhaltern klingt auch die Erwählungs- und Berufungstheologie der gesamten Bibel: Gott beruft ohne Grund oder Begründung nach freier Willkür. Paulus wundert sich darüber in Römer 9, und doch gilt dieselbe Art von Berufung auch für ihn, den Apostel selbst.

    Moralisierte Wahrnehmen von Gott

    Karl Rahner spricht in solchen Zusammenhängen von einem abgründigen Gottesbild. Denn der biblische Gott steht, wie schon Paulus sagt, öfter in dem Verdacht, ein ungerechter Gott zu sein. Es ist kein stets wohltemperierter Vernunftgott. Dieser Gott ist noch nicht künstlich moralisiert worden. Er ist nicht ein stets vorzeigbares Muster an Wohlerzogenheit und Vorbildlichkeit. Um die eigene Begrenztheit hier wahrzunehmen, sollte man abzuschätzen lernen, in wie hohem Maße unsere Wahrnehmung von Geschichte, und Gott, schon längst moralisiert und damit domestiziert worden ist.

    Für die Menschen der Bibel dagegen liegen Gott und Wirklichkeit noch näher beieinander, daher haben Angst und Opfer ihren Platz in der biblischen Religion. Wiederholt wird Beten als Ringen mit Gott dargestellt – von Jakob bis zur Witwe im Lukasevangelium. Und Gott wird immer auch noch als gefährlich dargestellt: Wer nicht aufpasst, den wird der Menschensohn, wenn er kommt, überraschen, und zwar natürlich unangenehm – wie ein Einbrecher.

    Mit Ansprüchen, Berechtigungen und Beschwerdemöglichkeiten sind viele genau das geworden, was man früher verzogene Kinder reicher Eltern nannte. Und entsprechend in der Kirche: Man hat die klassische Sequenz „Dies Irae“ abgeschafft, weil man meinte, die Rede vom Zorn Gottes keinem Menschen mehr zumuten zu dürfen. Wir haben uns an einen Gott gewöhnt, der immer nur lieb ist und verwechseln dabei eine sanfte, weltferne Vernunftliebe mit der Leidenschaft und Parteilichkeit des biblischen Gottes. Denn es gibt einen engen Zusammenhang zwischen dem Aufgeben aller „kantigen“ und „orientalischen“ Züge des biblischen Gottes zugunsten eines weichen, liberalen Deismus und der Einführung egalitär-liberaler Strukturen an allen Ecken und Enden.

    Die prekären, „ungerechten“ und menschenrechtsfreien Züge Gottes gibt es immer wieder bei den geistlichen Führern der Menschen: Petrus als Satan, die Berufung des Kirchenverfolgers Paulus, die Prophetin als Hexe (Apokalypse 2, 20), der christliche Missionar Simon Magus als Zauberer, Pseudopropheten und Falschapostel.

    „Normale Laien“ werden kaum „behelligt“, und umgekehrt: Je mehr menschliche potenzielle Ansprüche aus dem Spiel genommen werden, umso kräftiger gilt allein Gottes Recht.

    Gott sendet eigenwillig und unberechenbar

    Die rasch voranschreitende Durchdringung der religiösen Basis der Kirche leistet gerade bei der Ämterfrage einer Nivellierung von Kirche und Welt Vorschub. Doch wollen wir das? Lieber viel mehr vom „Pfarrer von Ars“ als von Menschenrechten für alle Pfarrer, lieber mehr Aufklärung über abgründige Gotteserfahrung als Debatten über die neueste noch stärker laienzentrierte Liturgiereform, lieber mehr nächtelanges Ringen um Berufung als Pfarrgemeinderats-Sitzungskunde.

    Ein Recht auf freie Berufswahl gibt es der Bibel zufolge für Geistliche nicht. Das Recht auf freie Partnerwahl ist zumindest dann eingeschränkt, wenn Gott das Charisma der Ehelosigkeit schenkt, und jedem Charisma soll ein Mensch zum Wohle der Gemeinde „nachjagen“ (1 Korinther 12, 31). Aus den mit diesem Charisma Begabten wählt die Kirche (regional unterschiedlich) zu allen Zeiten ihre Pfarrer und Bischöfe aus.

    Und kein Mensch hat ein Anrecht auf irgendeine Art von Amt, Berechtigung, Weihe oder Vollmacht, und so ist es auch mit der biblischen Kategorie der Erwählung. Selbst bei der Nachwahl des Matthias bestimmt nicht irgendein Mensch, sondern Gott selbst durch das Los. In den Kategorien Sendung, Begabung und Erwählung ist und bleibt der Gott der Bibel auf skandalöse Weise eigenwillig und unauslotbares Geheimnis.

    Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .

    Weitere Artikel