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    Würzburg

    Blut für die Götter

    Rituelles Morden hat eine lange und weltweite Geschichte. Im Norden Perus haben Archäologen die bislang größte Menschenopferstätte Amerikas entdeckt.

    Ein Hügel an der Nordküste von Peru vor über 500 Jahren. Von Norden her nähert sich eine feierliche Prozession entlang der Felsenküste. Zwischen den Erwachsenen laufen zahlreiche Lama-Fohlen und vor allem Kinder; es sind hunderte, Mädchen und Buben. Aus allen Teilen des Landes kommen die Kleinen. Die jüngsten sind gerade einmal vier, die ältesten höchstens vierzehn Jahre alt, die meisten aber zwischen acht und zwölf; durchwegs gut genährt sind sie und gesund. Einige von ihnen tragen einen prächtigen Kopfputz aus Baumwolle, anderen hat man die Gesichter für den festlichen Anlass mit Zinnober in leuchtendem Rot gefärbt.

    Die letzte Strecke ihres Weges stapfen die Prozessionsteilnehmer zur Anhöhe einer Düne empor, auf der sich ein uralter Tempel erhebt. Der Boden ist aufgeweicht von den sintflutartigen Regenfällen der letzten Zeit. Tief graben sich die Zehen der Kinder in den Schlamm; nur die Erwachsenen tragen Sandalen. Das Gebell von Hunden ist zu hören. Einige Lamas scheuen und wollen nicht mehr weiter, doch so sehr auch die kamelartigen Tiere ihre Hufe in den rutschigen Untergrund zu stemmen versuchen, ihre Führer zerren sie unerbittlich weiter den Hügel hinauf – ob sie wittern, was ihnen bevorsteht?

    Menschenblut als Opfer für zornige Gottheiten

    Oben, auf der windgepeitschten Anhöhe angekommen, eröffnet sich ein weitschweifendes Panorama. Rechter Hand erstreckt sich die Endlosigkeit des Pazifischen Ozeans, links begrenzen die Ausläufer der Anden den Horizont. Im Süden breitet sich in nur anderthalb Kilometern Entfernung die Hauptstadt des Chimú-Reiches; eines riesigen Imperiums, welches in seiner Größe nur von jenem der Inka übertroffen werden wird, deren Expansion in diesen Jahren aber gerade erst begonnen hat.

    Chanchán, wie man die Kapitale später einmal nennen wird, ist ganz aus Lehm errichtet. Über zwölf Meter hoch sind die Mauern ihrer monumentalen Tempel, Paläste und Bestattungsplattformen, in denen sich die Herrscher mit reichen Goldschätzen beisetzen ließen. Von der Metropole her nähert sich eine zweite Prozession dem Hügel. Auch hier werden junge Lamas, sogenannte Crias, herangeführt, keines ist älter als 18 Monate; und auch hier marschieren im Zentrum des Umzuges feierlich geschmückte Kinder, die nie das Erwachsenenalter erleben werden.

    Am Zielort angekommen, treten ihnen Opferpriester entgegen. Mit schnellem und entschlossen gesetztem Schnitt öffnet die geübte Hand den Knirpsen den Brustkorb. Die Rippen werden auseinandergedrückt und das kleine, zuckende Herz herausgerissen; ebenso verfährt man mit den Lama-Crias – ein Blutbad!

    Anschließend werden die Opfer in vorbereitete Gruben gebettet. Sorgsam arrangiert, legt man die Kinder, wie die Orgelpfeifen der Größe nach, meist zu dritt nebeneinander; die blassen Gesichter gegen den Ozean gerichtet. Über ihre kleinen Körper oder daneben kommen die Lama-Kadaver. Deren Köpfe blicken in die entgegengesetzte Richtung auf die Berge. Oft wird ein cremefarbenes Tier mit einem dunkelbraunen kombiniert. Die Zahl der Opfer ist so groß, dass nicht alle bestattet werden können. Als alle Gruben befüllt sind, lässt man die übrigen, Kinder und Kälber, einfach im Schlamm liegen. Auch drei Erwachsene sterben an diesem Tag. Einer jungen Frau Anfang zwanzig schlägt man hinterrücks den Schädel ein, der zweiten, nur wenige Jahre älteren, das Gesicht. Ein älterer Mann wird unter großen Steinen verscharrt.

    140 Kinder wurden Opfer eines blutigen Ritus

    In der vergangenen Woche publizierten Archäologen die Entdeckung der größten bislang bekannten Menschenopferstätte Amerikas, vermutlich sogar weltweit. Zusammen mit den Knochen von über 200 Lama-Crias ergruben sie die sterblichen Überreste von mehr als 140 Kindern. Alle wurden Opfer einer rituellen Tötung, höchstwahrscheinlich an ein und demselben Tag. Die Funde datieren auf die Zeit von 1400 bis 1450 n. Chr. Am Ort des Massakers, in Huanchaquito-Las Llamas, einem Vorort der peruanischen Provinzhauptstadt Trujillo, war man bereits 2011 im Rahmen einer Notgrabung auf die ersten Hinweise gestoßen. Die Ergebnisse der 2016 begonnenen Grabungskampagne werfen ein Schlaglicht auf ein düsteres Kapitel der Menschheitsgeschichte.

    In alten Kulturen diente das Opfern des Größtmöglichen, eines Menschen, der Bewältigung von gesamtgesellschaftlich relevanten Notlagen, etwa Naturkatastrophen, die man einem göttlichen Zorn zuschrieb. Aber auch zur Weihe eines Kultplatzes oder zur Begleitung hochstehender Verstorbener ins Jenseits wurden Menschen rituell getötet. Die Blutspur führt vom alten Orient nach Europa und bis ins antike China. Erste Hinweise finden sich bereits in der Altsteinzeit, archäologisch sind Menschenopfer im eurasischen Raum aber erst für die frühe Bronzezeit belegt.

    Vielfach hallen sie in Mythen und Sagen des Altertums nach, etwa wenn das Leben des Opfers, wie bei Iphigenie, in letzter Sekunde durch göttliches Eingreifen gerettet wird; die alttestamentarische Erzählung vom Beinahe-Opfer Isaaks stellt hier insofern keinen Einzelfall dar, unabhängig von ihrer religionsgeschichtlichen Bedeutung.

    Die Römer schafften das Menschenopfer per Senatsbeschluss im Jahr 97 v. Chr. ab und delektierten sich mit Schaudern an den Berichten über die Opferbräuche der alten Germanen. Die Opferung von Kindern, gar der Erstgeborenen, stellte eine besondere Ausnahme dar. Die Bibel schreibt den notorischen Kindsmord den Feinden Israels zu, Griechen und Römer bezichtigten deswegen ihre phönizischen Konkurrenten; der letztendliche archäologische Nachweis für eine solche Gräuelpraxis aber fehlt.

    Bis in die Neuzeit hat sich das religiöse Morden – von den Selbst- und Kollateralopfern moderner Selbstmordattentäter einmal abgesehen – in Ozeanien und in der Neuen Welt erhalten. Auch wenn die Berichte der spanischen Konquistadoren hinsichtlich der Zahlen übertrieben sein mögen – nirgendwo sind die Beweise erdrückender, als im alten Amerika. Skelettfunde in Opferbrunnen oder -gruben sprechen eine eindeutige Sprache, aber auch das Kunstgewerbe. Zapotekische Reliefs halten den Totentanz von Geopferten fest, in toltekischen laben sich Gottheiten an menschlichen Herzen.

    Eine Vielzahl an sadistischen Praktiken hatten auch die Maya entwickelt, um das Blut fließen zu lassen, denn je schmerzvoller dieses vergossen wurde, desto größer das göttliche Wohlwollen; unter anderem wurden Penis oder Zunge mit Agavendornen durchbohrt. Bei den Azteken waren Menschenopfer Teil des Herrschaftssystems. Die jährlich zu leistenden Tribute unterjochter Völker wurden in Menschenherzen bemessen. Menschenhäute forderte dagegen der mexikanische Gott des Frühlings. Im Ganzen abgezogen, wurden sie von Priestern als Gewand getragen, wie aztekische Keramiken zeigen.

    Gottes Blut als Erlösung für sündige Menschen

    Außerhalb Mittelamerikas waren Menschenopfer bis vor kurzem überwiegend von den Inka bekannt, deren Reich sich von Ecuador bis nach Chile erstreckte. Anrührend ist vor allem das Schicksal der auf einsamen Andengipfeln in Hockstellung gefundenen Eismumien zurückgelassener Kinder; zur Beruhigung hatte man ihnen auf ihrer letzten Reise Drogen verabreicht.

    Im peruanischen Tiefland kamen erst in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr grausige Funde ans Tageslicht. Trotz der für die altamerikanischen Hochkulturen belegten, blutigen Opferindustrie blieb die Entdeckung eines rituellen Massenmords aber bisher die Ausnahme. Warum die Chimú ihren Kindern die Herzen herausrissen? Aufgrund der Schlammschicht, in denen die Kleinen, die Tiere und die Täter ihre Spuren hinterließen, machen die Forscher den Klimawandel dafür verantwortlich. Mit den Kindern habe man El Nino beruhigen wollen; jenes nach dem Christkind benannte Wetterphänomen, welches vor mehr als fünf Jahrhunderten in der ansonsten trockenen Region verheerende Wolkenbrüche bewirkt haben soll. Geholfen hat es nicht. Keine fünfzig Jahre später wurde die Chimú-Kultur von den Inka ausgelöscht.

    Doch auch für die Eroberer kam das Ende nach kaum mehr als einem halben Jahrhundert; das Inkareich wurde von einem Häuflein Konquistadoren unter dem Kommando von Francisco Pizarro gekapert. Die Gottheiten, für die Menschen das Blut ihrer Kinder opfern mussten, wurden allmählich von einem Gott verdrängt, der mit Christus das Blut seines Sohnes für die Menschen opferte.

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