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    Bad Ischl

    Beichtend auf den Berg

    Bei der Fahrt auf den Hausberg von Bad Ischl im Salzkammergut kann man jetzt auch beichten.

    Beichtgondel in Bad Ischl
    Der Linzer Diözesanbischof Manfred Scheuer (Mitte) eröffnete die "Beichtgondel" zusammen mit Bad Ischls Pfarrer Christia... Foto: Christoph Lenzenweger

    Der Berg als Ort der Gottesbegegnung: das ist gut biblisch. Das Buch Genesis beschreibt, wie Noahs Arche am Ende der Sintflut auf dem Berg Ararat landete. In der Wüste Sinai stieg Mose „zu Gott hinauf“ und es „rief ihm der Herr vom Berg her zu“. „Der Herr war auf den Sinai, auf den Gipfel des Berges, herabgestiegen ... und Mose war hinaufgestiegen“ (Exodus 19, 20).

    Auch Jesus stieg „auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten“, berichtet der Evangelist Matthäus. Er rief die Zwölf zu sich auf den Berg, führte Petrus, Jakobus und Johannes „auf einen hohen Berg“, wo er vor ihren Augen verwandelt wurde.

    Der Berg als Ort der Berufung und der Gottesbegegnung

    Warum sollte der Berg also nicht auch heute ein Ort der geistlichen Verwandlung, der Berufung und der Gottesbegegnung sein? „Viele sagen, dass sie in der Natur zu sich selber finden und sich auf dem Berg Gott besonders nahe fühlen“, meint der Stadtpfarrer von Bad Ischl, Christian Öhler, gegenüber der „Tagespost“. Zu seinem Seelsorgs-Repertoire gehört neuerdings eine „Beichtgondel“, die auf den Ischler Hausberg, die Katrin, hinaufführt. Die 15-minütige Fahrtzeit auf den 1 400 Meter hohen Berg können Wanderer – Einheimische wie Touristen – zum geistlichen Gespräch nutzen, auf Wunsch auch zur Beichte.

    Keine Schnapsidee, eher eine Bier-Idee: Entstanden ist der Plan nämlich nach einem oder zwei Bieren, wie der Geschäftsführer der Katrin-Seilbahn, Johannes Aldrian, im Gespräch mit der „Tagespost“ erzählt. Zu Sechst sei man vor vier Jahren zu einer total verregneten Bergmesse oben auf der Katrin gewesen. Später, beim gemeinsamen Bier in der Katrin-Almhütte, sei die Idee der Beichtgondel entstanden – zunächst als Scherz. Vielleicht sei ja das Beichten gar nicht das Entscheidende, meint Aldrian. „Aber wenn man vom Tal auf den Berg fährt, wird man ruhiger, demütiger, kleiner. Es fängt im Kopf zu rattern an.“ Daraus ergebe sich die Möglichkeit zum Gespräch.

    120.000 Wanderer nutzen die bequeme Fahrt jedes Jahr

    Die Katrin-Seilbahn hat insgesamt 40 Gondeln, darunter viele Themen-Gondeln, etwa eine Hochzeitsgondel. 120.000 Wanderer nutzen die bequeme Fahrt auf die Katrin jedes Jahr, nicht nur Touristen, sondern auch Einheimische, wie der Geschäftsführer der gemeindeeigenen Seilbahn berichtet. Die neue Beichtgondel wurde komplett zerlegt, in den Farben der Ischler Stadtpfarrkirche neu gestrichen und mit dem Schriftzug „Zeit zum Reden – Zeit zum Zuhören“ versehen. Sogar die Scheiben sind mit einer Folie den Fenstern der Kirche nachempfunden. Da war er schon etwas in Sorge, gesteht Johannes Aldrian, „weil die Folie die schöne Aussicht nimmt“, doch seien bisher keine Beschwerden gekommen.

    Von „neuen Wegen“ und einer „Erweiterung des Angebots“ spricht der Geschäftsführer auf die Frage, was sich die Katrin-Seilbahn von der Zusammenarbeit mit der Kirche denn so erwarte.

    Einladung zum Dialog und zum Nachdenken

    Der Linzer Diözesanbischof Manfred Scheuer, der im Rahmen seiner Dekanatsvisitation im oberösterreichischen Salzkammergut die Jungfernfahrt in der Beichtgondel machen konnte, freut sich über die lokale Initiative. In einem Statement gegenüber dieser Zeitung meint Bischof Scheuer: „Grundsätzlich wird durch die Themengondel ,Zeit zum Reden – Zeit zum Zuhören‘ eine Präsenz von Kirche im öffentlichen Raum ermöglicht. Sie lädt ein zum Dialog und zum Nachdenken bis hin zum Bereich von Schuld und Vergebung.“ Nach der Eröffnung, oben am Berg angelangt, hatte der Bischof die Gondel als Möglichkeit beschrieben, „einander zuzuhören, miteinander zu kommunizieren, in Dialog zu treten“.

    Pfarrer Christian Öhler, dem als Dechant von Bad Ischl 20 590 katholische Gläubige zwischen dem Kleinen Sonnstein (923 Meter) und dem Hohen Dachstein (2 996 Meter) anvertraut sind, geht ins Detail: Die neue Themengondel verweise auf die „Zeit zum Zuhören“, die seit vielen Jahren in der Sakramentenkapelle der Stadtpfarrkirche von Bad Ischl angeboten wird. Hier sei jeden Freitag zwischen 16 und 18 Uhr ein Seelsorger anzutreffen, mit dem die Gläubigen über persönliche Anliegen und Sorgen sprechen können. „Im Dekanat gibt es einige Kuranstalten. Das innere Salzkammergut ist eine beliebte Tourismus-Destination. Es kommen also nicht nur die Einheimischen, sondern auch Kurgäste und Touristen“, berichtet Pfarrer Öhler. „Manchen genügt das Gespräch, andere möchten sich segnen lassen, wieder andere bitten um Beichte und Absolution.“ Ähnlich wird das wohl auch in der „Beichtgondel“ werden.

    Wie die Kirche das Sakrament der Versöhnung heute versteht

    Den Begriff haben übrigens nicht der Pfarrer oder der Seilbahn-Geschäftsführer geprägt, sondern „ein findiger Journalist“, wie Öhler gesteht. Er sieht den Namen aber „als Chance, zu vermitteln, wie wir das Sakrament der Versöhnung heute verstehen: Nämlich im Sinne der heilsamen Begegnungen Jesu.“ Pfarrer Öhler weiß: „Das Sakrament der Versöhnung heilt, richtet auf, lässt den Menschen aufatmen, befreit von Schuld und schenkt dem Menschen, der es empfängt, einen neuen Anfang.“

    Wieviel Gesprächszeit in der Gondel tatsächlich angeboten werden wird, steht noch nicht fest. Die Beichtgondel fand nämlich mehr Zuspruch, als ihre Erfinder meinten. Und das spricht ja wohl für die Erfindung.

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