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    Berlin

    Auf den Spuren eines tiefen Denkers

    Ein neuer Sammelband stellt das politische Denken Papst Benedikts XVI. vor.

    Benedikt im Bundestag
    Benedikt XVI. spiegelt sich in einer Glasscheibe im Bundestag. Foto: dpa

    Es ist selten, dass im Reichstag, dem Ort engagierter Debatten und tagesaktueller politischer Auseinandersetzungen jene tiefe Stille herrscht, die notwendig ist, um weitreichende Gedankengänge nachvollziehen und ihre Bedeutung verinnerlichen zu können. Der 22. September 2011 war so ein Tag und der Anlass ein außerordentlicher. Denn nie zuvor hatte ein Papst, noch dazu ein deutscher, vor den Mitgliedern des Bundestages gesprochen. Was er ihnen zu sagen hatte, war grundsätzlicher Natur und Benedikt XVI. setzte damit fort, was er sieben Jahre zuvor, damals noch Kardinal von München, in kleinem Kreise begonnen hatte, als er mit Jürgen Habermas in ein Gespräch eintrat, um die gemeinsame Verantwortung von Religion und säkularer Rationalität für die Gesellschaft zu bedenken. Am 22. September war sein Thema, diese Verantwortung wahrnehmend, exakt auf sein Auditorium zugeschnitten und entfaltete die grundlegenden Kriterien der Verantwortung „für das, was recht ist“ vor denjenigen, die die Aufgabe übernommen haben, unser Land zu regieren oder diejenigen, die dies tun, aus der Opposition heraus zu korrigieren oder ihr Tun zu hinterfragen.

    Kriterien „für das, was recht ist“.

    Sternstunden wie die der Rede Papst Benedikts, der während seiner Deutschlandbesuche weitere ebenso relevante vorangingen oder folgten, hinterlassen Spuren, bedürfen aber auch des Nach- und Weiterdenkens dessen, was in ihnen im Geiste entzündet worden ist. Diesem Anliegen widmeten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposiums, das 2015 genau diese Aufgabe übernahm und dafür sorgte, dass die Grundlagen des politischen Handelns nicht in Vergessenheit geraten. Die Vertreter aus Philosophie, Jurisprudenz und Theologie stellten die politischen Reden Papst Benedikts hier, ihren Grundgedanken nachgehend und sie weiter entfaltend, in den Fokus und stärkten die Wahrnehmung dieser wegweisenden Botschaft.

    Erzbischof Gänswein vertiefte in seinem Festvortrag im Reichstag, der die Frage nach dem „wahren Recht“ thematisierte, die gesellschaftspolitischen Aussagen der Rede anhand der Enzyklika „Caritas in veritate“ und hob die Kontinuität des päpstlichen Lehramtes in dieser Frage hervor. Sein historischer Rückblick zeigt eindrucksvoll die Entwicklung der Aussagen, in denen sich beispielsweise das Verhältnis zur einst kritisch gesehenen Demokratie grundlegend wandelte, dessen Kernaussagen im Hinblick auf die Anthropologie jedoch konstant blieben, wenngleich jeder Papst der Debatte gewissermaßen eine eigene Farbe gibt.

    Der Philosoph und Theologe Berthold Wald widmete sich im zweiten Teil des Symposiums der Vertiefung der grundlegenden, von Kardinal Josef Ratzinger 2004 aufgeworfenen und in der Regensburger Rede von 2006 weiter entfalteten Frage, wie die westliche Welt säkularer Rationalität und die noch von der Religion geprägten Kulturen in einen fruchtbaren Austausch gelangen könnten, anstatt einander feindselig und vorurteilsbeladen zu begegnen. Wald kommt, die Reden Benedikts XVI. analysierend, zu dem Schluss, dass es Grund zur Hoffnung gibt, „weil der Mensch in allen Verschiedenheiten seiner Geschichte und seiner Gemeinschaftsbildung ein einziger ist, ein und dasselbe Wesen“, weil die „universale Tendenz großer Kulturen“ in der Universalität des menschlichen Geistes wurzelt, das Christentum mit den alten Menschheitskulturen mehr verbindet als mit der relativistisch rationalistischen Weltsicht, der Wille zum moralischen Handeln allen großen Kulturen gemeinsam ist und das Angerührtsein von der Wahrheit den Relativismus zu überwinden vermag.

    Mensch in Verschiedenheit ein und dasselbe Wesen

    Die Islamwissenschaftlerin Rocio Daga Portillo lotet die Möglichkeiten des Dialoges mit dem Islam aus, wobei sie von der geschichtlichen Perspektive ausgeht und den Entwicklungsaspekt dieser Religion ebenso im Blick hat wie die Notwendigkeit zu einer kontextuellen Auslegung des Koran. Ausführlich erläutert Portillo die islamische Rechtsauffassung, was erhellend im Hinblick auf die Rede Benedikts ist und deutlich macht, dass die Reaktionen auf das Gewalt verurteilende Zitat unnötig und überzogen waren. Eindeutig ist ihre Position zur Krise im Mittleren Osten, die in der ahistorischen Auffassung des Islam begründet ist.

    Der Philosoph Martin Rhonheimer beugt einem weiteren Missverständnis vor, dem nämlich, Papst Benedikt nehme eine demokratiekritische Haltung ein, wenn er auf das Naturrecht rekurriere und weist vielmehr nach, dass er dieses als eine Ethik des Rechts versteht. Die Kirchenrechtlerin Nadja El Beheiri geht den Denkspuren Ratzingers nach, der sich, die naturalistische Sicht des Naturrechts überwindend, vielmehr auf dessen Begegnung mit stoischer Philosophie und römischem Recht und der Verbindung beider mit den christlichen Werten bezog.

    Die Religionsphilosophin und Theologin Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz analysiert in ihrem Beitrag die radikal konstruktivistische Gender-Theorie und stellt ihr die wunderbare Sprache des Leibes gegenüber. Luzide legt sie dar, dass die postmoderne Entleiblichung den Körper nur noch als Werkzeug betrachtet und der Erfolg der Gender-Theorie auf einem dem Christentum wesensfremden distanziert sachlichen Verhältnis zum eigenen Körper beruht, das es erst ermöglicht, diesen zur Projektionsfläche für eine autonom zu erstellende Identität zu machen.

    Der Philosoph und Religionswissenschaftler Harald Seubert geht des Spuren der für das Denken Papst Benedikts bedeutsamen Ökologie des Menschen, die weit über die soziologische Disziplin der Humanökologie hinausgeht, in dessen Reden nach. Der Band, dessen Titel insoweit missverständlich ist, als er den Eindruck erweckt, er enthalte die Reden Papst Benedikts und nicht Vorträge, die diese Reden bedenken, schließt mit einer spirituell nahrhaften, ermutigenden Predigt von Erzbischof Gänswein in der Pfarrkirche Herz Jesu, die dem intellektuellen Zugang die notwendig geerdete teleologische Perspektive gibt.

    Stephan Otto Horn/ Wolfram Schmidt (Hg.): Hoffnung und Auftrag. Die Reden Benedikts XVI. zur Politik. Herder, Freiburg, 2017, 158 Seiten, ISBN 978-3-451-37811-9, EUR 19,99

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