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    Zwischen Exodus und Zuversicht

    Als der wiedergeborene Christ und US-Präsident George W. Bush am 20. März 2003 seine Koalition der Willigen gegen den Irak in Marsch setzte, war es wohl nicht seine Absicht, das uralte, auf apostolische Zeiten zurückgehende Christentum des Landes zu beschädigen. Doch exakt dies war die Folge. Heute, zehn Jahre später, ist das Christentum im Zweistromland halbiert, sind Kirchen zerstört, hunderte Gläubige ermordet und noch mehr entführt worden, Hunderttausende aber zu Binnenflüchtlingen geworden oder gleich ganz in die Nachbarländer oder den Westen emigriert. Von einst etwa 800 000 bis 1,2 Millionen Christen sind nicht viel mehr als 400 000 zwischen Euphrat und Tigris verblieben – Tendenz fallend.

    Der Anschlag auf die syrisch-katholische Kathedrale in Bagdad im Oktober 2010, bei dem 52 Christen von Terroristen ermor... Foto: dpa

    Als der wiedergeborene Christ und US-Präsident George W. Bush am 20. März 2003 seine Koalition der Willigen gegen den Irak in Marsch setzte, war es wohl nicht seine Absicht, das uralte, auf apostolische Zeiten zurückgehende Christentum des Landes zu beschädigen. Doch exakt dies war die Folge. Heute, zehn Jahre später, ist das Christentum im Zweistromland halbiert, sind Kirchen zerstört, hunderte Gläubige ermordet und noch mehr entführt worden, Hunderttausende aber zu Binnenflüchtlingen geworden oder gleich ganz in die Nachbarländer oder den Westen emigriert. Von einst etwa 800 000 bis 1,2 Millionen Christen sind nicht viel mehr als 400 000 zwischen Euphrat und Tigris verblieben – Tendenz fallend.

    Mit der fatalen Entscheidung der Besatzer, nach dem Sturz des Regimes im Mai 2003 nicht nur hohe Parteigänger zu entlassen, sondern quasi den alten Staats- und Sicherheitsapparat insgesamt zu liquidieren, entstand ein Macht- und Sicherheitsvakuum, das die amerikanisch-britischen Truppen zunächst gar nicht, nach der „surge“ genannten Truppenaufstockung indes nur einigermaßen in den Griff bekamen. Die Folge waren Chaos und Terror. Denn der von den Briten nach dem Ersten Weltkrieg geschaffene Kunststaat Irak verfügte nur über ein unzureichendes, von der Staatsideologie diktiertes Nationalbewusstsein und Zusammengehörigkeitsgefühl. Dem eisernen Griff des säkular-nationalistischen Baath-Regimes unter Saddam entzogen, wurden gewaltige ethnische und religiöse Fliehkräfte freigesetzt. Am bestimmendsten wurde in der Folge der Konflikt zwischen der sunnitischen Minderheit, die traditionell die Herrschaftsschicht stellte und der auch Saddam entstammte, und der schiitischen Mehrheit, die meist Repressionen ausgesetzt war.

    Durch Wahlen nach dem Mehrheitsprinzip kehrten sich die Machtverhältnisse nach 2005, als das Besatzungsregime endete, um. Premier ist seit 2006 der Schiit Nuri Al Maliki. Hinzu kamen die Autonomie-Bestrebungen der Kurden, die im Nordosten des Landes schon seit der Errichtung der Flugverbotszone nach dem Irak-Krieg ein reges Eigenleben entwickelt hatten und sich nun mit der Bagdader Zentralgewalt etwa um das ölreiche Kirkuk stritten. Zwischen die Mahlsteine gerieten indes diejenigen Minderheiten, die kein relevanter, sprich bewaffneter Faktor im Kampf um die Macht sein konnten. Neben den Christen zählen dazu monotheistische Gemeinschaften wie Jesiden und Mandäer sowie turksprachige Turkmenen. Christen begannen nun in mehrfacher Hinsicht zu Zielscheiben zu werden. Allgemein litten sie wie alle anderen Iraker auch unter den Autobomben, die auf Basaren und öffentlichen Plätzen gezündet wurden und denen zehntausende Unschuldiger zum Opfer fielen. Kriminelle erkannten zudem schnell, dass die Christen der Mittelschicht gute Opfer für die Erpressung von Lösegeldern nach Entführungen waren. Denn anders als bei Sunniten oder Schiiten musste man keinen bewaffneten Clan und dessen vom Stammesrecht diktierte Rache fürchten. Schließlich gab es aber auch den echten Religionshass islamistischer Banden wie Al Kaida und vieler anderer. Unauslöschlich hat sich dabei der Anschlag auf die syrisch-katholische Kathedrale in Bagdad im Oktober 2010 in das kollektive Gedächtnis irakischer Christen eingebrannt. Islamisten stürmten damals das Gotteshaus und brachten 52 Christen um, indem sie eine Granate in die Sakristei warfen, wohin sich die Gläubigen geflüchtet hatten. Zwei Jahre zuvor war der hoch angesehene, um Dialog bemühte chaldäisch-katholische Erzbischof von Mosul, Paulos Faradsch Raho, ermordet worden – ein Schicksal, das viele Geistliche teilten. Wenn sie nicht getötet oder vertrieben wurden, erpresste man von ihnen die Dschisja genannte Kopfsteuer, die die Christen in der islamischen Geschichte als Dhimmis zu entrichten hatten. Die Begründung: Da sie als Ungläubige nicht am Kampf gegen die Besatzer teilnehmen könnten, müssten sie den Dschihad statt durch ihr Blut wenigstens durch Geld unterstützen.

    Die anglo-amerikanische Invasion erweiterte die gegen die Christen des Landes bestehenden Vorurteile derweil um ein weiteres: Dass sie Verbündete und Spione der neuen Kreuzfahrer, ihrer Glaubensbrüder, wären. Darin mischten sich die tiefverwurzelten Ressentiments der muslimischen Mehrheit gegen den seit den Kreuzzügen, spätestens aber seit dem Ersten Weltkrieg als imperialistisch wahrgenommenen Westen. Weil vor allem die seit dem 16. Jahrhundert mit Rom unierten Chaldäer tatsächlich vielfältige Beziehungen mit dem Westen unterhielten, schienen diese Vorwürfe nicht aus der Luft gegriffen. Schon während und nach dem Ersten Weltkrieg hatten etwa 70 000 Chaldäer in Pogromen ihr Leben verloren, weil osmanische Türken und Kurden sie der Kollaboration mit den Briten beschuldigten. Viele flohen schon damals aus dem Irak in die Nachbarländer, etwa nach Syrien. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts spielte es hinsichtlich des Kollaborationsvorwurfs auch keine Rolle, dass Papst Johannes Paul II. der wohl prominenteste Gegner des Krieges gegen Saddam war.

    Ihm gegenüber willfährig gewesen zu sein war ein weiterer Vorwurf gegen die irakischen Christen. Tatsächlich genossen sie unter der seit 1979 bestehenden Diktatur Saddam Husseins weitgehende Kultus-, wenn auch keine umfassende Religions- und Gewissensfreiheit. Der Islam war auch unter Saddam Staatsreligion. Anders als in Ägypten war etwa der Bau von Kirchen dennoch keine Staatsaffäre. Dies hatte damit zu tun, dass sich die dem Regime zugrundeliegende Ideologie des arabischen Nationalismus als modern, ja revolutionär und säkular verstand. Orientalische Christen wie der Syrer Michel Aflaq oder der Kopte Salama Musa hatten dabei federführend an der Theoriebildung des Baathismus mitgewirkt. Aflaq wünschte 1989 gar, in Bagdad bestattet zu werden. Zudem bediente sich Saddam des traditionellen Herrschaftsinstruments des Teile und Herrsche. Die Christen, die als gut ausgebildete Minderheit ein Reservoir für den Staatsdienst bildeten, revanchierten sich durch hohe Loyalität. Prominentestes Gesicht ist dabei Saddams letzter Außenminister Tariq Aziz. Dieser sitzt heute im Gefängnis und bat Papst Benedikt XVI. noch kürzlich, sich für seine schnelle Exekution einzusetzen. Diese relative Harmonie trübte sich nach dem Ende des Zweiten Golfkrieges 1991. Das vom Westen verhängte Wirtschaftsembargo traf alle Iraker gleichermaßen. Die Mitte der neunziger Jahre aber einsetzende Islamisierungskampagne, mit der Saddam nach seiner Niederlage die dringend benötigte Legitimität zu erreichen hoffte, verschärfte das öffentliche Klima zu Ungunsten der Christen. Da sie aufgrund ihrer Ausbildung aber mobil waren und vielfach über verwandtschaftliche Beziehungen nach dem Westen verfügten, emigrierten sie in großer Zahl – von bis zu 100 000 Personen ist die Rede.

    Heute hat sich die Sicherheitslage im Lande nur notdürftig beruhigt. Einigermaßen stabil scheint die Lage nur in Irakisch-Kurdistan, wo sich die Kurdenautonomie mit ihren Petrodollars etabliert hat. Doch wird auch hier von islamistischen Übergriffen auf christliche Spirituosen- und Friseurgeschäfte berichtet. Nach 2003 sind viele Christen, die in den sechziger Jahren aufgrund von Kämpfen zwischen Kurden und sunnitischen Arabern nach Bagdad geflüchtet waren oder umgesiedelt wurden, wieder in ihre Heimatdörfer in Kurdistan zurückgekehrt. Neben der Hauptstadt finden sich hier die größten christlichen Ansiedlungen. Basra im schiitischen Süden ist heute praktisch christenfrei. Die Kirchen des Irak, allen voran die Chaldäer als größte Einzelkonfession, versuchen indes, den Exodus aufzuhalten, indem sie ihre Gläubigen mit Hilfe westlicher Hilfswerke materiell – etwa durch Wohnungsbau – und geistlich zu stabilisieren suchen. Die Wahl des bisherigen Erzbischofs von Kirkuk, Louis Sako, zum neuen chaldäischen Patriarchen im Februar wird diesbezüglich wohl viel neue Energien freisetzen. Sako galt in Kirkuk als unermüdlicher Anwalt für die christlichen Sache.