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    Zwischen Chance und Gefährdung

    Keine Frage, das Christentum ist eine Bildungsreligion. Nicht nur, weil Christen sich bei ihrem Glauben auf ein oder vielmehr zahlreiche Bücher stützen, sondern vor allem auch, weil der Bildungsbegriff und die christlichen Bildungswege im Neuen Testament selbst angelegt sind. Davon ist jedenfalls der Neutestamentler Thomas Söding überzeugt, der die Impulse der christlichen Grundlagendokumente in diesem Band auswertet und systematisch vorstellt. Mit seinem Konzept geht der Theologe gewissermaßen einen Schritt zurück. Er verzichtet auf die sonst an dieser Stelle zu lesende Beweiskette, beginnend mit der Feststellung, dass das Christentum sich von den großen Städten des römischen Reiches ausbreitete, in denen die Schriftlichkeit auch unter der einfachen Bevölkerung weitaus verbreiteter war als auf dem Land, über die Hervorhebung der Klöster als Bildungszentren, Bewahrer antiken Wissens und Vorläufer der Universitäten bis zu den auf Bildung setzenden Reformorden in der Zeit der Gegenreformation.

    Keine Frage, das Christentum ist eine Bildungsreligion. Nicht nur, weil Christen sich bei ihrem Glauben auf ein oder vielmehr zahlreiche Bücher stützen, sondern vor allem auch, weil der Bildungsbegriff und die christlichen Bildungswege im Neuen Testament selbst angelegt sind. Davon ist jedenfalls der Neutestamentler Thomas Söding überzeugt, der die Impulse der christlichen Grundlagendokumente in diesem Band auswertet und systematisch vorstellt. Mit seinem Konzept geht der Theologe gewissermaßen einen Schritt zurück. Er verzichtet auf die sonst an dieser Stelle zu lesende Beweiskette, beginnend mit der Feststellung, dass das Christentum sich von den großen Städten des römischen Reiches ausbreitete, in denen die Schriftlichkeit auch unter der einfachen Bevölkerung weitaus verbreiteter war als auf dem Land, über die Hervorhebung der Klöster als Bildungszentren, Bewahrer antiken Wissens und Vorläufer der Universitäten bis zu den auf Bildung setzenden Reformorden in der Zeit der Gegenreformation.

    Söding geht vielmehr an die Quellen, referiert die heidnische Kritik am Bildungsanspruch des Christentums durch Julian Apostata oder Celsus und reflektiert darüber hinaus die Aufgaben und das Verhältnis derjenigen Disziplinen, die heute den Aspekt der christlichen Grundlagenbildung repräsentieren, nämlich der Religionspädagogik und der Exegese. Dieser gedankliche Ausgangspunkt ist deshalb so wichtig, weil genau hier das Problem liegt, dessen Folgen derzeit so bedrängend sichtbar und spürbar werden. Der Autor bringt auf den Punkt, worum es geht: Die Religionspädagogik, so schreibt er, interessiere sich für die Exegese, deren Forschung sie rezipiere und transformiere. Dabei, so stellt Söding fest, suche die Religionspädagogik nach kreativen Möglichkeiten, den Ergebnissen der Bibelwissenschaft gerecht zu werden. Ihre Mittel sind bestürzend weit von dem entfernt, was Religionspädagogik eigentlich leisten sollte, denn Söding nennt, was richtig ist und in Teilen dringend geändert werden sollte, Konfrontation, Korrelation, Abduktion oder Initiation, die je nach pädagogischem Konzept durch Alphabetisierung, Implementierung, Differenzierung oder Distanzierung geschehe. Verkündigung kommt nicht vor. Ebenso wenig konstatiert Söding seitens der Exegese ein Interesse an der Religionspädagogik. Das ist korrekt und es ist zugleich schlimm. Denn wenn diese beiden genuin zusammengehörenden Felder getrennt sind, gerät etwas Entscheidendes in Unordnung. Der Auftrag der Kirche, das Evangelium zu verkünden, eines der tria munera, kann nicht mehr wahrgenommen werden.

    Dem Autor ist dies ebenso bewusst, wie die gegenwärtig notwendige Apologie des Religionsunterrichtes und die Ausformung einer kulturpolitisch höchst interessanten und die Frage, warum wir eigentlich noch ein christliches Abendland sind, beantwortenden theologischen Bildungstheorie. Deshalb fordert Söding nicht nur den Weg zurück zum Zentrum kirchlicher Theologie und der Quelle der Heiligen Schrift, aus der, wie er betont, „das Wasser der Christologie am kräftigsten strömt“, er schlägt auch einen versöhnten Umgang zwischen historisch kritischer und kanonischer Exegese vor, indem er letztere als notwendige Gegenreaktion auf ein Übermaß an Infragestellung erkennt, aber zugleich die Notwendigkeit textkritischer Erforschung der biblischen Dokumente verteidigt. Und er betont die geistbewegte Rolle der Pädagogik, deren Aufgabe es ist, die Exegeten stets daran zu erinnern, dass der Glaube der Aneignung im Heute bedarf, eine verkündigungsoffene und lernbereite Grundhaltung, die die Arbeit mit den Texten grundlegend verändert, weil sie den Gedanken zulässt, dass es hier nicht um irgendwelche sehr alten Buchstaben, sondern um unser Heil geht.

    Im Kapitel Optionen der Didaktik im Licht der Bergpredigt regt Söding dazu an, heute zu Fremdworten gewordene Begriffe wie „Gott und seine Herrschaft“ zu übersetzen – und zwar wörtlich und nicht im Sinne von weginterpretieren, dessen, was nicht verstanden werden will und er ermutigt dazu, die befreiende und bildende Kraft der Gottesfrage als Einfallstor persönlicher Erfahrungen zu nutzen.

    Die johanneische Provokation mit ihrem Anspruch absoluter Wahrheit stehen zu lassen ist ein Wagnis, wie Söding sehr wohl weiß, steht dieser Spitzentext doch, wie er ausführt, sowohl im Fokus neutestamentlicher Offenbarungstheologie wie antiker und moderner Offenbarungskritik. Als Ausweg aus diesem Dilemma verweist er auf die jüdische Praxis, innerhalb derer die Synagoge zugleich als Verkündigungs- und Lernort verstanden wird. Als Lernort dient die Synagoge dem Herantasten an die heiligen Texte und die gelehrte Auseinandersetzung, bei der verschiedene Auffassungen ausgetauscht und gegeneinander abgewogen werden. Was an diesem Beispiel so erhellend wirkt ist die Reihenfolge der Beschäftigung mit der Heiligen Schrift. Am Anfang steht nicht der Zweifel und die Aufforderung, alles möglichst gründlich in Frage zu stellen, sondern die Verkündigung, die dann in der intensiven Beschäftigung mit den Texten, die gelesen und erklärt werden, bevor man anfängt, seine berechtigten Fragen zu formulieren. Warum die synagogale Tradition auf die Kirche als Lernort übertragbar ist? Weil Jesus die Gegenwart des Wortes Gottes an seiner eigenen Person festmacht. Deshalb kann, darf und soll die Kirche Gottesdienstort, Lehrhaus und Brennpunkt der Caritas sein, sodass wieder zusammenkommt, was zusammengehört, Liturgia, Martyria und Diakonia. Aber natürlich sprach Jesus, wie Söding ausführt, nicht nur in Tempel und Synagoge, sondern er ging auch an die Hecken und Zäune oder eben in die damaligen No-go-areas wie Samaria, um dort am Brunnen, mitten im Alltag, einen temporären Lern- und erfahrungsraum zu eröffnen. Dabei ging es ihm, so deutet Söding das Johannesevangelium, nicht darum, es dem Establishment einmal so richtig zu zeigen, sondern um die Transzendierung heiliger Stätten und die durch die Inkarnation ermöglichte Konkretion der Verkündung des Gotteswortes auf neuen Ebenen. Der Autor überträgt die Gesprächssituation zwischen Jesus und der Frau am Jakobsbrunnen in wegweisender Form auf das interreligiöse Gespräch, das heute vor allem daran scheitert, dass viele Christen es unanständig finden, von einem überzeugten Standpunkt aus auf diejenigen, die anders oder Anderes glauben zuzugehen. Das genau aber ist notwendig, wenn das Gespräch gelingen und nicht zu einem schwammigen und inhaltsleeren Talk werden soll. Das Christentum als Bildungsreligion erlebbar zu machen gelingt gerade deshalb, weil es überall zuhause ist, aber zugleich bestimmte ausgezeichnete Lernorte vorweist und das lebenslange Lernen, das, was der heilige Benedikt conversatio morum, die Bereitschaft zur Wandlungs- und Entwicklungsfähigkeit nannte, voraussetzt. Die große Chance, die etwa das Johannesevangelium mit seinem spezifischen Bildungsauftrag bietet, ist die ihm inhärente mystagogische Lehrqualität. Sie setzt nicht (nur) auf Fakten, sondern auf den ruminierenden, durch wiederholte Beschäftigung die Inhalte vertiefenden Umgang mit der Schrift und das schrittweise Eintreten in das Geheimnis Gottes.

    Södings Buch ist eine profunde, nicht leicht lesbare, aber sehr gewinnbringende Studie, die neben dem johanneischen auch den paulinischen Ansatz darlegt, das schwierige Verhältnis von Christentum und Mission beleuchtet und als Gehhilfen für einen künftigen Weg die Begriffe Bildung durch Gott und Menschenbildung entfaltet und bietet so eine wichtige Grundlage für die Beantwortung der Frage: Wie sollten Glaubensvermittlung, Katechese und Religionsunterricht heute aussehen.

    Thomas Söding: Das Christentum als Bildungsreligion. Der Impuls des Neuen Testaments. Herder, Freiburg, 2016, 304 Seiten, EUR 24,99