• aktualisiert:

    REINHARD GESING.

    „Zur Pädagogik gehört auch der Glaube“

    Reinhard Gesing leitet das Institut für Salesianische Spiritualität im Kloster Benediktbeuern. 1962 in Westfalen geboren, trat er 1982 ins Noviziat der Salesianer ein. 1992 wurde er in Benediktbeuern zum Priester geweiht. Nach seiner Tätigkeit als Kaplan, Novizenmeister und Jugendseelsorger ist Pater Gesing seit 2005 zudem als Ausbildungsleiter für den Ordensnachwuchs zuständig.

    Reinhard Gesing leitet das Institut für Salesianische Spiritualität im Kloster Benediktbeuern. 1962 in Westfalen geboren, trat er 1982 ins Noviziat der Salesianer ein. 1992 wurde er in Benediktbeuern zum Priester geweiht. Nach seiner Tätigkeit als Kaplan, Novizenmeister und Jugendseelsorger ist Pater Gesing seit 2005 zudem als Ausbildungsleiter für den Ordensnachwuchs zuständig.

    Pater Gesing, welches Motiv hat Sie bewogen, Salesianer zu werden?

    Da möchte ich mit zwei Namen antworten: Jesus und Don Bosco. Für mich war ganz entscheidend die Art und Weise, wie Don Bosco Christus nachgefolgt ist und wie er auf seine Weise Priester gewesen ist im Dienst von jungen Menschen. Das hat mich berührt und angesprochen, und deswegen habe ich mich für diesen Berufungsweg entschieden.

    Welche sind denn die wesentlichen Pfeiler der Pädagogik Don Boscos?

    Don Bosco hat seine Pädagogik nicht wissenschaftlich dargestellt. Er nannte seine Pädagogik „Präventivsystem“. Sie beruhte auf drei Pfeilern: Vernunft, Religion und Liebe. Vernunft – das hieß für ihn: Es ist wichtig, dass man Regeln aufstellt, dass man die Einsicht der jungen Menschen gewinnt, um sie zum aktiven Mittun zu gewinnen. Religion – das hieß für ihn: Er war Priester, und es war für ihn seine tiefste Überzeugung, dass zu einer ganzheitlichen Pädagogik auch der Glaube gehört. Er wollte junge Menschen für den Glauben an Jesus Christus begeistern und auch für ein Leben aus dem Glauben heraus. Und der soll natürlich auch Sinnorientierung geben. Und „Liebe“ beschreibt, wie er mit den jungen Menschen umging, wie er für sie da war. Respekt, Achtung waren für ihn ganz wichtig – aber eben auch eine spürbare Liebe und Zuneigung – und dann kann man die jungen Menschen auch für den guten Weg gewinnen.

    Inwieweit hatte er sich damit von den Methoden seiner Zeit unterschieden?

    Er glaubte zunächst an einen guten Kern in jedem jungen Menschen, und so ist es Aufgabe des Erziehers, dass dieser Kern zur Entfaltung kommt. Darum setzte er auch auf Prävention. Er hatte als junger Priester junge Leute mit an den Galgen begleitet – er hat gesehen, in welchem Elend sie in den Gefängnissen leben, er hat die Not der jungen Menschen auf den Straßen Turins gesehen, und er war überzeugt: Da kann man etwas machen. Wenn einer da ist, der Zeit für sie hat, wenn einer sie begleitet, dann müssen die jungen Menschen nicht in dieses Elend hineingeraten, sondern sie können zu einem gelingenden Leben gelangen. Zudem setzte er nicht auf Züchtigung, nicht auf Strafen, sondern auf die spürbare Zuwendung und auf Einsicht. Das hat ihn von vielen anderen seiner Zeit unterschieden – es gibt natürlich auch andere christliche Pädagogen, aber sicherlich gehört er zu den bekanntesten, die das vertreten und auch gelebt haben.

    Ist das Konzept Don Boscos heute noch zeitgemäß? Hat es sich weitgehend erhalten oder hat es im Laufe der Zeit in ihrem Orden gewisse Modifikationen erfahren?

    Natürlich. Pädagogik ist immer mitgeprägt auch von der jeweiligen Kultur, von der jeweiligen Zeit, von der Gesellschaft, von der Situation der Kirche. Das kann gar nicht anders sein. Und das bedeutet auch: Pädagogik muss sich auch immer weiterentwickeln, vor allem ist sie auch immer geprägt von den Bedürfnissen und Nöten der jungen Menschen – und die verändern sich ja. Zur Zeit Don Boscos gab es ein riesiges Heer junger Menschen, das sehr bedürftig war, das in Not war. Da gab es auch große Einrichtungen mit ganz vielen jungen Menschen. Für uns ist natürlich heute auch wichtig, dass es einen viel besseren Erzieherschlüssel geben muss. Dass zum Beispiel in den Heimeinrichtungen eine sehr intensive Pädagogik gepflegt wird, die in der Zeit Don Boscos so noch nicht bekannt war. Doch geblieben sind diese Grundprinzipien – dass junge Menschen Wertschätzung brauchen, wenn sie wachsen sollen, dass ein Klima der Familiarität herrscht und dass junge Menschen ein Recht darauf haben, Gott und das Evangelium kennenzulernen: Ich glaube, das sind einfach Dinge, die geblieben sind. Oder auch das andere Prinzip der Vernunft: Dass es wichtig ist, dass sie mitarbeiten, dass man sie als Subjekt sieht, die auch für ihr eigenes Leben Verantwortung übernehmen.

    Doch zur Zeit Don Boscos war die Gesellschaft sicher christlicher geprägt. Ist es nicht heute schwieriger, junge Menschen zu führen und anzuleiten?

    Das ist ganz ohne Zweifel so. Die jungen Menschen von heute sind nicht mehr die jungen Menschen des 19. Jahrhunderts. Und natürlich war es so, dass ein Großteil der Jugendlichen Don Boscos noch aus Milieus kam, wo man mit dem Glauben noch in Berührung gekommen war. Während wir heute mit jungen Menschen zu tun haben, die überhaupt keine Berührung mehr mit dem Glauben haben, oder auch mit Muslimen, mit denen Don Bosco damals nur ausnahmsweise zu tun hatte. Das merkt man natürlich, aber nicht nur im Bereich der religiösen Erziehung – daher muss man auch ganz andere Zugänge finden. Doch auch heute suchen junge Menschen nach Sinn, sie sind mit Schicksalsschlägen konfrontiert, zum Beispiel mit der Situation des Todes eines Freundes oder eines nahestehenden Menschen. Da haben sie dann auch Fragen, und dafür müssen Pädagogen heute offen und auch Wegbegleiter sein und ihnen auch helfen, Antworten zu finden, die für ihr Leben tragfähig sind.

    Obwohl Deutschland als Wohlstandsland gilt, leben auch bei uns nach offiziellen Angaben zwischen 3 000 bis 7 000 Kinder und Jugendliche auf der Straße. Leisten Sie nur „präventive“ Arbeit oder kümmern Sie sich auch um diese Jugendlichen?

    Natürlich ist es uns wichtig, mitzuhelfen, dass es gar nicht so weit kommt, dass ein Jugendlicher auf der Straße landet. In verschiedenen Jugendhilfeeinrichtungen werden auch junge Menschen betreut, die sozusagen von der Straße kommen. Am intensivsten geschieht dies im Don-Bosco-Zentrum in Berlin-Marzahn. Hier ist eine Anlaufstelle gerade für junge Menschen, in deren Leben so viel gescheitert ist: familiäre Bindungen, Schule, Berufsausbildung, Freundschaften etcetera. Die Geschichte eines Jungen steht mir vor Augen, der zu Hause rausgeflogen ist, weil seine Mutter einen neuen Freund hatte und für ihn kein Platz mehr war. Alle seine Sachen standen vor der Tür, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als in einer Telefonzelle zu übernachten. So oder so ähnlich sind die Schicksale von jungen Leuten, denen man im Don-Bosco-Zentrum durch aktivierende Hilfe einen neuen Start ermöglichen will.

    Wie sieht die Arbeit der Salesianer heute ganz praktisch aus?

    Wir sind heute in Deutschland etwa 280 Salesianer. Wir arbeiten mit 2 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 30 Einrichtungen und Präsenzen zusammen, und ich glaube, die Zahl macht schon deutlich: Ganz wichtig ist, dass die Arbeit nicht nur mit Salesianern geleistet werden kann. Die Felder, in denen Salesianer tätig sind, sind sehr unterschiedlich: Sie sind als Jugendseelsorger tätig, als Erzieher in intensivpädagogischen Gruppen, es gibt Salesianer, die als Einrichtungsleiter, als Lehrer oder auch in der Pfarrseelsorge tätig sind. Wichtig ist auch, dass viele Salesianer auch im Bereich der Bildungsarbeit tätig sind – auch in der Begleitung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um ihnen zu verstehen zu helfen, was die Pädagogik Don Boscos heute bedeutet.

    Wie unterscheidet sich das Arbeitsfeld der Salesianer in Deutschland von dem der Salesianer in anderen Regionen der Welt, vor allem im außereuropäischen Ausland?

    Die Arbeit hängt immer sehr stark von der Frage ab: Welche Nöte haben die jungen Menschen vor Ort? In Ländern, wie in Indien, Afrika, Lateinamerika, wo sehr viele junge Menschen leben, die ganz alleine auf sich gestellt sind – eben auch Straßenkinder – sind solche Straßenkinderprojekte natürlich sehr viel stärker präsent als beispielsweise bei uns in Deutschland. Beim Stil der Arbeit wird man überall viele Ähnlichkeiten finden, was unser Grundanliegen angeht.

    Wie lassen sich Ihrer Meinung nach die Nachwuchsprobleme, die ja auch Ihren Orden betreffen, noch in den Griff bekommen?

    Letztlich ist jede Berufung ein Geschenk Gottes. Deswegen gibt es gar nichts in den Griff zu bekommen, sondern es geht darum, die jungen Menschen, die ein Interesse an einer Ordensberufung haben, in den geistlichen Beruf zu begleiten. Was wir tun können: uns darum bemühen, das Evangelium radikal zu leben, also glaubwürdig unser Ordensleben zu leben, authentisch unser Ordensleben zu leben. Der Papst wiederholt immer wieder das Wort: Die Kirche wächst nur durch Anziehung. Und das gilt auch für die Orden. Die Orden können nur wachsen durch Anziehung. Und das zweite ist, dass wir unsere Sendung mit vielen jungen Menschen teilen, die oft auch mit Verantwortung übernehmen – mit Männern und Frauen – die wir in unsere Arbeit mit einbeziehen.