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    „Zuflucht der Armen“

    Paderborn (DT) Ein beschauliches Städtchen, so wird Paderborn die meiste Zeit des Jahres über wahrgenommen. Es gibt allerdings ein Hochfest, bei dem die Menschen in Scharen in die Metropole Ostwestfalens strömen. Mehr als eine Million Menschen kommen aus diesem Anlass jährlich hier zusammen. Das Erzbistum Paderborn und die Menschen der Region feiern das Patronatsfest mit Verehrung der Reliquien des heiligen Liborius. In diesem Jahr begann die Festwoche am 25. Juli. Sie endet am 2. August.

    Der Schrein des Bistumspatrons wird unter den Klängen des Libori-Tuschs in einer Prozession durch den voll besetzten Pad... Foto: pdp

    Paderborn (DT) Ein beschauliches Städtchen, so wird Paderborn die meiste Zeit des Jahres über wahrgenommen. Es gibt allerdings ein Hochfest, bei dem die Menschen in Scharen in die Metropole Ostwestfalens strömen. Mehr als eine Million Menschen kommen aus diesem Anlass jährlich hier zusammen. Das Erzbistum Paderborn und die Menschen der Region feiern das Patronatsfest mit Verehrung der Reliquien des heiligen Liborius. In diesem Jahr begann die Festwoche am 25. Juli. Sie endet am 2. August.

    Libori-Feiern seit dem Jahre 836

    „Der heilige Liborius ist uns ein gutes und deutliches Vorbild, wenn es darum geht, Not zu sehen und zu lindern. Lassen wir uns von ihm begleiten hin zur Begegnung mit Gott in den Sakramenten und hin zu unseren Mitmenschen“, wünschte der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker in seiner Einführung in die Pontifikalvesper zur Eröffnung des Libori-Festes. Die Zuwendung zu den Menschen findet auch ihren Ausdruck in dem Leitwort der Festwoche: „Du bist die Zuflucht der Armen in ihrer Not“.

    Der heilige Liborius wird in Paderborn bereits seit dem Jahre 836 gefeiert. Vertreter des Bistums hatten seine Gebeine damals aus dem französischen Le Mans nach Ostwestfalen gebracht. Seit dieser Zeit sind auch die Städte und Bistümer freundschaftlich miteinander verbunden. Der Legende nach war der Heilige der zweite Bischof von Le Mans. Die Überlieferungen berichten von seiner 49-jährigen segensreichen Tätigkeit. In dieser Zeit soll Liborius mehrere Wunderheilungen vollbracht haben. Martin von Tours – als heiliger Martin verehrt – soll mit Liborius befreundet gewesen sein. Nach dem Tode des Bischofs Liborius sollen an seinem Grab weitere Heilungswunder geschehen sein. Kaiser Ludwig der Fromme war es, der den Le Manser Bischof Alderic veranlasste, die Reliquien des Heiligen an Bischof Badurad von Paderborn zu übergeben. In einer großen Prozession erreichten die Gebeine schließlich Paderborn. Mit dem Libori-Fest wird an dieses Ereignis erinnert.

    Traditionsgemäß bildet die feierliche Erhebung der Reliquien den Auftakt des Libori-Festes am ersten Samstag in der Liboriwoche. Während die Gebeine des Heiligen das ganze Jahr über in der Krypta des Paderborner Doms aufbewahrt werden, sind sie während des Festes zur Verehrung durch die Gläubigen im Libori-Schrein im Hochchor des Domes ausgestellt. Dort bleibt der Reliquien-Schrein bis zum Ende des traditionellen Libori-Triduums am Dienstag. „Procedamus in Domino – Brechen wir auf im Namen des Herrn!“ Mit diesen Worten begann Erzbischof Hans-Josef Becker am Samstagnachmittag die festliche Reliquienprozession. Vorbei an den dicht gedrängt stehenden Menschen im wurde der Schrein zum Altarraum getragen. Die Paderborner Weihbischöfe, die Gastbischöfe, das Paderborner Metropolitankapitel sowie zahlreiche Priester aus nah und fern begleiteten den Erzbischof. Während der Prozession erklang dreimal der traditionelle Libori-Tusch aus dem Oratorium „Paulus“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

    Der Liborius-Schrein hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Nachdem der ursprüngliche Schrein bei einem Stadtbrand im Jahre 1058 beschädigt wurde, ließ Bischof Imad einen Goldschrein anfertigen. Landsknechte des lutherischen Herzogs Christian von Braunschweig raubten 1622 den Paderborner Domschatz und den Schrein mit Liborius' Gebeinen. Der „Tolle Christian“ ließ den Schrein einschmelzen und daraus Münzen prägen. Diese trugen die Aufschrift: „Gottes Freundt, der Pfaffen Feindt“. Nach der Rückgabe der Reliquien fertigte der Goldschmied Hans Krako den jetzt noch in Gebrauch befindlichen Schrein.

    Erzbischof Becker begrüßte die zahlreichen Gläubigen, die sich im Paderborner Dom zur Pontifikalvesper eingefunden hatten: „Seien Sie alle hier im Hohen Dom anlässlich der Eröffnung der Libori-Feierlichkeiten des Jahres 2015 herzlich willkommen!“ Die Vesper sei der „alljährlich bewegende Auftakt“ der Feiern zu Ehren des Patrons des Erzbistums Paderborn, des Hohen Domes und der Stadt Paderborn. „Jetzt ist Libori da, mit seiner unverwechselbaren Mischung von Kirche, Kirmes und Kultur.“ Neben den vielen Gottesdiensten der Festwoche gehören nämlich die Kirmes und der so genannte Pottmarkt zur Tradition. Letztere konnten am Samstag allerdings noch nicht eröffnet werden, da der Deutsche Wetterdienst heftige Orkanstürme angekündigt hatte.

    Im Jahr des einhundertjährigen Bestehens des Caritasverbandes für das Erzbistum Paderborn nimmt das Leitwort des Libori-Festes die Situation notleidender Menschen in den Blick. Libori sei mehr als die Aneinanderreihung zahlreicher feierlicher Gottesdienste, machte Erzbischof Becker deutlich. Diese seien nur „inhaltslose Folklore“, wenn die Begegnung mit dem lebendigen Gott keine Folgen in unserem Alltag zeige. „Die Freude am Glauben, mit der wir hier im Hohen Dom an diesen Tagen so reich beschenkt werden, soll unser Herz offen und weit machen“, erklärte Becker in seiner Predigt. „Das, was wir empfangen, müssen wir weitergeben an die Menschen, denen es nicht so gut geht wie uns selbst.“ Frohe Festtage dürften nicht blind machen für die Not und das Elend, das es um uns herum gebe „und wo wir Abhilfe schaffen können“.

    Im Anschluss an die feierliche Vesper mischte sich Erzbischof Becker mit den bischöflichen Gästen aus aller Welt, unter ihnen der Bischof von Le Mans und der Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, Erzbischof Peter Kardinal Turkson, unter die vor dem Paradiesportal wartenden Menschen. Viele Gläubige nutzten nach dem Gottesdienst die Gelegenheit, ein von Domkapitular Prälat Thomas Dornseifer gereichtes Reliquiar mit Reliquien des heiligen Liborius zu berühren.

    Am zweiten Libori-Tag gab es bereits das nächste Großereignis. Der Paderborner Domchor führte die eigens für ihn komponierte „Missa festiva in honorem Sti. Liborii“ erstmalig auf. Der Berliner Komponist Professor Wolfgang Seifen hat das Werk geschaffen und zeigte sich bereits nach den letzten Proben begeistert. „Ich bin dankbar, dass ihr so eine fleißige Probenarbeit geleistet habt. Es ist wunderbar, von euch jetzt das gesungen zu hören, was ich speziell für euch geschrieben habe“, sagte Seifen zu den Sängern.

    Auftragsarbeit zum 125. Jubiläum des Domchores

    Zum 125. Jubiläum des Domchores im vergangenen Jahr hatte das Paderborner Metropolitankapitel den Auftrag zu der Messe für Chor und Orgel erteilt. Den Paderbornern ist der Komponist schon seit langem verbunden. Er war mehrfach als Konzertorganist an der großen Domorgel zu Gast. Seifen gilt als einer der weltweit bedeutenden Orgelimprovisatoren. Als Komponist ist er vor allem mit seiner großen Messe „Tu es Petrus“ in Erscheinung getreten, die er zum 80. Geburtstag von Papst Benedikt XVI. komponierte und die vor wenigen Jahren im Petersdom in Rom zur Aufführung kam. Für seine neue Messe „zu Ehren des heiligen Liborius“ verwendet er musikalische Motive des Libori-Liedes „Sei gegrüßet, O Libori“.

    Erzbischof Becker feierte das Pontifikalamt mit vielen bischöflichen Gästen aus der Weltkirche und spendete am Ende des Gottesdienstes allen Gläubigen den päpstlichen Segen. Nach dem Festgottesdienst wurden das Allerheiligste und der vergoldete Silber-Schrein mit den Reliquien des Heiligen Liborius in einer Sakramentsprozession, die von zahlreichen Gläubigen begleitet wurde, durch die Paderborner Innenstadt getragen. Weihbischof Matthias König spendete am Paderborner Rathaus den sakramentalen Segen. Er betete: „Segne und beschütze deine Kirche und erhalte sie im Glauben. Reichen Segen schenke unserer Stadt und all ihren Bewohnern. Schenke der ganzen Erde deinen Frieden.“

    Beim anschließenden Empfang im Haus „Maria Immaculata“ unterstrich der Erzbischof erneut die Bedeutung der Caritas „Als getaufte Christen sind wir dazu herausgefordert, die Not und die Hilfsbedürftigkeit anderer zu sehen und uns um sie zu kümmern.“ Für alle Glieder der Kirche gelte es, die drei Grundfunktionen der Kirche: Gottesdienst, Verkündigung und Dienst am Nächsten, zu leben und sie im eigenen Leben und Glauben im Gleichgewicht zu halten. „Das große Engagement für Vertriebene und Flüchtlinge in unseren Kirchengemeinden ist für mich ein beeindruckendes Zeugnis des Glaubens.“

    Dass die Libori-Woche ein großes Glaubensfest ist, zeigen die vielen Pontifikalämter und Heiligen Messen. Am Montag feierte der Bischof von Le Mans Yves Le Saux als einer der Nachfolger des heiligen Liborius im Bischofsamt der französischen Diözese das traditionelle Pontifikalamt mit französischen Gästen Paderborner Dom. Im Anschluss daran zelebrierte der aus dem Vatikan angereiste Erzbischof Peter Kardinal Turkson ein Pontifikalamt, zu dem insbesondere Frauen eingeladen waren. Am Dienstag, der auch noch zum Libori-Triduum gehört, steht zunächst das katholische Landvolk im Mittelpunkt. Nach einem Pontifikalamt am Vormittag startet nachmittags die traditionelle Libori-Landvolkkundgebung. Festredner ist der aus dem Kölner Karneval als der „Bergische Jung“ bekannte Diakon Willibert Pauels. Er wird mit Humor und Tiefgang seine Ansichten zu dem Thema „Lasst bloß die Kirche im Dorf!“ unters Libori-Volk bringen.

    Mit der Schlussfeier des Libori-Triduums am Dienstagabend enden nicht die Feierlichkeiten der Festwoche. Zunächst werden noch einmal die Reliquien im Schrein in festlicher Prozession über den Domplatz getragen. Danach werden sie in die Krypta des Domes zurückgeführt. Ohne Reliquien müssen die Gläubigen an den restlichen Libori-Tagen aber nicht auskommen. Den Platz des Schreins im Hochchor nimmt eine Silberbüste des heiligen Liborius ein, die ebenfalls Reliquien enthält.