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    Zünftige Arbeit zur Thomasforschung

    Im Jahre 1996 ist unter dem Titel „Freundschaft als Paradigma der Erlösung“ die dogmatische Dissertation von Holger Dörnemann, heute akademischer Lehrer in München und Köln, dazu seit 2006 Leiter der Ehe- und Familienpastoral in der Erzdiözese Köln, erschienen. Nun erfolgte unter verkürztem Titel die Publikation der Neuauflage. Die Reedition der Doktorarbeit – ungewöhnlich für jeden Kenner akademischer Verhältnisse – unterstreicht die Relevanz von Dörnemanns Untersuchung. Ihr Ausgangspunkt ist folgender: In der westlichen Theologie ist seit Augustinus eine Tendenz zur Trennung der dogmatischen Gebiete von Christologie zum einen und Gnaden- und Erlösungslehre zum anderen festzustellen. Dies Faktum ist insofern als bedenklich zu bewerten, als so die konkrete Heilsbedeutung des über Christus Ausgesagten für den Menschen nicht klar erkennbar ist.

    Im Jahre 1996 ist unter dem Titel „Freundschaft als Paradigma der Erlösung“ die dogmatische Dissertation von Holger Dörnemann, heute akademischer Lehrer in München und Köln, dazu seit 2006 Leiter der Ehe- und Familienpastoral in der Erzdiözese Köln, erschienen. Nun erfolgte unter verkürztem Titel die Publikation der Neuauflage. Die Reedition der Doktorarbeit – ungewöhnlich für jeden Kenner akademischer Verhältnisse – unterstreicht die Relevanz von Dörnemanns Untersuchung. Ihr Ausgangspunkt ist folgender: In der westlichen Theologie ist seit Augustinus eine Tendenz zur Trennung der dogmatischen Gebiete von Christologie zum einen und Gnaden- und Erlösungslehre zum anderen festzustellen. Dies Faktum ist insofern als bedenklich zu bewerten, als so die konkrete Heilsbedeutung des über Christus Ausgesagten für den Menschen nicht klar erkennbar ist.

    Zum anderen musste die Erlösungslehre ihre deutliche Ausprägung von Christus her einbüßen. Thomas von Aquin indes ging in der Frage, die hier in Rede steht, eigene Wege. Seine Position ist die, dass jegliche Gnade auch Gnade Jesu Christi sei. Von der bei Thomas anzutreffenden Kategorie der „Freundschaft“ her sieht Dörnemann einen „neuen“ Zusammenhang zwischen Christologie und Soteriologie aufgewiesen.

    Das mit hoher Gelehrsamkeit und gedanklicher Präzision geschriebene Buch Dörnemanns ist selbstverständlich kein Volksbuch. Otto Hermann Pesch ist zuzustimmen, der im Vorwort schreibt: „Die Arbeit von Holger Dörnemann ist eine ,zünftige‘ Arbeit zur Thomasforschung. Sie ist keine entspannende ,Bettlektüre‘, sondern fordert ausdauerndes Mitdenken – und gegebenenfalls Lektüre der zitierten Quellentexte.“ Folgerichtig empfiehlt Pesch, die „Summa Theologiae“ in greifbarer Nähe zu halten. Diese zutreffenden Bemerkungen schränken den Leserkreis von vorneherein ein. Er kann nur aus einem akademischen und einschlägig mindestens interessierten Publikum kommen. Dies mögen insbesondere jene bedenken, die heute beklagen, dass Theologie zu wenig ad mentem Aquinatis betrieben wird, wie dies doch eigentlich den Empfehlungen des päpstlichen Lehramtes insbesondere seit Leo XIII. entspricht.

    So berechtigt ihr Einwand sein mag – es kommt nicht nur darauf an, den heiligen Thomas gleichsam als Galionsfigur der Rechtgläubigkeit vor sich herzutragen und im Munde zu führen, sondern er will von innen her verstanden werden. Nur so erweist er sich wirklich als Hort des Glaubens. Thomas ist stets eine anspruchsvolle, herausfordernde Lektüre. Wer gedanklich sich jedoch müht, seinen Spuren zu folgen, erfährt, dass solches Tun eine gedankliche Erquickung und Freude im Herzen zurücklässt. Dies vermag nun vielleicht doch auch solche mit geringerer Thomaskenntnis und Theologieerfahrung ermutigen, Dörnemanns Buch doch einmal in die Hand zu nehmen. Hochinteressant sind Dörnemanns Schlussfolgerungen. Weil das Heilswerk des Gottessohnes aus Liebe geschehen ist, ist der Mensch gerufen, seine Antwort der Gegenliebe zu geben. So zielt das Tun Christi darauf ab, Freundesgemeinschaft mit dem Menschen zu begründen. Hier liegt nicht nur die anderwärts vergeblich gesuchte, oben angesprochene Verknüpfung, sondern es ist damit auch im Grunde das Proprium Christianum unterstrichen. Welche andere Religion hätte wohl die Stirn, das wünschenswerte Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Gott und Mensch, als „Freundschaft“ zu definieren? Dass jede Gnade christologisch akzentuiert ist, darf auch als bedeutsam für den ökumenischen Dialog bezeichnet werden, da es ja die große Sorge der Reformatoren war, dass sich zwischen Erlöser und Erlösten noch andere „gnadenvermittelnde Instanzen“ einschalten könnten.

    Durch die von Dörnemann betonte Sichtweise des heiligen Thomas wird aber mit aller wünschenswerten Klarheit verdeutlicht, dass etwa die Gnaden, die aus den Sakramenten der Kirche fließen oder auf die Fürbitte der Gottesmutter und der anderen Heiligen uns zuteil werden, dennoch ganz von Christus ausgehen.

    Von hoher Bedeutung ist der Gedanke der Gottesfreundschaft schließlich auch für Dörnemanns Arbeitsfeld der Ehe- und Familienpastoral. Er schreibt: „Wo ein Mensch in wirklicher Freundschaft, in wirklicher Liebe mit Gott verbunden ist, kann die Liebe nicht auf die Beziehung Gott-Mensch beschränkt bleiben. Die Liebe Gottes durchdringt und vervollkommnet, wenn sie im Menschen ankommt, ebenso auch alle diejenigen Handlungsprinzipien, die von dem (in der Liebe auf Gott finalisierten) Willen bestimmt und ausgerichtet werden. Mit anderen Worten gesagt: Kraft der Gottesliebe wird der Mensch insgesamt ,tugendhaft‘, erlangt er diejenigen moralischen Tugenden (und folglich auch die in diesen Tugenden erfahrbare Glückseligkeit), die ihm, auf sich gestellt, nur mit großen Mühen erreichbar gewesen wären.“

    Wenn die Sorge um christliche Ehen und Familien so fundamentiert ist, dann ruht sie auf dem tragfähigsten Grund, der sich denken lässt, und darum darf man von ihrer Arbeit Großes und Bleibendes erhoffen! Nicht kurzatmige Thesenpapiere werden unsere Familien retten, sanieren und richtig orientieren und damit zur Genesung unserer Gesellschaft entscheidend beitragen, sondern Rückbindung an den einen Gott, der in sich selbst lebendige Gemeinschaft ist. Dörnemanns Arbeit zeigt, wie Hochspekulatives dazu angetan ist, zutiefst lebenspraktisch zu wirken. Ein glänzendes Werk.

    Holger Dörnemann: Freundschaft – Die Erlösungslehre des Thomas von Aquin. Echter Verlag, Würzburg 2012, 250 Seiten, ISBN: 978-3-429-03502-0, EUR 19,90