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    Wo wurde Jesus der Prozess gemacht?

    Jerusalem (DT) Tausende haben am Karfreitag wieder an der berühmten mittäglichen Prozession über die Via Dolorosa teilgenommen. Mit großen hölzernen Kreuzen sind viele von ihnen – einheimische Christen wie Pilger aus aller Welt – in einer Mischung aus Andacht und Freude den Stationen des Leidens und Sterbens des Herrn gefolgt. Mitten durch die enge und verwinkelte Jerusalemer Altstadt führt die Prozessionsstraße, vorbei an Straßenimbissen und dem Tand der Souvenirläden.

    Andacht und Ergriffenheit: Orthodoxe Christen in der Via Dolorosa. Foto: dpa

    Jerusalem (DT) Tausende haben am Karfreitag wieder an der berühmten mittäglichen Prozession über die Via Dolorosa teilgenommen. Mit großen hölzernen Kreuzen sind viele von ihnen – einheimische Christen wie Pilger aus aller Welt – in einer Mischung aus Andacht und Freude den Stationen des Leidens und Sterbens des Herrn gefolgt. Mitten durch die enge und verwinkelte Jerusalemer Altstadt führt die Prozessionsstraße, vorbei an Straßenimbissen und dem Tand der Souvenirläden.

    Doch trug Christus das Kreuz wirklich entlang des Weges, den heutige Pilger nehmen? Alles hängt daran, wo das Prätorium und das im Freien gelegene „Hochpflaster“ lagen, von dem die Evangelien berichten, ohne sie indes genau zu lokalisieren. Im Prätorium, der Residenz des Prätors, weilte der römische Statthalter, wenn er sich von seiner Residenz in Caesarea Maritima am Mittelmeer – spektakuläre Ruinen zeugen noch heute von der Pracht der Anlage – hinauf nach Jerusalem begab. Hier machte der zunächst zögerliche Pontius Pilatus Jesus den Prozess und verurteilte ihn aus Staatsräson schließlich zum Tode. Im wesentlichen drei Möglichkeiten werden von Archäologen diskutiert, die Lage des Prätoriums zu bestimmen: die Burg Antonia, der frühere Hasmonäerpalast in der jüdischen Oberstadt, der Herodespalast nahe des heutigen Jaffatores zur Altstadt.

    Die heutige Via Dolorosa entscheidet sich für die Feste Antonia als Ausgangspunkt der Via Crucis. Sie geht mit ihrem Verlauf auf eine mittelalterliche Tradition aus der Kreuzfahrerzeit zurück. In byzantinischer Zeit verlief die Via Crucis teilweise noch ganz anders. Ihr heutiger Verlauf wurde endgültig sogar erst im 18. und 19. Jahrhundert festgelegt. Die erste Station liegt im Hof der islamischen Al-Umarija-Schule im muslimischen Viertel der Altstadt. In diesem Gebiet stand einst die Feste Antonia. Reste ihrer Stützmauern können in einem nahegelegenen Souvenirladen besichtigt werden. Hier waren römische Soldaten stationiert. Von hier aus konnten sie den nahen jüdischen Tempel mit seinen religiösen Gärungen übersehen und im Bedarfsfall eingreifen. Hier soll Pontius Pilatus Jesus verhört und schließlich zum Tode verurteilt haben. Doch Archäologen und Historiker halten dies für den unwahrscheinlichsten Ort. Die Antonia-Tradition, so wenden sie ein, sei erst im 12. Jahrhundert aufgekommen. Außerdem hätten weder Herodes der Große noch seine Nachfolger die Feste Antonia als Residenz benutzt.

    Wahrscheinlicher sei, glauben manche, dass Jesus im alten Hasmonäerpalast vor Pontius Pilatus stand, also der Stadtresidenz jener jüdischen Dynastie, die auf die Makkabäer-Aufstände zurückgeht und bis Herodes dem Großen Judäa beherrschte. Dem jüdischen Historiker Flavius Josephus zufolge befand sich dieser Palast in der aristokratischen Oberstadt gegenüber dem Tempel, also vielleicht an jener erhöhten Stelle, wo heute im jüdischen Viertel die Ruinen der Kirche Sancta Maria in Jerusalem liegen. Dies würde sich mit altkirchlichen Pilgerberichten und dem Verlauf des Kreuzwegs in byzantinischer Zeit decken, wird zur Erhärtung dieser These angeführt.

    Zumeist wird indes für den Herodespalast nahe des heutigen Jaffatores als wahrscheinlichstem Ort des Prozesses Jesu plädiert. Die korrigierte Via Dolorosa würde deshalb mit der eigentlichen Via Dolorosa nur denselben Zielpunkt, die Grabeskirche, gemein haben, ansonsten aber in völlig entgegengesetzter Richtung verlaufen. Neuere Ausgrabungen israelischer Archäologen haben der These, Pontius Pilatus habe hier geweilt, als ihm Jesus vom Hohen Rat der Juden überstellt worden war, neue Anschaulichkeit verliehen. 2001 durchgeführte Grabungen unter der aus osmanischer Zeit stammenden Polizeistation nahe der Davids-Zitadelle haben mehrere Schichten der Jerusalemer Baugeschichte zutage gebracht. Besonderes Interesse erregte dabei eine aus herodianischer Zeit stammende Stützmauer, die eine in hasmonäischer Zeit errichtete Mauer verdrängte. Während der Herodes-Palast selbst nicht ausgegraben wurde, ist die Stützmauer bislang der einzige bauliche Zeuge des möglichen Prozessortes Jesu. Seit kurzem ist die Stätte Gruppen zugänglich. Manche christliche Pilger haben den Ort schon aufgesucht, um hier der Verurteilung Jesu zu gedenken.

    So umstritten und letztlich wohl nicht klärbar die erste Station der Via Crucis in Jerusalem ist, so klar ist derweil die letzte: die Grabes- oder – in orthodoxer Tradition – Auferstehungskirche im Herzen der Jerusalemer Altstadt. Archäologen halten die Überlieferung, die Kirche, deren älteste Bauteile in die Zeit Kaiser Konstantins reichen, umfasse den Ort der Kreuzigung und Grablegung Jesu, für gut begründbar. Älteste mündliche Traditionen und bauliche Plausibilitäten lassen im Grunde keinen ernsthaften archäologischen Zweifel zu. Alternative Überlegungen wie das vor allem von protestantischen Gruppen forcierte Gartengrab außerhalb der Altstadt haben die historische Evidenz nicht auf ihrer Seite. Wenn der Lateinische Patriarch deshalb wie jedes Jahr am Karfreitagmorgen auf dem Kalvarienberg die Feier vom Leiden und Sterben Christi zelebrierte, wenn der Kustos der Franziskaner abends an derselben Stelle den feierlichen Ritus der Kreuzabnahme, Salbung und Grablegung des Leichnams Jesu beging, durften sich die dicht gedrängt stehenden Pilger am historischen Ort des Geschehens wissen.