• aktualisiert:

    Wo Wissenschaft und Theologie sich treffen

    Wie ein weinendes Kind auf den Philippinen zum Anlass wurde, über die Theodizeefrage neu nachzudenken. Von Barbara Stühlmeyer

    Ölgemälde 'Hiob, von seiner Frau verspottet'
    Leidgeprüfte Gottesfurcht zeigt das Bild „Hiob, von seiner Frau verspottet“ von Gaspare Travers. Foto: dpa

    Unerträgliches Leid hat schon immer zu zugespitzten Fragen geführt. Nicht erst seit Auschwitz wollen Menschen, die zu viel verloren haben, die zu tief verletzt worden sind, wissen, warum um alles in der Welt Gott dies zulassen könne. Zumal dann, wenn man glauben möchte, dass dieser Gott allmächtig, gnädig und barmherzig ist. Das Grundproblem bei dieser Frage ist, dass sie gerade dann, wenn sie gestellt wird, selten zufriedenstellend beantwortet wird. Theologische oder philosophische Vorlesungen erscheinen schlicht grausam, wenn, wie es Papst Franziskus auf den Philippinen widerfuhr, ein weinendes Kind nach dem Warum fragt. Was er damals tat – das Kind umarmen und sein Leid an seinen eigenen Tränen sichtbar, einen Moment lang mitzutragen – ist jesuanischer als der Griff in die argumentative Mottenkiste. Dass dies so erlebt wird, zeigt aber auch, wie unzureichend die bislang gegebenen Antworten vielen erscheinen. So auch Gerhard Haszprunar, Professor für systematische Zoologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Generaldirektor der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, dem genau diese berührende Szene zum Anlass wurde, das Thema noch einmal neu und grundlegend zu durchdenken.

    Haszprunar setzt, wie nicht anders zu erwarten, bei Hiob an. Denn in diesem alttestamentlichen Buch wird genau dieses Menschheitsthema fokussiert. Und schon hier wird die Aporie deutlich, in die Menschen in Situationen unermesslichen, unerklärlichen Leids geraten. Sehr schnell werden sie, auch heute noch, gefragt, ob sie nicht selbst schuld sind. „Du hast Lungenkrebs? Naja, so, wie Du geraucht hast!“ sind keine Sätze, die Mut machen, sondern brutale Schuldzuweisungen, die, auch dann, wenn sie vielleicht berechtigt sein mögen, doch zutiefst unbarmherzig sind. Hiob zumindest empfand es so, als seine „Freunde“ mutmaßten, dass er angesichts des Ausmaßes seines Unglücks doch irgend eine ungeheuerliche, wenngleich verborgene Sünde begangen haben und mithin selbst an allem schuld sein müsse. Die Suche nach Sinn vollzieht sich auf unterschiedlichen Wegen; Haszprunar zeichnet das, was bisher auf diesem Feld gedacht worden ist nach und beleuchtet die Tragfähigkeit der Antworten, die im Alten und Neuen Testament sowie im Verlauf der Kirchengeschichte gegeben worden sind, ausgehend von dem Reaktionsmuster Charles Darwins, der den Verlust seiner geliebten Tochter nie überwunden hat. Auf dieser Grundlage aufbauend macht der Naturwissenschaftler vom Blickwinkel seines Forschungsgebietes aus dann Vorschläge für neue Denkansätze. Seine Zielvorstellung ist, eben jenes Gefühl tiefer Verlassenheit von Gott aufzulösen und Licht in das Dunkel jenes Tunnels zu bringen, der das Gefühl der Verlassenheit so machtvoll evoziert.

    Dabei sind ihm folgende Punkte besonders wichtig: Schon im Alten Testament wird schlüssig herausgearbeitet, dass Leid keine Strafe ist. Haszprunar wirft zudem ein neues Licht auf die Erkenntnis Hiobs, dass Gott unendlich überlegen sei und er sich deshalb eben kein Urteil erlauben könne. Er sieht in dem alttestamentlichen Buch nämlich Hinweise darauf, dass, wie er schreibt, „die Theodizee in der Schöpfungsordnung begründet ist“. Wie er darauf kommt, erklärt der theologisch versierte Naturwissenschaftler und gläubige Katholik in Teil drei seines Buches. Dass in seinem Fachgebiet Antworten auf die Frage nach dem Warum zu finden sind, folgt aus seiner Sicht logisch den nicht letztlich zufriedenstellenden Erklärungsversuchen der Theologie und Philosophie, die er in den vorhergehenden Kapiteln eloquent auseinandergenommen hat. Tatsächlich gilt der Versuch, die Sinnfrage des Leids theologisch oder philosophisch zu beantworten, seit Kants kategorischer Feststellung, dass dieser als gescheitert zu betrachten sei, selbst als sinnlos. Da diese auch von vielen Theologen für richtig gehaltene Feststellung aber leider von zahlreichen leidgeprüften Menschen zur Begründung für ihre Abkehr vom Glauben genommen wird, sieht Haszprunar Handlungsbedarf. Seine Lösung ist, dass er einen engen Zusammenhang des Theodizeeproblems mit den Grundgesetzen des Schöpfungswerkes sieht. Denn das Zusammenwirken von Materie und Energie funktioniert so, dass „bei vielen, rein naturgesetzlich ablaufenden Vorgängen prinzipiell neue Eigenschaften „generiert“ bezeihungsweise „kreiert“ … werden, die sich in den Ausgangskomponenten auch nicht ansatzweise finden lassen“. Haszprunar konstatiert hier aus naturwissenschaftlicher Sicht, was Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert in ihren Visionswerken darlegt, dass die Schöpfung nämlich nicht fix und fertig, sondern im Werden ist und dass dabei immer wieder etwas ganz Neues entsteht. Warum der Autor uns dies erzählt? Weil Darwin, der sich nach dem Tod seines Kindes von Gott verlassen fühlte, mit seiner Theorie von der Entstehung der Arten ein Erklärungsmodell für die Entstehung der Welt anbot, das fortan als Gegensatz zur Schöpfung durch Gott wahrgenommen wurde. Aber genau diesen Gegensatz gibt es nicht, wie Haszprunar schlüssig darlegt. Denn die Welt ist weder ein für alle Mal fertig geschaffen worden, noch entwickelt sie sich den Naturgesetzen entsprechend ohne das Eingreifen eines Schöpfers. Sie verdankt ihre heutige Gestalt vielmehr der Tatsache, dass sie von Gott mit einem ihr innewohnenden schöpferischen Naturgesetz versehen wurde. Damit verbunden sind Gesetze wie die Unschärferelation und die Unbestimmtheit. Beide sind laut Haszprunar so zu deuten, dass Gott seiner Schöpfung die Freiheit der Entfaltung eingeschrieben hat, beispielsweise das anthropische Prinzip, also die Tatsache, dass die Ingredienzien der Schöpfung so sind, dass sich menschliches Leben auf unserem Planeten entwickeln konnte, was, wie der Autor annimmt, auch für weitere Planeten in anderen Galaxien gelten kann. Glaubt man aber, dass das anthropische Prinzip von Gott bewusst in seinen Schöpfungsplan integriert wurde, kann dies, logisch betrachtet, ebenso für den in der Quantenphysik nachweisbaren absoluten Zufall gelten. Daraus folgt wiederum logisch, dass Ereignisse wie Krankheiten oder Naturkatastrophen nicht persönlich gemeint sind. Sie sind keine Botschaft von Gott für eine sich ungebärdig verhaltende Menschheit, wenngleich sie mitunter, wie man am Klimawandel oder dem schon von Hildegard von Bingen wahrgenommene Aufschrei der Elemente trefflich ablesen kann, gelegentlich die Konsequenzen unseres Handelns sind. Leid ist die Konsequenz der Freiheit und ein der Schöpfung eingeschriebenes Naturgesetz, könnte man die Botschaft des Autors zusammenfassen.

    Haszprunars Buch liest sich flüssig, seine Argumentationsketten sind scharfsinnig und er verfügt über ein hohes Maß an Empathie: Nicht jeder würde, um eine ausführliche und durchdachte Antwort für ein weinendes Kind zu schreiben, so viel Mühe auf sich nehmen. Das Buch bringt zudem Naturwissenschaften und Theologie wieder zurück an den von beiden vor Jahren verlassenen runden Tisch. Die Lektüre lohnt sich und sein Argument sollte in die theologischen Lehrbücher Eingang finden.

    Gerhard Haszprunar: Neue Antworten für Hiob. Die Naturwissenschaften, der liebe Gott und das Leid. Eos Verlag, St. Ottilien, 2016, 175 Seiten,

    ISBN 978-3-8306-7785-7, EUR 19,95,–

    Weitere Artikel