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    Wo Jesus Christus neu in Erscheinung trat

    Rom (DT) Am Ende des zweiten Bands seines Jesus-Buchs spricht Benedikt XVI. von der „mittleren Ankunft“ Christi. Gemeint sind nicht der erste Advent, die Geburt des Erlösers in Bethlehem, oder die Wiederkunft des Gottessohns am Ende aller Zeiten. Auf einen Gedanken des heiligen Bernhard von Clairvaux zurückgreifend meint der Papst vielmehr konkrete Augenblicke in der Geschichte, in denen der Messias auf „epochale Weise“ in der Person großer Heiliger neu in Erscheinung tritt.

    Fresko des heiligen Franziskus von Cimabue (1240–1302) aus der Unterkirche „Sacro Speco“, um 1280. Foto: dpa

    Rom (DT) Am Ende des zweiten Bands seines Jesus-Buchs spricht Benedikt XVI. von der „mittleren Ankunft“ Christi. Gemeint sind nicht der erste Advent, die Geburt des Erlösers in Bethlehem, oder die Wiederkunft des Gottessohns am Ende aller Zeiten. Auf einen Gedanken des heiligen Bernhard von Clairvaux zurückgreifend meint der Papst vielmehr konkrete Augenblicke in der Geschichte, in denen der Messias auf „epochale Weise“ in der Person großer Heiliger neu in Erscheinung tritt.

    Poggio Bustone: Beginn der Mission

    Direkt als ersten Zeugen der Gegenwart Christi im Lauf der Weltzeit nennt Papst Benedikt den italienischen Ordensgründer Franz von Assisi: „Das Wirken der beiden großen Gestalten Franziskus und Dominikus im zwölften aufs dreizehnte Jahrhundert war eine Weise, wie Christus neu in die Geschichte hereintrat, neu sein Wort und seine Liebe zur Geltung brachte, eine Weise, wie er seine Kirche erneuerte und die Geschichte auf sich zu bewegte.“ Solche „Einbrüche des Herrn“ – in denen, wie der Papst schreibt, das Geheimnis und die Gestalt Jesu wieder aufscheinen und im Leben und Wirken eines Heiligen die „Menschen verwandelnde und Geschichte formende Kraft“ Christi gegenwärtig wird – lassen sich zeitlich und räumlich genau bezeichnen, sie haben sozusagen eine „Bühne“, auf der sich die „mittlere Ankunft“ Christi, sein „Adventus medius“, vollzieht. Für den heiligen Franziskus war dieser Ort neben Assisi, der Stadt seiner Geburt, seiner Jugend und seines Todes, das Tal von Rieti. Dass der „poverello“, der „kleine Arme“ Gottes, hier lebte und wirkte, hat sich in der Erinnerung der Menschen dort tief eingeprägt. Noch immer sprechen sie vom „heiligen Rieti-Tal“.

    Rieti markiert den geografischen Mittelpunkt Italiens und liegt knapp achtzig Kilometer nördlich von Rom. Eingebettet zwischen den Sabiner Bergen im Süden und dem Apenningebirge im Norden mit dem Monte Terminillo, der bis weit in den Frühling hinein eine weiße Schneekappe trägt, genießt der Ort heute die Ruhe einer kleinen, wohlhabenden Provinzhauptstadt. Die hügelige Landschaft an den Rändern des Tals verbrennt nicht unter der Sommersonne, sie bleibt auch dann saftig grün, wenn die Hitze in südlicheren Teilen Italiens Halme und Gräser wegsengt. Mehr Wälder als heute mögen die Talebene und die Berghänge bedeckt haben, als Franziskus 1208 zum ersten Mal hier eintraf. Mit seinen ersten Gefährten war er aus seiner Heimatstadt fortgezogen. Die Entscheidung der kleinen Gruppe, sich freiwillig äußerster Armut zu verschreiben, war in Assisi auf Unverständnis und sogar Feindschaft gestoßen. Franziskus war damals 26 oder 27 Jahre alt. Die „Büßer von Assisi“ nannten sich er und seine Freunde, aber einen Franziskaner-Orden, eine Regel oder feste Niederlassungen, das alles gab es damals noch nicht.

    Schilder in und um Rieti herum weisen heute auf vier Heiligtümer hin, auf vier Orte, an denen sich der Heilige ab 1208 aufgehalten hat. Es sind Kirchen oder Klöster, aber die muss man sich wegdenken, wenn man nachempfinden will, wie das Rieti-Tal „seinen“ Heiligen empfangen hat: Mit unwegsamem Gelände, mehr oder weniger steilen Hängen, mit Felsspalten, Grotten und Höhlen.

    Der erste Ort, den Franziskus hier aufsuchte, war Poggio Bustone, ein Häusergrüppchen zwanzig Kilometer nördlich von Rieti, das unterhalb einer Bergkuppe zu hängen scheint. Aus der kleinen Einsiedelei, die Franziskus mit den Gefährten bezog, ist im Laufe der Jahrhunderte ein kleines, aber feines Franziskaner-Kloster geworden, in dessen Kellergewölben die kleinen Räume der Einsiedelei aber immer noch zu sehen sind. Zwei Gemälde aus den 1960er Jahren in der Ende des vierzehnten Jahrhunderts errichteten und dem heiligen Jakobus dem Älteren geweihten Kirche des Klosters zeigen, was hier geschah: Franziskus betritt das Dörfchen Poggio Bustone, das damals zum Besitz der Benediktiner von Farfa gehörte, und grüßt die Menschen mit dem einfachen Satz: „Buon giorno, buona gente!“ – „Guten Tag, ihr guten Leute!“ Und die Bewohner erkennen in ihm den heiligen Mann Gottes. Was ihm in Assisi nicht vergönnt war, sollte im Rieti-Tal geschehen: Franziskus stößt auf offene Arme und Herzen. Der einfache Gruß „Buon giorno, buona gente“ ist heute im Klosterladen auf vielfache Weise erhältlich – auf Keramik gemalt oder aus Holz geschnitzt.

    Greccio: Weihnachten in der Grotte

    Das zweite Gemälde zeigt die entscheidende Wende von Poggio Bustone: Als Suchender und Büßender war Franziskus hierhin gekommen, doch mit unruhigem Herzen und ohne Ziel, dafür voller Gram über die Sünden seiner Jugend. Einsam, in einer Felsgrotte, die nochmals dreihundert Meter oberhalb der Einsiedelei liegt, findet er schließlich die Gewissheit. Die Barmherzigkeit Gottes ergießt sich über ihn. Das Gemälde zeigt die sechs Gefährten in der Einsiedelei, alle mit den Gesichtszügen des heiligen Franz, und diesen davon entfernt im Gebet vor einem Engel. Es war die eigentliche, die spirituelle Geburt des heiligen Franz. Er gab sich im Glauben ganz hin und wurde sich bewusst, dass Gott gerade ihn, den Sünder, liebt und ihm vergibt. Nun konnte Franziskus seine Brüder in alle Welt aussenden: Die franziskanische Bruderschaft war entstanden.

    Zurück ins Tal und von dort auf der anderen Seite über Serpentinen hinauf geht es nach Greccio, der größten Anlage unter den vier Heiligtümern. Die Kirche des Franziskanerklosters wurde ab dem Jahr 1959 neu errichtet, der gesamte Komplex fügt sich in die zerklüfteten Felsen des Berges ein, aber das Zentrum ist wieder eine Grotte: jene Höhle, in der Franz am 25. Dezember 1223 mit den Bewohnern des Tals, mit echten Tieren und einem kleinen Kind in der Krippe Weihnachten feierte. Fünfzehn Jahre waren seit der „Wende“ von Poggio Bustone vergangen, Franziskus hatte inzwischen eine erste Bestätigung seiner Gemeinschaft durch den Papst erhalten, hatte sich einem Kreuzfahrerheer angeschlossen und in Ägypten vor dem muslimischen Sultan Al-Kamin das Christentum gepredigt. Mit einem Augenleiden kam der „poverello“ aus dem Orient zurück. Er hatte noch drei Jahre zu leben, aber die Bruderschaft war gewaltig angewachsen. Im ganzen Tal lebten Brüder des heiligen Franz, und als dieser Johannes Velita, den Herrn von Greccio bat, ihm am Weihnachtstag eine Futterkrippe, einen Ochsen und einen Esel in eine Höhle am Berg zu bringen, kamen die Hirten und Bauern der Gegend zusammen, um mit Franziskus den „ersten Advent“ des Erlösers zu feiern.

    Aus dieser Zeit gibt es eine Beschreibung des Heiligen – und in einer Seitenkapelle der Klosterkirche ein Bild des wegen seines Augenleidens „weinenden Franziskus“, das noch zu Lebzeiten in Auftrag gegeben worden sein soll. Das Original ist verloren, zu sehen ist heute eine Kopie aus dem vierzehnten Jahrhundert.

    Und der Biograf Thomas von Velano beschreibt Franz von Assisi so: „Er war ein außerordentlich redegewandter Mann mit fröhlichem Antlitz und gütigem Gesichtsausdruck, frei von Feigheit, ohne jede Überheblichkeit. Von nicht gerade großer Gestalt, eher klein als groß, hatte er einen nicht sonderlich großen, runden Kopf, ein etwas längliches und gedehntes Gesicht, eine ebene und niedrige Stirne, nicht sonderlich große, schwarze, unverdorbene Augen, dunkles Haar, gerade Augenbrauen, eine gleichmäßige, feine und gerade Nase, ...eine gewinnende, feurige und scharfe Sprache, eine mächtige, liebliche, klare und wohlklingende Stimme... Er war sehr mager, trug ein raues Gewand, gönnte sich nur sehr kurzen Schlaf, besaß eine überaus freigebige Hand. Und weil er der Demütigste war, erwies er allen Menschen jegliche Sanftmut und glich sich in passender Weise dem Charakter aller an.“

    Im Kloster ist die kleine Zelle zu sehen, in der Franziskus auf einem Steinblock schlief, sowie das Refektorium, wo er mit den Brüdern aß. Ein hölzerner Zellentrakt, das Dormitorium der Franziskaner, stammt aus dem späten dreizehnten Jahrhundert. Greccio – das ist beginnendes franziskanisches Leben. Aber eines fehlte noch, zur Zeit jener Weihnachtsfeier inmitten der Natur: die endgültige, von Rom approbierte Ordensregel.

    Orte des Friedens und des Leidens

    Zwei Jahre später war Franziskus von seiner Krankheit bereits stark gezeichnet. Er zog sich in die Marienkirche von La Foresta zurück, einem kleinen Anwesen nur fünf Kilometer nördlich von Rieti, wo er – wieder – in einer Höhle Zuflucht fand. Er vertrug kein Licht mehr und suchte die Dunkelheit. Aber Franziskus war jetzt ein „Star“. Als die Bewohner von Rieti erfuhren, dass er beim Pfarrer von La Foresta untergekommen war, kamen sie in Scharen herbei und zertrampelten dem Pfarrer den Weinberg. Hier soll der Heilige das Weinwunder gewirkt haben: Die steinerne Kelter ist noch zu sehen, in der der Legende zufolge nach dem Gebet des heiligen Franz die übrig gebliebenen Weintrauben die beste Ernte und den schmackhaftesten Wein ergaben. La Foresta ist heute immer noch ein friedlicher Ort voller Ruhe, zur Marienkirche und dem Konvikt gehört ein großer Gemüsegarten. Die ganze Anlage wird von der Gemeinschaft „Mondo X“ verwaltet, die ein Franziskaner gegründet hat. Suchtkranke und depressive Menschen finden hier Aufnahme. Man arbeitet, betet und lebt zusammen. Man muss klingeln, um sich die Höhle, die Weinkelter und den Raum zeigen zu lassen, wo sich Franziskus mit seinen Brüdern versammelte.

    Wieder geht es einen Berg hinauf, diesmal im Westen Rietis, nach Fontecolombo, dem vierten Heiligtum. Hier hatte Franziskus eine kleine Kirche zum Beten und eine Höhle, in der er schließlich die Ordensregel niederschrieb, die Papst Honorius III. im November 1223 billigte und die heute noch für alle Minderen Brüder gültig ist. Direkt neben der Höhle ist der Stumpf eines Baumes zu sehen, in dem dem Heiligen Jesus Christus erschienen sein soll, um ihm die Ordensregel zu geben. 1225, ein Jahr vor seinem Tod, hat sich Franz hier einer schmerzhaften Operation unterzogen: Das Augenleiden wurde mit glühenden Eisen behandelt, die ihm der Arzt auf die Schläfen drückte. Aber Franziskus spürte keinen Schmerz, stattdessen stimmte er einen Lobgesang auf Bruder Feuer an.

    Als sich der Heilige ein Jahr später zum Sterben in seine Heimatstadt Assisi zurückzog, hatten sich etwa fünftausend Brüder seiner Gemeinschaft angeschlossen. In Höhlen und Grotten und einfachsten Behausungen hat Franziskus eine Bewegung angestoßen, die zu einer Blüte mittelalterlicher Frömmigkeit führen sollte. Er suchte ein Leben nach dem Evangelium, ein Leben wie Jesus selbst. Christus sollte sein Leben sein. Keine zwanzig Jahre in den Wäldern rings um Rieti reichten aus, um der Kirche durch einen „kleinen, armen Mann“ ein erneuertes Gesicht zu geben.