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    „Wir wollen die Kirche Gottes“

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Wir befinden uns in der Mitte der Gebetswoche für die Einheit der Christen, einer ökumenischen Initiative, die sich jetzt seit mehr als einem Jahrhundert herausgestaltet hat und die jedes Jahr die Aufmerksamkeit auf eine Thematik lenkt: die Thematik der sichtbaren Einheit unter den Christen, die das Gewissen aller angeht, die an Christus glauben, und ihren Einsatz anregt. Dies geschieht vor allem durch die Aufforderung zum Gebet, in der Nachahmung Jesu, der den Vater für seine Jünger bittet: „Alle sollen eins sein“ (Joh 17, 21). Der beharrliche Aufruf zum Gebet für die volle Einheit unter den Nachfolgern des Herrn zeigt die echteste und tiefste Ausrichtung der gesamten Suche nach der Ökumene, denn die Einheit ist vor allem ein Geschenk Gottes. So heißt es im Zweiten Vatikanischen Konzil, „dass dieses heilige Anliegen der Wiederversöhnung aller Christen in der Einheit der einen und einzigen Kirche Christi die menschlichen Kräfte und Fähigkeiten übersteigt“ (Unitatis redintegratio, 24). Daher bedarf es neben unseren Bemühungen, brüderliche Beziehungen zu schaffen und den Dialog zu fördern, um die Unstimmigkeiten zu klären und zu lösen, die die Kirchen und die kirchlichen Gemeinschaften trennen, des vertrauensvollen und einmütigen Gebets zum Herrn.

    Die Beziehung zwischen Einheit und Auftrag der Christen

    Das Thema dieses Jahres entstammt dem Evangelium des heiligen Lukas, den letzten Worten, die der Auferstandene an seine Jünger richtet: „Ihr seid Zeugen dafür“ (Lk 24, 48). Die Gestaltung des Themas wurde vom Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen in Übereinstimmung mit der Kommission „Glaube und Verfassung“ des Ökumenischen Rates der Kirchen einer ökumenischen Gruppe aus Schottland anvertraut. Vor einem Jahrhundert hat vom 13. bis 24. Juni 1910 in Edinburg die „Internationale Konferenz zur Betrachtung von Problemen in Bezug auf die nichtchristliche Welt“ stattgefunden. Zu den damals diskutierten Fragen zählte die objektive Schwierigkeit, der nichtchristlichen Welt seitens einer untereinander gespaltenen Christenheit das Evangelium glaubhaft zu verkünden. Wenn die Christen einer Welt, die Christus nicht kennt, die sich von Ihm entfernt hat oder sich dem Evangelium gegenüber gleichgültig zeigt, nicht vereint, sondern häufig sogar im Gegensatz zueinander erscheinen, wird dann die Verkündigung Christi als einziger Erlöser unserer Welt und unser Frieden glaubhaft sein? Die Beziehung zwischen Einheit und Auftrag hat von diesem Moment an eine wesentliche Dimension der gesamten ökumenischen Tätigkeit und ihren Ausgangspunkt dargestellt. Aufgrund dieses besonderen Beitrags stellt die Konferenz von Edinburgh weiterhin einen der Fixpunkte der modernen Ökumene dar. Die katholische Kirche hat diese Sichtweise im Zweiten Vatikanischen Konzil aufgenommen und bekräftigt, indem sie erklärte, eine Spaltung unter den Jüngern Jesu widerspreche „ganz offenbar dem Willen Christi“ und sei „ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen“ (Unitatis redintegratio, 1).

    In diesem theologischen und geistlichen Kontext steht das Thema, das in dieser Woche zur Meditation und zum Gebet vorgeschlagen wird: die Notwendigkeit, Christus gemeinsam zu bezeugen. Der kurze Text des Themas „Ihr seid Zeugen dafür“ muss im Kontext des gesamten vierundzwanzigsten Kapitels des Lukasevangeliums gelesen werden. Rufen wir kurz den Inhalt dieses Kapitels in Erinnerung. Zunächst begeben sich die Frauen zum Grab, sie sehen die Zeichen der Auferstehung Jesu und berichten den Aposteln und den anderen Jüngern, was sie gesehen haben (V. 9); dann erscheint der Auferstandene selbst den Jüngern von Emmaus auf ihrem Weg, er erscheint dem Simon Petrus und dann den „Elf und den anderen Jüngern, die mit ihnen versammelt waren“ (vgl. V. 33). Er öffnet den Geist für das Verständnis der Schrift in Bezug auf seinen Erlösungstod und seine Auferstehung, indem er erklärt, dass man „in seinem Namen (...) allen Völkern, angefangen in Jerusalem, verkünden (wird), sie sollen umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden“ (V. 47). Den Jüngern, die „versammelt“ sind und Zeugen seines Auftrags werden, verheißt der auferstandene Herr die Gabe des Heiligen Geistes (vgl. V. 49), damit sie gemeinsam vor allen Völkern Zeugnis für Ihn ablegen. Aus dieser Aufforderung „Ihr seid Zeugen dafür“, die das Thema dieser Woche für die Einheit der Christen ist, ergeben sich für uns zwei Fragen. Erstens: was bedeutet „dafür“? Zweitens: wie können wir Zeugen „dafür“ sein? Wenn wir den Kontext dieses Kapitels betrachten, bedeutet „dafür“ vor allem das Kreuz und die Auferstehung: Die Jünger haben die Kreuzigung des Herrn gesehen, sie sehen den Auferstandenen und verstehen so allmählich die ganze Schrift, die vom Geheimnis des Leidens und vom Geschenk der Auferstehung spricht. „Dafür“ bedeutet also das Geheimnis Christi, des Sohnes Gottes, der Mensch geworden, für uns gestorben und auferstanden ist, der in Ewigkeit lebt und so die Gewähr für unser ewiges Leben darstellt.

    Dadurch aber, dass wir Christus kennen – und das ist der wesentliche Punkt – kennen wir das Antlitz Gottes. Christus ist vor allem die Offenbarung Gottes. In allen Zeiten nehmen die Menschen die Existenz Gottes wahr, eines einzigen Gottes, der jedoch fern ist und sich nicht zeigt. In Christus zeigt sich dieser Gott, kommt der ferne Gott uns nahe. „Dafür“ bedeutet daher – vor allem durch das Geheimnis Christi – Gott, der uns nahe gekommen ist. Das beinhaltet eine weitere Dimension: Christus ist niemals allein; Er ist mitten unter uns gekommen, er ist alleine gestorben, doch er ist auferstanden, um alle an sich zu ziehen. Christus schafft sich – wie es in der Schrift heißt – einen Leib, er vereint die ganze Menschheit in seiner Wahrheit des ewigen Lebens. Und so erkennen wir in Christus, der die Menschheit vereint, die Zukunft der Menschheit: das ewige Leben. Alles das ist also letztlich ganz einfach: Wir kennen Gott, indem wir Christus kennen, seinen Leib, das Geheimnis der Kirche und die Verheißung des Ewigen Lebens.

    Sich durch die Gegenwart und Kraft Christi verwandeln lassen

    Kommen wir nun zur zweiten Frage. Wie können wir Zeugen „dafür“ sein? Wir können nur Zeugen sein, indem wir Christus kennen und dadurch, dass wir Christus kennen, auch Gott kennen. Christus zu kennen beinhaltet gewiss auch eine geistige Dimension – zu lernen, was wir von Christus kennen –, doch es ist immer sehr viel mehr als ein geistiger Prozess: es ist ein existenzieller Prozess, ein Prozess der Öffnung meines Ichs, meiner Verwandlung durch die Gegenwart und die Kraft Christi, und so ist es auch ein Prozess der Öffnung gegenüber allen anderen, die Leib Christi sein sollen. Auf diese Weise wird deutlich, dass Christus zu kennen – als geistiger und vor allem existenzieller Prozess – ein Prozess ist, der uns zu Zeugen macht. Mit anderen Worten: Wir können nur Zeugen sein, wenn wir Christus aus erster Hand und nicht nur von anderen kennen, wenn wir Ihn aus unserem eigenen Leben, aus unserer persönlichen Begegnung mit Ihm kennen. Indem wir Ihm wirklich in unserem Glaubensleben begegnen, werden wir Zeugen und können auf diese Weise zur Neuheit der Welt, zum ewigen Leben beitragen.

    Der Katechismus der Katholischen Kirche gibt uns auch auf den Inhalt dieses „dafür“ einen Hinweis. Die Kirche hat das Wesentliche dessen, was der Herr uns in der Offenbarung geschenkt hat, im „Nizäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis“ gesammelt und zusammengefasst, das seine große Autorität aus der Tatsache bezieht, dass es „aus den ersten beiden Ökumenischen Konzilien (325 und 381) hervorging“ (CCC, 195). Der Katechismus führt weiter aus, dass dieses Symbolum „noch heute allen großen Kirchen des Ostens und des Westens gemeinsam ist“ (ebd.). In diesem Symbolum finden sich also die Glaubenswahrheiten, die die Christen gemeinsam bekennen und bezeugen können, damit die Welt glaube, indem sie mit dem Verlangen und dem Bemühen, die bestehenden Verschiedenheiten zu überwinden, den Willen zeigen, zur vollen Gemeinschaft, zur Einheit des Leibes Christi voranzuschreiten.

    Die Feier der Gebetswoche für die Einheit der Christen führt uns dazu, weitere Aspekte zu betrachten, die für die Ökumene von Bedeutung sind. Zunächst den großen Fortschritt, der nach der Konferenz von Edinburgh vor einem Jahrhundert in den Beziehungen zwischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften erzielt wurde. Die moderne ökumenische Bewegung hat sich auf so entscheidende Weise entwickelt, dass sie dadurch, dass sie an das Problem der Einheit unter allen Christen erinnert sowie auch das Wachsen der Gemeinschaft unter ihnen stärkt, im vergangenen Jahrhundert zu einem wichtigen Element im Leben der Kirche geworden ist. Sie fördert nicht nur die brüderlichen Beziehungen zwischen den Kirchen und den kirchlichen Gemeinschaften als Antwort auf das Liebesgebot, sondern sie regt auch die theologische Forschung an. Außerdem berührt sie das konkrete Leben der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften mit Thematiken, die die Seelsorge und das sakramentale Leben betreffen, wie etwa die gegenseitige Anerkennung der Taufe, die Fragen bezüglich der Mischehen und die Fälle der „comunicatio in sacris“, in besonderen, klar definierten Situationen. Im Sinne dieses ökumenischen Geistes haben sich die Kontakte auch auf die Pfingstbewegungen, auf die evangelischen und auf die charismatischen Bewegungen ausgedehnt, mit dem Ziel, einander besser kennenzulernen, wenngleich es in diesem Bereich an schwierigen Problemen nicht mangelt.

    Die katholische Kirche hat vom Zweiten Vatikanischen Konzil an brüderliche Beziehungen zu allen Ostkirchen und kirchlichen Gemeinschaften des Westens geknüpft und mit den meisten von ihnen bilaterale theologische Dialoge aufgenommen, die dazu geführt haben, Annäherungen oder auch Einvernehmen in verschiedenen Punkten zu finden. So wurde das Band der Gemeinschaft gestärkt. Im soeben zu Ende gegangenen Jahr hatten die verschiedenen Dialoge positive Schritte zu verzeichnen. Mit den Orthodoxen Kirchen hat die gemischte internationale Kommission für den theologischen Dialog bei der XI. Vollversammlung, die im Oktober 2009 in Paphos auf Zypern stattgefunden hat, die Untersuchung eines für den Dialog zwischen Katholiken und Orthodoxen entscheidenden Themas aufgenommen: „Die Rolle des Bischofs von Rom in der Gemeinschaft der Kirche des ersten Jahrtausends“, also in der Zeit, in der die Christen des Ostens und des Westens in der vollen Gemeinschaft lebten. Diese Untersuchung wird sich in der Folge auf das zweite Jahrtausend ausweiten. Ich habe schon mehrfach um das Gebet der Katholiken für diesen schwierigen und für die gesamte ökumenische Bewegung wesentlichen Dialog gebeten. Auch mit den alten orthodoxen Ostkirchen (der koptischen, äthiopischen, syrischen, armenischen Kirche) hat sich die gemischte Kommission vom 26. bis 30. Januar des vergangenen Jahres getroffen. Diese wichtigen Initiativen bezeugen, dass ein tiefer und hoffnungsreicher Dialog mit allen Ostkirchen – in ihrer jeweiligen Besonderheit – stattfindet, die nicht in voller Gemeinschaft mit Rom stehen.

    In den vergangenen Jahrzehnten echte Fortschritte erzielt

    Im Laufe des vergangenen Jahres sind die Ergebnisse mit den kirchlichen Gemeinschaften des Westens untersucht worden, die während der letzten vierzig Jahre in den verschiedenen Dialogen erzielt worden sind, wobei man sich besonders mit den Dialogen mit der anglikanischen Gemeinschaft, dem Lutherischen Weltbund, dem Reformierten Weltbund und dem Weltrat methodistischer Kirchen beschäftigt hat. Diesbezüglich hat der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen eine Untersuchung durchgeführt, um die Punkte der Übereinstimmung herauszukristallisieren, die in den verschiedenen bilateralen Dialogen erzielt worden sind, und gleichzeitig auf die offenen Fragen hinzuweisen, zu deren Lösung eine neue Phase der Gegenüberstellung erforderlich ist.

    Unter den jüngsten Ereignissen möchte ich an die Gedenkfeier des zehnten Jahrestags der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre erinnern, die am 31. Oktober 2009 von Katholiken und Lutheranern gemeinsam begangen wurde, um die Fortsetzung des Dialogs anzuregen, sowie auch an den Besuch Erzbischofs Rowan Williams von Canterbury in Rom, bei dem auch Gespräche über die besondere Situation stattgefunden haben, in der sich die Anglikanische Gemeinschaft befindet. Das gemeinsame Bemühen, die Beziehungen und den Dialog fortzusetzen, sind ein positives Zeichen, das zeigt, wie stark der Wunsch nach Einheit ist, trotz aller Probleme, die sich dem entgegenstellen. So sehen wir, dass eine Dimension in unserer Verantwortung liegt, die darin besteht, alles zu tun, was möglich ist, um wirklich zur Einheit zu gelangen; doch es gibt eine andere Dimension, die des göttlichen Handelns, da nur Gott der Kirche die Einheit schenken kann. Eine „selbstgemachte“ Einheit wäre menschlich, doch wir wollen die Kirche Gottes, von Gott gemacht, der die Einheit schaffen wird, wann er will und wenn wir bereit sind. Wir müssen uns auch vor Augen halten, wie viele wirkliche Fortschritte in der Zusammenarbeit und in der Brüderlichkeit in allen diesen Jahren, in diesen letzten fünfzig Jahren schon erzielt worden sind. Gleichzeitig müssen wir wissen, dass die ökumenische Arbeit kein linearer Prozess ist. So verlieren alte Probleme, die im Kontext einer anderen Zeit entstanden sind, an Gewicht, während im heutigen Kontext neue Probleme und neue Schwierigkeiten entstehen. Daher müssen wir stets für einen Prozess der Reinigung bereit sein, in dem der Herr uns befähigt, vereint zu sein.

    Liebe Brüder und Schwestern, für die komplexe ökumenische Realität, für die Förderung des Dialogs, sowie auch dafür, dass die Christen in unserer Zeit ein neues gemeinsames Zeugnis der Treue zu Christus vor dieser unserer Welt ablegen können mögen, bitte ich um das Gebet von allen. Der Herr höre unser Gebet und das Gebet aller Christen, das in dieser Woche mit besonderer Intensität zu Ihm erhoben wird.

    Die Pilger deutscher Sprache begrüßte der Papst mit den Worten:

    Von Herzen heiße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher willkommen. Wenn das Verhältnis zu Gott recht ist, dann können auch die Beziehungen der Menschen untereinander recht sein. Helfen wir einander, den Weg zu Gott zu finden und die Freundschaft zu ihm immer weiter zu vertiefen. Gottes Geist geleite euch auf allen Wegen.