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    „Wir werden weniger“

    Wien (DT) Das quantitative Verhältnis zwischen den Katholiken und ihren Priestern sei in der Erzdiözese Wien in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten nahezu gleich geblieben, erklärte der Wiener Generalvikar Nikolaus Krasa am Donnerstag in Wien im Gespräch mit Medienvertretern. Das aber ist keineswegs beruhigend, denn es erhellt nur, dass sowohl die Zahl der Priester als auch die der getauften Katholiken stark geschrumpft ist. „Wir werden weniger“, sagt Krasa, und das bezieht sich auf die Seelsorger ebenso wie auf die Gläubigen. Und nun eben auch auf die Pfarreien.

    Von links: Pastoralamtsleiterin Veronika Prüller-Jagenteufel, Generalvikar Nikolaus Krasa und Andrea Geiger von der „Sta... Foto: Kathbild/Rupprecht

    Wien (DT) Das quantitative Verhältnis zwischen den Katholiken und ihren Priestern sei in der Erzdiözese Wien in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten nahezu gleich geblieben, erklärte der Wiener Generalvikar Nikolaus Krasa am Donnerstag in Wien im Gespräch mit Medienvertretern. Das aber ist keineswegs beruhigend, denn es erhellt nur, dass sowohl die Zahl der Priester als auch die der getauften Katholiken stark geschrumpft ist. „Wir werden weniger“, sagt Krasa, und das bezieht sich auf die Seelsorger ebenso wie auf die Gläubigen. Und nun eben auch auf die Pfarreien.

    Unter dem Stichwort „Apostelgeschichte 2010“ hatte sich die Erzdiözese in insgesamt vier Diözesanversammlungen mental und atmosphärisch darauf eingestimmt. Unter dem Kürzel „APG 2.1“ soll die Reform nun vorangetrieben werden: Die bisher 660 Pfarreien der Erzdiözese sollen sich zu weit weniger, dafür größeren Pfarreien fusionieren, ohne dass gleichzeitig die Zahl der Gemeinden oder gar der Aktivitäten schrumpft. Im Gegenteil: Durch die Pfarrfusionierungen soll es zu einem „befruchtenden Miteinander“ kommen, wie Krasa formuliert, und zur Freisetzung von Ressourcen.

    Während heute gut neunzig Prozent der Diözesanpriester zugleich Pfarrer seien, vielfach unter der Last der Verwaltungsarbeit stöhnend, sollen die größeren Pfarreien der Zukunft zwar unter der – kirchenrechtlich unvermeidbaren – „Letztverantwortung“ eines Pfarrers stehen, aber von einem Team geleitet werden. Dieses Team soll aus mehreren Priestern bestehen, die „entsprechend ihren Charismen einzusetzen“ wären, aber auch aus haupt- und ehrenamtlichen Laien.

    Das klingt zunächst nach Zentralismus, doch ist geplant, die bestehenden Gemeinden nicht nur zu erhalten, und zwar unter der Leitung von Laien, sondern auch neue zu gründen. Die Begriffe „Pfarrei“ und „Gemeinde“ seien zu unterscheiden, meint die Wiener Pastoralamtsleiterin Veronika Prüller-Jagenteufel. Sie versichert: „Keine Gemeinde soll sich auflösen.“ Was genau mit dem von der „Pfarrei“ losgelösten Begriff der „Gemeinde“ gemeint ist, wird auch auf Nachfragen nicht ganz klar. „Gemeinde ist, wo Menschen ihren Glauben leben“, sagt die Pastoralamtsleiterin und hofft, dass aus Hauskreisen oder um Klöster herum „neue Gemeinden entstehen“. Auf Rückfrage räumt sie ein, Gemeinde sei hier durchaus „ein schwammiger Begriff – damit müssen wir leben“. Buntheit und Vielfalt seien gewünscht, aber die Gründung neuer Gemeinden innerhalb der neuen Großpfarreien müsse dann doch beim Bischof beantragt werden. Manche der Gemeinden werden eine solche bischöfliche Anerkennung wollen, andere aber nicht, so meint sie.

    Auch Generalvikar Krasa hofft, „dass das bunte kirchliche Leben noch bunter wird“. Bunt sei es ja jetzt schon, besonders in der Stadt. Dazu muss man wissen, dass die Erzdiözese Wien nicht nur aus der einwohnerreichen österreichischen Bundeshauptstadt besteht, in der die Katholiken gerade noch 37 Prozent der Bevölkerung stellen, sondern auch aus den ländlicher strukturierten Gebieten des östlichen Niederösterreich. Schon jetzt kennt der ländliche Norden der Erzdiözese Pfarrverbände, der Süden Seelsorgsräume – beide sieht Kardinal Schönborns Generalvikar als „wertvolle Übergangsstrukturen“. Welche der jeweiligen Kirchen bei der Fusionierung zur neuen Pfarrkirche wird, soll durchaus basisnah beraten und (vor-) entschieden werden. Keinesfalls dürfe es so sein, „dass die stärkste Pfarrei die anderen schluckt“, so Krasa.

    Noch einer Befürchtung versuchte Pastoralamtsleiterin Prüller-Jagenteufel zu wehren: „So lange es möglich ist“ solle in jeder Kirche jeden Sonntag eine Eucharistiefeier stattfinden. Ohne Probleme dagegen könne es einen gemeinsamen Pfarrbrief, ein gemeinsames Pfarrfest und Gebetsgemeinschaften geben. Generalvikar Krasa räumte zugleich jedoch ein, es werde wohl „beides geben: neue Kirchenbauten und Kirchenschenkungen“. Dabei ist freilich nicht an die Profanierung von Kirchen gedacht. „Wir haben in Wien christliche Schwesterkirchen, denen ihre Kirchen zu klein werden“, erläutert der Generalvikar. Da sei es doch „ein schönes ökumenisches Zeichen“, ihnen ein Gotteshaus zur Verfügung zu stellen. Dass Kardinal Schönborn sowohl der serbischen wie der rumänischen Orthodoxie eine Kirche schenkte – die Übergaben sollen noch in diesem Frühjahr stattfinden – führte durchaus zu lokalen Turbulenzen, deren Druckwellen auch Rom erreichten. Innerhalb eines Jahrzehnts sollen 80 Prozent der neuen Pfarreien errichtet sein, so hofft Schönborns Team. Umgewöhnen müssen sich da wohl auch die Priester, die künftig in Teams zu drei bis fünf Geistlichen in einer Großpfarrei zusammenarbeiten sollen. Seitens der Priester gebe es zu diesen Plänen alle denkbaren Reaktionen, „von der negativen Aggression bis zur Erleichterung“, gesteht Andrea Geiger von der „Stabstelle APG“ auf Nachfrage dieser Zeitung. Da brauche es schon Sensibilität und Begleitung seitens der Diözesanleitung.

    Generalvikar Krasa argumentiert auch mit Zahlen: Rund 46 Prozent der Pfarreien in der Erzdiözese Wien seien heute Ordenspfarreien. Nur 1 800 Katholiken leben durchschnittlich in einer der heutigen Pfarreien; in der kleinsten Pfarrei der Erzdiözese sind es gerade mal 94. Dass sich das Profil des Priesterdaseins durch die Reform wandelt, leugnet die Pastoralamtsleiterin nicht: Das bisherige Berufsbild – „Pfarrer werden“ – habe bestimmte Leute angezogen, und „die neuen Strukturen werden neue Typen anziehen“.

    Wichtig ist den Reformern in der Erzdiözese Wien, dass ihre Reform zwar „mit Drive und Zügigkeit umgesetzt“ wird, wie der Generalvikar formuliert, doch experimenteller Spielraum offengehalten wird. Krasa wörtlich: „Wir leisten uns derzeit eine Phase des Überlegens und Planens.“ Und nochmals: „Wir leisten uns, auszuprobieren.“ Es müsse ja selbst bei einer 2000 Jahre alten Organisation „nicht alles im Licht der Ewigkeit sein“.

    So gibt es im 15. Gemeindebezirk Wiens derzeit sieben Pfarreien, die sich nun zu zwei großen Pfarreien zusammenschließen werden. Von den fünf Kirchen, die dadurch den Status einer Pfarrkirche verlieren werden, soll eine an eine andere Konfession übergeben werden, die übrigen vier werden weiter für katholische Gottesdienste genutzt. Als eine österreichische Tageszeitung am Freitag die erzdiözesanen Pläne als „Kahlschlag“ bezeichnete, dementierte Pastoralamtsleiterin Prüller-Jagenteufel umgehend: Einen Kahlschlag werde es sicher nicht geben, „sondern bestenfalls eine Auslichtung“.