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    „Wir waren glücklich und voller Begeisterung“

    Rom (DT) Die Jahre vergehen, aber gewisse Aussagen bleiben. Fünfzig Jahre ist es her, da hat der selige Johannes XXIII. seine berühmte „Mondscheinansprache“ zu Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils gehalten. In einem Fackelzug waren damals Abertausende von Menschen auf den Petersplatz geströmt und vom Fenster des päpstlichen Arbeitszimmer aus sagte der Roncalli-Papst jene unvergesslichen Worte: „Geht nach Hause und erweist euren Kindern eine Zärtlichkeit. Und sagt ihnen, dass es eine Zärtlichkeit des Papstes ist.“ Der Mond wollte sich am vergangenen Donnerstagabend nicht so richtig zeigen, aber es waren dieselben Worte, mit denen sich Benedikt XVI. an die etwa Vierzigtausend wandte, die wiederum in einem Fackelzug von der Engelsburg auf den Petersplatz gezogen waren. Wieder sprach der Papst von seinem Arbeitszimmer aus. Und wieder entließ er die Menschenmenge mit der Bitte, den Kindern zu Hause den zärtlichen Gruß des Papstes zu überbringen.

    Goldene Oktobersonne zum Fest: Zur Eröffnungsmesse auf dem Petersplatz waren zehntausende Pilger aus aller Welt gekommen... Foto: dpa

    Rom (DT) Die Jahre vergehen, aber gewisse Aussagen bleiben. Fünfzig Jahre ist es her, da hat der selige Johannes XXIII. seine berühmte „Mondscheinansprache“ zu Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils gehalten. In einem Fackelzug waren damals Abertausende von Menschen auf den Petersplatz geströmt und vom Fenster des päpstlichen Arbeitszimmer aus sagte der Roncalli-Papst jene unvergesslichen Worte: „Geht nach Hause und erweist euren Kindern eine Zärtlichkeit. Und sagt ihnen, dass es eine Zärtlichkeit des Papstes ist.“ Der Mond wollte sich am vergangenen Donnerstagabend nicht so richtig zeigen, aber es waren dieselben Worte, mit denen sich Benedikt XVI. an die etwa Vierzigtausend wandte, die wiederum in einem Fackelzug von der Engelsburg auf den Petersplatz gezogen waren. Wieder sprach der Papst von seinem Arbeitszimmer aus. Und wieder entließ er die Menschenmenge mit der Bitte, den Kindern zu Hause den zärtlichen Gruß des Papstes zu überbringen.

    Es war eine frei gehaltene Ansprache, ohne Manuskript, mit der sich Benedikt XVI. in Erinnerung an die Konzilseröffnung vor fünfzig Jahren an die Menschenmenge wandte, die sich auf Einladung der Diözese Rom und der Katholischen Aktion Italiens unterhalb des Apostolischen Palasts versammelt hatte. „Vor fünfzig Jahren“, erinnerte er, „hat sich an diesem Fenster der gute Papst Johannes gezeigt und zu uns mit jenen unvergesslichen Worten gesprochen, mit Worten voller Poesie und Güte, mit Worten des Herzens. Wir waren glücklich und voller Begeisterung: Das große ökumenische Konzil war eröffnet worden und wir waren sicher, dass ein neuer Frühling für unsere Kirche kommen würde, ein neues Pfingsten, eine neue und befreiende Gegenwart des Evangeliums.“

    Auch heute wie vor fünfzig Jahren, fuhr Papst Benedikt fort, „sind wir glücklich, tragen wir eine Freude im Herzen, die aber etwas bescheidener und nüchterner ist. Es ist eine demütige Freude: In diesen fünfzig Jahren haben wir gelernt und erfahren, dass die Erbsünde existiert und sich in die persönlichen Sünden der Einzelnen übersetzt, die dann zu Strukturen der Sünde werden können. Auf dem Acker des Herrn gibt es auch das Unkraut. Im Netz des Petrus sind auch schlechte Fische, die menschliche Schwäche existiert auch in der Kirche, das Schifflein der Kirche erfährt Gegenwind und Drohungen“. Manchmal, so meinte der Papst weiter, „haben wir gedacht, der Herr schlafe und habe uns vergessen“.

    Doch dann habe man wieder die Erfahrung der Gegenwart des Herrn gemacht, seiner Güte und seiner Gegenwart: „Das Feuer Christi verzehrt nicht und zerstört nicht, es ist ein ruhiges Feuer, eine kleine Flamme der Güte. Der Herr vergisst uns nicht, seine Art ist demütig. Der Herr ist gegenwärtig, er gibt den Herzen Wärme, er schafft Charismen der Güte und der Liebe, die die Welt erleuchten und uns eine Garantie für Güte Gottes sind. Ja, Christus lebt mit uns und wir können auch heute glücklich sein.“ Und nun zitierte Benedikt XVI. die Bitte des Roncalli-Papstes, die Zärtlichkeit Gottes den Kindern weiterzugeben.

    Mit diesem Fackelzug auf den Petersplatz endete am vergangenen Donnerstag ein historischer Tag in Rom. Vor einem halben Jahrhundert war Johannes XXIII. in einem Tragsessel über den Petersplatz getragen worden. An diesem Vormittag hingegen fuhr Papst Benedikt im offenen weißen Jeep auf den Sagrado vor dem Petersdom, um mit einem feierlichen Gottesdienst das „Jahr des Glaubens“ zu eröffnen. Ein großes Evangeliar, ähnlich dem, das beim Konzil Verwendung fand, wurde am Schluss der Messe feierlich inthronisiert, ein Hinweis auf die zentrale Bedeutung der Heiligen Schrift für das Leben der Kirche. Mehrere hundert Bischöfe konzelebrierten mit dem Papst – vor allem die Teilnehmer der Bischofssynode zur Neuevangelisierung. An der Feier nahmen aber auch der anglikanische Primas Rowan Williams und das Ehrenoberhaupt der orthodoxen Christen, Patriarch Bartholomäus I. aus Istanbul teil. Vierzehn der 69 noch lebenden – und ehemals über zweitausend – Konzilsväter hatten es ebenfalls geschafft, der Einladung des Papstes zu folgen, noch einmal nach Rom zukommen. Die restlichen 55 von ihnen sind inzwischen zu schwach und gebrechlich für die lange Reise.

    „Herr, ich glaube – stärke unseren Glauben!“ Zum ersten Mal erklang auf dem Petersplatz die eigens für diesen Anlass komponierte und offizielle Hymne des Glaubensjahres. Wie vor einem halben Jahrhundert bei der Konzilseröffnung gab es auch an diesem Donnerstag, allerdings bei strahlendem Sonnenschein, eine Bischofsprozession durch das Bronzetor des Vatikans und bis zur Altarinsel vor der Basilika. „Auf diesem Platz“, sollte später Patriarch Bartholomäus in einem Grußwort sagen, „hat eine ausdrucksstarke Feier das Herz und den Geist der römisch-katholischen Kirche sichtbar werden lassen. In den letzten fünfzig Jahren haben wir liebevoll, aber auch mit Enthusiasmus an die persönlichen Diskussionen gedacht, die wir mit Bischöfen und Theologenexperten während unserer Ausbildung als junger Student am Päpstlichen Orientalischen Institut geführt haben, wie auch an unsere Teilnahme an einigen besonderen Sitzungen des Konzils. Wir sind Augenzeugen dafür, wie die Bischöfe mit einem gestärkten Sinn für Kontinuität die Gültigkeit der Tradition und des Glaubens bekräftigt haben. Es war eine verheißungsvolle Zeit, reich an Hoffnung – sowohl im Innern wie außerhalb Ihrer Kirche“. Auch für die orthodoxen Christen, meinte der Patriarch weiter, sei das eine „Epoche des Wandels und der Erwartungen gewesen“. Das Zweite Vatikanum habe bei den Orthodoxen die Vorbereitungen zu einem eigenen Panorthodoxen Konzil in Gang gebracht, zu dem es bislang allerdings noch nicht gekommen sei. In den letzten fünfzig Jahren hätten die Christen einiges erreicht: Rückkehr zu den Quellen, Rückbesinnung auf die Kirchenväter, mehr ökumenischer Dialog.

    „Unser Weg ist nicht immer leicht gewesen, und es fehlten nicht Momente des Leids oder der Herausforderungen. Wir wissen ja, „wie eng das Tor ist und wie schmal der Weg“, meinte Bartholomäus. „Die grundlegende Theologie und die Hauptthemen des Zweiten Vatikanischen Konzils – das Geheimnis der Kirche, die Heiligkeit der Liturgie und die Autorität des Bischofs – sind schwer in der Praxis anzuwenden, und es ist dafür ein lebenslanges Bemühen der ganzen Kirche notwendig. Daher sollte die Tür offen bleiben für eine tiefere Annahme und einen größeren pastoralen Einsatz und für ein immer tieferes Verständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils. Wir gehen gemeinsam diesen Weg weiter.“ Papst und Patriarch zeigten am vergangenen Donnerstag eine Eintracht, wie sie 1962, zum Beginn des Konzils, noch völlig undenkbar gewesen wäre. Es war zumindest an diesem Morgen die vielleicht sichtbarste Frucht des Zweiten Vatikanums: eine neue Einheit der römischen Kirche mit der orthodoxen Welt, wie sie davor fast tausend Jahren undenkbar schien.