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    „Wir sind in Deutschland mit Manchem weiter“

    Ein Gespräch mit dem Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. Von Kilian Martin

    Ein Mikrofon vor dem Logo der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) am 11. März 2019 in Lingen. Foto: Harald Oppitz (KNA)

    Herr Erzbischof, Sie haben in letzter Zeit häufiger betont, dass die Gläubigen sich in dieser Zeit nicht von der Kirche abwenden sollen. Das fällt jedoch vielen Laien zunehmend schwer. Haben Sie dafür Verständnis?

    Ja, das habe ich. Aber die Frage ist doch, wie man damit umgeht. Werde ich pessimistisch und resigniere? Oder sage ich: Es ist wie es ist, wir wollen die Vergangenheit ehrlich aufarbeiten und nach vorne gehen? Wenn mir etwas an der Kirche liegt, an der Botschaft Jesu Christi, deren Zeichen und Instrument die Kirche ja sein soll, dann muss ich mich aufmachen und mithelfen, dass es besser wird.

    Wie machen Sie den Menschen, die heute so hadern, Mut, bei der Kirche zu stehen?

    Man muss zuerst über den Wert und die Bedeutung der Botschaft reden und darüber, was und wie die Kirche dafür sein und wirken soll. Dann kann ich dafür werben, sich für diese Botschaft Jesu und der Kirche zu engagieren. Das wird dauern. Der Weg nach vorne ist sicher ein schwieriger Weg. Der heilige Paulus, der es auch nicht immer leicht hatte, schreibt im ersten Korintherbrief: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde.“ (1 Kor 9,16) Das muss in die Köpfe wieder hinein.

    Gehen Sie als Bischöfe den Gläubigen auf diesem Weg entschlossen genug voran?

    Wir könnten sicher noch mehr tun, aber die Bischöfe sind wirklich dran, den Weg der Erneuerung zu gehen. Das ist nicht immer leicht, weil es unterschiedliche Kräfte und Schwierigkeiten gibt. Wir wollen vorangehen mit den Gläubigen, auf die wir hören und mit denen wir zusammen arbeiten wollen. Wir bitten sie darum, um Jesu und seiner Sache Willen miteinander die Vergangenheit aufzuarbeiten und die Zukunft zu gestalten.

    Sie wurden von Ihren Mitbrüdern beauftragt, kanonistische Fragen der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals zu erörtern. Können Sie Ihren Mitbrüdern schon Ergebnisse präsentieren?

    Wir hatten dazu bereits einige Konsultationen mit Fachleuten. Ich werde der Bischofskonferenz einige Vorschläge unterbreiten, über die es Abstimmungen geben muss. Ich bin guter Hoffnung, dass das vorangeht. Es ist aber nur ein Beitrag, die Krise anzugehen. Andere sind ebenso wichtig!

    Sie treten persönlich für eine Verschärfung kirchlicher Strafvorschriften ein. Mit welchen Maßnahmen wollen Sie dabei vorangehen?

    Es geht zuerst um Präzisierung und um mehr Klarheit, um Verbindlichkeit und auch Schnelligkeit in der kirchenrechtlichen Behandlung von Missbrauchsfällen. Alle Delikte und Verbrechen sind zuerst Sache der zivilen Gerichtsbarkeit, mit der wir uneingeschränkt zusammenarbeiten wollen. Was wir nach einem zivilen Verfahren in einem kirchlichen Strafprozess und dann in einem Disziplinarverfahren zu tun haben, soll kirchenrechtlich besser geklärt werden.

    Wird in diesem Zusammenhang auch ein möglicher überdiözesanes Strafgericht eine Rolle spielen?

    Wir werden sicher überdiözesane Strafgerichte bekommen, die es in anderen Bereichen bereits gibt. Zum Beispiel sind alle zweiten Instanzen für Eheprozesse bei den Erzbistümern angesiedelt. Und es gibt auch jetzt schon Regionalgerichte in Deutschland und anderswo für die erste Instanz.

    Hat das Kirchenrecht beim Umgang mit sexuellem Missbrauch Lücken, oder geht es bei den diskutierten Reformen eher darum, ein Zeichen der Ernsthaftigkeit zu setzen?

    Es gibt Lücken. Das Recht ist immer in Entwicklung. Das muss so sein, weil das Leben sich entwickelt. Das Recht will auf der einen Seite die Freiheit des Einzelnen schützen und gutes Gemeinschaftsleben ermöglichen, sowie auf der anderen Seite das, was dem Einzelnen und der Gemeinschaft schadet, abwenden und ahnden. Das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft verändert sich. Dafür muss sich das Recht entwickeln. Wir sind jetzt an einem Punkt, wo wir in der Aufarbeitung des Missbrauchsgeschehens neue Aufgaben haben. Da muss das Recht entwickelt und Gesetzeslücken gefüllt werden.

    Daneben befasst sich die Bischofskonferenz derzeit auch intensiv mit der priesterlichen Lebensform. An dieser wurde in der jüngeren Vergangenheit viel Kritik geübt. Wie nehmen Sie das als geweihter Priester wahr?

    Wir müssen über die Ausbildung und die Lebensform der Priester nachdenken. Die zölibatäre Lebensform ist ein Gut. Ich habe mich bewusst für den Zölibat entschieden, nachdem ich erst andere Berufswünsche hatte. Ich wollte Arzt werden und hätte dann sicher auch geheiratet. Als ich mich entschieden habe, Priester zu werden, war für mich klar, dass das mit dem Zölibat verbunden ist. Er ist Gabe und Aufgabe. Er muss gelebt werden, wie auch jede Ehe gelebt werden muss, damit sie glücklich wird. Meine Geschwister und meine 30 Cousins und Cousinen sind alle verheiratet, deswegen glaube ich, mich auch ganz gut in Ehe und Familie auszukennen. Sakramentale Ehe und sakramentales Priestertum müssen dem Reich Gottes dienen.

    Ich sage aber auch: Ich könnte nicht so Priester und Bischof sein, wie ich es bin, wenn ich verheiratet wäre. Ehe und Familie bedeuten Verantwortung für den Ehepartner und die Kinder. Das fordert und dann kann man Manches nicht tun, was dem Zölibatären möglich ist, der ganz für den Dienst an Gott und an den Menschen frei ist oder sein soll.

    Stimmt der Vorwurf, dass gerade zölibatäre Kleriker durch ihre Ausbildung und Weihe einen besonderen Hang zur Macht haben?

    Wir müssen gut prüfen, wer geweiht wird. Unterschiedliche Menschen bringen immer verschiedene Motivationen mit. Die lange Ausbildungszeit ist auch dazu da, die Kandidaten zu prüfen. Ein Priester muss kommunikativ sein und zur Partizipation mit den anderen Gläubigen bereit sein, er soll eine reife Persönlichkeit in allen Bereichen sein und vor allen Dingen muss er das Amt annehmen, um den Menschen zu dienen, wie Jesus Christus es getan hat. Das Ziel allen priesterlichen Tuns ist es, den Menschen die Fülle des Lebens zu geben. Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10) Darum muss es auch jedem Priester gehen.

    Was ist das Problem dieser „klerikalen Macht“?

    Wenn einer sein Priesteramt für sich benutzt, um vor anderen zu glänzen oder ein gesichertes und bequemes Leben zu führen, ist das Klerikalismus. Wenn einer das Amt, das ihm für andere übertragen wurde, zu eigenen Zwecken und Gunsten ausnutzt, andere Menschen dafür von sich abhängig macht und diese für sich ausnutzt, ist das Amtsmissbrauch. Machtkontrolle durch Gewaltenteilung gehört auch dazu.

    Kardinal Reinhard Marx erklärte nach dem Kinderschutzgipfel im Vatikan, dass die Deutsche Bischofskonferenz bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals und seiner Ursachen weiter sei, als viele Teile der Weltkirche. Wie sehen Sie das?

    Wir sind in Deutschland in Manchem weiter. Andere Kirchen in der Welt entdecken jetzt erst, was wir schon vor zehn oder zwanzig Jahren gesehen haben. Da können wir helfen. In der Weltkirche ist es wichtig, dass jeder jedem seine Gaben und Kenntnisse mitteilt, um miteinander voranzukommen. Wichtig ist, dass wir alle unsere Aufgaben in Deutschland gut erfüllen und anderen Kirchen beistehen.

    Hat sich in der Weltkirche der Blick aufs Thema Missbrauch gewandelt?

    Durch den Gipfel im Vatikan ganz sicher. Wir wussten aber auch schon vorher, dass es zum Beispiel in Chile Missbrauch gegeben hat. Wir müssen als Weltkirche zusammenarbeiten, um alles aufzudecken. Für die Kirche ist die Wahrheit unabdingbar, „die Wahrheit macht frei“. Wir müssen zu dem stehen, was war und nichts vertuschen, nicht kleinreden, aber auch nicht aufbauschen. Hinschauen, urteilen und handeln, das ist unsere Christenpflicht. Dafür müssen wir Bischöfe mit den Gläubigen zusammenarbeiten und vor allem Fachleute einbeziehen.

    von kilian martin

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