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    „Wir sind Opfer, nicht Täter“

    Jahrelang führte ein Mitarbeiter der Diözese Eichstätt dubiose Geschäfte und setzte so 60 Millionen US-Dollar aufs Spiel. Von Maximilian Lutz

    Diözese Eichstätt informiert über Finanzskandal
    Aufklärer: Der Münchner Anwalt Ulrich Wastl und der Eichstätter Generalvikar Isidor Vollnhals sind mit der transparenten... Foto: dpa

    Zu großes Vertrauen, zu wenig Kontrolle. Mit diesen Worten lässt sich zusammenfassen, wie es zum nächsten Finanzskandal in einem deutschen Bistum kam. Diesmal sorgt die Diözese Eichstätt für Schlagzeilen. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Finanzdirektion hat zusammen mit einem Partner in den Vereinigten Staaten 60 Millionen US-Dollar in ungesicherte Darlehen an Immobiliengesellschaften investiert. Das entspricht etwa 48 Millionen Euro. Bei Darlehen in Höhe von etwa 21 Millionen Euro wäre bereits eine Rückzahlung fällig gewesen. Von dieser Summe hat das Bistum bis heute nur knapp zwei Millionen erhalten. Der Rest ist wohl unwiederbringlich verloren. Seit kurzem sitzen die beiden Beschuldigten in Haft. Da die laufenden Ermittlungen nun nicht mehr gefährdet werden können, trat das Bistum an die Öffentlichkeit. Am Dienstag stellte man sich im Eichstätter Ordinariat den Pressefragen.

    Wie konnte es so weit kommen, dass ein kleines Bistum in einem beschaulichen Winkel Bayerns mit Grundstücken im texanischen Dallas und in Florida spekuliert? Um das zu verstehen, muss man bis ins Jahr 2015 zurückblicken. Ironischerweise war es eine damals vom Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke initiierte „Transparenzoffensive“, im Zuge derer die intransparenten Geschäftspraktiken zutage gefördert wurden. Konkret bedeutet das vor allem folgendes: Die Finanzen der Diözese Eichstätt wurden nach den Richtlinien des Handelsgesetzbuchs (HGB), also nach handelsrechtlichen Grundlagen, erfasst.

    Bei dem Prozess standen dem Bistum eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sowie eine Anwaltskanzlei zur Seite. Im Mai 2016 stieß man auf die ersten Ungereimtheiten: „Zu 31 Darlehen an eine US-amerikanische Projektgesellschaft im Immobilienbereich tauchten intensive Rückfragen auf“, berichtet der Rechtsanwalt Ulrich Wastl, der die Transparenzoffensive von Anfang an begleitete. Nach weiteren Recherchen habe sich herausgestellt, dass die Darlehen überwiegend nicht gesichert seien, was bedeutet, dass keine Grundschuld hinterlegt worden ist. Schon die Rahmenbedingungen der Darlehen machten stutzig: Zwei bis fünf Jahre Laufzeit bei einer Verzinsung von sieben bis zehn Prozent, Rückzahlungen waren jedoch erst nach Ende der Laufzeit fällig. „Im Januar 2017 waren wir uns sicher: Es handelt sich um strafrechtlich relevantes Verhalten“, so Wastl. Untreue, Bestechung und Bestechlichkeit wird dem Mitarbeiter der Diözese vorgeworfen, der die Finanzgeschäfte tätigte. Als im Mai 2017 dann die ersten fälligen Rückzahlungen in Höhe von 21 Millionen Euro nicht geleistet wurden, erstattete Bischof Hanke Strafanzeige. Ob die übrige investierte Summe tatsächlich verloren ist, lasse sich momentan noch nicht mit Sicherheit sagen, so Wastl. Es sei jedoch davon auszugehen.

    Das Bistum Eichstätt will weder Namen noch Position der Beschuldigten und weiterer Verantwortlicher an die Öffentlichkeit geben. Medienberichten zufolge soll es sich jedoch um den ehemaligen stellvertretenden Finanzdirektor Stefan W. und dessen Partner in den USA handeln, der als Projektentwickler im Immobilienbereich tätig war. „Ich habe die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass das Vertrauen in einen Mitarbeiter schwer enttäuscht wurde“, äußert sich Isidor Vollnhals, der Generalvikar des Bistums. Im September 2016 habe man sich von dem Mitarbeiter, der kein Geistlicher gewesen sei, getrennt. Berichten der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge, die zusammen mit einem Rechercheteam von NDR und WDR in der Causa intensive Nachforschungen anstellte, seien die Beschuldigten „besonders dreist vorgegangen“. Die Ermittlungen förderten zutage, dass der Eichstätter Mitarbeiter selbst an den Immobilienfirmen in den USA beteiligt war. Die Darlehen flossen quasi in seine eigene Tasche.

    Ein Sechstel der Rücklagen stehen auf dem Spiel

    Rechtsanwalt Wastl bestätigt, dass es sich bei den investierten 60 Millionen US-Dollar um ein Sechstel des Vermögenshaushalts des Bistums handelt. Doch er beschwichtigt sogleich: Der drohende Verlust der hohen Summe führe nicht zu finanziellen Engpässen im Bistum. Denn das Geld im Vermögenshaushalt sei nicht Teil des laufenden Budgets, sondern gehörte zu den Rücklagen, mit denen eigentlich langfristige finanzielle Aufgaben erfüllt werden sollen. „Einnahmen aus der Kirchensteuer sind nicht investiert worden.“ Die Finanzierung von Bistumsprojekten sei nicht gefährdet, auch Pensionen seien gesichert, so Wastl. Niemand verliere seine Stelle. Und er betont: „Wir sind Opfer, nicht Täter.“ Trotz dieser Beteuerung bleibt die Frage, wie niemandem in der Finanzverwaltung des Bistums auffallen konnte, welch dubiose Geschäfte ein einzelner Mitarbeiter zum Abschluss brachte. Zumal der Finanzdirektor stets seine Unterschrift unter alle abgeschlossenen Verträge setzen musste. Diese seien jedoch in englischer Sprache und nach texanischem Recht abgefasst gewesen, räumt Wastl gegenüber dieser Zeitung ein. „Das Vier-Augen-Prinzip hat versagt, weil zu sehr vertraut wurde.“ Das Bistum ist bemüht, zur Person des damaligen Finanzdirektors keine Angaben zu machen. Im Amt war zu diesem Zeitpunkt jedoch Willibald Harrer. Mit Wirkung zum 31. Dezember 2016 trat er von seinem Amt als bischöflicher Finanz- und Baudirektor zurück. Der Rücktritt soll zwar nicht unmittelbar in Verbindung mit den rechtswidrigen Geschäftspraktiken seines Stellvertreters gestanden haben. Harrer habe jedoch erkannt, dass er einem Strukturwandel Raum schaffen wolle, erklärt Pressesprecher Swientek im Gespräch mit der „Tagespost“. Zum Zeitpunkt seines Rücktritts habe man gewusst, dass fragwürdige Geschäfte getätigt worden seien, so Swientek. „Dass sie krimineller Natur waren, war damals noch nicht klar.“ Generalvikar Vollnhals übernahm ab Januar 2017 kommissarisch die Aufgaben des Finanzdirektors.

    Der drohende Verlust des Geldes und die damit verbundenen Negativschlagzeilen sind schmerzhaft für die Diözese Eichstätt. Und sie lenken ab von der Transparenzoffensive, mit der ursprünglich das Vertrauen in die Finanzen gestärkt werden sollte. „Es ist schade für die Wirkung der Transparenzoffensive nach Außen, dass solche Praktiken ans Licht kommen“, so Generalvikar Vollnhals im Gespräch mit dieser Zeitung. Jedoch könne man froh sein, im Zuge der Offensive überhaupt auf die Vorgänge gestoßen zu sein. Er wolle sich gar nicht ausmalen, was sonst passiert wäre. Rechnet er nun mit einem geringeren Spendenaufkommen, da viele Gläubige das Vertrauen in das Wirtschaften des Bistums verloren haben könnten? „Natürlich ist diese Befürchtung da. Deshalb ja auch die tiefe Betroffenheit und Fassungslosigkeit.“ Eine „Charmeoffensive“ brauche es jedoch nicht. „Eine sachliche, nüchterne und transparente Aufklärung der Vorgänge ist Charmeoffensive genug“, so Vollnhals.

    Die Verantwortlichen im Bistum sind davon überzeugt, dass die begonnene Neustrukturierung von Haushalt und Finanzen dafür sorgen wird, dass sich ein solcher Fall nicht mehr wiederholt. Von nun an, so Wastl, gebe es eine „externe Innenrevision“: Eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und Unternehmensberatung stehen dem Ordinariat zur Seite. Zudem bereite man ein Statut zur Neuordnung diverser Diözesan-Gremien vor. Und der Anwalt hebt ein weiteres Anliegen des Bischofs hervor: „In Zukunft sollen Geistliche von der Kontrolle des Vermögens ferngehalten werden.“

    Und das Bistum hat eine weitere Neuerung zu verkünden, die insbesondere bei Generalvikar Vollnhals für große Erleichterung sorgt: Florian Bohn wird neuer Finanzdirektor der Diözese. Der gebürtige Münchner ist in Eichstätt kein Unbekannter: An der dortigen Universität studierte er Betriebswirtschaftslehre. Zudem absolvierte er eine Zusatzausbildung mit Blickrichtung auf sozialethische Führungsqualitäten. Ab Anfang April soll der 39-Jährige seine Tätigkeit im Bischöflichen Ordinariat übernehmen, ab 01. Oktober will man ihn zum Diözesanökonom ernennen. „Ich werde dadurch von einer beträchtlichen Zusatzlast befreit. Daher ist das für mich eine frohe Botschaft“, verkündet Generalvikar Vollnhals. Und auch Rechtsanwalt Wastl sieht in der Ernennung einen Schritt in die richtige Richtung. Zu lange habe man an kirchenüblichen Strukturen festgehalten. „Vertrauen ersetzte Kontrolle“, so Wastl. Mit der Umstrukturierung und der Neubesetzung der Stelle wolle man nun signalisieren: „Vertrauen lässt Kontrolle jederzeit zu.“

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