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    „Wir können nicht die eine gemeinsame Kirche werden“

    Johan Tyrberg (geb. 1963) ist seit zwei Jahren Bischof von Lund. In der Kathedrale seines Bistums wird am kommenden Montag die Gedenkfeier zum Auftakt des 500. Jahrestages der Reformation stattfinden, zu der Papst Franziskus gemeinsam mit dem Lutherischen Weltbund einlädt. Neben dem Papst werden Vertreter der römischen Kurie sowie katholischer und lutherischer Gemeinschaften und Organisationen und der 145 Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes anwesend sein. Auch das schwedische Königspaar Carl XVI. Gustav und Königin Silvia wird zur Gedenkfeier im Dom zu Lund erwartet. Der Dom wurde 1145 geweiht und ist damit die älteste Kathedrale Skandinaviens. Nach der Reformation um 1530 wurde das damals zu Dänemark gehörige Erzbistum Lund zunächst Sitz eines Superintendenten. Nach dem Frieden von Roskilde im Jahr 1658 kam die Region Schonen, zu der Lund gehört, zu Schweden, und Lund wurde als Bistum in die Schwedische Kirche eingegliedert. Johan Tyrberg ist in nachreformatorischer Zeit der 15. Bischof von Lund.

    Bischof Johan Tyrberg sieht Ökumene nicht nur als Frage der Theologie, sondern auch der Persönlichkeit. Foto: Pressedienst Bistum Lund

    Johan Tyrberg (geb. 1963) ist seit zwei Jahren Bischof von Lund. In der Kathedrale seines Bistums wird am kommenden Montag die Gedenkfeier zum Auftakt des 500. Jahrestages der Reformation stattfinden, zu der Papst Franziskus gemeinsam mit dem Lutherischen Weltbund einlädt. Neben dem Papst werden Vertreter der römischen Kurie sowie katholischer und lutherischer Gemeinschaften und Organisationen und der 145 Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes anwesend sein. Auch das schwedische Königspaar Carl XVI. Gustav und Königin Silvia wird zur Gedenkfeier im Dom zu Lund erwartet. Der Dom wurde 1145 geweiht und ist damit die älteste Kathedrale Skandinaviens. Nach der Reformation um 1530 wurde das damals zu Dänemark gehörige Erzbistum Lund zunächst Sitz eines Superintendenten. Nach dem Frieden von Roskilde im Jahr 1658 kam die Region Schonen, zu der Lund gehört, zu Schweden, und Lund wurde als Bistum in die Schwedische Kirche eingegliedert. Johan Tyrberg ist in nachreformatorischer Zeit der 15. Bischof von Lund.

    Herr Bischof, am kommenden Montag werden Sie in Ihrer Kathedrale Gastgeber eines historischen Moments der Kirchengeschichte sein: dem Gemeinsamen Gedenken an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren, zu dem Papst Franziskus und der Lutherische Weltbund einladen. Freuen Sie sich auf den hohen Besuch aus Rom?

    Ja, ich freue mich sehr. Das ist eine Ehre, dass es hier in Lund stattfindet.

    Warum wurde Lund als Ort dieses Gedenkens ausgewählt? Viele Menschen, vor allem in Deutschland, hätten ja eher mit Wittenberg gerechnet.

    Ja, das stimmt. In Wittenberg hat die Reformation angefangen, aber heute ist die Reformation international, und der Lutherische Weltbund wurde in Lund gegründet. Ich glaube, deswegen haben der Vatikan und der Lutherische Weltbund Lund ausgewählt.

    Sind Sie Papst Franziskus schon einmal persönlich begegnet?

    Nein, noch nicht.

    Was hat sich seit dem Besuch Papst Johannes Pauls II. 1989 in Schweden verändert?

    Wir haben heute eine Frau als Erzbischof und zwei weitere weibliche Bischöfe. Auch die ökumenische Landschaft hat sich verändert. Es gibt mehr Offenheit in der Öffentlichkeit.

    Dies ist das erste Reformationsgedenken, das im Zeitalter der Ökumene stattfindet. Während frühere Jahrhundertfeiern der Reformation davon geprägt waren, dass man die konfessionellen Unterschiede betonte, wird heute nach Gemeinsamkeiten gesucht, um die Kirchenspaltung zu überwinden. Halten Sie das für den richtigen Weg?

    Ja, ich hoffe sehr, dass jetzt Versöhnung und Absolution im Vordergrund stehen. Die lutherische Kirche und die katholische Kirche haben beide einander viele harte Dinge gesagt und gegeneinander gehandelt. Jetzt ist es an der Zeit, Frieden zu schließen und den Frieden aufzubauen. Darum muss es heute gehen: um Versöhnung und gegenseitigen Respekt, um Christus in beiden Kirchen gegenseitig zu erkennen.

    Die Ökumenische Bewegung hat gerade durch Christenverfolgungen Auftrieb erhalten. Ist das Kreuz Christi ein zentraler Punkt zur Überwindung der Kirchenspaltung?

    Das glaube ich bestimmt, ja. Je näher man Christus kommt, desto näher kommt man zueinander. Und das Kreuz steht natürlich im Zentrum unseres Glaubens, im katholischen ebenso wie im evangelischen Glauben und im orthodoxen Glauben. Durch das Kreuz sind wir vereint, das glaube ich bestimmt.

    Christus hat ja nicht an irgendeinem Punkt seines Wirkens für die Einheit gebetet, sondern am Ölberg, in der Nacht vor seinem Leiden…

    Ja, genau. Vor seiner Gefangennahme hat er mit seinen Jüngern gebetet – im Johannesevangelium, Kapitel 17. Dort hat er auch um die Einheit gebetet. Das war unmittelbar vor seiner Gefangennahme.

    Die internationale Lutherisch/römisch-katholische Kommission für die Einheit hat zum Reformationsgedenken einen Bericht mit dem Titel „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ herausgegeben. Hier wird – ganz im Sinne von Papst Franziskus – unter anderem auf das gemeinsame Zeugnis der Nächstenliebe als wichtiges Element bei der Suche nach Einheit verwiesen. Wie sieht dieses gemeinsame Zeugnis in Schweden aus?

    Jetzt vor dem Papstbesuch gibt es ein Jugendlager mit Jugendlichen aus der evangelischen und aus der katholischen Kirche in Schweden. Dort wird man über dieses gemeinsame Dokument sprechen. Ich glaube, das ist ein Zeichen dafür, wie man in beiden Kirchen arbeitet. Das ist natürlich unterschiedlich. In einigen Gemeinden geht es sehr gut, in anderen ist es eher schwierig. Das liegt daran, dass wir Menschen sind und wie wir als Menschen funktionieren. Mit einigen katholischen Klöstern in der Nähe von Lund habe ich sehr gute Kontakte, mit anderen habe ich nicht so gute Kontakte. Da geht es natürlich auch um Fragen der Persönlichkeit, nicht nur um Theologie.

    Ich denke auch an karitative Unternehmungen, etwa in der Flüchtlingshilfe.

    Ja, zum Beispiel muss man ein Ticket kaufen, um im Stadion von Malmö dabei zu sein, wenn der Papst kommt. Und alle Einnahmen gehen in ein gemeinsames Projekt in Syrien, um den Flüchtlingen zu helfen. Besonders auf internationaler Ebene gibt es mehrere Projekte, in denen evangelische und katholische Christen zusammenarbeiten.

    Während sich die katholische Kirche durch das Zweite Vatikanische Konzil zur Ökumene hin geöffnet hat, gab es in der evangelisch-lutherischen Kirche zur selben Zeit und später Entwicklungen, die diese Öffnung erschwert haben. Schon 1958 wurde die Frauenordination eingeführt, später dann die Segnung und seit 2009 sogar die kirchliche Trauung gleichgeschlechtlicher Paare. Diese Liberalisierungstendenzen führten im Jahr 2003 zur Abspaltung konservativer Teile der Kirche, die sich in der „Schwedischen Missionsprovinz“ zusammentaten, also zu einer weiteren Kirchenspaltung. Ist auf diesem Hintergrund die Wiederherstellung der vollen Einheit mit der katholischen Kirche auf kurze Sicht überhaupt denkbar? Da gibt es ja große Lehrunterschiede…

    Ja, es gibt große Unterschiede, und es gibt kleine Unterschiede. Wir werden nicht die eine gemeinsame Kirche werden. Das glaube ich nicht. Aber wir können einander trotzdem als christliche Kirchen anerkennen und Respekt füreinander haben. Es gibt, wie Sie gerade gesagt haben, Dinge in der evangelischen Kirche, mit denen die Katholiken große Probleme haben, und es gibt Dinge in der katholischen Kirche, mit denen die Lutheraner große Probleme haben. Aber wir können trotzdem Respekt füreinander haben und eine gemeinsame Zukunft suchen. Auch wenn wir nicht die eine gemeinsame Kirche werden, denn das ist schwierig.

    Aber die Kirche ist ja der eine Leib Christi, ist das nicht ein Problem?

    Nein. Ich glaube, wir können eine Kirche sein, ohne eine gemeinsame Organisation zu sein. Die orthodoxe Kirche ist auch eine christliche Kirche; sie gehört auch zur Einheit in Christus. Aber wir sind verschiedene Organisationen, wir haben eine unterschiedliche Liturgie. Zwar gibt es verschiedene Sachen, mit denen wir gegenseitig Probleme haben, aber genauso ist es auch innerhalb der Kirchen. Es gibt verschiedene Bewegungen in der Schwedischen Kirche, und es gibt auch verschiedene Bewegungen in der katholischen Kirche.

    Könnten Sie sich eine Anerkennung des Papstamtes durch die Schwedische Kirche vorstellen? Wie müsste ein solches Papstamt beschaffen sein?

    Das ist eine schwere Frage. Der Papst ist Bischof von Rom, er ist der Nachfolger Petri, und er ist historisch „primus inter pares“. Aber in der katholischen Kirche ist er auch Vikar Christi. Und wir würden in der lutherischen Kirche sagen: Alle Bischöfe sind apostolisch eingeführt, apostolisch geweiht. Das ist eine große theologische Frage. Aber noch einmal: Respekt und Anerkennung in den verschiedenen Kirchen, das geht.