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    Wie man mit einem Papst spricht

    Interviews und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemachte Gespräche mit Päpsten sind keine Phänomene der unmittelbaren Vergangenheit. Sie haben ihr bisher unerreichtes Vorbild in Jean Guittons „Dialog mit Paul VI.“. Jean Guitton (1901–1999), Philosoph, Schriftsteller und Mitglied der Académie française, war von Johannes XXIII. als einer der wenigen Laienbeobachter zum Zweiten Vatikanischen Konzil geladen worden und hatte auf den ausdrücklichen Wunsch Papst Pauls VI. hin, im Dezember 1963 zu den Konzilsvätern über die Ökumene gesprochen. Mit dem engagierten Katholiken fand sich der Montini-Papst auf vielfältige Weise verbunden. Beide kamen aus einem großbürgerlichen, weltoffenen Milieu, waren tief im katholischen Glauben verwurzelt und von einer philosophischen Sicht der Dinge durchdrungen; beide kannten sich schon seit dem Jahre 1950 und standen seitdem in Kontakt.

    Interviews und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemachte Gespräche mit Päpsten sind keine Phänomene der unmittelbaren Vergangenheit. Sie haben ihr bisher unerreichtes Vorbild in Jean Guittons „Dialog mit Paul VI.“. Jean Guitton (1901–1999), Philosoph, Schriftsteller und Mitglied der Académie française, war von Johannes XXIII. als einer der wenigen Laienbeobachter zum Zweiten Vatikanischen Konzil geladen worden und hatte auf den ausdrücklichen Wunsch Papst Pauls VI. hin, im Dezember 1963 zu den Konzilsvätern über die Ökumene gesprochen. Mit dem engagierten Katholiken fand sich der Montini-Papst auf vielfältige Weise verbunden. Beide kamen aus einem großbürgerlichen, weltoffenen Milieu, waren tief im katholischen Glauben verwurzelt und von einer philosophischen Sicht der Dinge durchdrungen; beide kannten sich schon seit dem Jahre 1950 und standen seitdem in Kontakt.

    Nach der Wahl Giovanni Battista Montinis zum Oberhaupt der katholischen Kirche wollte Jean Guitton Person und Anliegen des neuen Papstes literarisch vorstellen, in einem Dialog mit dem Pontifex, der das Gespräch mit allen zu seinem Programm gemacht hatte, „doch trotz meines lebhaften Wunsches, ein lebendiges Porträt zu schaffen, empfand ich immer wieder, dass es doch wohl unmöglich wäre, dem Papst so das Wort zu erteilen“.

    Auch kamen Guitton Zweifel, ob er der geeignete Mann für ein solches Wagnis sei. Aber „stärker als die Bescheidenheit war die innere Stimme: Leg Zeugnis ab von verborgener Größe. Stell das Licht nicht unter den Scheffel. Sei nicht die Wolke, die verhindert, dass man die Stadt von der Höhe aus sieht“.

    Der Philosoph gestand ein: „Niemand kann vorgeben, den Papst zu kennen. Die Einsamkeit und das Geheimnis, das ihn umgeben, verlangen von ihm eine größere Diskretion als von jeder anderen hochgestellten Persönlichkeit. Mehr als andere ist er zu einer universalen Liebe verpflichtet und muss jedes allzu menschliche Wort, jedes allzu einseitige Urteil unterdrücken, er ist zu jener wachsamen Höflichkeit verhalten, die eine kostbare Form der Liebe darstellt. Und trotzdem bleibt jeder Papst er selbst. Er behält seine Persönlichkeit, seine Sympathien und Antipathien, seinen Charakter. Dadurch drückt er seinem Amt den Stempel des Menschlichen auf.“

    Auf höchstem Niveau führte der Papst mit Jean Guitton Zwiegespräche über die drängenden Fragen der Gegenwart – Konzil, Atheismus, Weltpolitik, Theologie, Priestertum, eheliche Liebe, moderne Kunst. Entgegen vatikanischen Geflogenheiten stimmte Paul VI. deren Veröffentlichung zu. Als der französische Philosoph dem Papst das Manuskript zur Durchsicht zugeschickt hatte, erhielt er aus dem Vatikan ein Telegramm mit den Worten: „Nimis bene de Nobis scripsisti – Allzugut hast Du über Uns geschrieben“. Und der damalige Erzbischof von Wien, Kardinal Franz König, versicherte Jean Guitton: „Sie haben die sensible und reichbegabte Persönlichkeit Pauls VI. porträtiert, so dass jeder Leser diesen Mann nicht nur liebgewinnen muss, sondern auch erkennt – davon bin ich persönlich tief überzeugt – , dass er der von der Vorsehung bestimmte Mann war, der das Schifflein Petri mit sicherer Hand durch unruhige Zonen in neue Weiten steuerte, deren Horizonte verheißungsvoll in der Ferne leuchten.“

    Am 19. Oktober 2014 wird Paul VI. von Papst Franziskus zur Ehre der Altäre erhoben werden. Selbst vielen Katholiken ist der Mann, der von 1963 bis 1978 auf dem Stuhl des heiligen Petrus saß, ein Unbekannter. Die Lektüre von Jean Guittons „Dialog mit Paul VI.“ kann eine kaum zu überschätzende Hilfe sein, den Papst des Zweiten Vatikanischen Konzils, des Dialogs, einer Zeit, die für Kirche und Welt mehr als bewegend war, zu verstehen – oder sich ihm zumindest zu nähern.