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    Wie man die Barmherzigkeit erlangt

    Drei lange und ausgearbeitete Betrachtungen über die Spiritualität der Seelsorger: In den römischen Basiliken San Giovanni in Laterano, Santa Maria Maggiore und San Paolo fuori le Mura hat Papst Franziskus zu mehreren tausend Priestern gesprochen – als Auftakt zum Heiligjahr-Treffen der geweihten Hirten. Aus allen Teilen der Welt waren sie gekommen, unter ihnen Kardinäle und Bischöfe. Die drei Basiliken waren über Video-Konferenzschaltung verbunden, so dass alle den Papst sehen und hören konnten, der abwechselnd die drei großen römischen Kirchen aufsuchte und dort jeweils einen Vortrag hielt. Die Betrachtungen zu diesem außergewöhnlichen Einkehrtag, dem am Freitag zum Hochfest des Allerheiligsten Herzens Jesu die Messe auf dem Petersplatz folgte, sind zu lang, als dass sie an dieser Stelle in vollem Umfang dokumentiert werden können. Aber Franziskus war in seinem Element. Und so sollen Auszüge aus den drei Meditationen helfen, die Anliegen, Erfahrungen und Ratschläge nachzuvollziehen, die der Papst den Priestern mit auf den Weg geben wollte:

    Pope leads Mass for Priests' Jubilee
    Die Priester und ihr Papst: Massen-Konzelebration mit dem Papst beim gestrigen Herz Jesu-Fest auf dem Petersplatz. Foto: dpa

    Drei lange und ausgearbeitete Betrachtungen über die Spiritualität der Seelsorger: In den römischen Basiliken San Giovanni in Laterano, Santa Maria Maggiore und San Paolo fuori le Mura hat Papst Franziskus zu mehreren tausend Priestern gesprochen – als Auftakt zum Heiligjahr-Treffen der geweihten Hirten. Aus allen Teilen der Welt waren sie gekommen, unter ihnen Kardinäle und Bischöfe. Die drei Basiliken waren über Video-Konferenzschaltung verbunden, so dass alle den Papst sehen und hören konnten, der abwechselnd die drei großen römischen Kirchen aufsuchte und dort jeweils einen Vortrag hielt. Die Betrachtungen zu diesem außergewöhnlichen Einkehrtag, dem am Freitag zum Hochfest des Allerheiligsten Herzens Jesu die Messe auf dem Petersplatz folgte, sind zu lang, als dass sie an dieser Stelle in vollem Umfang dokumentiert werden können. Aber Franziskus war in seinem Element. Und so sollen Auszüge aus den drei Meditationen helfen, die Anliegen, Erfahrungen und Ratschläge nachzuvollziehen, die der Papst den Priestern mit auf den Weg geben wollte:

    Von der beschämten Würde zur Würde der Beschämung

    Verweilen wir bei jener „beschämten Würde“ dieses verlorenen und bevorzugten Sohnes. Wenn wir uns mit innerer Gelassenheit darum bemühen, unser Herz zwischen diesen beiden Extremen – der Würde und der Beschämung – zu halten, ohne eines von ihnen zu vernachlässigen, können wir vielleicht spüren, wie das Herz unseres himmlischen Vaters schlägt. Dann können wir uns vorstellen, dass die Barmherzigkeit daraus hervorströmt wie Blut. Dass er aufbricht, uns zu suchen – uns Sünder –, dass er uns an sich zieht, uns reinigt und uns erneuert wieder aussendet an alle Peripherien, damit wir allen Barmherzigkeit erweisen. Sein Blut ist das Blut Christi, das Blut des neuen und ewigen Bundes der Barmherzigkeit, das für uns und für alle vergossen wurde zur Vergebung der Sünden. Dieses Blut betrachten wir, wie es in sein und des Vaters Herz hineinfließt und aus ihm hervorströmt. Es ist unser einziger Schatz, der einzige, den wir besitzen, um ihn der Welt zu geben: das Blut, das alles und alle reinigt und versöhnt. Das Blut des Herrn, der die Sünden vergibt. Das Blut, das wirklich ein Trank ist und das, was aufgrund der Sünde tot ist, auferweckt und ihm Leben gibt.

    In unserem ruhigen Beten, das von der Beschämung zur Würde und von der Würde zur Beschämung geht, erbitten wir die Gnade, diese Barmherzigkeit als grundlegend für unser ganzes Leben zu empfinden; die Gnade, zu spüren, wie der Herzschlag des Vaters sich mit dem unsrigen verbindet. Es genügt nicht, die Barmherzigkeit Gottes wie eine Geste zu empfinden, die er hin und wieder tut, indem er uns irgendeine große Sünde vergibt, und im Übrigen bügeln wir die Dinge allein und selbstständig wieder aus.

    Der heilige Ignatius schlägt ein für seine Zeit typisches Bild aus der Welt des Rittertums vor; da aber die Loyalität unter Freunden ein immerwährender Wert ist, kann es uns hilfreich sein. Er sagt, dass wir, um „Verwirrung“ und Beschämung wegen unserer Sünden zu empfinden (ohne das Gefühl für die Barmherzigkeit zu verlieren), uns eines Beispiels bedienen können: Stellen wir uns vor, dass „ein Ritter vor seinen König und dessen ganzen Hof tritt, beschämt und verwirrt, weil er ihn, von dem er zuvor viele Gaben und viele Gunsterweise empfangen hat, sehr beleidigt hat“ (Geistliche Übungen, 74). Wenn wir aber der Dynamik des verlorenen Sohns auf dem Fest folgen, stellen wir uns diesen Ritter vor wie einen, der nicht etwa vor allen beschämt wird, sondern dem der König stattdessen überraschenderweise die Hand reicht und ihm seine Würde zurückgibt. Und wir sehen, dass er ihn nicht nur einlädt, ihm in seinem Kampf zu folgen, sondern dass er ihn an die Spitze seiner Kameraden setzt. Mit welcher Demut und welcher Treue wird dieser Ritter ihm von nun an folgen!

    Ob man sich nun wie der gefeierte verlorene Sohn fühlt oder wie der untreue Ritter, der zum Vorgesetzten ernannt wurde –, das Wichtige ist, dass jeder sich in die fruchtbare Spannung begibt, in die die Barmherzigkeit des Herrn uns stellt: nicht nur als Sünder, die Vergebung erlangt haben, sondern als Sünder, denen Würde verliehen wurde. (...)

    Unsere Heiligen haben die Barmherzigkeit empfangen

    Es kann uns gut tun, auf andere zu schauen, die sich ihr Herz durch die Barmherzigkeit haben neu erschaffen lassen, und zu sehen, in welchem „Sammelbecken“ sie die Barmherzigkeit empfangen haben.

    Paulus empfängt sie in dem harten und unflexiblen Behälter seines vom Gesetz geprägten Urteils. Seine Härte im Urteil trieb ihn dazu, ein Verfolger zu sein. Die Barmherzigkeit verwandelt ihn so, dass er einer wird, der sich auf die Suche nach den Fernsten begibt – nach denen mit der heidnischen Mentalität – und zugleich der Verständnisvollste und Barmherzigste gegenüber denen ist, die so sind, wie er war. Paulus wünschte sich, als verflucht zu gelten, wenn er nur die Seinen retten könnte. Sein Urteil festigt sich, indem er „nicht einmal über sich selbst urteilt“, sondern sich von einem Gott rechtfertigen lässt, der größer ist als sein Gewissen, und indem er sich auf Jesus Christus beruft, der ein treuer Fürsprecher ist und von dessen Liebe nichts und niemand ihn trennen kann. Paulus hat eine ausgesprochen radikale Auffassung von der bedingungslosen Barmherzigkeit Gottes: Sie überwindet die grundlegende Verwundung, durch die wir zwei Gesetzen unterliegen (dem des Fleisches und dem des Geistes). In dieser Radikalität drückt sich ein Geist aus, der ein feines Empfinden für die Absolutheit der Wahrheit hat und gerade dort verletzt ist, wo das Gesetz und das Licht zur Falle werden. Der berühmte „Stachel“, von dem der Herr ihn nicht befreit, ist das Sammelbecken, in dem Paulus die Barmherzigkeit Gottes empfängt (vgl. 2 Kor 12,7). Petrus empfängt die Barmherzigkeit in seiner Anmaßung eines vernünftigen Mannes. Er war vernünftig mit dem soliden und erprobten gesunden Menschenverstand eines Fischers, der aus Erfahrung weiß, wann man fischen kann und wann nicht. Es ist die Vernunft dessen, der, wenn er beim Gang über das Wasser und angesichts des wunderbaren Fischfangs in Begeisterung gerät und zu sehr auf sich selber schaut, den Einzigen um Hilfe zu bitten weiß, der ihn retten kann. Dieser Petrus ist in der tiefsten Wunde geheilt worden, die man haben kann: derjenigen, den Freund zu verleugnen. Vielleicht steht die Zurechtweisung des Paulus, als er ihm seine Heuchelei vorwirft, damit im Zusammenhang. Es mag so scheinen, als habe Paulus das Gefühl gehabt, der Schlimmste gewesen zu sein, bevor er Christus kannte; Petrus aber hatte Christus verleugnet, nachdem er ihn gekannt hatte… Doch die Tatsache, gerade darin geheilt worden zu sein, verwandelte Petrus in einen barmherzigen Hirten, in einen tragfähigen Felsen, auf den man immer bauen kann, denn es ist ein schwacher Fels, der geheilt wurde, nicht ein Fels, der in seiner Kraft den Schwächeren stolpern lässt. Petrus ist der Jünger, den der Herr im Evangelium am meisten korrigiert. Er korrigiert ihn ständig, bis zu diesem letzten „Was geht das dich an? Du aber folge mir nach!“ (Joh 21,22). Die Überlieferung erzählt, dass der Herr ihm erneut erscheint, als Petrus gerade aus Rom flieht. Das Zeichen des kopfunter gekreuzigten Petrus ist vielleicht das vielsagendste für diesen „Behälter“ in Form eines Dickschädels, der sich, um Barmherzigkeit zu empfangen, nach unten begibt, sogar als er das erhabenste Zeugnis für seine Liebe zum Herrn ablegt. Petrus will sein Leben nicht beenden mit den Worten: „Ich habe die Lektion gelernt“, sondern indem er sagt: „Da mein Kopf es nie lernen wird, bringe ich ihn nach unten.“ Über allem die Füße, die der Herr gewaschen hatte. Diese Füße sind für Petrus das Sammelbecken, über das er die Barmherzigkeit seines Freundes und Herrn empfängt.

    Johannes wird in seinem Hochmut, dem Übel durch Feuer abhelfen zu wollen, geheilt und ist am Ende derjenige, der schreibt: „meine Kinder…“. Er erscheint als einer jener guten Großväter, die nur von der Liebe sprechen – er, der der „Donnersohn“ gewesen war (vgl. Mk 3,17).

    Augustinus wird in seiner Wehmut geheilt, erst spät zur Begegnung gelangt zu sein – „Spät habe ich dich geliebt“ –, und findet jenen kreativen Weg, die verlorene Zeit aufzufüllen, indem er seine „Bekenntnisse“ schreibt.

    Franziskus empfängt in vielen Momenten seines Lebens von Mal zu Mal mehr Barmherzigkeit. Vielleicht wird das endgültige Sammelbecken dafür, das zu echten Wundmalen wurde, nicht so sehr das Küssen des Aussätzigen, die Heirat mit Frau Armut und das Empfinden eines jeden Geschöpfes als Schwester oder Bruder gewesen sein, sondern vielmehr die Pflicht, den Orden, den er gegründet hatte, in barmherzigem Schweigen zu hüten. Franziskus sieht, dass seine Brüder sich voneinander trennen, und das unter dem Banner der Armut selbst. Der Dämon lässt uns miteinander in Streit geraten, indem wir die heiligsten Dinge verteidigen, jedoch in „schlechter Gesinnung“.

    Ignatius wird in seiner Eitelkeit geheilt, und wenn dies das Gefäß war, können wir erahnen, wie groß die Ehrsucht war, die in ein solches Streben nach der größeren Ehre Gottes verwandelt wurde. (...)

    Der Beichtstuhl als Ort der Barmherzigkeit

    Der Katechismus der Katholischen Kirche zeigt uns den Beichtstuhl als einen Ort, an dem die Wahrheit uns frei macht für eine Begegnung: „Wenn der Priester das Bußsakrament spendet, versieht er den Dienst des Guten Hirten, der nach dem verlorenen Schaf sucht; den des barmherzigen Samariters, der die Wunden verbindet; den des Vaters, der auf den verlorenen Sohn wartet und ihn bei dessen Rückkehr liebevoll aufnimmt; den des gerechten Richters, der ohne Ansehen der Person ein zugleich gerechtes und barmherziges Urteil fällt. Kurz, der Priester ist Zeichen und Werkzeug der barmherzigen Liebe Gottes zum Sünder“ (Nr. 1465). Und er erinnert uns daran, dass „der Beichtvater […] nicht Herr, sondern Diener der Vergebung Gottes [ist]. Der Diener dieses Sakramentes soll sich mit der Absicht und der Liebe Christi vereinen“ (Nr. 1466).

    Zeichen und Werkzeug einer Begegnung. Das sind wir. Eine wirkungsvolle Anziehungskraft für eine Begegnung. „Zeichen“ bedeutet, dass wir Anziehung ausüben müssen wie jemand, der winkt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ein Zeichen muss stimmig und eindeutig sein, vor allem aber verständlich. Denn es gibt Zeichen, die nur für die Spezialisten eindeutig sind. Zeichen und Werkzeug. Für das Werkzeug hängt alles davon ab, ob es wirksam ist, ob es greifbar ist und ob es genau und in geeigneter Weise auf die Wirklichkeit einwirkt. Wir sind ein Werkzeug, wenn die Menschen wirklich dem barmherzigen Gott begegnen. Uns obliegt es, „dafür zu sorgen, dass sie einander begegnen“, von Angesicht zu Angesicht einander gegenüberstehen. Was sie dann tun, ist ihre Angelegenheit. Es gibt einen verlorenen Sohn im Schweinestall und einen Vater, der jeden Abend auf die Dachterrasse steigt, um zu sehen, ob er kommt; es gibt ein verlorenes Schaf und einen Hirten, der sich auf die Suche nach ihm begeben hat; es gibt einen am Straßenrand liegengelassenen Verwundeten und einen Samariter, der ein gutes Herz hat. (...)