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    Wie man Vertrauen zerstört

    Rom (DT) Ein Pfingstfest und ein Papstgottesdienst auf dem Petersplatz, die ein wenig an das Osterfest in Rom des Jahres 2010 erinnerten: Damals, vor über zwei Jahren, hatten die Enthüllungen von sexuellen Missbräuchen durch Kleriker vor allem in angelsächsischen Medien plötzlich eine scharfe Wende gegen Benedikt XVI. genommen. Opferverbände in den Vereinigten Staaten und ihre Anwälte bauten – mit dem entsprechenden Echo der internationalen Medien – eine gewaltige Druckkulisse auf, die das Osterfest mit dem Papst in Rom zu erdrücken schien.

    Gefasst feierte der Papst am Pfingstsonntag die Festmesse im Petersdom. Foto: dpa

    Rom (DT) Ein Pfingstfest und ein Papstgottesdienst auf dem Petersplatz, die ein wenig an das Osterfest in Rom des Jahres 2010 erinnerten: Damals, vor über zwei Jahren, hatten die Enthüllungen von sexuellen Missbräuchen durch Kleriker vor allem in angelsächsischen Medien plötzlich eine scharfe Wende gegen Benedikt XVI. genommen. Opferverbände in den Vereinigten Staaten und ihre Anwälte bauten – mit dem entsprechenden Echo der internationalen Medien – eine gewaltige Druckkulisse auf, die das Osterfest mit dem Papst in Rom zu erdrücken schien.

    Am Pfingstsonntag dann ging es wieder um Opfer, diesmal nur um eines, die fünfzehnjährige Tochter eines Vatikanangestellten, Emanuela Orlandi, die 1983 unter nie geklärten Umständen verschwunden ist. Ein Demonstrationszug, angeführt vom Bruder der Vermissten, war vom römischen Rathaus zum Petersplatz gezogen, auf Transparenten forderte man die Aufklärung des Falls und vom Papst ein tröstendes Wort. Als aber Benedikt XVI. beim Gebet des „Regina coeli“ nach dem Pfingstgottesdienst den Namen Emanuelas nicht nannte, begannen die Demonstranten zu schreien. „Schande – Schande“-Rufe hallten unter den Kolonnaden. Doch warum sollte der Papst ausgerechnet an diesem Tag – und immerhin 29 Jahre nach dem Verschwinden des Mädchens – etwas zu Emanuela sagen? Und hatte der Vatikan nicht gerade erst sein Einverständnis gegeben, einen in der päpstlichen Basilika Sant'Apollinare begrabenen Gangsterboss exhumieren zu lassen, weil Gerüchte aufgekommen waren, die Leiche Emanuelas liege ebenfalls in dem Gangster-Sarg? Was dann – natürlich – nicht der Fall war. War diese Demonstration auf dem Petersplatz jetzt der Dank für die Kooperation des Vatikans bei den Ermittlungen im Fall Orlandi?

    Die Demonstration vom Pfingstsonntag schien allen Beobachter inszeniert zu sein, und zwar unmittelbar nachdem der Papst einen unschönen Doppelschlag erhalten hatte. Am Donnerstag hatte der aus Bankfachleuten bestehende Aufsichtsrat des vatikanischen Bankhaus IOR dem Chef der „Papstbank“, dem Laien Ettore Gotti Tedeschi, in einer solch brüsken Weise das Misstrauen ausgesprochen, dass auch die Kardinals-Kommission zur Aufsicht über das IOR, die dann am Freitag tagte, hinter diesen Schritt nicht mehr zurück konnte und einen kommissarischen Leiter des Geldinstituts bestellte. Es war Benedikt XVI. selbst gewesen, der Gotti Tedeschi vor zweieinhalb Jahren in dieses Amt berufen hatte. Und am Samstag schließlich gab eine knappe Mitteilung des vatikanischen Presseamts bekannt, dass der Kammerdiener des Papstes, der 46 Jahre alte Familienvater Paolo Gabriele, verhaftet worden sei. Er sei im unerlaubten Besitz vertraulicher Papiere gewesen. Diese Nachricht von der Enttarnung des „Maulwurfs“, der dem Vatikan in den vergangenen Monaten die peinliche Affäre „Vatileaks“ beschert hatte, schlug in Rom ein wie eine Bombe.

    Und wie es bei explodierenden Bomben nun einmal üblich ist, schleudern sie Dreck hoch und verbreiten Schwaden von Staub und Schwefel. Papst Benedikt scheint angesichts der jüngsten Vorkommnisse in Rom wie hilflos zu sein. Am Freitag sprach er auf dem Petersplatz vor fünfzigtausend Anhängern der Charismatischen Erneuerungs-Bewegung, am Sonntag dann die Pfingstpredigt. Die Medien aber scannen seine Ansprachen nur nach Sätzen durch, die irgendwie auf die Skandale dieser Tage bezogen sein könnten. Die normale päpstliche Verkündigung ist verstummt – wie damals vor zwei Jahren, in den Wochen und Monaten des Missbrauchsskandals.

    Der amerikanische Vatikankenner John Allen schrieb in diesen Tagen, dass vor allem dieser Papst, der Deutsche Joseph Ratzinger auf dem Petrusstuhl, sehr wichtige und interessante Dinge zu sagen habe. Und man könnte hinzufügen, dass dies vor allem jetzt der Fall ist: kurz vor Beginn des Fünfzig-Jahr-Jubiläums des Zweiten Vatikanischen Konzils und dem „Jahr des Glaubens“. Doch gegen die fast hysterische Aufregung der italienischen Medien kommt auch Benedikt XVI. nicht an. Die Chefs der Online-Dienste, Zeitungen oder Fernsehredaktion setzen ihre Vatikanberichterstatter unter Druck: Wer kann als Erster neue Verdächtige nennen, wer eine heiße Spur aufdecken, wer enthüllen, was der Vatikan erst morgen offiziell bekannt geben wird? Doch diesmal sind es nicht Missbrauchstäter aus dem Klerikerstand, die für Pulverdampf und Nebelschwaden sorgen. Sondern es war der Butler.

    Allerdings hatte „Vatileaks“ schon seit Anfang des Jahres für gehörige Aufregung gesorgt, nicht nur in den Medien, sondern im Vatikan selbst. Die Dokumentenflucht aus den oberen Etagen des Apostolischen Palasts deutete auf interne Machtkämpfe und einen Krieg von Seilschaften hin. Vor über einer Woche dann erschien das Buch des Enthüllungsjournalisten Gianluigi Nuzzi – Titel: „Seine Heiligkeit – Die geheimen Papiere Benedikts XVI.“ –, in dem eine Fülle vertraulicher Papiere aus dem Umfeld des Papstes veröffentlicht ist (siehe DT vom 24. Mai). Und genau das führte zur Enttarnung des Täters. Denn einige Dokumente hatten nie das Päpstliche Appartement verlassen und waren noch gar nicht in die Archive des vatikanischen Staatssekretariats zur Ablage gelangt. Das reduzierte den Täterkreis schlagartig von einigen hundert Kardinälen, Kurienbischöfen, Vatikanprälaten und sonstigen Mitarbeitern des Staatssekretariats auf die wenigen Personen in den Gemächern des Papstes und führte die vatikanische Gendamerie schließlich in die Wohnung des Kammerdieners Gabriele. Dort fand man Kisten mit kopierten Dokumenten aus dem Arbeitszimmer des Papstes. Und der Butler wurde das, was es schon Ewigkeiten nicht mehr hinter den leoninischen Mauern gegeben hatte: ein Gefangener im Vatikan.

    Bei allem, was in diesen Tagen spekuliert wird, was man nur vermuten und erahnen kann – eines ist sicher: Der Papst muss sehr betrübt sein über das, was ihm sein Kammerdiener angetan hat. Vatikansprecher Federico Lombardi hat das am Montag bestätigt: Benedikt XVI. sei über den Vorgang „sehr traurig, aber gelassen“. Paolo Gabriele, auch Paoletto genannt, saß sechs Jahre am Tisch des Papstes, und oft neben ihm im Papamobil. Er gehörte zur „päpstlichen Familie“, und die lebt mit Benedikt XVI. vertrauter und ruhiger, als das in den Jahren Johannes Pauls II. der Fall war, als sich Gäste und Besucher der päpstlichen Wohnung die Türklinke in die Hand gaben.

    Zu dieser „Familie“ des Papstes gehören seine beiden Sekretäre, die Prälaten Georg Gänswein und der Malteser Alfred Xuereb, die vier nach den evangelischen Räten lebenden Frauen aus der Gemeinschaft der Ehelosen von „Comunione e Liberazione“, genannt „Memores Domini“ – und eben der Majordomus. Er hilft dem Papst beim Aufstehen und Zubettgehen, packt dessen Koffer, bedient bei Tisch, hält den Regenschirm und Rosenkränze bereit, wenn der Papst Gäste empfängt. Er war es. Er war die undichte Stelle im Vatikan.

    Eine Frage ist damit gelöst – und zehn neue haben sich aufgetan: Warum hat Paolo Gabriele das Vertrauen des Papstes auf so schädliche Weise missbraucht? Handelte er auf eigene Faust? Und wenn nicht – wie allgemein angenommen wird: Wer war sein Auftraggeber? Gerüchten, hinter dem Butler stünde eine verheiratete Frau (nicht seine eigene), die im Vatikan, aber auch in Rom arbeite, beziehungsweise ein italienischer Kardinal, hat Vatikansprecher Lombardi am Montag eine entschiedene Absage erteilt. Wird Paolo Gabriele reden? Erst hieß es – mutmaßten die Medien –, der Kammerdiener schweige, er sitze betend und lesend in seiner Zelle. Dann hieß es – mutmaßten die Medien –, er habe sein Schweigen gebrochen.

    Sprecher Lombardi bestätigte am Montag, dass Gabriele seine Zusammenarbeit angeboten habe. Sicher ist nur, dass der vatikanische Untersuchungsrichter Piero Antonio Bonnet am Montag die Befragung des Kammerdieners aufgenommen hat. Was dabei herauskommen wird, kann jetzt noch niemand sagen.

    Für Verblüffung im Vatikan sorgte nicht nur die Nachricht, dass nicht das zweite Stockwerk des Apostolischen Palasts, also das Staatssekretariat, sondern das dritte, die „terza loggia“, das päpstliche „appartamento“, die undichte Stelle war. Für Erstaunen sorgte aber auch der Täter selbst. Gabriele, Vater von drei Kindern, war in der Kurie schließlich kein Unbekannter. Ein frommer Katholik, mit einer besonderen Verehrung für die Mystikerin und Ordensfrau Faustina Kowalska sowie deren Visionen des barmherzigen Jesus. Vom Pfarrer der Kirche „Santo Spirito in Sassia“ unweit des Vatikans, wo die Verehrung des barmherzigen Heilands besonders gepflegt wird, hatte der junge Gabriele das Empfehlungsschreiben erhalten, das ihm noch zu Zeiten Johannes Pauls II. die Tür in den Vatikan öffnete – zunächst als einfache Hilfskraft. Später war er dann dem Präfekten des Päpstlichen Hauses unterstellt und 2006 folgte dann der Sprung nach „ganz oben“: Gabriele wurde Nachfolger des altgedienten Kammerdieners Johannes Pauls II., Angelo Gugel.

    Nicht ein professionelles Auswahlverfahren, keine Ausschreibung und keine Eignungstests hatten Gabriele den Weg dorthin geebnet, sondern Vertrauen. Seit zweitausend Jahren, möchte man fast sagen, ist Vertrauen das Gleitmittel, das den Dienst am Bischofsstuhl des heiligen Petrus nicht zum Martyrium, sondern einigermaßen erträglich macht. Das ist der eigentliche Tiefengrund von „Vatileaks“ und der erstaunlichen Wendung, die der Fall nun mit der Enttarnung des Kammerdieners genommen hat: Da wurde Vertrauen zerstört, das der Papst seiner engsten Umgebung entgegenbrachte und die Personen dieses engsten Umfelds füreinander empfanden. Das wiegt schwerer als das Konkurrieren und Sich-Beharken der Seilschaften, die es im Vatikan immer gegeben hat.