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    Wie ein Elixier für das geistliche Leben

    Münster (DT) Pater George Kalachirayil ist Ordensgeistlicher aus der Provinz Kerala, der großen katholischen Enklave im Südwesten des multireligiösen Indiens. Der 54-Jährige, der seit 2001 als einer der ersten indischen Priester ins Bistum Münster kam, freut sich auf die Heiligsprechung Mutter Teresas. Er macht sich auf den Weg nach Rom, um bei dem „bedeutenden Ereignis für Indien, die Kirche und die Welt“ dabei zu sein.

    Sie faszinierte nicht nur, sondern prägte auch Berufungen: Mutter Teresa. Foto: KNA

    Münster (DT) Pater George Kalachirayil ist Ordensgeistlicher aus der Provinz Kerala, der großen katholischen Enklave im Südwesten des multireligiösen Indiens. Der 54-Jährige, der seit 2001 als einer der ersten indischen Priester ins Bistum Münster kam, freut sich auf die Heiligsprechung Mutter Teresas. Er macht sich auf den Weg nach Rom, um bei dem „bedeutenden Ereignis für Indien, die Kirche und die Welt“ dabei zu sein.

    „Ich habe so viel von Mutter Teresa gelernt“, berichtet Pater George. Während seines Studiums hat er sie in Bombay kennengelernt. „Sie hat mich auf meinem priesterlichen Weg und in meiner Haltung gegenüber den Menschen inspiriert.“ Der indische Karmelit berichtet der „Tagespost“ von seiner ersten Begegnung mit Mutter Teresa. „Das war eher ein Zufall. Als Theologiestudent im Bistum Poona war ich nur gut zwei Zugstunden von Bombay entfernt im Priesterseminar. Ich wollte aber einmal das Kinderheim von Mutter Teresa kennenlernen. Dass ich sie gleich beim ersten Mal persönlich treffen würde, hatte ich nicht erwartet.“ Die Ordensgründerin der Missionarinnen der Nächstenliebe sei damals aus dem Mutterhaus in Kalkutta zu einer Visitation in Bombay gewesen. „Es war nur eine sehr kurze Begegnung, aber ich war gleich von der Ausstrahlung dieser Frau fasziniert“, erzählt Pater George. 1992 kam es dann zu einem ausführlicheren Treffen. „Damals habe ich eine Gebetsstunde mit ihr erlebt. Ich habe mich ihr als Priesteramtsstudent vorgestellt und gefragt, ob ich ein wenig mehr von ihrer Arbeit kennenlernen darf.“

    Dieses Leben in Armut, mit Menschen in großer Not, habe ihn berührt. Zuvor hatte Pater George in seiner Praktikumszeit schon einmal die Rolle eines Bettlers angenommen, um zu sehen, wie ein Leben am Rande der Gesellschaft aussieht. „Diese Ablehnung, die ich da erfahren habe, hat mich neugierig gemacht auf das, was Mutter Teresa mit ihrer Ordensgemeinschaft geleistet hat.“

    Und so durfte er den Engel der Armen eine Woche lang bei ihrer Arbeit begleiten. „Mir fiel das schwer“, bekennt der Priester heute. „Ich konnte die kranken Menschen nicht berühren, sie nicht sauber machen, hatte Probleme mit unangenehmen Gerüchen.“ Mutter Teresa habe alle Menschen angefasst und so etwas von ihrer Kraft auf sie übertragen. Sie sehnten sich geradezu nach den Berührungen der kleinen Ordensschwester. „Kinder und Erwachsene hat sie mit einer unglaublichen Herzlichkeit umarmt.“ Ein Wort von Mutter Teresa an ihn zum Umgang mit diesen Lebensumständen werde er nie vergessen: „Wenn du Angst vor dem Sterben hast, hast du auch Angst vor dem Leben.“ Das habe ihm geholfen, den Abstand zu den Menschen aufzugeben. So habe er seine „Berührungsängste“ überwunden. Auch der Umgang des Engels der Armen mit AIDS-Kranken habe ihn beeindruckt. Er habe Vorbehalte gegenüber der Krankheit, den Menschen und den Ursachen ihrer Ansteckung gehabt. Barmherzigkeit sei ihm da schwer gefallen, da er die Krankheit damals fälschlicherweise als eine Strafe für ihr Sexualverhalten interpretiert habe. Mutter Teresa habe ihm beigebracht, sich von all diesen Gedanken zu lösen, indem er in jedem der kranken Menschen Gott selbst sehen solle. Es gehe nicht darum, über Gründe für eine Krankheit nachzudenken, sondern lediglich darum, die Gelegenheit zu ergreifen, Gott zu dienen.

    In der Folgezeit sei er von dem Vorbild Mutter Teresas so ergriffen gewesen, dass er vier Jahre lang an vielen Wochenenden von seinem Regens die Erlaubnis erhalten habe, in der Einrichtung in Bombay zu helfen. Dabei sei es zu weiteren Begegnungen mit Mutter Teresa gekommen. Da die Cousine von Pater George ebenfalls in der Ordensgemeinschaft der Missionarinnen der Nächstenliebe war und in Bombay wirkte, blieb der Kontakt auch nach seinem Studium bestehen. Bei einer der letzten Begegnungen bei einer Gebetsstunde habe Mutter Teresa ihn durch Auflegen der Hände auf seinen Kopf gesegnet. Ein unglaubliches Erlebnis für den Studenten. „Irgendwie spürte ich, dass da ein Mensch vor mir stand, mit dem irgend etwas anders war.“ Schon damals habe er sie in seinem Herzen als einen heiligen Menschen gesehen, sie war von Gott berührt und sein Werkzeug an den Menschen. „Von ihr ging eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit aus, die auf mich übergriff.“

    „Mutter Teresa hatte eine besondere Ausstrahlung, selbst als sie bereits von Alter und Krankheit gezeichnet war, war in ihren Augen immer ein besonderer Glanz“, erinnert sich Pater George an die Begegnungen. Der ehemalige indische Ministerpräsident Nehru, ein Mensch, den man eher als Atheist und Humanist einordnen müsse, habe bei der Verleihung einer Auszeichnung an Mutter Teresa gesagt: „In dieser Frau habe ich Gott gesehen“. Für viele Inder stehe Mutter Teresa in ihrem Wirken für die Menschen im Ansehen ganz nahe bei dem Volkshelden Mahatma Ghandi, weiß Pater George. Die größte Gabe Mutter Teresas sei gewesen, dass sie bei aller Berühmtheit in der ganzen Welt immer ihre Einfachheit behalten habe. „In Indien wird sie daher, unabhängig von der religiösen Ausrichtung der Menschen, als Mutter gesehen, denn sie hat nie Unterschiede zwischen Muslimen, Hindus oder Christen gemacht“, weiß der Geistliche.

    Der Umgang mit Mutter Teresa hat Pater George auch in seiner priesterlichen Tätigkeit beeinflusst. „Die Begegnung mit ihr hat mir Kraft gegeben, authentisch als Ordensmann zu leben“, berichtet er. „Ich kann seitdem den Menschen mit anderen Augen begegnen, jeden vorbehaltlos annehmen.“ Deshalb gehe er in seinem Dienst immer auf die Menschen zu und kenne keine Berührungsängste. „Das hat mir auch in den fünfzehn Jahren, die ich in Deutschland bin, immer geholfen, mit den verschiedensten Menschen umzugehen.“ Das habe auch genutzt, als manche gefremdelt haben, die erstmals mit einem indischen Priester konfrontiert wurden und eher Distanz suchten. Wie sein Vorbild Mutter Teresa habe er die Begegnung und das Gespräch offensiv gesucht. So habe er inzwischen in seiner Gemeinde in den letzten acht Jahren 570 Besuche gemacht. Der Blick auf das Leben der künftigen Heiligen helfe ihm auch, eigene Unwägbarkeiten des Alltags zu meistern. „Ich schaue dann auf ihr Bild und denke mir, wie viel Widerstände sie überwunden, wie viele Probleme sie gemeistert hat.“ Dann erschienen ihm die eigenen Sorgen als gering und alle Schwierigkeiten überwindbar. „Dadurch gewinne ich durch ihre Fürsprache neue Kraft und Stärke.“

    In den nächsten Tagen wird Pater George noch oft an Mutter Teresa denken. Er macht sich auf den Weg in die Ewige Stadt. Es ist allerdings nicht die erste Heiligsprechung, die er erlebt. Vor zwei Jahren war er dabei, als sein Ordensgründer Kuriakose Elias Chavara von Papst Franziskus zur Ehre der Altäre erhoben wurde. Dieser habe, wie Mutter Teresa, die Haltung gehabt, Gott bei den Menschen zu finden. „Meine Aufgabe ist es, zu den Menschen zu gehen und ihnen die frohe Botschaft und das Wissen zu bringen, mit dem sie sich selbst befreien können“, sagt Pater George. Nach der Rückkehr aus Rom wird er seine Aufgaben mit neuem Elan und geistlich gestärkt angehen.