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    „Wer vom Sozialstaat redet, darf von Gott nicht schweigen“

    Berlin (DT) „Eine derartige Mischung kann auch nur einem Katholiken einfallen“. Jürgen Rüttgers Erstaunen galt nicht der Tatsache, dass er als Christdemokrat mit Paul Josef Kardinal Cordes an einem Tisch in der Berliner Landesvertretung Nordrhein Westfalens an einem Tisch saß. Schließlich stellte Cordes sein Buch „Helfer fallen nicht vom Himmel. Caritas und Spiritualität“ (Herder Verlag) vor, und Rüttgers gilt als das soziale Gewissen seiner Partei. Dass aber zu seiner Linken der sozialdemokratische Politikerkollege Franz Müntefering Platz genommen hatte, das sorgte beim Ministerpräsidenten dann doch für Amüsement und Verwunderung. Wie sich in der darauffolgenden Stunde zeigen sollte, hatte Cordes bei der Auswahl des SPD-Parteichefs a.D. nicht nur Sinn fürs Originelle, sondern auch ein Näschen für eine fruchtbare Diskussion bewiesen.

    Berlin (DT) „Eine derartige Mischung kann auch nur einem Katholiken einfallen“. Jürgen Rüttgers Erstaunen galt nicht der Tatsache, dass er als Christdemokrat mit Paul Josef Kardinal Cordes an einem Tisch in der Berliner Landesvertretung Nordrhein Westfalens an einem Tisch saß. Schließlich stellte Cordes sein Buch „Helfer fallen nicht vom Himmel. Caritas und Spiritualität“ (Herder Verlag) vor, und Rüttgers gilt als das soziale Gewissen seiner Partei. Dass aber zu seiner Linken der sozialdemokratische Politikerkollege Franz Müntefering Platz genommen hatte, das sorgte beim Ministerpräsidenten dann doch für Amüsement und Verwunderung. Wie sich in der darauffolgenden Stunde zeigen sollte, hatte Cordes bei der Auswahl des SPD-Parteichefs a.D. nicht nur Sinn fürs Originelle, sondern auch ein Näschen für eine fruchtbare Diskussion bewiesen.

    Zur Freude aller Anwesenden hatten Rüttgers wie Müntefering – und das ist keineswegs selbstverständlich in der schnelllebigen Berliner Medienrepublik – das Buch, über das sie sprachen, auch tatsächlich gelesen. Kardinal Cordes stellt darin eine simple Begebenheit fest: „Der Grund für alles karitative Tun, den es neu in den Blick zu nehmen gilt, ist Gottes Liebe zum Menschen.“ Deutlich klingt hier die erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI. an. Das ist nicht verwunderlich: Kardinal Cordes hat „Deus Caritas est“ mitverfasst, in „Helfer fallen nicht vom Himmel“ verfolgt er den Gedanken der anthropologischen und spirituellen Verfasstheit der Helfer weiter.

    Cordes skizziert, wie es im Pressetext heißt, „eine neue Spiritualität des Helfens, die die ,Absichtslosigkeit‘ der Diakonie ernst nimmt sowie das diakonische Handeln der Kirche im Kontext der Gesamtgesellschaft verortet“. Wie perfekt und glatt der Hilfsapparat auch immer läuft, sagt Cordes, ohne die im Glauben verankerte Nächstenliebe muss der Helfende letzten Endes scheitern. Um diesen Hauptgedanken herum gruppieren sich Beiträge von Gastautoren, die Cordes für sein Unternehmen gefunden hat. Udo di Fabio, Alexander Smoltczyk, Karl Kardinal Lehmann und Manfred Lütz illustrieren die enge Verzahnung von Caritas und Spiritualität aus ihrem Blickwinkel.

    „Wer vom Sozialstaat redet, darf von Gott nicht schweigen“, sagte Jürgen Rüttgers und tat damit genau das, was Cordes beabsichtigt: Die Erweiterung der Caritas ins Gesellschaftspolitische hinaus. Die christliche Nächstenliebe ist für Rüttgers einer jener Grundpfeiler des deutschen Sozialstaats, die eben jener Staat nach dem bekannten Bonmot des ehemaligen Verfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde nicht selbst garantieren kann.

    Oder sauerländisch ausgedrückt, und hier zitierte Rüttgers den Nebenmann Müntefering: „Saatkartoffeln gehören in die Erde, nicht auf den Teller.“ Rüttgers zufolge werde in Deutschland aber schon lange die Saat neuer Kartoffeln vernachlässigt und der christlichen Nächstenliebe der ihr gebührende zentrale Platz in der Gesellschaft verweigert. „Das Buch ist eine eindrucksvolle Warnung vor einem überstrapazierten Laizismus“, sagte Rüttgers. Aber nicht nur der Politik, auch der Kirche habe Kardinal Cordes laut Rüttgers etwas ins Stammbuch geschrieben. „Ohne Caritas gibt es keine Kirche“. Die Bedeutung der Caritas müsse innerhalb der Kirche noch mehr herausgekehrt werden.

    Auch Franz Müntefering wunderte sich, dass die Kirche nicht offensiver mit der „Wahrheit der Nächstenliebe“ umgeht. Doch Müntefering beließ es nicht bei allgemeingültigen Empfehlungen, sondern teilte auch spezifische Kritik aus. Das tat der von allen Parteiämtern zurückgetretene ehemalige Minister mit einer Deutlichkeit, die er sich als aktiver Politiker manches Mal verkneifen musste. Doch zunächst musste er die Komplexität der Frage anerkennen. „Die Sache erwies sich als komplizierter, als ich zunächst gedacht hatte. Doch so geht es einem, wenn man sich auf die Kirche einlässt.“

    Für den nach wie vor in den Bahnen des Politischen denkenden Müntefering erweist sich das christliche Verständnis der Nächstenliebe aus dem Glauben jedes Einzelnen heraus als schwer verdaulich. Als Politiker müsse man nicht nur die konkrete Hilfe von Mensch zu Mensch im Blick haben, sondern alle 6, 3 Milliarden Menschen der Erde. „Wir müssen in großen Zahlen denken“. Und auch die spezifisch christliche Grundierung der Nächstenliebe, die Kardinal Cordes bereitstellt, behagte Müntefering nicht. „Angesichts der wachsenden Not ist es nicht möglich, Gesinnungsnächstenliebe zu praktizieren.“ Solidarität über kulturelle, politische und religiöse Grenzen hinweg sei der einzige Weg, „Verantwortungsethik“ die einzige Richtschnur. „Dem Hungernden ist es egal, ob er eine wertrationale oder eine zweckrationale Schüssel Reis bekommt.“ Aber auch Müntefering gab zu, dass der Sozialstaat ohne die persönlich verstandene und auch persönlich betriebene Nächstenliebe keinen einzigen Tag existieren kann. Doch will er die Nächstenliebe nicht allein im Christlichen verwurzelt sehen, sondern auch in der Aufklärung oder im Humanismus.

    Kardinal Cordes spielte den Ball sofort zurück. Nicht das christliche Verständnis, dass jedes Helfen von der individuellen Liebe des Nächsten ausgeht, sei zu eng definiert, sondern der pragmatisch-funktionale Ansatz der Politik. „Wir haben unseren Horizont beim Helfen auf Innerweltliches beschränkt“, monierte der 1934 geborene Theologe, der seit 1995 Präsident des Päpstlichen Rates „Cor unum“ ist. Damit ist er verantwortlich für internationale Hilfsmaßnahmen und Solidaritätsaktionen der Kirche. „Wenn ich an einem Massengrab in Ruanda stehe und zu den dort versammelten trauernden Witwen spreche, dann kann ich nicht mit humanitärer Hilfe kommen. Dann muss ich vom lieben Gott sprechen.“ In einer versöhnenden Geste versuchte sich Cordes, der sich nach eigenem Bekunden noch nie so weit auf das Feld der Politik hinausgewagt hat wie mit diesem Buch, an einem Schulterschluss zwischen Christentum und Politik. „Wenn der Menschheit geholfen werden soll, dann brauchen wir die Caritas und ganz bestimmt auch die Politik“.

    Auf das wiederum konnten sich alle einigen. Aber nicht die Einigkeit, sondern der Dissens gab dieser Stunde in der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen in Berlin ihren Esprit. Oft sind Buchvorstellungen ja recht seelenlose Werbeveranstaltungen. Dass es hier anders zuging, ist der Reibung zwischen Müntefering und Cordes zu verdanken. Beide unterhielten sich angeregt weiter, als die Mikrofone schon längst ausgeschaltet und die Fernsehkameras schon wieder eingepackt waren. Müntefering bedankte sich schließlich brav beim Kardinal, dass der ihm bei der Lektüre über Pfingsten die Chance gegeben habe, über etwas nachzudenken, womit er sich schon lange nicht mehr beschäftigt hatte. Das habe ihm gut getan. „Vielleicht hat ja auch der Heilige Geist geholfen, der ja über Pfingsten unterwegs sein soll.“

    Von ChristoPH Mayerl