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    Wer bittet, der empfängt

    Es ist einigermaßen geläufig, dass sich Buße in Fasten, Beten und Almosengeben zeigt. Zum Almosen rufen die Bischöfe ganz ungeniert beispielsweise im Zusammenhang mit der Misereoraktion oder in der Sorge um das Heilige Land auf. Schwer tun wir uns, vom Fasten zu reden (und es zu praktizieren). Ich weise hin auf die Bußordnung. Fastentage spielen darin kaum eine Rolle. Abstinenzbestimmungen haben wenig Gewicht, jedenfalls als Zeichen der Buße und der Umkehr. Die Kasuistik früherer Generationen möchten wir vermeiden. Und die Motivation zu Fastenkuren, die heute allenthalben empfohlen werden, ist kaum geistlicher Art und bringt uns in diesem Zusammenhang eher in Verlegenheit.

    Es ist einigermaßen geläufig, dass sich Buße in Fasten, Beten und Almosengeben zeigt. Zum Almosen rufen die Bischöfe ganz ungeniert beispielsweise im Zusammenhang mit der Misereoraktion oder in der Sorge um das Heilige Land auf. Schwer tun wir uns, vom Fasten zu reden (und es zu praktizieren). Ich weise hin auf die Bußordnung. Fastentage spielen darin kaum eine Rolle. Abstinenzbestimmungen haben wenig Gewicht, jedenfalls als Zeichen der Buße und der Umkehr. Die Kasuistik früherer Generationen möchten wir vermeiden. Und die Motivation zu Fastenkuren, die heute allenthalben empfohlen werden, ist kaum geistlicher Art und bringt uns in diesem Zusammenhang eher in Verlegenheit.

    Und Gebet? Als Buße? Ja doch, Gebet als Umkehr und Hinkehr zu Gott – darum mühen wir uns. Dazu rufen wir auf, laden wir ein, regen wir an. Das wird auch erwartet. Dazu ist die Kirche ja da. Gebet und Gottesdienst soll sie in jedem Fall pflegen, die Liturgie und den Kult feiern, auch die Kultstätten, Kirchen und Kapellen erhalten.

    Es gibt natürlich auch viele, denen das Beten nichts bedeutet; die behaupten, sie hätten Wichtigeres zu tun und wollten ihre Zeit nicht mit Gebet verschwenden, wenngleich sie geistliche Musik aus ästhetischen Gründen gerne hören und sonst großzügig seien: Wem beten gut tut, solle es tun. Ich denke aber mehr an die vielen in unseren Gemeinden, denen am Gebet sehr gelegen ist und die deshalb fragen: Wie können wir denn beten? Wie kann ich es denn tun? Täglich beten – ja, aber wie? Es ist eine verbreitete Beobachtung: Wo Anregungen und Anleitungen zum persönlichen Gebet gegeben werden, ist die Aufmerksamkeit groß. Es gibt ein Verlangen, so beten zu können, wie es einerseits der Größe und Würde Gottes entspricht und andererseits der Nähe und Vertrautheit, in die der Beter gerufen ist, eventuell auch in der Ferne oder Gleichgültigkeit, in der er lebt.

    Täglich beten – aber wie? Unversehens werden unsere Gebete zu Bitten. Wird in einem Kreis zum freien Gebet aufgefordert, sind Danksagungen und Lobpreis die Ausnahme. „Beten Sie für mich“ meint „Bitten Sie für mich“. Beten und bitten wird fast synonym verstanden.

    Ein Blick in die Lesungen der heutigen Eucharistiefeier: Die Königin Ester „betete zum Herrn, dem Gott Israels.“ Nach der Anrede „Du unser König, du bist der einzige“ ist alles, was folgt, eine einzige flehentliche Bitte, durchsetzt mit Begründungen des Vertrauens, etwa: „Ich habe gehört, dass du immer so gehandelt hast“. Und Jesu Wort fordert auf „Bittet“, und verstärkt mit dem Versprechen „darum wird euch gegeben“, ermuntert „sucht“ und verspricht „dann werdet ihr finden“ und drängt erneut „klopft an“. Und wie zur Verstärkung folgt die Trias noch einmal in der 3. Person. Eine eindringliche Einladung also, eine Aufforderung zum Bittgebet, die wir gerne hören und der wir gerne folgen. Und ein dreifaches Versprechen. Aber da liegt nach der Erfahrung auch die Schwierigkeit: die vielen unerhörten Bittgebete.

    Die meisten Bittgebete, oft Bitten für andere genannt, sind nun von der Art, dass ihre Erfüllung nicht erwartet beziehungsweise geprüft werden kann: wenn zum Beispiel für alle Kranken, Armen, Arbeitslosen, Regierenden gebetet wird; oder für den Papst und die Bischöfe in so allgemeiner Form, dass das Reich Gottes sofort in seiner vollen Herrlichkeit kommen müsste – was keiner der Betenden ernsthaft meint. Aber es gibt auch die sehr konkreten und sehr individuellen Bitten. Und wenn die nicht erfüllt werden? Das hat schon manchen in arge Bedrängnis und Glaubensnot gebracht.

    Sollen wir wirklich vertrauensvoll weiter bitten? Wir, liebe Mitbrüder, sind in Theologie und Seelsorge hinreichend genug erfahren, um die Apologie des Bittgebets zu kennen. Und in einer kurzen Homilie kann ich sie nicht einmal stichwortartig zusammenfassen. Doch mag auch uns der eine oder andere Gedanke einen Impuls geben.

    Ob wir Gott persönlich auch um Individuelles und vielleicht Alltägliches zu bitten wagen, hängt offensichtlich von unserem Gottesbild und unserer Gottesbeziehung ab. Jesus fordert uns eindringlich auf, seinen und unseren Vater vertrauensvoll zu bitten; dabei geht er so weit, dass er uns Menschen böse nennt, nur um herausstellen zu können, wie gut der göttliche Vater ist, damit wir den Mut haben ihn zu bitten und nicht in Distanz und falsch begründeter Ergebenheit zu verharren und abzuwarten. Sicher sind wir zur „Demut des Knechtes“ berufen, auch zur „Dankbarkeit des Kindes“, das sich überraschen lässt, aber auch zur „Vertraulichkeit und Kühnheit des Freundes“ (K. Barth). Freundschaft aber erkennt man auch an dem Mut, eine Bitte zu wagen. Manchmal ist die Bitte der Schritt, durch den Freundschaft entsteht.

    So erklärt sich am besten die Aufforderung, so zu bitten, als hätte der Bittende schon empfangen: so vertrauensvoll, dass die Bitte gleich zum Dank wird. Wer bittet, bereitet sich vor, die Gabe in Empfang zu nehmen.

    Bittgebet – Ausdruck freundschaftlicher Beziehung. Dann ist es problemlos, wenn die Bitte nicht erfüllt wird. Denn unter Freunden ist klar: So etwas hat gute Gründe. Schwieriger wird es, wenn der Betende nicht nur alltägliche Verlegenheiten im Gebet ausgesprochen hat, sondern existenzielle und ernsthafte bedrohliche Nöte gebeten und gefleht hat und dieses Beten vergeblich war. Jeder von uns kennt das aus eigenem Erleben und weiß, dass mancher schon bitter enttäuscht wurde und an dieser Erfahrung gescheitert ist: die vielen unerhörten Bittgebete!

    Wir wissen sehr wohl: Nicht jedem Bittgebet ist die Erhörung versprochen. Wir sind auch imstande, die Kriterien anzulegen und zu sagen: Das war dann wohl nicht Gebet im Namen Jesu. Was aber, wenn jemand fest überzeugt ist, ganz im Sinne Jesu gebetet zu haben? Mancher wird in Zweifel gestürzt: Ist Gott nicht mächtig genug? Meint er es mit mir nicht gut? Mancher freilich findet zur Ergebenheit und tröstet sich, dass Gottes Wege nicht unsere Wege sind, er reift durch solche Enttäuschungen zu festerem Glauben und tieferem Vertrauen; mancher hadert und sagt sich los von Gott.

    Erfahrungen lassen manchen am Wert des Bittgebetes zweifeln und führen zur Unterlassung des Bittens, zumal unser Denken nicht begründen kann, dass menschliches Handeln Gottes Ratschlüsse beeinflussen und Gott zum Handeln bewegen kann. Jesus selbst sagt: Euer Vater weiß ja, was ihr nötig habt. Und doch werden wir immer wieder vertrauensvoll bitten, weil Jesus uns eindringlich ermuntert hat, insbesondere aber, weil er selbst ergeben und vertrauensvoll zum Vater gerufen hat – auch in den schwersten und dunkelsten Stunden seines Lebens und noch in der Stunde seines Sterbens.

    Eine stärkere Apologie des Bittgebetes gibt es wohl nicht. Deshalb hält die Kirche zurecht daran fest, dass Beten zu den Bußwerken zählt, in denen das Leben sich geistlich erneuert.