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    „Weltweit Vorbild der Koexistenz von Christen und Muslimen“

    Der pensionierte katholische Arzt Viktor Batarseh (74) steht seit Mai 2005 an der Spitze des Bethlehemer Rathauses. Nach den blutigen Jahren des palästinensischen Volksaufstandes und dem Bau der israelischen Grenzanlage ist die Lage in der Geburtsstadt Jesu wegen der Rückkehr größerer Pilgergruppen heute entspannter als in den meisten Teilen der Palästinensergebiete. Mit dem Bürgermeister Bethlehems sprach Vicente Poveda.

    Weihnachten steht vor der Tür. Erwarten Sie viele Pilger in dieser Saison?

    Während der blutigsten Jahre der Intifada war der Tourismus fast verschwunden, aber 2007 und 2008 haben sich die Zahlen deutlich erholt. Der Hauptgrund dafür ist die Arbeit der Kirche. Alle Kirchen weltweit haben sich darum bemüht, Bethlehem als eine sichere Stadt zu präsentieren. Sie haben ihren Gläubigen deutlich gemacht, dass sie den Christen im Heiligen Land helfen, indem sie hierher pilgern. Wir Christen in Bethlehem sind lebende Steine der Geschichte Jesu, aber wir werden immer weniger. Vor wenigen Wochen haben wir zum ersten Mal seit Jahren die Marke von einer Million Besucher überschritten. Bis Ende des Jahres rechnen wir mit insgesamt 1,2 Millionen Touristen und Pilger. Das sind ähnliche Zahlen wie vor der Intifada im Jahr 2000. Wichtig dabei ist, dass die Pilger wieder in Bethlehem übernachten. In den vergangenen Jahren besuchten die Pilgergruppen nur die Geburtskirche und fuhren sofort nach Jerusalem zurück. Sie verbrachten somit nur wenige Stunden bei uns. Dieses Jahr sind unsere Hotels sind voll ausgelastet. Wir brauchen größere Hotelkapazitäten.

    Schadet die israelische Sperranlage um Bethlehem nicht dem Tourismus?

    Heutzutage nicht so sehr. Früher mussten die Pilger vom Bus absteigen und die Kontrollposten der israelischen Armee zu Fuß überqueren, wie es die palästinensische Bevölkerung immer noch tut. Nach langen Verhandlungen der Kirche und der Palästinensischen Autonomiebehörde hat Israel damit aufgehört.

    Und dennoch sieht man oft vormittags und am frühen Nachmittag Schlangen von Bussen, die vor dem Kontrollposten am Eingang von Bethlehem warten.

    Ja, die Israelis wollen, dass die Touristen in israelischen Hotels unterkommen, anstatt dass sie in Bethlehem übernachten und die Stadt als Ausgangsort für ihre Ausflüge in andere Orte des Heiligen Landes nutzen. Die Armee lässt die Pilger manchmal eine Stunde oder länger warten, damit die Reiseveranstalter es sich lange überlegen, Touristengruppen in Bethlehem unterzubringen. Sie sagen den Touristen, Bethlehem sei eine unsichere Stadt. In einer Broschüre auf Französisch habe ich sogar gelesen, unsere Hotels seien teurer als israelische Hotels. Aber diese Taktik wirkt nicht mehr. Die Besucher kommen jetzt wieder in Strömen und sie sehen mit ihren eigenen Augen, dass Bethlehem billiger als Jerusalem ist. Sie sehen, dass sie besseres Essen und bessere und saubere Hotels für weniger Geld bekommen.

    Am Eingang der Stadt wünscht ein Riesenplakat des israelischen Ministeriums für Tourismus den Frieden?

    Ich selbst, als Bürgermeister Bethlehems, brauche eine Sondergenehmigung, um nach Jerusalem zu fahren. Das ist alles andere als Frieden. Wir hoffen, dass unsere Völker – Israelis und Palästinenser – und alle Religionen in Frieden leben können. Das ist unser Wunsch als Palästinenser. Wir strecken unsere Hand zu einer friedlichen Lösung des Nahostkonflikts aus. Leider will die andere Seite bislang nicht darauf reagieren.

    Die christliche Minderheit in Bethlehem wird immer kleiner. Welches sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

    Zweifelsohne die israelische Besatzung und die daraus resultierende ökonomische Misere. Wenn der Frieden kommt, viele ausgewanderte Christen werden nach Palästina zurückkehren. Die erste große Auswanderungswelle fand 1948 wegen des ersten Kriegs nach der Gründung Israels statt. Das war der Ausgangspunkt des Flüchtlingsproblems. Vor der Ausrufung des israelischen Staates waren zwanzig Prozent der Palästinenser Christen. Heute sind es im Westjordanland und im Gazastreifen nicht mehr als 1,9 Prozent. Ihre Zahl sinkt immer noch dramatisch. Das ist nicht gut. Die Palästinenserbehörde will es nicht. Wir wollen, dass die Christen hier bleiben. Wir sind weltweit ein Vorbild der Koexistenz von Christen und Muslimen.

    Gibt es keine radikal-islamische Gewalt auf die christliche Minderheit?

    In Bethlehem habe ich so etwas nie gesehen. Unsere Restaurants sind sogar im muslimischen Fastenmonat Ramadan offen für alle und sie servieren Alkohol und Schweinegerichte.

    Der Heilige Stuhl erwägt eine Reise des Papstes ins Heilige Land. Wissen Sie wann genau?

    So wie ich gehört habe, will der Heilige Vater im Mai kommenden Jahres zu uns kommen. Wir freuen uns über diesen Besuch sehr. Ich war schon bei Benedikt XVI. im Vatikan und habe ihn um Hilfe für Bethlehem und die palästinensischen Christen gebeten. Ich weiß, der Papst hilft uns schon sehr viel durch die Arbeit der Kirche. Der lateinische Patriarch von Jerusalem hat hier zahlreiche Wohnungen für junge christliche Ehepaare bauen lassen. Die Kirche leistet auch eine große Hilfe mit den katholischen Schulen. Wenn man den Christen auch bessere Arbeitsplätze gibt, werden sie hier bleiben. Und wir brauchen vor allem Frieden und Freiheit, wie jeder Mensch. Wir werden innerhalb dieser israelischen Betonmauer gefangengehalten und dürfen uns nur in einer Fläche von insgesamt 4,7 Kilometer bewegen. Israel hat ein Großteil der Fläche Bethlehems für den Bau von Siedlungen und der Trennungsmauer enteignet.

    Die Palästinenser kämpfen auch unter sich. Ist der politische Konflikt zwischen Fatah und der radikal-islamischen Hamas auch in Bethlehem zu spüren?

    Hier in Bethlehem überhaupt nicht, nicht einmal im Rathaus, wo wir fünf Mitglieder der Hamas haben. Wir alle arbeiten im Dienst der Stadt. Die Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung will einen säkularen palästinensischen Staat, keinen islamischen Staat. Die Leute der Hamas wissen das. Wir haben schon in Israel einen Staat, der auf das Judentum gegründet wurde. Wir brauchen keinen weiteren religiösen Staat Palästina.