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    „Wegen zu guter Jugendarbeit verhaftet“

    Exzellenz, inwieweit sind im Verlauf des Seligsprechungsprozesses neue Fakten über Kaplan Andritzki zum Vorschein gekommen? Da ist eine ganze Menge Neues ans Licht gekommen, weil sehr viele, heute noch lebende Menschen befragt werden konnten, aber vor allem sind wir durch das

    Bischof Joachim Reinelt nahm am 5. Februar 2011 bei der feierlichen Urnenprozession durch die Dresdner Innenstadt teil. ... Foto: KNA

    Exzellenz, inwieweit sind im Verlauf des Seligsprechungsprozesses neue Fakten über Kaplan Andritzki zum Vorschein gekommen?

    Da ist eine ganze Menge Neues ans Licht gekommen, weil sehr viele, heute noch lebende Menschen befragt werden konnten, aber vor allem sind wir durch das Seligsprechungsverfahren an Andritzkis Briefe herangekommen. Und diese Briefe zeigen einen begeisterten, tiefgläubigen jungen Mann. Diese Zeugnisse, die er praktisch ungewollt – zumindest nicht beabsichtigt – für einen solchen Prozess einmal geschrieben hat, meist an seinen Pfarrer, den Propst in Dresden, und an die Eltern, sind von enormer Bedeutung. Alle, die diese Briefe lesen, die wir jetzt veröffentlicht haben, sind von Andritzkis tiefem Glauben, der aus ihnen spricht, überaus beeindruckt. Ein Benediktiner aus Trier, Pater Maurus Münch, sagt: „Wir waren uns in unserem Priesterblock sicher: Das ist der beste von uns.“ Das sind Zeugnisse, die wir vorher nicht kannten. Schon 1947 hat dieser Pater Maurus an die Eltern Andritzkis geschrieben: „Heute ist Allerheiligen. Ich habe zu Alojs gebetet und ich bin fest überzeugt, dass er ein Heiliger ist.“ Damals hat noch keiner an eine Seligsprechung gedacht. Das sind dann doch sehr überzeugende Dinge, die wir da gefunden haben.

    Wie gesichert ist die Annahme, dass Andritzki durch eine Giftspritze liquidiert wurde?

    Wie alles, was im KZ geschehen ist, bleibt immer ein wenig Unsicherheit dabei, aber Pfarrer Hermann Scheipers, der ja noch lebt und mit Andritzki zusammen im KZ Dachau inhaftiert war, sagt: Das ist ganz eindeutig der Fall gewesen. Die Hinrichtung mit der Giftspritze war im KZ ein alltäglicher Vorgang und wir gehen davon aus, dass sie auch bei Andritzki eingesetzt wurde.

    Welche herausragenden Eigenschaften machen den neuen Seligen zu einem Vorbild für die Gläubigen?

    Das, was wir gerade in einem seiner Briefe gelesen haben. In diesem schildert er: Es sieht ja auf den ersten Blick so aus, als habe Gott uns verlassen, uns vergessen in dieser Dunkelheit. Da lass ich mich aber nicht täuschen, in der festen Überzeugung, dass Gott auch jetzt unendlich liebt. Und das zweite ist meines Erachtens außerdem diese bedingungslose Akzeptanz des Willens Gottes. Er war sich so sicher, dass das alles richtig ist, und dahinter steht ja auch eine Erfahrung, die seine jüngste – noch lebende – Schwester gemacht hat, die bei der SS vorstellig geworden ist und gesagt hat: Lasst doch meinen Bruder frei, der hat doch nichts gemacht! Darauf hat man ihr erwidert: Ja, das ist doch ganz einfach, der soll seinen Priesterrock an den Nagel hängen. Dann ist er sofort frei, wenn er für uns arbeitet. Darauf hat die Schwester geantwortet: Das wird mein Bruder Alojs nie machen. Das ist ein sehr schönes Zeugnis einer noch Lebenden, das uns zeigt: Diese klare Entscheidung für Christus – die hat er durchgehalten. In der tiefsten Verlassenheit hat er noch an der Liebe Gottes festgehalten.

    Inwiefern kann sein Beispiel auch heute noch jedem Einzelnen von uns als Leitbild dienen?

    Ich meine, wir brauchen gerade ein solches Vorbild für unsere Jugend. Glauben ist eben kein leichter Spaziergang, sondern Kampf und Entschiedenheit, und dafür ist er ein großartiges Vorbild. Auch bei den schwersten Herausforderungen im Konzentrationslager – so sagt gerade der eben erwähnte Pater Maurus – hat er immer ein helles Gesicht bewahrt. Wenn man ihn zum Beispiel beim Toilettenreinigen sah, hat er es mit einem hellen Lachen getan. Er hat dadurch die anderen sozusagen ermuntert. Oder – er war ja ein sehr sportlicher Mann – und so ist er im Handstand über die Tische gelaufen, einfach, um den anderen eine Freude zu bereiten. Da hatten sie mal etwas zum Lachen. Man hat auch berichtet, dass die schönste Silvesterfeier dort im KZ – so etwas durfte man offensichtlich organisieren – von Alojs Andritzki gestaltet wurde. Der konnte das einfach. Für die Weihnachtskrippe dort hatte er ein wunderschönes Gemälde gemacht – alles mit einer Liebe für die anderen. Und so ein Vorbild braucht man eben heute: Diese klare Treue zum Glauben ohne jede Abstriche. Das ist das, was die heutige Gesellschaft letzten Endes von uns erwarten muss. Wir dürfen uns nicht anpassen, sondern müssen begeistert dem Weg zustimmen, zu dem Jesus uns herausgefordert hat.

    Diese Verbundenheit von Kaplan Andritzki mit der Jugend war ja das Herausragende an ihm.

    Man muss sogar sagen: Er ist allein wegen zu guter Jugendarbeit verhaftet worden. Wir haben das ja jetzt auch bei den anderen Märtyrern erlebt, bei den Lübecker Märtyrern, die ebenfalls demnächst seliggesprochen werden. Wenn die pastoral gut waren, hat die Staatsmacht zugeschlagen.

    Die Jugend war ja die Zukunft des Systems, da konnte man es natürlich nicht zulassen, dass sich die katholischen Priester um die Jugendlichen kümmerten.

    Und Andritzki hat es offensichtlich ganz besonders gut gekonnt. Er war für die Nazis ein besonders schlimmes Ärgernis.

    Stand bei Andritzkis Verhaftung demnach eher die Jugendarbeit im Vordergrund oder die Tatsache, dass er Priester sorbischer Herkunft war? Oder lässt sich das nicht voneinander trennen?

    Dass die Sorben natürlich auch im Visier der Nazis standen, weil sie zu den Slawen gehörten, das war klar. Aber der entscheidende Verhaftungsgrund, der ihm auch gerichtlich vorgeworfen wurde, waren seine Äußerungen, die er gegenüber Jugendlichen gemacht hat, und aus denen man herauslesen konnte, dass er mit dem System nicht einverstanden gewesen war. Denn seine Brüder, die ja auch Priester waren und auch Sorben, die haben nichts dergleichen erlebt.

    Kann das Vorbild des neuen Seligen, der sich neben vielem anderen zudem um die Seelsorge an polnischen Häftlingen im KZ Dachau verdient gemacht hat – wenn er ihnen dort beispielsweise die Beichte abgenommen hat – zu einer besseren Verständigung zwischen deutschen und polnischen Katholiken beitragen?

    Ich denke, es ist schon ein deutliches Zeichen, dass der Bischof von Liegnitz aus Polen zu dieser Seligsprechung kommen wird, einer von den wirklich besonders lebendigen geistvollen Kontaktmännern zwischen Polen und Deutschen – er ist ja unser direkter Nachbar – aber es werden auch andere dabeisein: die Polen, die hier in Dresden wohnen sowieso. Aber auch aus Polen, die polnische Grenze ist ja nur etwas mehr als hundert Kilometer entfernt – werden sich einige auf den Weg machen, weil die auch mit den Sorben persönliche Kontakte haben. Das gilt übrigens auch für die Tschechen. Da kommen gleich drei Bischöfe. Die sind ebenfalls sehr mit den Sorben verbunden.

    Welchen Stellenwert genießt Alojs Andritzki denn unter den sorbischen Katholiken? Wird er von ihnen besonders verehrt?

    Ja! Da werden ein paar tausend Sorben zur Seligsprechung kommen. Sie sind natürlich ganz glücklich, denn es ist sowohl der erste Sachse, der im Laufe der gesamten Kirchengeschichte seliggesprochen wird als auch der erste Sorbe! Bischof Benno, der hier heiliggesprochen wurde, stammte ja aus dem Hildesheimer Gebiet von der Burg Woldenberg, der war kein hiesiger Sachse.

    Wer wird die feierliche Seligsprechung von Alojs Andritzki am 13. Juni in Dresden durchführen?

    Wir freuen uns, dass Kardinal Amato selbst anreisen wird, um die Seligsprechung vorzunehmen, und dass zwölf Bischöfe aus der Umgebung anwesend sein werden: ein polnischer Bischof, drei tschechische Bischöfe, sowie acht Exzellenzen aus deutschen Bistümern. Das wird unsere Diaspora sehr ermutigen, wenn wir auch einmal wieder ein so großes Fest feiern können.

    Mit der Seligsprechung von Alojs Andritzki wird ein großer Vertreter Ihres Bistums geehrt für sein Glaubenszeugnis und seine Standhaftigkeit. Es gibt noch weitere solche überzeugenden Glaubenszeugen in Ihrem Bistum, etwa die Gründerin der Nazarethschwestern, Mutter Augustina. Ist nun, nach dem Abschluss des Verfahrens für Kaplan Andritzki damit zu rechnen, dass der Prozess für Mutter Augustina in Angriff genommen und vorangetrieben wird? Zahlreiche Gläubige hoffen ja darauf.

    Ich denke, das müsste jetzt von den Schwestern ausgehen. Die ehemalige Generaloberin, Mutter Augustina, die am Ende des Zweiten Weltkrieges von einem Russen ermordet wurde, ist ja im Garten der Nazarethschwestern beerdigt. Die Schwestern gehen immer wieder zu ihrem Grab, um für sie zu beten. Die Anregungen, die mein Vorgänger und ich gegeben haben, können von den Schwestern aufgegriffen werden, sodass die Arbeit beginnen kann. Des Weiteren ist unsere Jugend sehr aufmerksam geworden auf den, der gleichzeitig mit Alojs Andritzki im KZ Dachau gewesen ist, und vor ihm an diesem Ort gestorben ist: unser Diözesanjugendseelsorger Bernhard Wensch. Es gibt also auch in Zukunft noch genügend zu tun.