• aktualisiert:

    Was eigentlich geschieht im Vatikan?

    Rom (DT) Was geschieht übers Jahr so hinter den leoninischen Mauern, woran arbeiten die Prälaten im Vatikan? Wer das ganz genau wissen will, hat einmal im Jahr die Gelegenheit, im Buchladen des Vatikanverlags im linken Seitenarm des Petersdoms ein voluminöses Handbuch mit dem Titel „Die Aktivitäten des Heiligen Stuhls“ zu kaufen. In diesem Sommer umfasst es 1 366 Seiten, kostet achtzig Euro und gibt Auskunft über vielleicht nicht alles, aber doch vieles, was die römische Kurie im Berichtsjahr 2011 beschäftigt hat.

    Wacher Blick: Den Vatikan-Mitarbeitern ist derzeit öffentliche Aufmerksamkeit gewiss. Foto: KNA

    Rom (DT) Was geschieht übers Jahr so hinter den leoninischen Mauern, woran arbeiten die Prälaten im Vatikan? Wer das ganz genau wissen will, hat einmal im Jahr die Gelegenheit, im Buchladen des Vatikanverlags im linken Seitenarm des Petersdoms ein voluminöses Handbuch mit dem Titel „Die Aktivitäten des Heiligen Stuhls“ zu kaufen. In diesem Sommer umfasst es 1 366 Seiten, kostet achtzig Euro und gibt Auskunft über vielleicht nicht alles, aber doch vieles, was die römische Kurie im Berichtsjahr 2011 beschäftigt hat.

    So erfährt der des Italienischen mächtige Leser, dass zum Beispiel die Kongregation für die Glaubenslehre die Wiederveröffentlichung eines Aufsatzes von Kardinal Joseph Ratzinger aus dem Jahr 1998 veranlasst hat. Er erschien am 30. November 2011 im „Osservatore Romano“ und behandelte die „Seelsorge an wiederverheirateten Geschiedenen“. In diesem Text, den die Glaubenskongregation erneut bekannt machen und verbreiten wollte, erläutert der damalige Präfekt dieses Dikasteriums die katholische Lehre zu den Wiederverheirateten und legt dar, warum die Praxis der orthodoxen Kirchen unter bestimmten Bedingungen eine zweite oder dritte Ehe nach dem Scheitern der ersten zuzulassen, für die katholische Kirche „aus lehrmäßigen Gründen“ nicht akzeptierbar sei.

    Aber nicht nur das hat die Glaubenskongregation 2011 getan. In der für disziplinäre Fragen zuständigen Abteilung der Kongregation wurden im vergangenen Jahr Akten für 599 neue Untersuchungsverfahren angelegt, von denen 440 die sogenannten „delicta graviora“ betreffen, also die „schwerwiegenden Vergehen“, deren Behandlung dem Heiligen Stuhl vorbehalten ist. Die meisten von diesen Vergehen, genau 404, beträfen Missbrauchsdelikte durch Kleriker. Das seien weniger Fälle als im Jahr 2010, heißt es in dem Jahresbericht, aber immer noch beträchtlich mehr als etwa in den einzelnen Jahren von 2005 bis 2009. Im Zusammenhang mit diesen Vergehen habe die Kongregation 2011 dem Papst 125 Fälle von Entlassungen aus dem Klerikerstand und weitere 135 Fälle von Dispensierungen von den priesterlichen Pflichten zur Entscheidung vorgelegt. Im gleichen Zeitraum habe die Kongregation für den Klerus in 540 Verfahren, in denen es nicht um „delicta graviora“ ging, über die Entbindung von den priesterlichen Pflichten von Diakonen, Welt- und Ordenspriestern urteilen müssen.

    Während sich laut Jahresbericht die Kongregation für die Sakramentenordnung in Zusammenarbeit mit den Dikasterien für den Glauben und für den Klerus um die Verbesserung der Predigten, vor allem von themenorientierten Homelien, befasst habe, sei die Kongregation für die Evangelisierung der Völker wie jedes Jahr zugunsten der kirchlichen Jurisdiktionen in den sogenannten Missionsgebieten tätig gewesen. Drei Hilfswerke unterstehen der Propaganda Fide: Das Päpstliche Werk der Glaubensverbreitung habe 75 Millionen Dollar in die Dritte Welt geschickt (2010: 85 Millionen), das Päpstliche Werk vom heiligen Apostel Petrus 30 Millionen Dollar (2010: 33 Millionen) und das Päpstliche Kinderhilfswerk 19 Millionen Dollar (2010: 20,67 Millionen).

    Des Weiteren ist aus dem Jahrbuch zu erfahren, dass die Religiosen-Kongregation fünf verheirateten Personen erlaubt hat, sich ganz dem gottgeweihten Leben zu widmen, obwohl der Ehepartner noch lebt. Oder dass die Kongregation für die katholische Bildung ein Dokument über den Gebrauch des Internets bei der Ausbildung der Priester vorbereitet. Oder dass die Apostolische Pönitentiarie 1 315 Ablässe gewährte, die meisten davon für das Land Martin Luthers. 329 Ablässe gingen nach Deutschland, gefolgt von 260 für Italien. Die Rota Romana, das Vatikanische Ehegericht, hat im vergangenen Jahr 179 Urteile gesprochen, wobei in den meisten Fällen, insgesamt 94, die Erklärung der Nichtigkeit der zu untersuchenden Ehe verweigert wurde.

    Das kleine Hilfswerk des Papstes, der Rat „Cor Unum“, hat 2011 die Summe von 1,8 Millionen Dollar an von Naturkatastrophen betroffene Menschen überwiesen (die Zahlungen gehen in der Regel an die Kirche vor Ort), mit 2,3 Millionen Dollar wurden Projekte zur humanen und christlichen Förderung unterstützt. Zu „Cor Unum“ gehören auch zwei Stiftungen päpstlichen Rechts, die „Stiftung Johannes Paul II.“ für die Sahel-Zone und die „Stiftung Populorum Progressio“ für Lateinamerika; sie überwiesen 1,86 beziehungsweise 2,1 Millionen Dollar für Projekte im Rahmen ihres Stiftungszwecks.

    Der Jahresbericht liefert auch aufschlussreiche Zahlen: 2011 arbeiteten 352 Angestellte bei Radio Vatikan – davon 307 Laien –, was immerhin zwölf Prozent des Personals des Heiligen Stuhls ausmacht, der insgesamt 2 832 Personen beschäftigt. Über die vatikanische Staatsbürgerschaft verfügten am 31. Dezember 2011 nur 594 Personen: 71 Kardinäle, 307 Kleriker mit Diplomatenstatus, 51 weitere Kleriker, eine Ordensfrau, 109 Schweizer Gardisten und 55 weitere Laien. Dazu hatten weitere 238 Personen das Recht, bei Beibehaltung ihrer ursprünglichen Staatsbürgerschaft auf vatikanischem Boden zu wohnen, während es insgesamt 3 500 Menschen sind, die in extraterritorialen Immobilien des Heiligen Stuhls zur Miete leben. Bleibt noch hinzuzufügen, dass der Staat der Vatikanstadt im Berichtsjahr 32 Millionen Kilowattstunden Strom verbraucht hat.

    Und noch eine Zahl: Das Vatikanische Geheimarchiv hat 2011 ganze 1 321 Besucherausweise ausgegeben. Die Wissenschaftler und Studierenden, die die Bibliothek nutzen wollten, kamen aus 54 verschiedenen Staaten. Nach 673 Italienern lagen die Deutschen und Spanier mit jeweils 102 Besuchern auf dem zweiten Platz.

    Für einen besonderen Segen des Papstes ist die „Elemosineria Apostolica“ zuständig – zehn Personen arbeiten dort und man beschäftigt siebzehn externe Kalligraphen. Solche Segen gibt es nicht umsonst und die „Elemosineria“ hat im vergangenen Jahr neunhunderttausend Euro eingenommen, um dem Wunsch von Christen und Angehörigen anderer Religionen nach einem Segen des Heiligen Vaters „mit Diskretion“ zu entsprechen. Allerdings wurde das Geld zum Großteil auch wieder für das Pergament ausgegeben, auf dem der Apostolische Segen ausgefertigt wird; ganze 120 000 pergamentene Papstsegen verließen 2011 das Amt.

    Dem Jahrbuch ist auch zu entnehmen, dass es eine „Päpstliche Akademie der Unbefleckt Empfangenen“ gibt, der zwar die Akademiker ausgehen, wie es der Bericht lapidar vermerkt, die aber dafür umso mehr Zulauf von Gebetsgruppen erhält, die im Umfeld von Medjugorje entstanden sind, aber nirgendwo einen rechten spirituellen Bezugspunkt finden. Gleichzeitig arbeitet unter dem Dach der Glaubenskongregation eine internationale Expertengruppe, die sich mit dem Phänomen Medjugorje zu befassen hat. Sie trat 2011 viermal zusammen.

    Einen großen Erfolg hat die Vatikan-Polizei zu verbuchen. So berichtet das Jahrbuch, dass die Gendarmerie des Vatikanstaats 2011 zwar 96 Bußgeldbescheide wegen Vergehen gegen die Straßenverkehrsordnung im kleinen Kirchenstaat verhängen musste, dass aber dafür der Taschendiebstahl, der besonders in den Vatikanischen Museen und im Petersdom verbreitet war, nach einem „entschiedenen Vorgehen der Polizei“ so gut wie abgestellt werden konnte. Nur einzelne Ausnahmen bestätigen die (neue) Regel.

    Einen bedauerlichen Vorfall hat der Jahresbericht für das archäologische Bauamt des Vatikans zu berichten: Ende 2011 wurden die Katakomben „dei Giordani“ von einer Invasion von Stachelschweinen heimgesucht, die sich von dem darüber gelegenen Park der Villa Ada nach unten vorgearbeitet hatten. So muss man sich in den heiligen Hallen nicht nur mit „Maulwürfen“ plagen, die vertrauliche Dokumente nach außen schmuggeln, sondern auch mit diesen Plagegeistern aus der Großfamilie der Schweine.