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    WÜRZBURG

    Was darf der Beter von Gott erwarten?

    Das Evangelium dieses Sonntags enthält eine ausführliche Gebetsunterweisung, die wichtige Hilfen auch für unsere persönliche Gebetspraxis enthält. Die Jünger bitten Jesus, sie beten zu lehren, wie dies auch Johannes der Täufer seinen Jüngern gegenüber getan habe (Lukas 11, 1).

    Das Evangelium dieses Sonntags enthält eine ausführliche Gebetsunterweisung, die wichtige Hilfen auch für unsere persönliche Gebetspraxis enthält. Die Jünger bitten Jesus, sie beten zu lehren, wie dies auch Johannes der Täufer seinen Jüngern gegenüber getan habe (Lukas 11, 1).

    Die längere Antwort Jesu gliedert sich in mehrere thematische Einheiten. Zunächst lehrt Jesus die Jünger das Vaterunser (Lukas 11, 2–4). Es schließt sich das Gleichnis vom bittenden Freund an (Lukas 11, 5–8). Es folgt ein Aufruf zum vertrauensvollen Bittgebet, dem Erfüllung verheißen wird (Lukas 11, 9–10). Untermauert wird dies mit dem kurzen Gleichnis vom Vater und seinem bittenden Sohn (Lukas 11, 11–12). Am Ende wird aus diesem Gleichnis der Schluss gezogen, dass erst recht Gott das Gebet erhören wird, wenn sogar die sündigen Menschen die Bitten ihrer Kinder erfüllen (Lukas 11, 13).

    Dieser Überblick zeigt schon, dass es Lukas in dieser Gebetsunterweisung besonders um die Ermutigung zum vertrauensvollen Beten geht. Die an Gott gerichteten Bitten des Menschen bleiben nicht unerhört. Den Höhepunkt dieser Aussagenreihe finden wir in den Versen 9 und 10: „Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet.“ Aber ist es so einfach mit dem Bittgebet? Unsere Erfahrung spricht doch oft genug dagegen: Wir haben in einem Anliegen gebetet, aber die Situation hat sich nicht gebessert. Wir haben für einen schwerkranken Angehörigen gebetet, aber die Krankheit ist nicht verschwunden; der Kranke verstarb. Wir haben gebetet, dass ein Ehepaar aus einer Krisensituation herausfindet, aber das Paar hat sich doch getrennt. So einfach scheint es nicht zu sein. Es wird nicht immer dem gegeben, der bittet, und nicht immer dem geöffnet, der bei Gott anklopft.

    Wenn wir genauer in das Evangelium hineinschauen, sehen wir, dass Lukas dies auch gar nicht verspricht, denn am Ende der Einheit heißt es: „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten“ (Lukas 11, 13). Das Bittgebet wäre missverstanden, wenn man es als Automatismus auffasste. Was wir erwarten dürfen, ist nicht, dass Gott uns alle Wünsche erfüllt, wohl aber dass er uns den Heiligen Geist sendet. Der Heilige Geist wird denen verheißen, die Gott um etwas bitten. Der Bitte um den Heiligen Geist ist Erhörungsgewissheit zugesagt. Darauf kann sich der Beter Gott gegenüber verlassen.

    Das Gebet ist Konkretisierung unseres Glaubens. Im Glauben öffnen wir uns für Gottes Wirken. Im Glauben erwarten wir alles Wesentliche für unser Leben von Gott. Im Glauben wissen wir uns klein vor Gott – wie die Kinder. Das Gebet muss letztlich von dieser glaubenden Haltung geprägt sein. Wir können Gott nicht zwingen, alle unsere Anliegen zu erfüllen, aber wir können den Heiligen Geist von ihm erwarten, der uns hilft, auch schwierige Situationen in unserem Leben zu meistern, Krankheit und Trauer zu tragen.

    Zum Schluss noch einige Gedanken zur lukanischen Fassung des Vaterunsers: Im Vergleich zur uns geläufigen Matthäusfassung fällt gleich am Anfang die Anrede Gottes als „Vater“ und nicht als „unser Vater“ auf. In der einfachen Vateranrede spiegelt sich die Gebetssprache Jesu („Abba“/„Vater“ mit breiten Nachwirkungen im Neuen Testament: Markus 14, 36; Galater 4, 6; Römer 8, 15; vgl. auch Johannes 11, 41; 17, 1 und öfter). Sie wurde von den Jüngern übernommen. Jesus fasst im Vaterunser wesentliche Anliegen seiner Verkündigung zusammen. Am Anfang steht die Bitte um die Heiligung des Namens Gottes und um das Kommen des Reiches Gottes. Jesus hat den Beginn des Reiches Gottes verkündet. Das Vaterunser bittet darum, dass Gott seine Herrschaft endgültig offenbart und damit bewirkt, dass der Name Gottes, also letztlich Gott selbst, von allen Menschen geachtet und verehrt wird.

    Die Bitte um das notwendige Brot nur für den heutigen Tag, wie wir sie bei Matthäus finden (Matthäus 6, 11), ist sicher die ältere, auf Jesus zurückgehende Fassung. Es ist eine bescheidene Bitte, die nur das Allernotwendigste von Gott erwartet und nicht an das Morgen denkt. Lukas übernimmt dieses Gebetsanliegen Jesu, passt es aber seiner Gemeindesituation an. So bittet er nicht nur um das notwendige Brot für „heute“, sondern „für jeden Tag“ (Lukas 11, 3). Lukas hat eine Gemeinde im Blick, die sich in der Welt einrichten muss, da sie nicht mit dem baldigen Ende der Welt rechnet. Zu ihr gehören auch Familien, die über den Tag hinaus planen müssen. Da kann man nicht nur um Nahrung und Lebensunterhalt für einen Tag bitten.

    In der Vergebungsbitte geht es darum, dass uns die Sünden erlassen werden entsprechend unserer Bereitschaft, anderen zu vergeben. Die Vergebung durch Gott, die der Glaubende in der Taufe und im Bußsakrament empfängt, ermöglicht es und verpflichtet dazu, jedem zu vergeben, der ihm gegenüber schuldig geworden ist.

    Die Bitte, dass Gott nicht in Versuchung führen möge, ist seit 2017 durch Äußerungen von Papst Franziskus in den Fokus geraten. Der Papst interpretiert die Bitte so, dass Gott die Versuchung zulasse, aber nicht aktiv in Versuchung führe. Deshalb schlägt er als Übersetzung vor: „lass uns nicht in Versuchung geraten“. Denn wer aktiv in Versuchung führt, sei nicht Gott, sondern allein der Satan. Die deutschen Bischöfe haben verlauten lassen, dass sie die Übersetzung nicht ändern wollen. Vielleicht kann man dem Anliegen des Papstes gerecht werden, indem man die Bitte als Bewahrung des Beters vor Situationen begreift, die den Glauben auf die Probe stellen. Das können Krankheiten sein, Verlust von nahestehenden Menschen oder berufliche Krisen. Hier kann es zum Glaubenszweifel kommen. Worin auch immer man den Verantwortlichen für solche Erfahrungen sieht: Der Beter des Vaterunsers bittet den allmächtigen Gott, ihn vor solchen existenziellen Versuchungen zu bewahren.

    Von Lothar Wehr

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