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    Was damals geschah, veränderte die Welt

    Erste Bücher zeigen es an: Die 500. Wiederkehr des Tages, an dem Martin Luther seine Thesen an die Wittenberger Tür geheftet haben soll, rückt näher. Was auch immer damals passiert oder nicht passiert ist – ohne den Beitrag des deutschen Bettelmönches ist das, was wir unter dem Sammelbegriff Reformation bezeichnen, nicht zu denken, nicht zu verstehen. Wie immer man bewerten mag, was sich nach 1517 abgespielt hat – fundierte Information zum Geschehen ist nötig und hilft bei der Einordnung. Sehr hilfreich dabei und auf dem letzten Stand ist das Buch des Mainzer Kirchenhistorikers und Redemptoristen-Paters Rolf Decot, eines seit mehr als drei Jahrzehnten ausgewiesenen Kenners der Materie.

    Luthers Thesenanschlag / Gem.v.Pauwels - Luther and Theses / Gem.v.Pauwels - Affichage des theses / Peinture, 1872, P
    Historisch nicht gesichert: Der Thesenanschlag Luthers zu Wittenberg am 31. Oktober 1517. Gemälde aus dem Jahr 1872 von ... Foto: dpa

    Erste Bücher zeigen es an: Die 500. Wiederkehr des Tages, an dem Martin Luther seine Thesen an die Wittenberger Tür geheftet haben soll, rückt näher. Was auch immer damals passiert oder nicht passiert ist – ohne den Beitrag des deutschen Bettelmönches ist das, was wir unter dem Sammelbegriff Reformation bezeichnen, nicht zu denken, nicht zu verstehen. Wie immer man bewerten mag, was sich nach 1517 abgespielt hat – fundierte Information zum Geschehen ist nötig und hilft bei der Einordnung. Sehr hilfreich dabei und auf dem letzten Stand ist das Buch des Mainzer Kirchenhistorikers und Redemptoristen-Paters Rolf Decot, eines seit mehr als drei Jahrzehnten ausgewiesenen Kenners der Materie.

    Das Thema hat, aus verständlichen Gründen, Allgemein- wie Kirchenhistoriker immer schon beschäftigt, so sehr, dass sich regelrechte „Reformationstheorien“ herausgebildet haben. Gelegentlich bewegte sich die Diskussion auf recht entlegenen Gleisen. Decot vertritt eine mehr traditionelle Haltung, wenn er zunächst die Person Martin Luthers und damit dessen Reformationsverständnis in den Mittelpunkt stellt. Daraus ergibt sich, dass das Geschehen in Deutschland beziehungsweise im Alten Reich besonders interessiert. Wie die meisten Forscher vertritt Decot die Meinung, dass erst seit der Reformation von einer römisch-katholischen Kirche gesprochen werden kann. In staatsrechtlicher Hinsicht habe sich in den Territorien deutscher Sprache die Reformation zu einer Auseinandersetzung um Fragen des Kirchengutes und der Hoheit über die Reichskirche entwickelt. Wer das in den Blick nimmt, kann bei der Betrachtung gar nicht früher als mit dem Westfälischen Frieden enden.

    Aber zunächst einmal muss geklärt werden, wie die Ausgangssituation war, denn: „Die Frömmigkeit der Menschen im Spätmittelalter und zu Beginn der Reformation ist uns in bedeutenden Teilen (...) fremd. Soviel ist aber sicher: dass das Leben der Menschen bis in die kleinsten Begebenheiten des Alltags hinein von der Religion bestimmt war. Religion meint damals eine enge Bindung an die römische Kirche. Diese Kirche hatte im Deutschen Reich noch einmal die besondere Form der Reichskirche. Ein Leben außerhalb des von der Kirche geprägten Rahmens war den Menschen damals undenkbar.“ Decot bringt anschauliche Beispiele für den Stil der Frömmigkeit und des religiösen Lebens vor der Reformation, für das Anliegen des Humanismus und die neuen theologischen Ansätze (devotio moderna, via moderna), schließlich für den bereits begonnenen Reformprozess der Kirche, der – das ist die eigentliche Tragik des Reformationsgeschehens – zu spät kam. Decot: „Die seit über zwei Jahrhunderte verhinderte oder doch versäumte Reform von Theologie, Frömmigkeit, Klerus und Kirche führte (...) zu einer euphorischen Zustimmung, als endlich jemand auftrat, um nicht nur die Symptome zu kurieren, sondern um das Christentum vom Evangelium her zu erneuern.“

    Dieser jemand war ein Nicht-Adliger bäuerlicher Herkunft, den seinen Eltern so rigide erzogen hatten, dass mehr als ein Forscher einen Zusammenhang zwischen dem gestrengen Vater und dem Bild von Gott als Richter gezogen hat, das für Luther so wesentlich wurde. Theologisch gehörte er zur Fraktion der via moderna, zu den Anhängern des Wilhelm von Ockham, der Glaube und Vernunft einander gegenübergesetzt hatte und dem menschlichen Willen und der Leistungsfähigkeit mehr zutraute als die meisten anderen Scholastiker. Es ist kein Zufall, dass Luther mit Vertretern klassisch-thomistischer Scholastik, etwa Kardinal Cajetan, letztlich nicht zu einem gemeinsamen Verständnis kam. Decot erklärt Luthers Wollen und Wirken ausführlich, sein festes Beharren auf der wurzelhaften Sündhaftigkeit des Menschen, die sich in der Unfähigkeit äußere, Gott wirklich über alles zu lieben.

    Die Bannandrohungs-Bulle gegen den unbändigen Augustiner von 1520 bezeichnet Decot als inhaltlich dürftig, weil zu pauschal und ungenau. Sie sollte die einzige Äußerung des Lehramtes zu Luther bleiben, der auch vom Trienter Konzil nicht namentlich verurteilt wurde. Nachdem auch die großen Programmschriften desjenigen vorgestellt werden, der schrieb: „Dann sind in Wahrheit die Sünden bei Gott verzeihlich, wenn sie von den Menschen als tödlich gefürchtet werden“, kann sich der Autor der Einführung der Reformation und der Antwort der Alten Kirche darauf widmen. Dabei wird der Augsburger Reichstag von 1530 mit der reformatorischen Confessio Augustina und der katholischen Antwort darauf, der Confutatio, gewürdigt. Augsburg sei, wie Decot sagt, die bis heute größte verpasste Chance gewesen, denn nie wieder sei man einander so nahegekommen. Fünf Jahre und einige kriegerische Auseinandersetzungen später traf man sich wieder in der Hauptstadt Bayerisch-Schwabens, vereinbarte den Augsburger Religionsfrieden, der auf Jahrzehnte gute Dienste tat, allerdings auch die Rolle des Reiches als politische und geistige Führungsmacht Europas beendete. Erst mit dem Westfälischen Frieden von 1648 kamen die konfessionell getönten inneren Spannungen Deutschlands langsam an ihr Ende. Schon das zeigt, dass der Mönch aus Wittenberg enorme Kräfte freigesetzt hatte, die eben auch das politische Antlitz Europas und in der Folge der Welt änderten.

    Und was hatte die Reformation mit der römischen Kirche gemacht, die – wiewohl zweifelsohne reformbedürftig – wie die große Verliererin des Geschehens aussah? Darauf versucht Rolf Decot eine Antwort im letzten Teil seines Buches. Im Alten Reich, wo die Kirche auch weltliche Macht war, kam es nicht wirklich zu inneren Reformen, bevor Luther auftrat. Italien und Spanien – darauf weist der Autor hin – boten im 16. Jahrhundert ein ganz anderes Bild. Während in Italien die Quellen der katholischen Reform in neuen kleinen Gemeinschaften von Klerikern und Laien lagen, nahmen in Spanien Krone und Episkopat die Erneuerung gemeinsam in Angriff. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass in den südeuropäischen Ländern die Auswirkungen der Reformation bei weitem nicht denen in ihrem Stammland gleichen. In allen Staaten Europas wirkten bald die Jesuiten und andere Reformorden segensreich. Doch bleibt die wichtigste katholische Antwort auf Luther das Konzil von Trient – ein reines Reformkonzil; zu einem solchen hatte übrigens auch Luther aufgerufen. Zu Trient bringt Decot eine exzellente, auch durch eine sinnvolle Grafik unterstützte Zusammenfassung. Er macht deutlich, dass der Hauptunterschied zwischen tridentinischer und lutherischer Rechtfertigungslehre in einer unterschiedlichen Denkstruktur liege, ontologisch-objektiv auf der einen, personal-existenziell auf der anderen Seite: „Dies sind jedoch (...) zwei Aspekte, die sich nicht gegenseitig ausschließen müssen.“ Im Ergebnis aber habe Trient die bereits bestehende Kirchenspaltung bestätigt, und zwar durch die scharf formulierten Lehrdekrete, die deutlich machten, dass es nun zwei verschiedene Haltungen zu zentralen Fragen gab. Allerdings waren in diesen Texten auch genug Anhalts- und Ausgangspunkte für eine genuine katholische Reform, die sich in der Folgezeit ja auch Bahn brach. Der während des Konzils gewählte Papst Pius IV. fühlte sich an die Dekrete ohne Abstriche gebunden „und wies damit seinen Nachfolgern den Weg“ (Decot). Dem Fazit des Autors ist zuzustimmen: „Durch das Konzil von Trient hatte die Reformation auch die katholische Kirche erreicht. Nach den dogmatischen Entscheidungen und den Reformdekreten war sie nicht mehr die gleiche wie zu Beginn des Jahrhunderts. In den sechziger Jahren des 16. Jahrhunderts hatte die von Martin Luther ausgegangene Reformation, wenn man so will, die gesamte abendländische Christenheit erreicht. Jedoch vollzog sich die Erneuerung in unterschiedlichen Kirchenwesen oder Konfessionen.“

    Es war also zum Bruch, zur Spaltung gekommen. Ob dies die Intention Luthers war, darüber lässt sich trefflich streiten. Insofern ist auch die Frage, ob die Katholiken 2017 etwas mitzufeiern haben, aus dem Blickwinkel des Betrachters zu entscheiden. Feststehen dürfte allerdings, dass der Anschlag der 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche am 31. Oktober 2017 – von dem mittlerweile selbst evangelische Forscher annehmen, dass er so nie stattgefunden hat – ein Großereignis der Geschichte war. Es wurde weitaus mehr verändert als nur organisatorische Zugehörigkeiten großer Teile der Bevölkerung. Heinrich VIII. von England und seine Lossagung von der römischen Kirche, die Besiedelung Nordamerikas durch europäische Auswanderer, die maßgeblich auch aus religiösen Gründen ihre Heimat verlassen hatten, die Herausbildung eines als „typisch protestantisch“ anzusehenden Arbeitsethos – man weiß gar nicht, wo man enden soll, wenn man an die direkt oder indirekt auf die Reformation zurückgehenden Konsequenzen und Folgenentwicklungen denkt.

    Was vor fünfhundert Jahren seinen Ausgang nahm, hat bis zum heutigen Tag direkte Auswirkungen auf die Christenheit und die gesamte säkulare Welt. Das am Ende des Buches mit einer nützlichen Zeittafel und einem aktuellen Literaturverzeichnis ausgestattete Übersichtswerk von Rolf Decot ist ein zuverlässiger und unbedingt zu empfehlender Führer über die wichtigsten Voraussetzungen, über die Haupt- und Nebenwege des Geschehens.

    Rolf Decot: Geschichte der Reformation in Deutschland. Verlag Herder, Freiburg i. Brsg./Basel/Wien, 2015, 286 Seiten, ISBN 978-3-451-31190-1, EUR 29,99