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    Was bleibt von einem Weltjugendtag?

    Weltjugendtag – dieses katholische Großereignis kannten breite katholische Kreise in Deutschland vor dem Jahr 2005 wenig. Sie mochten es auch nicht. Die Vorbehalte gerade in den klassischen katholischen Jugendverbänden unter Federführung des Bundes der katholischen Jugend (BDKJ) gegenüber dieser katholischen „Eventkultur“ war ausgeprägt. Zu sehr auf die bloße individuelle Frömmigkeit zugeschnitten bis hin zur Bigotterie, ohne Bewusstsein für die sozialen Probleme in der Welt, zu wenig kirchenkritisch und fortschrittlich, zu sehr auf Rom und den „konservativen“ Papst Johannes Paul II. ausgerichtet – so oder so ähnlich lauteten in Deutschland größtenteils die Einschätzungen vor 2005. Zwischen der katholischen Verbandsjugend in Deutschland, den Ordinariaten und den neuen Bewegungen wie etwa der Jugend 2000 herrschte weitgehend Funkstille und gegenseitiger Argwohn. Mit der Bewegung der Weltjugendtage, wie sie 1984 von Papst Johannes Paul II. ins Leben gerufen worden waren, fremdelte die römisch-katholische Kirche in Deutschland in erster Linie aus mentalitätsgeschichtlichen und kirchenpolitischen Gründen. Auf diesem Hintergrund starteten die Vorbereitungen für den Weltjugendtag 2005 in Deutschland.

    Das Weltjugendtags-Kreuz wurde 2005 mit dem Schiff von Speyer nach Köln gebracht. Es herrschte damals eine unvergleichli... Foto: Seibel

    Weltjugendtag – dieses katholische Großereignis kannten breite katholische Kreise in Deutschland vor dem Jahr 2005 wenig. Sie mochten es auch nicht. Die Vorbehalte gerade in den klassischen katholischen Jugendverbänden unter Federführung des Bundes der katholischen Jugend (BDKJ) gegenüber dieser katholischen „Eventkultur“ war ausgeprägt. Zu sehr auf die bloße individuelle Frömmigkeit zugeschnitten bis hin zur Bigotterie, ohne Bewusstsein für die sozialen Probleme in der Welt, zu wenig kirchenkritisch und fortschrittlich, zu sehr auf Rom und den „konservativen“ Papst Johannes Paul II. ausgerichtet – so oder so ähnlich lauteten in Deutschland größtenteils die Einschätzungen vor 2005. Zwischen der katholischen Verbandsjugend in Deutschland, den Ordinariaten und den neuen Bewegungen wie etwa der Jugend 2000 herrschte weitgehend Funkstille und gegenseitiger Argwohn. Mit der Bewegung der Weltjugendtage, wie sie 1984 von Papst Johannes Paul II. ins Leben gerufen worden waren, fremdelte die römisch-katholische Kirche in Deutschland in erster Linie aus mentalitätsgeschichtlichen und kirchenpolitischen Gründen. Auf diesem Hintergrund starteten die Vorbereitungen für den Weltjugendtag 2005 in Deutschland.

    Der Autor dieses Beitrages wurde ein Jahr zuvor in der Diözese Speyer vom damaligen Bischof Anton Schlembach in das diözesane Vorbereitungskomitee für den Weltjugendtag 2005 berufen. Zu dieser Zeit als Redakteur der Speyerer Bistumszeitung „der Pilger“ im Alter von Anfang 40 tätig, erlebte er – was ihm nachhaltig imponierte –, wie sich die zwei verschiedenen Glaubenskulturen innerhalb der römisch-katholischen Kirche in Deutschland annäherten und gegenseitige Vorurteile abbauten – und zwar vermittelt über das Medium Glaubenserlebnis selbst, für das kirchliche Mentalitäten und kirchenpolitische Fraktionen vorübergehend zweit- bis drittrangig wurden.

    Während der Vorbereitungssitzungen lernten sich etwa Vertreter der Jugend 2000 und des BDKJ persönlich besser kennen und planten gemeinsam Veranstaltungen. In diesen Sitzungen wurden die unterschiedlichen Sichtweisen der Glaubenspraxis durchaus deutlich markiert, wurde auch um Einflussnahme auf das Programm taktiert, aber alles geschah weitgehend in einem Klima der Fairness und des Respekts. Eines der Ergebnisse dieser Arbeit war dann, dass sowohl die Momente individueller Frömmigkeitsübungen, in denen der persönliche Kontakt zu Jesus Christus gesucht wurde, wofür die Jugend 2000 stand, als auch soziale Aktionen der BDKJ-Verbandsjugend in den Pfarreien und Dekanaten nicht mehr zuerst als etwas wahrgenommen wurden, das sich ausschließt, sondern ergänzt. Unmerklich schleifte sich in der Vorbereitungszeit des Weltjugendtages 2005 – so wie es der Autor in der Diözese Speyer erlebt hat – ein künstlich hergestellter Gegensatz zwischen individueller Frömmigkeit und sozialem Engagement als die vermeintlich je allein richtigen Weisen der Glaubenspraxis ab. Der Weltjugendtag 2005 in Deutschland demonstrierte also, dass so etwas möglich ist.

    Hier wurden unterschiedliche Glaubenskulturen innerhalb der römisch-katholischen Kirche in Deutschland gegeneinander durchlässig, ohne dass die Angehörigen dieser unterschiedliche Milieus das Gefühl hatten, ihre eigene Identität preisgeben zu müssen. Anbetung, „Night Fever“-Abende in den Kirchen und im Dom der Diözese Speyer standen neben der 72-Stunden-Aktion des BDKJ als Vorbereitung zum Weltjugendtag 2005, wo in Zusammenarbeit mit einem Rundfunksender Gruppen aus Pfarreien zum Beispiel Kindergärten instand setzten, Senioren- und Behindertenarbeit betrieben oder anderes soziales Engagement an den Tag legten. Diese Tage lebten über den Weltjugendtag 2005 weiter fort: Die Dominikanerinnen in Speyer etwa versammelten auch nach dem Weltjugendtag 2005 junge Menschen zu einer Gebetsschule. Wer eine solche Gebetsschule nach dem Weltjugendtag besuchte, der sah, dass dort junge Menschen aus dem persönlichen Glaubensleben, der Kommunikation mit Jesus Christus heraus Impulse bekamen, die eben nicht allein das Bedürfnis der Frömmigkeit befriedigten, sondern für ihr gesellschaftliches Engagement, für das Bestehen von moralischen und sozialen Herausforderungen im Alltag wichtig waren. Frommsein und Engagement schließen sich nicht aus. Die Dominikanerin Sr. Dr. Theresia Mende, die diese Gebetsschule maßgeblich ins Leben gerufen hatte, und Pfarrer Volker Sehy, ein Priester, der auch in der Organisation des Weltjugendtages 2005 im Bistum Speyer involviert war, leiten heute das Geistliche Zentrum Maria Rosenberg im Bistum Speyer, das zu einer Art spirituellem Leuchtturm und Tankstelle des Bistums werden soll – also auch eine Nachwirkung der Erfahrungen des Weltjugendtages 2005 in Deutschland. Zu einem festen Bestandteil der jungen Spiritualität im Bistum Speyer ist aus dem Weltjugendtag 2005 heraus zudem „Night Fever“ geworden. Und der BDKJ hat seinerseits die 72-Stunden-Aktion über den Weltjugendtag hinaus wiederholt.

    Aufschlussreich zu beobachten während des Weltjugendtages 2005 in Deutschland war vor allem, dass das Ineinanderdiffundieren ohne Identitätsverlust der verschiedenen Milieus innerhalb der Kirche bei den jungen Gläubigen im wortwörtlichen Sinne unter dem Kreuz stattfand. Die Ausstrahlung, die das schlichte Weltjugendtags-Kreuz besitzt, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Sich dieser Aura auszusetzen, sie auf sich wirken zu lassen, angesichts dieses Kreuzes innerlich zu den letzten Dingen des Lebens vorzustoßen, das verband und faszinierte die Jugendlichen und jungen Erwachsenen unabhängig davon, welcher kirchenpolitischen Fraktion sie sich zugehörig fühlten oder wie kritisch oder romtreu gegenüber dieser Kirche sie sich verstanden, ob sie Insider oder Fernstehende waren. Der Autor dieses Beitrages erinnert sich beispielsweise noch gut an eine Szene nach der Übergabe des Weltjugendtags-Kreuzes an die Diözese Speyer in Worms. Da kamen einige Jugendliche mit einem Ordensmann im Habit ins Gespräch – und die in zu kurzen und weiten Hip-Hop-Hosen gekleideten jungen Männer, die eher konsum- und freizeitorientiert wirkten, hatte angesichts des Erlebnisses mit dem Weltjugendtags-Kreuz vor allem eines interessiert: Warum ließ sich Jesus Christus kreuzigen und gibt es den Teufel? Der Ordensmann stand tapfer Rede und Antwort. Es ging um Existenzielles und nicht um Kirchenpolitik. Oder eine andere Impression in Frankenthal während der Tour des Weltjugendtags-Kreuzes durch die Diözese Speyer: Da stand ein blindes Mädchen vor dem Weltjugendtags-Kreuz und tastete eine Inschrift auf einer Metalltafel am Längsteil des Kreuzes ab, fuhr mit den Händen entlang der Kanten des Kreuzes und lächelte. Eine Gruppe junger Katholiken, die verbandlich organisiert sind, beobachtete die Szene – und ging sichtbar in sich.

    Schließlich die Schiffsfahrt auf dem Rhein, mit der das Weltjugendtags-Kreuz 2005 von Speyer nach Köln gebracht worden war. Eine Nacht und einen Tag auf dem großen deutschen Fluss zu gleiten zwischen Beten, Gruppenarbeit, Lachen, Essen, Liturgie – da interessierte es niemanden der jungen Gläubigen mehr, ob er bei der KJG oder Jugend 2000 war, und keinen Geistlichen und pastoralen Mitarbeiter interessierte mehr, ob er dem Weltjugendtag früher eher skeptisch gegenüberstand oder nicht. Dieses intensive Erlebnis angesichts des Weltjugendtags-Kreuzes bleibt im Inneren derjenigen, die es erlebt haben, bestehen – und die Erinnerung daran hilft, manche Durststrecke im Glauben und im Leben der römisch-katholischen Kirche in Deutschland zu überstehen. Auch hier die gemachte Erfahrung, die bleibt: Das Existenzielle, das Fromme, die Spiritualität, die aus der Kommunikation und der Konfrontation mit der Person Jesus Christus und dem Kreuz entstehen, verändern – zumindest zeitweise – den Menschen, berühren ihn. Das zeigte dem Autor dieses Beitrages der Weltjugendtag 2005 in Deutschland. Das mag bei dem einen oder anderen der Teilnehmer ein Strohfeuer gewesen sein. Diese Energie mag sich im Alltag der Pfarrei wieder schnell verbrauchen. Aber es hat junge Menschen in Deutschland verändert, die Kirche danach anders gesehen und empfunden und sich in Kirche und Gesellschaft anders eingebracht haben, biblisch gesprochen: zu Sauerteig geworden sind. Das ist kaum evaluier- und messbar, aber es ist wirksam. Weshalb es ein Ansatz des Dialoges innerhalb der römisch-katholischen Kirche in Deutschland sein könnte, aus dem Weltjugendtag 2005 im eigenen Land zu lernen, zuerst im Glauben selbst das Fundament, das Gemeinsame zu suchen, und nicht zuerst im Institutionellen.

    Wie wichtig die jeweils handelnden Personen im Leben der Kirche sind und nicht allein die institutionellen Strukturen für Lebendigkeit sorgen, auch das verstand der Autor dieses Beitrages bei der Vorbereitung des Weltjugendtages 2005 in Deutschland. Einer der Mitarbeiter des Bischöflichen Ordinariates in Speyer, Werner Busch, war schon vor 2005 ein Fan der Weltjugendtage gewesen. Er sorgte innerhalb des Ordinariates und im Gespräch mit der katholischen Verbandsjugend sowie der Jugend in den Geistlichen Bewegungen dafür, dass Berührungsängste abgebaut und Skepsis überwunden wurden. Es braucht diese Vermittler zwischen den Milieus. Busch, der heute Leiter des Ferienwerks und der Pilgerstelle des Bistums Speyer ist, brachte diese Vermittlung dabei aus der Begeisterung heraus zustande, die er von den vorherigen Weltjugendtagen mitbrachte und glaubwürdig allen innerhalb des Ordinariates, des BDKJ und den Bewegungen vorleben konnte. Eine Person war damit gleichsam der Katalysator dafür, dass unterschiedlichste kirchliche Gruppen auf das Ziel Weltjugendtag 2005 hin zusammenarbeiteten.

    Das ist im Bistum Speyer jedoch nicht die einzige Personalie, über die der Weltjugendtag 2005 unter der Hand weiter Wirkung auf die Kirche in Deutschland ausübt: Einige der damaligen Mitglieder des diözesanen Vorbereitungskomitees arbeiten heute in wichtigen Positionen im Ordinariat. Franz Jung beispielsweise ist Generalvikar und Franz Vogelgesang, der früher auch Geistlicher Begleiter der Jugend 2000 gewesen war, ist heute Leiter der Hauptabteilung I Seelsorge in der Diözese Speyer. Nicht zuletzt Erfahrungen, die sie mit dem Weltjugendtag 2005 in Deutschland machten, helfen ihnen heute, die Pastoral neu aufzustellen. In anderen Diözesen ist das nicht anders.

    Wenn jetzt also der Weltjugendtag 2011 in Madrid seinen Höhepunkt erlebt, dann darf man sicher sein, dass er Wirkung entfaltet. Sie ist nicht immer sofort sichtbar, dafür aber nachhaltig.