• aktualisiert:

    Vor allem braucht die Welt Zeugen

    Euch allen einen guten Abend!

    Leidenschaftlich und gestenreich antwortete Papst Franziskus auf die ihm gestellten Fragen, gab dabei tiefe Einblicke in... Foto: dpa

    Euch allen einen guten Abend!

    Ich freue mich über die Begegnung mit Euch und dass wir uns alle hier auf diesem Platz treffen, um vereint die Gabe des Heiligen Geistes zu erwarten. Ich kannte Eure Fragen schon und habe darüber nachgedacht. Meine Antwort erfolgt also nicht, ohne dass ich die Fragen gekannt hätte. Vorab die Wahrheit! Ich habe die Fragen hier schriftlich vorliegen.

    Die erste Frage – „Wie haben Sie in Ihrem Leben Glaubensgewissheit erlangen können; und welchen Weg zeigen Sie uns auf, damit jeder von uns seine Glaubensschwäche besiegen kann?“ – ist eine geschichtliche Frage, weil sie meine Geschichte betrifft, die Geschichte meines Lebens!

    Mir wurde die Gnade zuteil, in einer Familie aufzuwachsen, in der der Glaube auf einfache und konkrete Weise gelebt wurde; doch vor allem meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, war bezeichnend für meinen Glaubensweg. Sie war eine Frau, die uns Jesus erklärte, über Jesus sprach, uns den Katechismus lehrte. Ich erinnere mich noch, dass sie uns am Karfreitag abends zur Kerzenprozession mitnahm. Zum Schluss dieser Prozession kam der „Christus, der vom Kreuz genommen ist“, und unsere Großmutter ließ uns Kinder niederknien und sagte: „Schaut, er ist gestorben, aber morgen wird er auferstehen“. Die erste christliche Verkündigung habe ich gerade von dieser Frau, von meiner Großmutter erhalten! Das ist etwas Wunderschönes! Die erste Verkündigung zu Hause, bei der Familie! Und das lässt mich an die Liebe so vieler Mütter und so vieler Großmütter bei der Weitergabe des Glaubens denken. Sie sind es, die den Glauben weitergeben. Das geschah auch in den Anfangszeiten, denn der heilige Paulus sagte zu Timotheus: „Ich denke an deinen Glauben, der schon in deiner Großmutter und in deiner Mutter lebendig war“ (vgl. 2 Tim 1,5). Alle Mütter, die hier sind, alle Großmütter, denkt daran! Den Glauben weitergeben. Denn Gott stellt uns Menschen zur Seite, die uns auf unserem Glaubensweg helfen. Wir finden den Glauben nicht auf abstrakte Weise – nein! Es ist immer eine Person, die predigt, die uns sagt, wer Jesus ist, die uns den Glauben weitergibt, die uns als erste den Glauben verkündet. So war also die erste Glaubenserfahrung, die ich gemacht habe.

    Doch es gibt auch einen Tag, der ganz wichtig für mich war: der 21. September 1953. Ich war fast siebzehn Jahre alt. Es war der „Tag der Schüler und Studenten“ – bei uns ein Tag im Frühling, bei Euch ist dann Herbst. Bevor ich mich zum Fest begab, bin ich bei meiner Pfarrgemeinde vorbeigegangen und begegnete dort einem Priester, den ich nicht kannte. Und da verspürte ich das Bedürfnis, zu beichten. Es war für mich die Erfahrung einer Begegnung: Ich fand jemanden, der auf mich wartete. Doch ich weiß nicht, was geschehen ist, ich erinnere mich nicht mehr, ich weiß wirklich nicht, warum es jener Priester war, den ich nicht kannte, warum ich diesen Wunsch verspürt hatte, zu beichten, doch die Wahrheit ist, dass jemand auf mich wartete. Er wartete schon seit geraumer Zeit auf mich. Nach der Beichte spürte ich, dass sich etwas verändert hatte. Ich war nicht mehr derselbe. Ich hatte wirklich etwas wie eine Stimme gehört, einen Ruf: Ich war überzeugt, dass ich Priester werden müsste. Diese Erfahrung im Glauben ist wichtig. Wir sagen, dass wir Gott suchen müssen, dass wir zu Ihm gehen müssen, um Ihn um Vergebung zu bitten, doch wenn wir hingehen, dann wartet Er schon auf uns, ist Er der Erste! Auf spanisch haben wir ein Wort, das dies gut zum Ausdruck bringt: Der Herr kommt uns immer zuvor („primerea“), Er ist immer der Erste, Er wartet schon auf uns! Und das ist wirklich eine große Gnade: jemanden zu treffen, der schon auf dich wartet. Du gehst als Sünder hin, doch Er wartet schon auf dich, um dir zu vergeben. Das ist die Erfahrung, die die Propheten Israels mit den Worten beschreiben, dass der Herr wie ein Mandelzweig sei, die erste Blüte des Frühlings (vgl. Jer 1,11–12). Bevor die anderen Blüten hervorkommen, ist Er da: Er, der wartet. Der Herr erwartet uns. Und wenn wir Ihn suchen, dann finden wir diese Wirklichkeit vor: dass Er auf uns wartet, um uns zu empfangen, um uns Seine Liebe zu schenken. Das erstaunt Dein Herz so sehr, dass du es kaum glauben kannst, und so wächst der Glaube! Durch die Begegnung mit einer Person, durch die Begegnung mit dem Herrn. Jemand mag sagen: „Nein, ich studiere den Glauben lieber in Büchern“. Es ist wichtig, den Glauben zu studieren, doch schau, das allein reicht nicht! Das Wichtige ist die Begegnung mit Jesus, die Begegnung mit Ihm, und das schenkt Dir den Glauben, denn gerade Er schenkt ihn Dir! Ihr habt auch von der Glaubensschwäche gesprochen und gefragt, was man tun kann, um sie zu besiegen. Der größte Feind, den die Schwäche hat – und das ist merkwürdig, nicht wahr –, das ist die Angst. Doch habt keine Angst! Wir sind schwach, und das wissen wir. Doch Er ist stärker! Wenn du mit Ihm gehst, gibt es keine Probleme! Ein kleines Kind – heute habe ich viele hier gesehen – ist sehr schwach, doch es ist bei seinem Vater, bei seiner Mutter, es ist in Sicherheit! Mit dem Herrn sind wir in Sicherheit. Der Glaube wächst mit dem Herrn, wenn wir an der Hand des Herrn gehen; das lässt uns wachsen und macht uns stark. Wenn wir aber denken, wir kämen allein zurecht.... Denken wir daran, was Petrus passiert ist: „Herr, ich werde dich nie verleugnen!“ (vgl. Mt 26,33–35); und dann hat der Hahn gekräht und er hatte ihn dreimal verleugnet (vgl. V. 69–75)! Bedenken wir das: Wenn wir zu großes Vertrauen auf uns selbst setzen, sind wir schwächer, viel schwächer. Immer mit dem Herrn! Und mit dem Herrn, das bedeutet: mit der Eucharistie, mit der Bibel, mit dem Gebet. Doch auch in der Familie, mit der Mutter, auch mit ihr, denn sie ist diejenige, die uns zum Herrn bringt; sie ist die Mutter, sie ist diejenige, die alles weiß. Betet also auch zur Gottesmutter und bittet sie, dass sie Euch – als Mutter – stark macht. Das denke ich über die Schwäche, wenigstens ist das meine Erfahrung. Etwas, was mich jeden Tag stark macht, ist das Rosenkranzgebet. Ich verspüre große Kraft, denn ich gehe zur Muttergottes und auf diese Weise fühle ich mich stark.

    Kommen wir zur zweiten Frage.

    „Ich glaube, dass alle, die wir hier anwesend sind, sehr stark die Herausforderung zur Evangelisierung verspüren, die den Kern unserer Erfahrungen bildet. Daher möchte ich Sie, Heiliger Vater, bitten, dass Sie mir und uns allen helfen, zu verstehen, wie wir diese Herausforderung unserer Zeit leben sollen, was für Sie das Wichtigste ist, auf das wir alle, die Bewegungen, Vereinigungen und Gemeinschaften, blicken müssen, um die Aufgabe zu erfüllen, zu der wir berufen sind. Wie können wir heute auf wirksame Weise den Glauben mitteilen?“

    Ich werde nur drei Worte sagen.

    Das erste lautet: Jesus. Was ist das Wichtigste? Jesus. Wenn wir beim Organisieren vorankommen, bei anderen Dingen, bei schönen Dingen, aber ohne Jesus, dann kommen wir nicht wirklich voran, dann klappt es nicht. Jesus ist wichtiger. Jetzt möchte ich einen kleinen Vorwurf an Euch richten, aber auf ganz brüderliche Weise, nur unter uns. Ihr alle auf dem Platz habt gerufen: „Franziskus, Franziskus, Papst Franziskus“. Und wo war Jesus da? Mir wäre lieber gewesen, Ihr hättet gerufen: „Jesus, Jesus ist der Herr, und er ist mitten unter uns!“ Ruft von nun an nicht mehr „Franziskus“, sondern „Jesus“!

    Das zweite Wort lautet: Beten. Das Antlitz Gottes anblicken, aber vor allem – und das ist mit dem verbunden, was ich eben gesagt habe – sich angeblickt fühlen. Der Herr blickt uns an: er blickt uns zuerst an. Das ist die Erfahrung, die ich vor dem Tabernakel mache, wenn ich abends vor dem Herrn bete. Manchmal nicke ich ein wenig ein; das stimmt, denn die Anstrengung des Tages macht einen ein bisschen müde. Doch Er versteht mich. Und ich verspüre solchen Trost, wenn ich denke, dass Er mich anblickt. Wir denken, wir müssen beten, reden, reden, reden.... Nein! Lass Dich vom Herrn anblicken. Wenn Er uns anblickt, gibt er uns Kraft und hilft uns, Zeugnis für Ihn abzulegen – bei der Frage ging es ja um das Glaubenszeugnis, nicht wahr? Zunächst „Jesus“, dann das „Beten“ – spüren wir, dass Gott uns an die Hand nimmt. Ich möchte hervorheben, wie wichtig das ist: sich von Ihm lenken zu lassen. Das ist wichtiger als jedes Kalkül. Seien wir wirkliche Verkünder des Evangeliums, indem wir uns von Ihm lenken lassen. Denken wir an Petrus; möglicherweise hat er nach dem Mittagessen eine Siesta gehalten, und da hatte er eine Vision, die Vision von einem Leinentuch mit allen möglichen Tieren, und er hörte, dass Jesus etwas zu ihm sagte, aber er verstand es nicht. In jenem Moment kamen einige Nichtjuden, um ihn in ein Haus zu rufen, und er sah, dass der Heilige Geist dort war. Petrus hat sich von Jesus lenken lassen, um die ersten Heiden zu evangelisieren, die keine Juden waren: etwas Unvorstellbares zu jener Zeit (vgl. Apg 10,9–33). Und das gilt für die ganze Geschichte, wirklich die ganze Geschichte! Sich von Jesus lenken lassen. Er ist wirklich der „Leader“, unser „Leader“ ist Jesus.

    Und drittens: das Zeugnis. Jesus, das Beten – jenes „sich von Ihm lenken lassen“ – und dann das Zeugnis. Doch ich möchte noch etwas hinzufügen. Dieses Sich von Jesus lenken lassen führt Dich zu den Überraschungen, die Jesus für Dich bereithält. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass wir die Evangelisierung am grünen Tisch planen müssen, indem wir uns Strategien ausdenken, Pläne machen. Doch das sind Hilfsmittel, kleine Hilfsmittel. Das Wichtige ist Jesus und sich von Ihm lenken zu lassen. Dann können wir über Strategien nachdenken, doch das ist zweitrangig.

    Schließlich: das Zeugnis. Der Glaube kann nur durch das Zeugnis mitgeteilt werden, und das ist die Liebe. Nicht durch unsere Konzepte, sondern durch das Evangelium, das im eigenen Leben gelebt wird und das der Heilige Geist in uns leben lässt. Es ist wie eine Synergie zwischen uns und dem Heiligen Geist, und das führt zum Zeugnis. Die Kirche wird durch die Heiligen vorangebracht, die eben jenes Zeugnis geben. Wie Johannes Paul II. und auch Benedikt XVI. gesagt haben, bedarf die Welt heute so sehr der Zeugen. Nicht so sehr der Lehrer, sondern der Zeugen. Nicht viel reden, sondern mit dem ganzen Leben reden: einem wirklich konsequent christlich geführten Leben! Ein konsequent christlich geführtes Leben bedeutet, das Christentum wie eine Begegnung mit Jesus zu leben, die mich zu den anderen führt, und nicht wie eine gesellschaftliche Zugehörigkeit. Gesellschaftlich gehören wir zu dieser Gruppe, sind wir Christen, in uns verschlossen. Nein, so nicht! Zeugnis ablegen!

    Die dritte Frage lautet: „Heiliger Vater, ich möchte Sie fragen, wie ich und wie wir alle als arme Kirche und für die Armen leben können. Inwieweit stellt der leidende Mensch eine Herausforderung für unseren Glauben dar? Welchen konkreten und wirksamen Beitrag können wir alle, als Bewegungen und Laienvereinigungen, der Kirche und der Gesellschaft leisten, um der schweren Krise zu begegnen, die die öffentliche Moral“ – das ist wichtig –, „das Entwicklungsmodell, die Politik, also insgesamt eine neue Weise, Männer und Frauen zu sein, berührt?“.

    Ich möchte beim Zeugnis wieder einsetzen. Zunächst: Das Evangelium zu leben, ist der größte Beitrag, den wir leisten können. Die Kirche ist weder eine politische Bewegung noch eine gut organisierte Struktur – das ist sie nicht. Wir sind keine Nichtregierungsorganisation, und wenn die Kirche eine Nichtregierungsorganisation wird, dann wird sie schal, dann wird sie fad, dann ist sie nur eine leere Organisation. Und hier müsst Ihr aufpassen, weil der Teufel uns täuscht, weil hier die Gefahr der Effizienz lauert. Das Eine ist, Jesus zu verkünden, das Andere die Leistung, die Effizienz. Das ist ein anderer Wert. Der Wert der Kirche besteht grundsätzlich darin, das Evangelium zu leben und unseren Glauben zu bezeugen. Die Kirche ist das Salz der Erde, das Licht der Welt, sie ist berufen, in der Gesellschaft den Sauerteig des Reiches Gottes gegenwärtig zu machen, und das macht sie zunächst durch ihr Zeugnis, das Zeugnis der brüderlichen Liebe, der Solidarität, des Teilens. Wenn man einige hört, die behaupten, die Solidarität sei kein Wert, sondern eine „Grundhaltung“, die verschwinden müsse ... das geht nicht. Hier wird an eine rein weltliche Effizienz gedacht. Ein Moment der Krise, wie wir ihn gerade erleben – aber Du hast eben gesagt, dass wir in „einer Welt voller Lügen“ leben – ein solcher Krisenmoment – da müssen wir aufpassen –, besteht nicht nur in einer wirtschaftlichen Krise; es handelt sich nicht um eine kulturelle Krise. Es handelt sich um eine Krise des Menschen: der Mensch steckt in der Krise! Und der Mensch kann zerstört werden! Doch der Mensch ist das Abbild Gottes! Aus diesem Grund handelt es sich um eine tiefgreifende Krise! In diesen Krisenmomenten dürfen wir nicht nur an uns selbst denken, uns in Einsamkeit verschließen, in der Entmutigung, in einem Gefühl der Ohnmacht angesichts der Probleme. Schließt Euch bitte nicht ein! Darin liegt eine Gefahr: Wir schließen uns ein in der Gemeinde, mit den Freunden, in der Bewegung, mit denen, die genauso denken wie wir. Doch wisst Ihr, was dann geschieht? Wenn die Kirche sich verschließt, dann wird sie krank, wirklich krank. Denkt an ein Zimmer, das ein Jahr lang verschlossen ist: wenn du dort hineingehst, dann riecht es nach Feuchtigkeit, dann ist vieles nicht, wie es sein sollte. Eine in sich verschlossene Kirche ist genauso: Es ist eine kranke Kirche. Die Kirche muss aus sich selbst herausgehen. Wohin? Zu den Existenzen am Rand, wer immer sie sind, aber sie muss herausgehen. Jesus sagt uns: „Geht hinaus in die ganze Welt! Geht! Verkündet! Bezeugt das Evangelium!“ (vgl. Mk 16,15). Doch was geschieht, wenn jemand aus sich selbst herausgeht? Es kann geschehen, was allen passieren kann, die aus dem Haus auf die Straße gehen: ein Unfall. Doch ich sage Euch: Eine Kirche, der ein Unfall zustößt, ist mir tausendmal lieber, als eine Kirche, die krank ist, weil sie in sich verschlossen ist! Geht heraus, geht! Denkt auch an das, was in der Offenbarung steht. Dort steht etwas Schönes: dass Jesus vor der Tür steht und ruft, er ruft, um in unser Herz eingelassen zu werden (vgl. Offb 3,20). Das ist die Bedeutung der Offenbarung. Doch stellt Euch folgende Frage: Wie oft ist Jesus drinnen und klopft an die Tür, um herauszugehen, und wir lassen ihn nicht heraus, um unserer Sicherheit willen, weil wir oftmals in vergänglichen Strukturen verschlossen sind, die nur dazu dienen, uns zu Sklaven zu machen und nicht zu freien Kindern Gottes? Bei diesem „Herausgehen“ ist es wichtig, zu einer Begegnung zu gehen; dieses Wort ist sehr wichtig für mich: die Begegnung mit den anderen. Warum? Weil der Glaube eine Begegnung mit Jesus ist und wir dasselbe tun müssen, was Jesus tut: den anderen begegnen. Wir leben in einer Kultur der Konfrontation, einer Kultur der Fragmentation, einer Kultur, in der ich das, was ich nicht mehr brauche, wegwerfe, einer Wegwerfkultur. Ich fordere Euch auf, über diesen Punkt nachzudenken – er ist Teil der Krise –: Die alten Menschen, die die Weisheit eines Volkes darstellen, die Kinder.... eine Wegwerfkultur! Doch wir müssen zur Begegnung mit den anderen gehen und mit unserem Glauben eine „Kultur der Begegnung“ schaffen, eine Kultur der Freundschaft, eine Kultur, in der wir Brüder und Schwestern finden, wo wir auch mit denen reden können, die nicht so denken wie wir, auch mit denen, die einem anderen Glauben angehören, die nicht demselben Glauben angehören wie wir. Alle haben etwas mit uns gemeinsam: sie sind Abbild Gottes, sie sind Kinder Gottes. Zur Begegnung mit allen Menschen gehen, ohne unsere Zugehörigkeit zu verhandeln. Und ein weiterer Punkt ist wichtig: „mit den Armen“. Wenn wir aus uns selbst herausgehen, finden wir Armut. Heute – und es schmerzt zutiefst, das zu sagen – ist ein Obdachloser, der erfriert, keine Nachricht wert. Ein Skandal ist heute vielleicht eine Nachricht wert. Ein Skandal – ah, das ist eine Nachricht! Dass viele Kinder heute nichts zu essen haben, ist keine Nachricht. Das ist schlimm, das ist wirklich schlimm! Wir dürfen nicht ruhig bleiben! Sagen: Nun, so ist es eben. Wir dürfen keine steifen Christen werden, allzu wohlerzogene Christen, die beim Tee in aller Ruhe über theologische Fragen sprechen. Nein! Wir müssen mutige Christen werden und diejenigen aufsuchen, die wirklich das Fleisch Christi sind – die das Fleisch Christ sind! Wenn ich die Beichte höre – was gerade nicht geht, weil ich hier nicht herausgehen kann, um die Beichte zu hören, doch das ist ein anderes Problem –, als ich in den vorherigen Diözesen die Beichte gehört habe, habe ich den Menschen immer diese Frage gestellt: „Geben Sie Almosen?“ – „Ja, Pater!“ – „Ah, das ist gut“. Und dann stellte ich zwei weitere Fragen: „Sagen Sie, wenn Sie ein Almosen geben, schauen Sie dann demjenigen in die Augen, dem sie es geben?“ – „Ah, das weiß ich nicht genau, ich habe nicht darauf geachtet“. Zweite Frage: „Und wenn Sie ein Almosen geben, berühren Sie dann die Hand dessen, dem Sie es geben, oder werfen Sie das Geld hin?“. Das ist das Problem: Das Fleisch Christi, das Fleisch Christ berühren, diesen Schmerz für die Armen auf uns zu nehmen. Die Armut ist für uns Christen keine soziologische, philosophische oder kulturelle Kategorie – nein: sie ist eine theologische Kategorie. Ich würde sagen, vielleicht sogar die wichtigste Kategorie, weil jener Gott, der Sohn Gottes, sich erniedrigt hat, arm geworden ist, um unseren Weg gemeinsam mit uns zu gehen. Und das ist unsere Armut: die Armut des Fleisches Christi, die Armut, die uns der Sohn Gottes durch seine Fleischwerdung gebracht hat. Eine arme Kirche für die Armen beginnt damit, auf das Fleisch Christi zuzugehen. Wenn wir auf das Fleisch Christi zugehen, dann beginnen wir, etwas zu verstehen, zu verstehen, was diese Armut bedeutet, die Armut des Herrn. Und das ist nicht einfach. Doch es gibt ein Problem, etwas, das den Christen nicht guttut: der Geist der Welt, der weltliche Geist, die weltliche Spiritualität. Das führt uns zur Selbstgefälligkeit, dazu, den Geist der Welt und nicht den Geist Jesu zu leben. Ihr habt die Frage gestellt: wie muss man leben, um dieser Krise zu begegnen, die die öffentliche Moral, das Entwicklungsmodell, die Politik berührt? Da es sich um eine Krise des Menschen handelt, eine Krise, die den Menschen zerstört, handelt es sich um eine Krise, die den Menschen der Ethik beraubt. Wenn es im öffentlichen Leben, in der Politik keine Ethik gibt, auf die man sich beziehen kann, ist alles möglich und kann alles gemacht werden. Und wir sehen, wenn wir die Zeitung lesen, wie ein Mangel an Ethik im öffentlichen Leben der ganzen Menschheit großen Schaden zufügt.

    Ich möchte Euch eine Geschichte erzählen. Ich habe sie diese Woche schon zweimal erzählt, aber ich werde sie für Euch noch ein drittes Mal erzählen. Es ist die Geschichte, die ein biblischer Midrasch eines Rabbis aus dem zwölften Jahrhundert berichtet. Er erzählt die Geschichte über den Turmbau zu Babel und sagt, dass um den Turm von Babel zu bauen, Ziegel hergestellt werden mussten. Was bedeutet das? Lehm mischen, Stroh herbeischaffen, dem Ganzen eine Form geben.... und dann ab in den Ofen. Und wenn der Ziegel fertig war, musste er hochgetragen werden, um den Turm von Babel zu errichten. Aufgrund der Arbeit, die erforderlich war, einen solchen Ziegel herzustellen, war er wie ein Schatz. Wenn ein Ziegel herunterfiel, dann war das eine Tragödie, und der Arbeiter, der das verschuldet hatte, wurde bestraft; ein Ziegel war so kostbar, dass es ein Drama war, wenn einer herunterfiel. Doch wenn ein Arbeiter fiel, geschah nichts, das war etwas anderes. Das passiert heute: wenn die Geldanlagen bei den Banken ein wenig im Wert fallen – eine Tragödie! – Und jetzt? Doch wenn Menschen verhungern, wenn sie nichts zu essen haben, wenn sie krank sind, dann macht das nichts! Das ist unsere heutige Krise! Und das Zeugnis einer armen Kirche für die Armen stellt sich dieser Mentalität entgegen.

    Die vierte Frage: „Angesichts dieser Situation scheint mein Bekenntnis, mein Zeugnis klein und unbeholfen. Ich würde gerne mehr tun, aber was? Wie können wir diesen unseren Brüdern und Schwestern helfen, wie können wir ihr Leid lindern, wenn wir nichts oder nur sehr wenig zu tun vermögen, um ihr politisch-soziales Umfeld zu ändern?“

    Um das Evangelium zu verkünden, sind zwei Tugenden notwendig: Mut und Geduld. Sie [die leidenden Christen] sind in der Kirche der Geduld. Sie leiden, und heute gibt es mehr Märtyrer als in den ersten Jahrhunderten der Kirche; mehr Märtyrer! Brüder und Schwestern von uns. Sie leiden! Sie tragen den Glauben bis zum Martyrium. Doch das Martyrium ist niemals eine Niederlage; das Martyrium ist der höchste Grad des Zeugnisses, das wir geben müssen. Wir sind unterwegs zum Martyrium, zu kleinen Martyrien: auf dies verzichten, jenes tun.... aber wir sind unterwegs. Und sie, diese Armen, sie geben ihr Leben, aber sie geben es – wie wir über die Situation in Pakistan gehört haben – aus Liebe zu Jesus, indem sie Jesus bezeugen. Ein Christ muss immer diese Haltung der Sanftmut, der Demut einnehmen, eben die Haltung, die sie einnehmen, und auf Jesus vertrauen, sich Jesus anvertrauen. Man muss klarstellen, dass diese Konflikte häufig keinen religiösen Ursprung haben; häufig sind die Ursachen gesellschaftlicher und politischer Art, und leider wird die Religionszugehörigkeit benutzt, um Öl ins Feuer zu gießen. Ein Christ muss immer mit dem Guten auf das Böse zu antworten wissen, auch wenn das oftmals schwierig ist. Wir versuchen, diese unsere Schwestern und Brüder spüren zu lassen, dass wir tief – wirklich tief! – mit ihnen vereint sind, dass wir wissen, dass sie Christen sind, die „in die Dimension der Geduld eingegangen sind“. Als Jesus sein Leiden auf sich nimmt, geht er in die Dimension der Geduld ein. Sie sind in die Dimension der Geduld eingegangen: Man muss es ihnen, aber auch dem Herrn sagen, dass wir vereint mit ihnen sind. Ich stelle Euch die Frage: Betet Ihr für diese Schwestern und Brüder? Betet Ihr für Sie? In Euren täglichen Gebeten? Ich fordere diejenigen, die für sie beten, jetzt nicht auf, die Hand zu heben – nein. Ich fordere jetzt nicht dazu auf. Aber denkt gut darüber nach. Sagen wir in unserem täglichen Gebet zu Jesus: „Herr, blick auf diesen Bruder, blick auf diese Schwester, die so viel leiden!“. Sie machen die Erfahrung der Grenze, der Grenze zwischen dem Leben und dem Tod. Und für uns gilt: Diese Erfahrung muss uns dazu führen, die Religionsfreiheit für alle zu voranzubringen, für alle! Jeder Mann und jede Frau muss frei sein, den eigenen Glauben zu bekennen, welcher es auch sei. Warum? Weil dieser Mann und diese Frau Kinder Gottes sind.

    Ich glaube, nun habe ich etwas zu Euren Fragen gesagt; ich möchte mich entschuldigen, wenn ich ein bisschen zu lange geredet habe. Vielen Dank! Ich danke Euch und vergesst nicht: keine in sich verschlossene Kirche, sondern eine Kirche, die herausgeht, die in die Randbezirke des Daseins geht. Möge der Herr uns führen. Danke.

    Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller