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    Von der erzieherischen Wirkung eines ausgewogenen Gottesbildes

    Christliches Eheleben wie auch priesterliche Existenz sind auf die Liebesfähigkeit der Menschen angewiesen, die diese Wege wählen. Die vorherrschende Mentalität ist dabei eher ein Hindernis, weil sie von Konsumdenken, Bindungsproblemen und Relativismus geprägt ist. Wie können junge Menschen auch heute erfolgreich einen verbindlichen Weg gehen?

    Christliches Eheleben wie auch priesterliche Existenz sind auf die Liebesfähigkeit der Menschen angewiesen, die diese Wege wählen. Die vorherrschende Mentalität ist dabei eher ein Hindernis, weil sie von Konsumdenken, Bindungsproblemen und Relativismus geprägt ist. Wie können junge Menschen auch heute erfolgreich einen verbindlichen Weg gehen?

    Diese Frage stellt sich auch in den Priesterseminaren und Ordensgemeinschaften. Wie kann die menschliche und die spirituelle Reifung der Kandidaten gefördert werden, wie die Entfaltung der Begabungen am besten herausgefordert werden, wie können eventuelle Blockaden erkannt und gelöst werden, und wie wird letztlich die Entscheidung für oder gegen ein endgültiges „Ja“ so getroffen, dass Menschen sich entfalten können und den Kandidaten wie auch der Kirche persönliches Leid und schwierige Situationen möglichst erspart bleiben?

    Bereits das Zweite Vatikanische Konzil fordert die Einbeziehung humanwissenschaftlicher Aspekte für die Begleitung von Formationswegen. Die Unterstützung der kirchlichen Entscheidungsträger durch Psychologen ist inzwischen gängige Praxis. Kurz vor dem Weltjugendtag 2008 hat Papst Benedikt XVI ein Dokument der Kongregation für das Katholische Bildungswesen autorisiert, das in solchen Fragen Orientierung bietet: die „Leitlinien für den Gebrauch psychologischer Kompetenzen bei der Auswahl und der Ausbildung der Priesteramtskandidaten“.

    Michael Gerber hat 2008 in der Reihe „Studien zur Theologie und Praxis der Seelsorge“ eine pastoraltheologische Studie veröffentlicht, die für die humanwissenschaftliche Begleitung in der Priesterausbildung wichtige Akzente setzt. Sie wurde 2007 als Dissertation an der Katholischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg vorgelegt. Gerber, Priester und Subregens im Priesterseminar der Erzdiözese Freiburg, versteht Berufung als einen lebenslangen Prozess und ein dialogisches Geschehen.

    Gerbers Anliegen ist es, hilfreiche Impulse für die Begleitung von Berufungsprozessen in Form von pastoraltheologischen Kriterien für die Formationsarbeit aufzuzeigen. Dazu setzt er sich mit zwei Theologen auseinander, die auf den ersten Blick nicht viele Gemeinsamkeiten aufzuweisen haben: Der italienische Jesuit, Psychologe und Theologe Luigi M. Rulla (1920–2002), der an der Gregoriana in Rom lehrte und das Institut für Psychologie dort gründete, und der deutsche Priester Josef Kentenich (1885–1968), der Gründer der Schönstattbewegung, der in der Begleitung zahlreicher Priester und Ordensleute einen eigenen Ansatz entwickelte.

    Gemeinsamer theologischer Ausgangspunkt beider Denker ist ihre Überzeugung, dass einerseits das philosophisch-theologische Menschenbild notwendigerweise auch auf dem Hintergrund humanwissenschaftlicher und speziell psychologischer Erkenntnisse vertieft gedeutet werden müsse und andererseits die Psychologie, sobald sie im kirchlichen Raum angewendet wird, bestehen können müsse vor dem Forum der christlichen und theologischen Anthropologie. Dieser doppelte Ausgangspunkt rechtfertigt die vergleichende und kontrastierende Auseinandersetzung mit gerade diesen beiden Autoren, wobei es das Anliegen Gerbers ist, die Validität der Anliegen Kentenichs anhand der im deutschen Sprachraum wenig rezipierten Einsichten Rullas zu überprüfen. Dabei ist auffallend, dass mit Rulla und Kentenich zwei eher nicht im Mittelpunkt der deutschsprachigen pastoraltheologischen Forschung stehende Denker ausgewählt wurden, deren Gedanken aber spannende Ansätze für ein wichtiges Thema bereitstellen.

    Im ersten Teil überzeugt die Ausweitung der pastoraltheologischen Arbeit auf das Unbewusste, für die Rulla, wie Gerber aufzeigen kann, wichtige Impulse bei Karol Wojtyla erhielt: Beide waren davon überzeugt, dass das ins Unterbewusste Abgedrängte ins Bewusstsein zurückgeholt werden sollte, weil dies die menschliche und spirituelle Reifung unterstütze. Gerber behandelt die Rolle der unterschiedlichsten Vertreter der abendländischen Geistesgeschichte für das Denken Rullas ebenso souverän wie die biblischen, vor allem paulinischen, Fundamente, auf die Rulla aufbaut. Für Rullas interdisziplinären Ansatz ist zentral die Reflexion über Werte und deren Hierarchie, weil er auf dieser Grundlage verschiedene psychologische Schulen auf deren Eignung zur Unterstützung von Formationswegen beurteilt. Rullas Einteilung der Berufenen nach deren persönlicher Situation in „Integrierte“, „Etablierte“, „Neu-Orientierte“ und „Getriebene“ kann für jeden Seminarleiter eine gute Orientierung darstellen, wenn auch immer deutlich bleiben muss, dass diese Kategorien den Blick auf die Dynamik des Berufungsgeschehens nicht verstellen dürfen. Gerber zeigt, dass die empirische Studie, die Rulla 1963–1977 durchführte, seinen theoretischen Ansatz bestätigt: Psychosexuelle und existenzielle Reife hängen eng zusammen; familiäre Konflikte beeinflussen die existenzielle Reife umso stärker, je mehr sie unbewusst bleiben.

    Im zweiten Teil erschließt Gerber mit großer Sachkenntnis die Anthropologie Kentenichs, besonders im Hinblick auf das Unbewusste, wobei es ihm gelingt, die für die spirituelle Arbeit fruchtbare, aber für einen theologischen Diskurs manchmal sperrige eigenständige Terminologie Kentenichs aufzugreifen und verständlich zu machen. Der marianische Ansatz Kentenichs wird, auf das Forschungsvorhaben bezogen, begriffen als Harmonie zwischen Sinnenhaftem und Rationalität. Gerber zeigt auf, wie die erzieherische Praxis Kentenichs versucht, das Unbewusste bewusst zu machen und durch ein möglichst ausgewogenes Gottesbild einen guten Einfluss auf die Tiefenschichten auszuüben.

    Im dritten Teil legt der Autor eine vergleichende Zusammenschau im Interesse einer praktischen Relevanz beider Autoren für die Begleitung von Formationswegen vor. Nach Gerber sind unterschiedliche psychologische Ansätze unterschiedlich zu bewerten: Die Psychologie kann aus sich selbst heraus kein Wertesystem aufstellen. Wo sie dies dennoch tut, indem sie Religiosität lediglich als einen Moment im menschlichen Reifungsprozess begreift oder einen Wert, beispielsweise die Selbstverwirklichung, als höchsten herausstellt, da kann sie für Formationsprozesse hinderlich werden.

    Die Rolle des Formationsleiters und der Prozess der Formation sind bei Rulla und Kentenich prinzipiell ähnlich gesehen, jedoch in unterschiedlicher Konkretion verwirklicht. Während Rulla eine Ausbildung an der Gregoriana konzipierte, stellt in der Nachfolge Kentenichs eine Ausbildung von Formationsbegleitern für Gerber ein „notwendiges Desiderat“ dar.

    Beide Autoren haben die Bedeutung der Sexualität für die Berufung herausgestellt und versucht, die Kraft der Sexualität in die ehelose Lebensform zu integrieren.

    Dem Werk ist zu wünschen, dass es in Fachkreisen breite Aufnahme findet und seine Gedanken in einer guten und erfolgreichen Begleitung von Berufungswegen fruchtbar werden. Michael Gerbers profunde, vielschichtige und präzise Überlegungen haben es verdient, nicht nur in den Priesterseminaren und Ordenshäusern Beachtung zu finden, sondern darüber hinaus auch überall dort, wo es um christliche Berufung geht, also auch in der Ehevorbereitung und in neuen geistlichen Gemeinschaften.

    Von Maria Pelz