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    Von der Reichskirche zur „Papstkirche“

    Karl Hausberger, emeritierter Professor der Kirchengeschichte in Regensburg, ist einer der besten Kenner der katholischen Kirche in Deutschland in dem durch die Katholische Aufklärung, die Säkularisation und die Neuordnung, mit der im Wesentlichen die heutigen Strukturen entstanden, gekennzeichneten Umbruch von der zweiten Hälfte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Er schrieb, um von seinen Arbeiten nur zu nennen, was thematisch hierher gehört, u.a. über Johann Michael Sailer, den Regensburger Bischof der Jahre 1829 bis 1832, der aus der Aufklärung kam und die Aufklärung überwand, über Karl Theodor von Dalberg, den letzten Kurfürst-Erzbischof von Mainz, einzigen Erzbischof von Regensburg, Fürstprimas von Deutschland und Großherzog von Frankfurt von Napoleons Gnaden, und vor allem über „Staat und Kirche nach der Säkularisation. Zur bayerischen Konkordatspolitik im frühen 19. Jahrhundert“ – so der Titel seiner 1983 veröffentlichten Habilitationsschrift. Zu dem 2003 von dem Münchener Landeshistoriker Alois Schmid herausgegebenen Aufsatzband „Die Säkularisation in Bayern 1803“ steuerte er den Aufsatz „Von der Reichskirche zur ,Papstkirche‘ Die kirchlich-religiösen Folgen der Säkularisation“ bei, um darin eine Beobachtung anzustellen, die sich in seinem neuen Buch wiederfindet.

    Karl Hausberger, emeritierter Professor der Kirchengeschichte in Regensburg, ist einer der besten Kenner der katholischen Kirche in Deutschland in dem durch die Katholische Aufklärung, die Säkularisation und die Neuordnung, mit der im Wesentlichen die heutigen Strukturen entstanden, gekennzeichneten Umbruch von der zweiten Hälfte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Er schrieb, um von seinen Arbeiten nur zu nennen, was thematisch hierher gehört, u.a. über Johann Michael Sailer, den Regensburger Bischof der Jahre 1829 bis 1832, der aus der Aufklärung kam und die Aufklärung überwand, über Karl Theodor von Dalberg, den letzten Kurfürst-Erzbischof von Mainz, einzigen Erzbischof von Regensburg, Fürstprimas von Deutschland und Großherzog von Frankfurt von Napoleons Gnaden, und vor allem über „Staat und Kirche nach der Säkularisation. Zur bayerischen Konkordatspolitik im frühen 19. Jahrhundert“ – so der Titel seiner 1983 veröffentlichten Habilitationsschrift. Zu dem 2003 von dem Münchener Landeshistoriker Alois Schmid herausgegebenen Aufsatzband „Die Säkularisation in Bayern 1803“ steuerte er den Aufsatz „Von der Reichskirche zur ,Papstkirche‘ Die kirchlich-religiösen Folgen der Säkularisation“ bei, um darin eine Beobachtung anzustellen, die sich in seinem neuen Buch wiederfindet.

    „Warum die geistlichen Staaten nicht so glücklich sind“

    Hausberger beginnt mit einem Rückblick auf die Jahre 2002 und 2003, in denen die Erinnerung an das Ende der geistlichen Fürstentümer und – mehr noch – an das Ende der Klöster „landauf, landab das Interesse breiter Bevölkerungskreise“ auf sich zog. Die Beachtung, die historische Ausstellungen, Tagungen und Vortragsreihen zum Thema „Das Ende der alten Klöster 1803“ fand, war tatsächlich beeindruckend, doch offenbarte sich dabei auch noch etwas anderes: Die immer noch bestehende Spaltung des Landes in einen katholisch geprägten Teil und in jenen Teil, in dem die Reformation auf Dauer erfolgreich war und wo den Klöstern überwiegend schon im 16. Jahrhundert der Garaus gemacht wurde. Hausbergers „landauf, landab“ gilt nur für die katholischen Landstriche in Bayern, Baden und Oberschwaben, am Rhein und in Westfalen, um Fulda und in der Hildesheimer und sonstigen katholischen Diaspora, aber auch in Österreich und in Südtirol, wo unter anderem in Salzburg und Brixen Tagungen zu diesem Thema stattfanden. Andernorts fand die „Säkularisation von 1803“ auch in protestantisch-kirchlichen Kreisen – von den entkirchlichten zu schweigen – so gut wie keine Beachtung – wie sollte sie auch? Stattdessen scheint sich hier nun mit der „Luther-Dekade“ – oder „Reformations-Dekade“ – eine Neuauflage des Kulturprotestantismus des 19. Jahrhunderts anzubahnen, der in einer Art von protestantischem Triumphalismus in Luther und der Reformation den Anfang der Freiheit, der Emanzipation und der Moderne sah und – im Osten Deutschland mitunter immer noch marxistisch verfärbt – sieht.

    Hausberger stellt im ersten Kapitel seines Werkes die 1803 untergegangene „Reichskirche“ vor, die er als „Gesamtbestand jener Bischofssitze und Großklöster“ im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation erklärt, „die über reichsunmittelbaren Territorialbesitz verfügten und deren Amtsträger neben ihren geistlichen Funktionen Landesherrschaft ausübten“. „Reichskirche“ waren die Erzbistümer und Bistümer, Abteien und Propsteien, Stifte und Prälaturen, die Sitz und Stimme im Reichstag und damit Reichsstandschaft besaßen. Als weiteres Kriterium für „Reichskirche“ nennt Hausberger den Geltungsbereich des Wiener Konkordats von 1448. Er geht auch auf die Klosteraufhebungen des 16. Jahrhunderts ein, verfolgt die Kritik der Aufklärung an den geistlichen Staaten, erörtert die auf die Preisfrage des Fuldaer Domherrn Philipp Anton von Bibra „Warum die geistlichen Staaten nicht so glücklich sind, wie sie sein sollten“ von 1785 eingegangenen Schriften und führt auch das Wort des Philosophen Immanuel Kant von 1797 über das „angemaßte Eigenthum“ der Kirche an, dessen der Staat sich bemächtigen könne, wenn der Glaube als Grundlage der Kirche durch „Volksaufklärung“ verschwunden sei. Er stellt den politischen Zusammenhang zwischen den verlorenen Kriegen gegen das revolutionäre Frankreich, dem Frieden von Lunéville von 1801, mit dem das linksrheinische Reichsgebiet an Frankreich abgetreten wurde, und der in diesem Friedensvertrag enthaltenen Forderung nach Entschädigung der dadurch um ihre linksrheinischen Territorien gebrachten weltlichen Fürsten auf der rechten Rheinseite mit dem Reichsdeputationshauptschluss und der Säkularisation der geistlichen Staaten heraus, die als Entschädigungsobjekte dienten. Schließlich beantwortet er hier auch die häufig gestellte Frage nach der Haltung des Papstes zur Säkularisation in Deutschland: „Vergeblich richtete man angesichts der großen Not der deutschen Kirche die Blicke nach Rom. Zum einen befand sich das Papsttum selbst in arger Bedrängnis. Im Februar 1798 war Rom von französischen Truppen erobert und Pius VI. für abgesetzt erklärt worden. Ohne jede Vorbereitung hatte man den kranken achtzigjährigen Greis im Postwagen nach Siena, dann in die Kartause bei Florenz und schließlich im Sommer 1799 auf einer Trage über den Mont Geneve nach Grenoble und Valence verbracht, wo der zutiefst Gedemütigte am 29. August verschied. Der zweite gewichtigere Grund dafür, dass man in der Germania Sacra vergeblich auf päpstlichen Beistand hoffte, hing zusammen mit der tief eingewurzelten Antipathie, welche die römische Kurie seit jeher gegenüber der stolzen Reichskirche hegte und die jüngst durch die febronianischen Wirren und den Nuntiaturstreit neue Nahrung erhalten hatte. Mit der im französischen Konkordat von 1801 grundsätzlich anerkannten Enteignung der Kirche in Frankreich und in den vormaligen linksrheinischen Reichsgebieten stimmte der Päpstliche Stuhl der Säkularisation rechts des Rheins indirekt zu“.

    Im zweiten Kapitel behandelt Hausberger „die große Säkularisation von 1802/03“, also sowohl die 1802 von französischen Behörden in den seit 1801 zu Frankreich gehörenden und bis 1814 französisch gebliebenen linksrheinischen Teilen Deutschlands durchgeführten Klosteraufhebungen als auch die durch den Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 legitimierten Territorial- und Klostersäkularisationen im rechtsrheinischen Deutschland. Er macht die Überentschädigung vor allem des Königs von Preußen – für 48 Quadratmeilen Verlust über 235 Quadratmeilen Entschädigung – und des Markgrafen von Baden ebenso deutlich wie die tiefgreifenden Folgen des Endes der geistlichen Staaten für die Verfassungsordnung des Reiches. Doch hebt er auch die positive Seite der „Herrschaftssäkularisation“ – das Ende der Vorherrschaft des Adels in den höheren Rängen der deutschen Kirche und die „Konzentration auf die genuin kirchlichen Aufgaben“ – hervor, die ein deutscher Erzbischof vor einiger Zeit in die Worte kleidete: „Wie gut, dass es die Säkularisation gab. Ohne Säkularisation wäre ich hier ja auch für die Müllabfuhr zuständig.“ Hausberger geht sodann auf die nun vollends über den Entschädigungszweck für linksrheinische Verluste hinausgehende Erlaubnis des Reichsdeputationshauptschlusses ein, sämtliche Klöster nicht nur in den Entschädigungsgebieten, sondern auch in den alten Staatsgebieten aufzuheben und das Klostergut zu enteignen, und verfolgt das auf Bayern zurückgehende Zustandekommen des Artikels 35 des Reichsdeputationshauptschlusses, der diese Erlaubnis enthielt, von der auch solche Fürsten und Grafen Gebrauch machten, die gar keine entschädigungsfähigen Verluste zu beklagen hatten.

    Das dritte Kapitel gilt der „Neuordnung des Kirchenwesens“ nach der Säkularisation, und zwar zunächst den vergeblichen Versuchen Dalbergs einer reichsweiten Kirchenorganisation und eines Reichskonkordats vor dem Ende des Reiches 1806 und seinen erfolglosen Bemühungen um ein Konkordat für den 1806 unter dem Protektorat Napoleons gegründeten Rheinbund, und sodann der Neuordnung des Kirchenwesens nach dem Ende der napoleonischen Zeit. Dabei ging es jetzt um Neuordnung des katholischen Kirchenwesens in den und mit den Einzelstaaten des 1815 gegründeten Deutschen Bundes, beginnend mit dem Konkordat des Königreichs Bayern von 1817, dem Hausberger ebenso breite Aufmerksamkeit widmet wie der Neuordnung des katholischen Kirchenwesens mit dem in Schlesien, in Ost- und Westpreußen, in der Provinz Posen und in Rheinland und Westfalen große katholische Landesteile umfassenden Königreich Preußen durch die Bulle „De salute animarum“ Pius' VII. Leider ausgeblendet bleibt die Entwicklung im Kaisertum Österreich, obwohl dieses bis 1866 nicht nur dem Deutschen Bund angehörte, sondern als Präsidialmacht an dessen Spitze stand.

    Papsttum als alles überstrahlender Angelpunkt

    Im letzten Kapitel wird unter der Überschrift „Von der Reichskirche zur ,Papstkirche‘“ die eingangs erwähnte Beobachtung wieder aufgenommen: „Indem in Frankreich die Revolution, in Deutschland die Säkularisation dezentrale Gegengewichte in Gestalt eines machtvollen, adelständisch verankerten Episkopats jäh beseitigten, bewirkten sie zwar kurzfristig die Auslieferung der Kirche an die Staatsgewalt, auf längere Sicht jedoch eine Stärkung Roms. Just dadurch aber ebneten die Umwälzungen von 1789 und 1803 den Weg zu einer Gesamtstruktur der römisch-katholischen Kirche, in der das Papsttum zum alles überstrahlenden Angelpunkt des Kirchenverständnisses werden konnte. Wie in Frankreich lief somit auch die Neuordnung der Kirchenverhältnisse in Deutschland langfristig auf eine Stärkung Roms hinaus, zumal die vom Staatskirchentum bedrängte Minoritätsposition der Katholiken hierzulande den engen Anschluss an Rom geradezu provozierte. Allein der Papst konnte mit den Regierungen auf völkerrechtlich-diplomatischer Ebene verhandeln“. Hausberger nennt für den „Papstabsolutismus“ die Dogmatisierung der Immaculata conceptio von 1854, die Enzyklika „Quanta cura“ und den „Syllabus errorum“ von 1864, die Konstitution „Pastor aeternus“ des Ersten Vatikanischen Konzils von 1870 mit der Dogmatisierung der Unfehlbarkeit des Papstes „ex cathedra“ sowie den „Codex Iuris Canonici“ von 1917. Man hört kritische Distanz gegenüber der „im Papst zentrierten Kirchenkonzeption“ heraus, wenn Hausberger in seinem Buch, mit dem er sich „nicht nur an ein Fachpublikum“ wendet, schreibt: „Nicht mehr um die Gräber der Apostelfürsten zu besuchen, pilgerte man jetzt nach Rom, sondern um den Papst gesehen zu haben“.

    Von Harm Klueting