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    „Von der Illusion der Selbstgenügsamkeit befreit werden“

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Das Kirchenjahr ist ein großer Weg des Glaubens, den die Kirche geht, indem ihr stets die Jungfrau Maria voranschreitet. In diesem Jahr erhält dieser Weg an den Sonntagen im Jahreskreis seine Betonung durch die Lesungen aus dem Evangelium des Lukas, das uns heute „in eine Ebene“ begleitet (Lk 6, 17), wo Jesus zusammen mit den Zwölf stehen bleibt und sich eine große Schar anderer Jünger sowie viele Menschen versammeln, die von überall her gekommen sind, um ihn zu hören. Das ist der Rahmen der Verkündigung der „Seligpreisungen“ (Lk 6, 20–26; vgl. Mt 5, 1–12). Jesus richtet seine Augen auf seine Jünger und sagt: „Selig, ihr Armen... Selig, die ihr jetzt hungert... Selig, die ihr jetzt weint... Selig seid ihr, wenn euch die Menschen... in Verruf bringen“ um meiner willen. Warum preist er sie selig? Weil es die Gerechtigkeit Gottes bewirken wird, dass sie gesättigt werden, dass sie lachen und für jede falsche Anklage entschädigt werden, mit einem Wort: Weil er sie von nun an in seinem Reich aufnimmt.

    Die Seligpreisungen haben ihren Grund in der Tatsache, dass es eine göttliche Gerechtigkeit gibt, die den erhöht, der zu Unrecht erniedrigt worden ist, und die den erniedrigt, der sich selbst erhöht hat (vgl. Lk 14, 11). Denn nach dem viermaligen „Selig seid ihr“ fügt der Evangelist Lukas vier Weherufe hinzu: „Weh euch, die ihr reich seid... Weh euch, die ihr jetzt satt seid... Weh euch, die ihr jetzt lacht“ und „Weh euch, wenn euch alle Menschen loben“, denn, so sagt Jesus, die Dinge werden umschlagen, die Letzten werden die Ersten sein, und die Ersten die Letzten (vgl. Lk 13, 30).

    Diese Gerechtigkeit und diese Seligpreisung werden im „Himmelreich“ oder im „Reich Gottes“ Verwirklichung finden, das seine Erfüllung am Ende der Zeiten finden wird, jedoch schon in der Geschichte gegenwärtig ist. Wo die Armen getröstet und zum Gastmahl des Lebens zugelassen werden, dort zeigt sich bereits jetzt die Gerechtigkeit Gottes. Das ist die Aufgabe, zu deren Verwirklichung die Jünger des Herrn auch in der heutigen Gesellschaft berufen sind. Ich denke an die Wirklichkeit des Heimes der Römischen Caritas am Bahnhof Termini, das ich heute Vormittag besucht habe: Von Herzen ermutige ich alle, die in dieser wohlverdienten Einrichtung arbeiten, sowie jene, die überall auf der Welt unentgeltlich in ähnlichen Werken der Gerechtigkeit und der Liebe ihren Einsatz leisten.

    Dem Thema der Gerechtigkeit habe ich die diesjährige Botschaft für die Fastenzeit gewidmet, die am kommenden Mittwoch, dem sogenannten Aschermittwoch, ihren Anfang nehmen wird. Daher möchte ich sie heute im Geist allen überreichen und einladen, sie zu lesen und über sie nachzudenken. Das Evangelium Christi gibt eine positive Antwort auf den Durst des Menschen nach Gerechtigkeit, dies jedoch in unerwarteter und überraschender Weise. Er schlägt keine soziale oder politische Revolution vor, sondern die Revolution der Liebe, die er bereits mit seinem Kreuz und mit seiner Auferstehung vollzogen hat. In ihnen gründen die Seligpreisungen, die einen neuen Horizont der Gerechtigkeit abstecken, der mit dem Osterfest seinen Anfang nimmt, dank dessen wir gerecht werden und eine bessere Welt aufbauen können.

    Liebe Freunde, wir wollen uns nun an die Jungfrau Maria wenden. Alle Generationen preisen sie „selig“, da sie an die gute Nachricht geglaubt hat, die ihr der Herr verkündigt hat (vgl. Lk 1, 45.48). Wir wollen uns von ihr auf dem Weg der Fastenzeit leiten lassen, um von der Illusion der Selbstgenügsamkeit befreit zu werden, um anzuerkennen, dass wir Gott brauchen, seine Barmherzigkeit, und um auf diese Weise in sein Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens Eingang zu finden.

    Die Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:

    Von Herzen grüße ich alle Gäste deutscher Sprache, die mit uns heute den Engel des Herrn gebetet haben. Wenn wir uns im Gebet an Gott wenden, bringen wir damit zum Ausdruck, dass unser Streben und unsere Hoffnung über diese Welt hinausgehen. Die irdischen Güter und selbst unsere menschlichen Beziehungen reichen nicht aus, uns in jeder Lebenslage Halt zu geben. Gerade angesichts von Leid und Tod hilft uns der „Blick zum Himmel“. Dabei schauen wir voll Vertrauen auf Gott, der sich in der Auferstehung Christi als Herr des Lebens offenbart und seine ewige Liebe zeigt. Jesus Christus lasse euch und euren Familien seinen fortwährenden Beistand erfahren.