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    Von Vertuschungsvorwürfen bis Zerfleischen

    Viganos jüngste Anschuldigungen wirbeln die Kirche auf. Die US-Bischöfe sind uneins. Von Benedikt Winkler

    Papst Franziskus im Zentrum der Aufmerksamkeit
    Der Papst im Zentrum der Aufmerksamkeit. Bei seiner Generalaudienz am Mittwoch stand er vor einer Gruppe Mexikaner, die ... Foto: dpa

    Pennsylvanias Staatsanwalt Josh Shapiro hat nach eigenen Angaben Beweise, dass der Vatikan über Vertuschung von sexuellem Missbrauch in der US-Kirche Bescheid gewusst habe. Er könne aber nicht überprüfen, ob Papst Franziskus selbst Kenntnis von den Verbrechen von Priestern gehabt habe, sagte Shapiro in der Sendung „Today“ des Nachrichtensenders NBC am Dienstag.

    Seit Bekanntmachung des Reports für die katholischen Bistümer im Bundesstaat Pennsylvania habe es über die Hotline rund 700 weitere Hinweise auf Sexualstraftaten gegeben. Die Grand Jury machte nach Shapiros Angaben handschriftliche Notizen ausfindig, in denen der Missbrauch in geheimen Archiven detailliert beschrieben worden sei. Kleriker seien vom Bostoner Kardinal Bernard Law gezwungen worden, „alles“ zu dokumentieren. Diese Politik bezeichnete der Staatsanwalt als „unerklärlich“.

    Derweil gehen in der katholischen Kirche in den USA die Meinungen über die jüngsten Vertuschungsvorwürfe rund um den missbrauchsbeschuldigten Ex-Kardinal Theodore McCarrick auseinander. Kardinal Joseph Tobin, Erzbischof von Newark, erklärte, der entsprechende Brief des früheren Apostolischen Nuntius Carlo Maria Vigano enthalte faktische Fehler und Anspielungen. Er habe das Schreiben, in dem Vigano hohen Kirchenvertretern bis hin zu Papst Franziskus Mitwisserschaft bei sexuellen Verfehlungen McCarricks vorwirft, schockiert und traurig zur Kenntnis genommen, so Tobin laut einem Bericht der Zeitschrift „National Catholic Reporter“. Welche „faktischen Fehler“ der Kardinal genau meint, geht daraus nicht hervor.

    Unterdessen kritisierte der Chicagoer Kardinal Blase Cupich seinen Amtsbruder Bischof Joseph Strickland, der Viganos elfseitiges Memorandum kurz nach dessen Veröffentlichung am Sonntag als „glaubwürdig“ bezeichnet hatte. Ihn interessiere, worauf sich eine solche Aussage stütze, zitierte der „National Catholic Reporter“ den Kardinal. Gleichwohl riet Cupich den US-Bischöfen, sich für Verfehlungen gegenseitig zur Rechenschaft zu ziehen. Er plädierte außerdem dafür, bei der Aufarbeitung von Missbrauch Laienexperten einzubeziehen und mit der nötigen Unabhängigkeit auszustatten. Der Bischof von Phoenix, Thomas Olmsted, stellt sich hinter Vigano. Dessen Vorwürfe könne er zwar selbst nicht verifizieren, so der Bischof in einer Mitteilung auf der Internetseite seines Bistums. Doch Vigano, den er aus seiner Zeit im vatikanischen Staatssekretariat kenne, habe er stets als aufrichtigen und integren Mann erlebt. „Deshalb bitte ich, dass Erzbischof Viganos Zeugnis ernstgenommen und jeder von ihm erhobene Vorwurf gründlich untersucht wird.“ Wer auch immer sexuellen Missbrauch gedeckt habe, müsse ans Licht kommen.

    Der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz, Kardinal Daniel DiNardo, drängte ebenfalls auf rasche und vollständige Aufklärung der Affäre McCarrick. „Ohne diese Antworten werden unschuldige Männer von den Anklagen beschmutzt und die schuldigen können die Sünden der Vergangenheit wiederholen“, erklärte er am Montag (Ortszeit). Er hoffe auf eine baldige Audienz bei Papst Franziskus und dessen Zustimmung zu Plänen der US-Bischofskonferenz für ein schärferes Vorgehen gegen Bischöfe, die Missbrauch begangen oder vertuscht haben, so DiNardo.

    Robert C. Morlino, der Bischof der US-Diözese Madison, solidarisierte sich mit DiNardo in zwei Punkten: 1. Vigano bringe spezielle Aufmerksamkeit und Dringlichkeit in die Untersuchung der US-Bischofskonferenz hinsichtlich gravierender moralischer Fehler von Bischöfen und 2. in der brüderlichen Zuneigung für den Heiligen Vater in diesen Tagen. Mit diesen Überzeugungen und Beteuerungen stünde er in völliger Solidarität. Gleichzeitig bedauerte Morlino. dass Papst Franziskus auf seinem Rückflug von Dublin nach Rom, „keinen Kommentar“ abgeben wollte, welche Schlussfolgerungen aus den Anschuldigungen von Erzbischof Vigano zu ziehen seien. Stattdessen überließ der Papst die Schlussfolgerungen der „professionellen Reife“ der Journalisten. „Möge die Mutter Kirche für uns eintreten, zusammen mit dem heiligen Erzengel Michael, in unserem Kampf gegen den alten Feind“, meinte Morlino.

    Nach Einschätzung des Jesuitenpaters Klaus Mertes gehöre das „Zerfleischen“ zur Aufklärung dazu. Es sei sogar förderlich, dass sich die „Hierarchien“ in der katholischen Kirche beim Thema Missbrauch gegenseitig „zerfleischen“, sagte Mertes am Mittwoch auf dem Internetportal katholisch.de. „Das ist ein Hinweis darauf, dass die Aufklärung vorankommt, denn auch dies gehört zu allen Aufklärungsprozessen von Machtmissbrauch: Aufklärung spaltet zunächst einmal“. Nach seiner Ansicht müsse die Hierarchie durch diese Spaltung hindurchgehen, um die tieferen Gründe für die Einheit überhaupt erst wieder zu finden. „Wahrheit befreit, auch und vielleicht gerade dann, wenn sie weh tut“, erklärte Mertes zudem. In diesem Zusammenhang kritisierte er auch die Wortwahl „homosexuelle Netzwerke“. Dies sei ein „diffamierender Kampfbegriff des homophoben Sumpfes“, mit dem ein Sündenbock gesucht werden solle. „Genau damit wird die notwendige Strukturdebatte vermieden, die die Kirche mit kritischen Blick auf sich selbst so nötig hat“, so der Jesuit.

    Die Schweizer Diözese St. Gallen distanzierte sich auf ihrer Facebook-Seite vom Statement des Weihbischofs von Chur, Marian Eleganti, der gegenüber EWTN während des Weltfamilientreffens in Irland gesagt hatte, dass der Skandal des Missbrauchs deutlich zeige, dass er mit Homosexualität zusammenhänge. Wörtlich sagte Eleganti: „90 Prozent der Missbrauchskrise steht in direkter Verbindung mit homosexueller Neigung.“

    Bei der Generalaudienz am Mittwoch auf dem Petersplatz in Rom bedauerte Papst Franziskus, dass der Missbrauchsskandal vom Priesterberuf abschrecke. Bei seinem Irland-Besuch musste sich der Pontifex dem Schmerz und der Verbitterung stellen, die auch von Kirchenmitgliedern durch verschiedene Formen von Missbrauch verursacht worden seien. „In Irland gebe es einen verwurzelten Glauben, aber wenige Priesterberufungen. Dies habe mit den Skandalen der Kirche zu tun. Man müsse zu Gott beten, dass er ,heilige Priester sende‘“, so der Papst. DT/KNA/bwi

    Bearbeitet von Benedikt Winkler

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