• aktualisiert:

    Von Licht und Schatten der Wende

    Magdeburg (DT) Zwanzig Jahre nach der Wende – für das katholische Osteuropa-Werk Renovabis Anlass, um Rückschau zu halten. Dabei werden auch die „Schattenseiten“ der Wende nicht verdrängt. „Zur Freiheit befreit“ lautete das Leitwort der diesjährigen Renovabisaktion, die am Pfingstsonntag in Magdeburg zu Ende ging. Bischof Gerhard Feige erklärte in seiner Predigt beim abschließenden Pontifikalamt in der Kathedralkirche St. Sebastian, dass die politische Wende – neben der Befreiung vom Kommunismus – in den osteuropäischen Ländern auch massive soziale Probleme gebracht habe. „Vor allem Kinder und alte Menschen, auch gesellschaftliche Randgruppen wie Obdachlose leben heute auf der Schattenseite der Freiheit“, unterstrich der Bischof von Magdeburg, der auch Vorsitzender des Renovabis-Aktionsausschusses ist.

    Magdeburg (DT) Zwanzig Jahre nach der Wende – für das katholische Osteuropa-Werk Renovabis Anlass, um Rückschau zu halten. Dabei werden auch die „Schattenseiten“ der Wende nicht verdrängt. „Zur Freiheit befreit“ lautete das Leitwort der diesjährigen Renovabisaktion, die am Pfingstsonntag in Magdeburg zu Ende ging. Bischof Gerhard Feige erklärte in seiner Predigt beim abschließenden Pontifikalamt in der Kathedralkirche St. Sebastian, dass die politische Wende – neben der Befreiung vom Kommunismus – in den osteuropäischen Ländern auch massive soziale Probleme gebracht habe. „Vor allem Kinder und alte Menschen, auch gesellschaftliche Randgruppen wie Obdachlose leben heute auf der Schattenseite der Freiheit“, unterstrich der Bischof von Magdeburg, der auch Vorsitzender des Renovabis-Aktionsausschusses ist.

    Zuvor hatten Gäste aus Osteuropa während der dreitägigen Abschlussaktion Gelegenheit, ihre Erfahrungen zu schildern und damit den „Verlierern der Wende“ eine Stimme zu geben. Zu diesen Gästen gehörte Schwester Elisabeth Jabukowitz. Die aus dem Bistum Magdeburg stammende Franziskanerin lebt und arbeitet seit 1995 in Westsibirien. Seit 2002 ist die gelernte Krankenschwester Direktorin der regionalen Caritas mit Sitz in Novosibirsk, der drittgrößten Stadt Russlands.

    Ohne Pathos, doch spürbar bewegt berichtete Schwester Elisabeth bei einem Treffen mit Vertretern der Renovabis-Patenschaftsaktion, wie die wirtschaftliche und soziale Krise in Russland besonders die schwächsten Glieder der Gesellschaft trifft: die Kinder. Da ist Vadim. Er ist sechs und lebt mit seiner Mutter in einer kleinen Hütte – zusammen mit einem Mann, von dem der Junge nicht weiß, wie er ihn eigentlich nennen soll. Papa? Von diesen Männern gab es in letzter Zeit viele im Haus. Sie wechseln alle paar Wochen. Vadim hat einen Freund – Daniel. Der Junge braucht jeden Tag Medikamente, ist chronisch krank – wie 52 Prozent der Kinder in der Region. Aber seine Mutter kann weder lesen noch schreiben; sie versteht die Beipackzettel nicht und weiß nicht, wann und in welcher Dosierung sie ihrem Sohn die Medikamente geben soll. Daniels Gesundheitszustand hat sich zunehmend verschlechtert.

    „Das Leben unzähliger Kinder ist von fehlender Fürsorge, von Gewalt in Familien und sozialer Ausgrenzung bestimmt“, schilderte Schwester Elisabeth. „Mehr als sechs Millionen Kinder in Russland sind sozial gefährdet.“ Kinder wie Maxim: Da seine Mutter bis abends spät arbeiten muss und sich nie einen Kindergartenplatz leisten konnte, schloss sie den kleinen Maxim regelmäßig zu Hause ein. Das heißt: Der Junge hatte in seinen ersten Lebensjahren niemanden zum Sprechen, keine Außenkontakte. Er war wie ein kleines Tier. „Kinder wie Maxim sind keine Einzelfälle“, betonte Schwester Elisabeth. Als er dann in die Schule kam, wurde der Kleine schon nach wenigen Wochen entlassen mit dem „Stempel“: „Nicht bildungsfähig!“ Russland hat die UN-Konvention für Kinderrechte unterzeichnet, in der es heißt, dass jedes Kind ein Recht auf Bildung und persönliche Entfaltung habe. In der Realität werden Kinder, die keine Chance zu einer normalen Entwicklung hatten, nach kürzester Zeit „aussortiert“.

    Hier setzt die Caritas Westsibirien an, die seit 2005 an verschiedenen Orten Kinderzentren eingerichtet hat, wo Kinder wie Vadim, Maxim und Daniel von speziell ausgebildeten Pädagogen betreut und gefördert werden. Oft erfahren sie dort zum ersten Mal in ihrem Leben Aufmerksamkeit und Fürsorge, Wertschätzung – Liebe.

    Die Caritas kümmert sich auch um ältere Kinder, hat in Omsk ein katholisches Gymnasium für traumatisierte Kinder eröffnet. Viele dieser Kinder haben schwere Gewalterfahrungen hinter sich – wie Julia, die mit ansehen musste, als ihr Vater ihre Mutter erschlug. Auch den Eltern bietet die Caritas Unterstützung, denn viele gerade junge Eltern sind selbst emotional gestört und mit ihrer sozialen Situation überfordert. In Mütter-Kind-Heimen finden junge alleinstehende Frauen mit ihren Kindern Aufnahme, lernen dort ganz einfach den Alltag: Einkaufen, Kochen, Nähen, Gemüseanbau zur Selbstversorgung und natürlich Kinderpflege.

    Ohne die intensive Unterstützung durch deutsche Katholiken, ohne die Förderung durch Renovabis, betonte Schwester Elisabeth beim Patenschaftstreffen in Magdeburg, wäre die vielfältige Arbeit der Caritas Westsibirien nicht zu leisten – auch nicht die Initiativen für Obdachlose, der wohl „verhassesten Randgruppe innerhalb der russischen Gesellschaft“, sagte die Caritasdirektorin. Besonders vor der Polizei haben diese Menschen Angst. Es gibt die berüchtigte 50 Kilometer-Grenze. Das bedeutet: Immer wieder werden Gruppen Obdachloser in Mannschaftswagen eingesammelt, 50 Kilometer weit vor die Stadt gefahren und dann einfach im Wald ausgesetzt. Die Caritas versucht, Obdachlosen, so gut es geht, Hilfe und Schutz zu geben, hat in Städten wie Novosibirsk und Omsk Suppenküchen und Übernachtungsstellen eingerichtet.

    Es gibt noch immer viele Verlierer der Wende. Das „annus mirabilis“, das „wunderbare Jahr“ 1989 hat neben viel Licht – einem Mehr an Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten – leider auch Schattenseiten gebracht. Das betonte auch Renovabis-Hauptgeschäftsführer, Pater Dietger Demuth, während der Abschlussaktion. „Für die Menschen, die an den Rand gedrängt worden sind, setzt sich Renovabis ein – in insgesamt 29 Staaten des ehemaligen Ostblocks.“ Zusätzlich verschärft, so Pater Demuth, werde die soziale Situation durch die weltweite Weltfinanz- und -wirtschaftskrise „Mit umfassender staatlicher Hilfe nach westlichem Vorbild können die Betroffenen kaum rechnen. Ganz im Gegenteil: Um die Krise einigermaßen zu bewältigen, haben die nationalen Regierungen vieler osteuropäischer Länder vielerorts den Rotstift angesetzt. Diesem radikalen Sparkurs fallen häufig die ohnehin geringen sozialen Leistungen zum Opfer. All das führt letztlich dazu, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft.“

    Es gab aber während der Renovabis-Abschlussaktion in Magdeburg – neben einer ungeschönten Bestandsaufnahme der letzten zwanzig Jahre – auch viele hoffnungsvolle Akzente. Volodymir Vijtyshyn, Bischof der griechisch-katholischen Diözese Ivano-Frankivsk in der Westukraine, setzt große Erwartungen in ein zusammenwachsendes Europa. „Die Kirchen unterstützen das Streben der Ukraine, Teil der europäischen Gemeinschaft zu werden. Von einer verbesserten Zusammenarbeit mit der Europäischen Union erhoffen wir uns wirtschaftliche Impulse, aber auch Impulse für politische Reformen, eine Stärkung also der Freiheit in unserem Land. Das ist noch ein langer Prozess, den wir als Kirche jedoch nur begrüßen und fördern können.“

    Von Anja Kordik