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    Von Gemmingens Worte in heiligen Mündern

    Eberhard von Gemmingens neues Buch bietet Inspiration – trotz kritischer Stellen. Von Oliver Gierens

    Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen ist seit Jahrzehnten ein scharfer Beobachter der Lage von Glaube und Kirche. 27 Jahre lang war er Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Das Zentrum der katholischen Kirche hat er aus nächster Nähe miterlebt, begleitete die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. 2009 ging er in Rente und kehrte nach Deutschland zurück. In München lebt er seitdem direkt an der Jesuitenkirche St. Michael und befasst sich mit der Situation des Glaubens in Deutschland.

    Bei seinen Reisen quer durchs Land hält er viele Predigten und Ansprachen, in denen der Priester, der als langjähriger Medienmann buchstäblich „Sendungsbewusstsein“ hat, seinen Mitchristen so einiges mit auf den Weg geben will. Doch, so schreibt er im Vorwort, das könne schnell „besserwisserisch“ klingen. Also erfindet von Gemmingen einen Trick: Er legt seine Gedanken einfach einem Heiligen in den Mund, zu dem sie passen könnten. Dann sagt es nicht mehr Pater von Gemmingen, sondern der heilige Franziskus oder Ordensgründer Ignatius von Loyola. Die fiktiven „Predigten“ der Heiligen hat der Jesuitenpater in einem Buch zusammengetragen. „Wenn wir die Heiligen fragen könnten. Was sie uns heute sagen würden“ heißt der Sammelband, der bei Herder erschienen ist.

    Der Grundtenor des Buchs ist sehr aktuell. Was würden uns die Männer und Frauen heute sagen, die ihr Leben für Christus und den Glauben geopfert haben? Die ihr ganzes Leben in den Dienst Gottes gestellt haben, für die nicht Erfolg oder Macht gezählt haben? Ein Franziskus, der – obwohl aus reichem Hause stammend – in Armut gelebt hat? Ein Pater Maximilian Kolbe, der im KZ für einen Familienvater in den Tod gegangen ist?

    Pater von Gemmingen ist sich sicher: „Viele von ihnen wären erschüttert, was wir aus der gewonnenen Freiheit gemacht haben.“ So hätten sich die Heiligen das nicht vorgestellt: Die aus Sicht des Autors nebensächlichen Dinge, die rauf und runter diskutiert werden, seien es muslimische Feiertage, Kopftücher oder Kruzifixe in Amtsstuben. Und dieser Grundgedanke zieht sich durch die Ansprachen, die Pater von Gemmingen den Heiligen – oder auch weniger Heiligen – in den Mund legt.

    Denn unter den „Autoren“ finden sich unter anderem König Herodes, Leonardo da Vinci, Galileo Galilei oder Martin Luther. Nicht, dass wir uns über sie ein Urteil anmaßen sollten, aber im römischen Heiligenkalender stehen sie offensichtlich nicht.

    Ansonsten liest sich das Inhaltsverzeichnis wie ein Streifzug durch die Jahrtausende, angefangen vom heiligen Josef, dem Nährvater Jesu, über die Apostel Matthäus und Thomas, die Heiligen des Mittelalters bis hin zu Fritz Gerlich oder Mutter Teresa von Kalkutta. Sie alle haben eine unmissverständliche Botschaft an die Leser: Europa fällt vom Glauben ab. So ist ausgerechnet König Herodes, der Jesus nach dem Leben trachtete und in Bethlehem massenweise Kinder umbringen ließ, in seiner fiktiven Ansprache froh, dass er das Jesuskind vor gut 2 000 Jahren nicht „erwischt“ hat. Schließlich habe Jesus den Staaten positive Maßstabe und Werte gegeben. Heute könne keiner, der sich Herodes nenne, einfach Kinder entsorgen, schreibt uns „Herodes“. Und nun sei Europa dabei, diesen Jesus zu vergessen ...

    Der Journalist Fritz Gerlich, ein großer Christ der Zeitgeschichte und Kandidat für eine Seligsprechung, geht mit den Folgen des Glaubensabfalls scharf ins Gericht: Mit der Entscheidung für die sogenannte „Ehe für alle“ falle die Menschheit „von einem Straßengraben in den anderen“. „Gender“, zitiert Gerlich – beziehungsweise von Gemmingen – Papst Franziskus, zerstöre die Familie.

    Doch von Gemmingen belässt es nicht bei Wehklagen über den Zustand des Glaubens, so richtig sie auch sein mögen. Er lässt die Heiligen auch als Orientierungsmarken auf dem Weg zu Gott erscheinen. Die heutigen Christen, lässt der Jesuit den eher wenig bekannten schwäbischen Apostel Philipp Jeningen sagen, müssten sich entscheiden, ob sie wirklich an die Botschaft Jesu vom Reich Gottes glaubten. So könne die heutige Glaubenswüste zu einer Zeit der Reinigung, der Läuterung, der Heiligung werden. Gott sei bei dieser Wüstenwanderung dabei.

    So wichtig solche Appelle sein mögen, lässt das Buch dennoch einige Fragen offen. Es ist gewagt, Heiligen und anderen bedeutenden Persönlichkeiten der Geschichte derart pointierte Botschaften in den Mund zu legen. Der fragt sich allzu häufig, ob hier wirklich der Heilige spricht – oder eben Pater von Gemmingen. Wenn er den hl. Josef sagen lässt, er hätte Jesus als Kind gerne mal „eine runtergehauen“ oder ihm eine Braut ausgesucht, wenn er den hl. Stephanus das Jesuswort „wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ mit den Worten kommentieren lässt, „so hätte auch Hitler sprechen können“, wenn sich die hl. Irmengard vom Chiemsee über Äußerungen von Papst Benedikt XVI. ärgert, dann ist das hundert Prozent von Gemmingen. Natürlich steht es ihm frei, sich in dieser und anderer Weise zu äußern – aber sich dabei der Heiligen zu bedienen, um den Worten mehr Autorität zu verleihen, funktioniert nur sehr begrenzt. An solchen Stellen fragt man sich, ob das die Heiligen, wenn sie heute zu uns sprechen würden, wirklich so gesagt hätten.

    Zuweilen gelingt es Pater von Gemmingen hingegen recht gut, sich in die christlichen Persönlichkeiten, derer er sich bedient, hinein zu versetzen. Seine Analyse über die Situation von Glaube und Kirche in unseren Breitengraden ist durchaus treffend. Wer beim Lesen einige kritische Stellen geistig „umschiffen“ kann, dem können die Worte, die der Autor den Heiligen in den Mund legt, durchaus eine Inspiration sein, sich die Wurzeln des Glaubens wieder neu bewusst zu machen.

    Eberhard von Gemmingen: Wenn wir die Heiligen fragen könnten. Was sie uns heute sagen würden. Herder, Freiburg 2018.

    ISBN: 978-3-451-37975-8, EUR 16,-

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