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    Vom Sinn der Tradition

    Wenn in diesem Jahr des 100. Todestages von Papst Pius X. gedacht wird, ist damit untrennbar die Erinnerung an die „Modernismuskrise“ innerhalb der katholischen Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts verknüpft, in der es maßgeblich um die Frage ging, ob und inwiefern die traditionelle kirchliche Lehre sich den Prinzipien des modernen Denkens und der modernen Wissenschaft öffnen solle. Einer der wichtigsten der damals von Rom verurteilten Theologen war Alfred Loisy (1857–1940), jener Schriftsteller, der das Wort „Jesus hatte das Reich Gottes angekündigt, und was kam, war die Kirche“ geprägt hat. Gegen die von Loisy maßgeblich vertretene Position des theologischen Evolutionismus verfasste aus dezidiert „antimodernistischer“ Perspektive der Jesuitentheologe Louis Billot (1846–1931) 1904 sein Buch „Über die Unveränderbarkeit der Tradition gegen den theologischen Evolutionismus“, das nun in seiner letzten Fassung von 1929 erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. In ihm entfaltet der profilierte Neuscholastiker, der damals einen Dogmatiklehrstuhl an der Gregoriana innehatte, den authentischen katholischen Traditionsbegriff in Auseinandersetzung mit den von Loisy vertretenen Konzepten der „relativen Wahrheit“ und des „moralischen Dogmatismus“, das heißt einer Einstellung, die die religiöse Wahrheit und die Sittlichkeit nicht mehr als objektive Tatsache betrachtet, sondern aus dem subjektiven menschlichen Gefühl und dem menschlichen Willen ableitet und eine rein praktische Bedeutung der Lehren der Religion postuliert.

    Scharfsicht und pastorale Sorge: Pius X. bekämpfte Irrtümer, deren Folgen bis in die Gegenwart hinein spürbar sind. Foto: KNA

    Wenn in diesem Jahr des 100. Todestages von Papst Pius X. gedacht wird, ist damit untrennbar die Erinnerung an die „Modernismuskrise“ innerhalb der katholischen Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts verknüpft, in der es maßgeblich um die Frage ging, ob und inwiefern die traditionelle kirchliche Lehre sich den Prinzipien des modernen Denkens und der modernen Wissenschaft öffnen solle. Einer der wichtigsten der damals von Rom verurteilten Theologen war Alfred Loisy (1857–1940), jener Schriftsteller, der das Wort „Jesus hatte das Reich Gottes angekündigt, und was kam, war die Kirche“ geprägt hat. Gegen die von Loisy maßgeblich vertretene Position des theologischen Evolutionismus verfasste aus dezidiert „antimodernistischer“ Perspektive der Jesuitentheologe Louis Billot (1846–1931) 1904 sein Buch „Über die Unveränderbarkeit der Tradition gegen den theologischen Evolutionismus“, das nun in seiner letzten Fassung von 1929 erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. In ihm entfaltet der profilierte Neuscholastiker, der damals einen Dogmatiklehrstuhl an der Gregoriana innehatte, den authentischen katholischen Traditionsbegriff in Auseinandersetzung mit den von Loisy vertretenen Konzepten der „relativen Wahrheit“ und des „moralischen Dogmatismus“, das heißt einer Einstellung, die die religiöse Wahrheit und die Sittlichkeit nicht mehr als objektive Tatsache betrachtet, sondern aus dem subjektiven menschlichen Gefühl und dem menschlichen Willen ableitet und eine rein praktische Bedeutung der Lehren der Religion postuliert.

    Zugleich wendet sich Billot, der auch wichtigen Anteil an den offiziellen römischen Verurteilungen Loisys hatte, gegen eine Verabsolutierung der historisch-kritischen Methode in der Bibelexegese und der Interpretation der Dokumente der kirchlichen Tradition. Die Übersetzer Claudia und Peter Barthold haben das Werk zugleich mit einer fundierten und umfangreichen Einleitung versehen, die die theologischen und historischen Hintergründe (man denke etwa an die päpstlichen Dokumente „Lamentabili“ und „Pascendi“ von 1907 und den Antimodernisteneid von 1910) mustergültig erläutert.

    Kennzeichnend für Billots Buch, in dem die Gedanken Loisys mitunter sehr pointiert dargestellt sind, sind seine Argumentationskraft und seine überzeugende Rhetorik, die auch die Mittel des Humors – vom feinen Spott bis zum klaren Sarkasmus – nicht verschmäht. Der inhaltliche Reichtum des Buches kann hier nur angedeutet werden. Argumentativ besonders überzeugend sind Billots Darlegungen, dass und inwiefern die Tradition der Heiligen Schrift vorausgeht. An einer ganzen Reihe von Bibelstellen zeigt Billot, dass die bloße historische Methode für das Verständnis der Offenbarungsurkunden nicht weiterhilft, und daher durch die theologische Methode ergänzt werden muss.

    Billot demonstriert auch, inwiefern es eine Entwicklung der Glaubenslehre im Sinne eines Erkenntnisfortschritts geben kann und weist zugleich auf, dass die grundlegenden Wahrheiten des christlichen Glaubens zu allen Zeiten in stets demselben Sinne aufgefasst wurden. Das impliziert zugleich, dass sie auch in Zukunft in keinem anderen Sinne aufgefasst werden können als dem von Beginn an feststehenden. Damit ist zugleich klar, dass sich diese Wahrheiten eben nicht in einer ständigen Entwicklung befinden, wie dies Loisy etwa in Bezug auf die Sakramentenlehre postuliert hatte („Die Zeit, in der die Kirche die Zahl der Sakramente festgesetzt hat, ist nur ein besonderer Punkt dieser Entwicklung und markiert weder deren Anfang noch deren Ende“). Im abschließenden sechsten Kapitel referiert Billot noch einmal die irrtümlichen Positionen in systematischer Form und zieht dabei die logischen Konsequenzen, die sich aus dem Verzicht auf die Wahrheit ergeben: Die hier entfaltete negative Vision, die in geschickter Weise gleichsam aus der Perspektive eines Befürworters gesprochen ist, gipfelt im Aufgehen von Kirche und Christentum in einer synkretistisch aus allen Bekenntnissen heraus geschaffenen Welteinheitsreligion: „Deshalb stehen wir bereits mit allen Bekenntnissen auf der Welt durch eine Glaubensgemeinschaft in Verbindung, und schon leuchtet das Morgenrot eines Zeitalters, in dem es eine einzige Religion für die ganze Menschheit geben wird, nachdem man für immer alle Trennungen abgeschafft hat, die der alte Aberglaube eingeführt hat.“

    Wie sehr Billot mit seiner Ablehnung Loisys im Recht war – und zwar noch mehr als man es damals aufgrund der öffentlichen Äußerungen Loisys wissen konnte –, das zeigt klar ein Tagebucheintrag des modernistischen Theologen aus dem Jahre 1904: „…ich betrachte die personale Inkarnation Gottes als einen philosophischen Mythos. Christus nimmt in meiner Religion sogar weniger Raum ein als bei den liberalen Protestanten (...) Wenn ich in religiöser Hinsicht etwas bin, dann eher pantheistisch-positivistisch-humanitär als christlich (…) Folglich könnte ich Gedanken wie Rosenkranzperlen aufreihen, damit will ich sagen, in ein System bringen, und eine neue Religion ausarbeiten.“

    Loisy starb im Jahre 1940: Die von ihm vertretenen relativistischen Positionen freilich wirkten fort. Bei der Lektüre von Billots Schrift stößt man auf eine ganze Reihe von Gedanken und Vorstellungen, denen man auch heute begegnen kann. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Sympathien der Öffentlichkeit heute im Allgemeinen doch eher bei den damals Zensurierten liegen, und das leider nicht nur in den Fällen, in denen die Zensurbehörden mitunter tatsächlich ungerecht oder zu streng verfahren waren. Die Neuedition eines der wichtigsten „antimodernistischen Werkes“ kann vielleicht dabei helfen, zu einem ausgewogeneren Bild der damaligen Geschehnisse zu finden; und verdeutlichen, dass den „damals“ geführten Auseinandersetzungen auch heute noch aktuelle Bedeutung zukommt.

    Louis Billot: Tradition und Modernismus. Über die Unveränderbarkeit der Tradition gegen die neue Häresie des Evolutionismus, Carthusianus-Verlag, Fohren-Linden 2014, 236 Seiten,

    ISBN 978-3-941862-14-2, EUR 19,80