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    Visionärer Gegenentwurf und Lebensbegleiter

    Dass das unvergleichliche Pontifikat Johannes Pauls II. an religiösen und politischen Höhepunkten reich war, muss man nicht eigens sagen. Dass dieser Papst auch ein familienpolitisches Erbe von nachhaltiger Bedeutung hinterlassen hat, hingegen schon. Denn das wird noch immer zu wenig wahrgenommen. Viel zu wenig.

    Johannes Paul II. Foto: KNA

    Dass das unvergleichliche Pontifikat Johannes Pauls II. an religiösen und politischen Höhepunkten reich war, muss man nicht eigens sagen. Dass dieser Papst auch ein familienpolitisches Erbe von nachhaltiger Bedeutung hinterlassen hat, hingegen schon. Denn das wird noch immer zu wenig wahrgenommen. Viel zu wenig.

    Seit 1. Juli 1983, kurz nachdem ich geheiratet habe, bin ich Geschäftsführer des Familienbundes der Katholiken und der Katholischen Elternschaft in Bayern und in der Erzdiözese München und Freising. Seit dieser Zeit begleitet mich das Apostolische Schreiben „Familiaris Consortio“ vom 22. November 1981. Darin legt Papst Johannes Paul II. seine Gedanken „über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute“ dar. Noch weit davon entfernt, die gesellschaftliche Bedeutung der Familie in ihrer Tiefe zu begreifen, war ich sofort angetan von dem darin enthaltenen Aufruf an die Familien, die familienpolitische Initiative zu ergreifen und damit „die Verantwortung für die Veränderung der Gesellschaft“ (FC 44) zu übernehmen. Das einleuchtende Argument dafür, das im Übrigen auch die sprachliche Meisterschaft dieses Papstes dokumentiert, hat sich sofort in mein Gedächtnis eingeprägt: „Sonst werden die Familien die ersten Opfer jener Übel sein, die sie vorher nur gleichgültig betrachtet haben.“ (FC 44)

    Inzwischen sind an die 30 Jahre vergangen, in denen ich aus beruflicher und aus privater Perspektive (in dieser Zeit sind unsere beiden Kinder geboren) die familienpolitische Entwicklung beobachten konnte und immer wieder in Familiaris Consortio nachgeschlagen habe. Dieses Apostolische Schreiben hat wesentlich dazu beigetragen, dass ich die Bedeutung der Familie, insbesondere der Eltern für das Gedeihen ihrer Kinder und damit für das Wohlergehen einer jeden Gesellschaft immer besser verstehe. Im Grunde ist es ja ganz einfach: Nicht der Reichtum an Geld sichert einer Gesellschaft das Überleben, sondern der Reichtum an Familie. Doch diese Erkenntnis hat noch lange nicht die Politik erreicht.

    Damit will ich nicht behaupten, dass sich in den vergangenen drei Jahrzehnten familienpolitisch nichts getan hätte. 1986 wurde das Bundeserziehungsgeld zusammen mit einem Erziehungsurlaub (heute Elternzeit) eingeführt, für mich der erste (und bis heute letzte) familienpolitische Höhepunkt. Denn endlich hat der Staat, wenn auch sehr zaghaft, zum Ausdruck bringen wollen, dass die Erziehungsarbeit der Eltern ihren Lohn verdient. Die Tür zu einer familienfreundlichen Gesellschaft war einen Spalt breit offen. Doch die wurde 21 Jahre später mit der Einführung des Elterngeldes wieder zugeschlagen, das entgangenen Erwerbslohn ausgleicht und letzten Endes die Wirtschaft subventioniert. Zu Lasten der Familie, immerhin „der ursprüngliche Ort und das wirksamste Mittel zur Humanisierung und Personalisierung der Gesellschaft“ (FC 43).

    Dieses Elterngeld und die damit verbundene Option auf ein Betreuungsgeld hat die Familienpolitik wieder zum Geschacher verkommen lassen. Darf man den Eltern ein Betreuungsgeld anvertrauen? Wird es nicht als „Herdprämie“ missbraucht? Kommt es überhaupt bei den Kindern an? Funktioniert die Bildung der Kinder nicht ohnehin besser, wenn sie möglichst früh an die Profis in der Kita delegiert wird? All diese Fragen sind von nichts anderem gespeist als von einem grundlegenden Misstrauen in das Verantwortungsbewusstsein der Eltern – und von einem grundlegenden Vertrauen in die erzieherischen Fähigkeiten von „Vater Staat“.

    Längst vergessen ist, dass 1996 das Kindergeld neu konzipiert wurde. Es dient seitdem der Rückerstattung zuviel bezahlter Steuern. Denn derselbe Staat, der den Eltern die Pflicht zuweist, für ihre Kinder in umfassender Weise zu sorgen, besteuert das Existenzminimum der Kinder. Was er natürlich nicht darf, weil es dem Grundgesetz (und dem gesunden Menschenverstand) widerspricht. Also zahlt er das Geld, das ihm nicht gehört, zurück, nennt das aber nicht „Steuerrückzahlung“, sondern mit dem Gestus scheinbarer Großzügigkeit „Kindergeld“. Dadurch erhöhte sich über Nacht der Zahlbetrag des Kindergeldes von 70 auf 200 DM fürs erste Kind, sodass nun jeder Finanzminister den Familienfreund mimen kann: Seht her, so viel ist mir die Familie wert! Dabei wird ihr das Geld nur aus der linken Tasche genommen und in die rechte gesteckt.

    Auch der „PISA-Schock“ soll nicht unerwähnt bleiben. Der hat eine wahre Lawine von Schulreformen ausgelöst, die oftmals nichts anderes waren als Experimente mit den Kindern. Plötzlich sollten sie nicht mehr einfach nur „zweckfrei“ spielen, sondern von Anfang an „gebildet“, will sagen an die Erfordernisse der Erwerbsarbeit angepasst werden. Damit wurde dem humanistischen Ideal einer umfassenden zweckfreien Bildung der Garaus gemacht, und die Familienpolitik wurde endgültig zur bloßen Infrastrukturpolitik. Mehr Kita-Plätze, mehr Ganztagsschulen, mehr Geburtenrate, mehr Fachkräfte: Für all das interessiert sich die Familienpolitik inzwischen mehr als für die Bedürfnisse der Eltern und ihrer Kinder. Die verfassungsrechtliche Legitimation dafür wird vom Bundesverfassungsgericht derzeit nachgeliefert. Unsere obersten Richter und Richterinnen finden, wie zwei aktuelle Entscheidungen zeigen, nun nichts mehr dabei, dass der Staat das erzieherische Leitbild der Eltern lenkt.

    Damit vollzieht das Gericht eine Abkehr von der eigenen Rechtsprechung. Dies ist eine für die Familien schmerzhafte Zäsur, zumal sich das Bundesverfassungsgericht durchaus bleibende Verdienste um deren Position in einem freiheitlichen Rechtsstaat erworben hat. Es ist müßig darüber zu spekulieren, welchen gesellschaftlichen Stellenwert die Eltern heute hätten, wenn Karlsruhe dem Gesetzgeber nicht immer wieder auf die Sprünge geholfen hätte. Entscheidungen sind gefallen, die man mit Fug und Recht „sensationell“ nennen darf: sei es das legendäre „Trümmerfrauenurteil“ von 1992, das nicht weniger aufsehenerregende „Familienurteil“ von 1998 oder das „Pflegeurteil“ von 2001, in dem die Erziehungsleistung der Eltern als konstitutiv für unsere Solidarsysteme anerkannt wird. Wie gesagt, es hat sich was getan in der Familienpolitik. Allerdings nach dem Motto „ein zaghafter Schritt vor, zwei entschiedene zurück“.

    Das alles, und damit bin ich wieder bei Familiaris Consortio, zeigt den prophetischen Gehalt dieses Schreibens, eines visionären Gegenentwurfs zur skizzierten familienpolitischen Entwicklung. Hellsichtig weist Papst Johannes Paul II. den Weg zu einem „Familienhumanismus“ (FC 7), in dem Familie und Gesellschaft in einer vitalen Beziehung zueinander stehen; in dem die „Liebe der Eltern [...] die Norm [ist], die das gesamte konkrete erzieherische Wirken prägt und leitet“, und in dem die Familie als „eine Gemeinschaft eigenen und ursprünglichen Rechtes“ (FC 45) anerkannt ist.

    Womit wir bei der Charta der Familienrechte angelangt wären. Die wurde zwar erst knapp zwei Jahre später, am 22. Oktober 1983, veröffentlicht, ist aber in Familiaris Consortio bereits als Aufriss enthalten. Das Postulat originärer Familienrechte ist für mich nach wie vor eine der mutigsten denkerischen Leistungen. Es macht deutlich, dass das Apostolische Schreiben Familiaris Consortio auch 30 Jahre nach seiner Veröffentlichung nichts von seiner familienpolitischen Aktualität eingebüßt hat.