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    „Visionäre Orte“

    Im Oktober haben altrituelle Benediktinermönche der Abtei Fontgombault die Abtei von Wisques im Nordosten Frankreichs wieder besiedelt. Die Abtei Wisques ist eine Tochtergründung von Fontgombault. Fontgombault hatte nach der Liturgiereform am überlieferten Ritus festgehalten, die Mönche von Wisques führten den neuen Ritus ein. Der mittlerweile überalterte Konvent von Wisques bat den Abt von Fontgombault, ihre Abtei neu zu beleben. Mit dem neuen Konvent kehrt nun auch der alte Ritus nach Wisques zurück. Katrin Krips-Schmidt sprach mit dem Bischof von Fréjus-Toulon über den überlieferten römischen Ritus, dessen Bedeutung in Frankreich und die Neuevangelisierung.

    Mit Kindern das Kirchenjahr feiern, prägt die ganze Familie: Im Bild eine Mutter mit ihrem Kind beim Martinsfest. Foto: KNA

    Im Oktober haben altrituelle Benediktinermönche der Abtei Fontgombault die Abtei von Wisques im Nordosten Frankreichs wieder besiedelt. Die Abtei Wisques ist eine Tochtergründung von Fontgombault. Fontgombault hatte nach der Liturgiereform am überlieferten Ritus festgehalten, die Mönche von Wisques führten den neuen Ritus ein. Der mittlerweile überalterte Konvent von Wisques bat den Abt von Fontgombault, ihre Abtei neu zu beleben. Mit dem neuen Konvent kehrt nun auch der alte Ritus nach Wisques zurück. Katrin Krips-Schmidt sprach mit dem Bischof von Fréjus-Toulon über den überlieferten römischen Ritus, dessen Bedeutung in Frankreich und die Neuevangelisierung.

    Exzellenz, in Ihrer Diözese gibt es ein liturgisches Zusammenspiel beider Formen des römischen Ritus – der ordentlichen und der außerordentlichen. Wie äußert sich diese, nennen wir es einmal – liturgische Vielfalt? Was bedeutet das für die Laien und was bedeutet es für die Priester?

    In der Diözese Fréjus-Toulon haben wir tatsächlich unterschiedliche Ausdrucksformen der Zelebration des römischen Ritus – neben der Zelebration in der ordentlichen Form, wie sie natürlich in der Mehrzahl der Pfarreien gefeiert wird, gibt es auch noch die außerordentliche Form. Das spielt sich äußerst verträglich ab. Ich habe in meiner Diözese die Gemeinschaft der Missionare der Göttlichen Barmherzigkeit aufgenommen, deren Oberer, Abbé Loiseau, Pfarrer einer von mir eingerichteten Personalgemeinde ist. Hauptsächlich zelebriert die Gemeinschaft die Messe zwar in ihrer ordentlichen Form, aber sie bietet eben auch Messen für diejenigen Gläubigen an, die der außerordentlichen Form verbunden sind, und die Priester feiern diese Messen regelmäßig im Zentrum von Toulon.

    Außerdem gibt es bei uns mehrere kontemplative Ordensgemeinschaften, die ebenfalls der außerordentlichen Form verbunden sind. Wir haben hier also eine sehr große Vielfalt, die sich in einem recht verträglichen Rahmen abspielt, der einerseits durch eine Verankerung auf Bistumsebene charakterisiert ist – und zweitens durch sein missionarisches Anliegen, und gerade das scheint mir von grundlegender Bedeutung zu sein: Die Liturgie ist nicht einfach eine „nostalgische“ Rückkehr in die Vergangenheit. In einer säkularisierten Welt ist sie auch und vielmehr Ausdruck einer Rückkehr „zurück zu den Wurzeln“, die den Opfercharakter der Messe betont. Die außerordentliche Form möchte auch die jungen Leute ansprechen, indem sie zu den Wurzeln zurückkehrt, weil sie den Opfergedanken des christlichen Lebens und der Liturgie aufzeigt. Tatsächlich stelle ich fest, dass junge Menschen, die die Kirche absolut nicht kennen, durch diese Ausdrucksform eine Kontaktmöglichkeit zur Kirche und zum Glauben finden: diese Form wird damit zu „visionären Orten“.

    Sind es eher junge Leute, die sich in Ihrer Diözese durch diese Form angezogen fühlen?

    Es ist höchst erstaunlich, dass die Menschen, die der außerordentlichen Form verbunden sind, ebenso aus den älteren wie aus den jüngeren Generationen kommen. Es gibt heutzutage ein großes Bedürfnis nach Ritualen, die ja verloren gegangen sind. Man kann sie natürlich auch in der ordentlichen Form wiederfinden –– doch die außerordentliche Form hat den Vorzug, vor allem auch junge Leute anzusprechen, die auf der Suche nach dem Symbolhaften sind. Ich hatte zum Beispiel einmal mit Leuten aus der Gothic-Szene zu tun, die sich sofort angezogen gefühlt haben; sie finden dort einen gewissen Anknüpfungspunkt mit ihrer Vorliebe für das Mittelalter. Es geht dabei aber nicht wieder um eine Sehnsucht nach der Vergangenheit oder darum, ästhetische Ansprüche zu bedienen – sondern, man muss einfach von diesem Bedürfnis ausgehen, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich missionieren zu lassen.

    Und was bedeutet das für die Priesterausbildung? Wie spielt sich das in Ihrer Diözese ab?

    Da verfolgen wir mehrere Ansätze. Zunächst gibt es im Seminar regelmäßig das Angebot, die Messe in der außerordentlichen Form zu feiern, denn die Seminaristen sollen diese Form zelebrieren können, wenn sie das möchten, weil das eine von der Kirche angebotene Möglichkeit darstellt. Es gibt außerdem die bereits erwähnte Gemeinschaft von Abbé Loiseau. Zudem habe ich in diesem Jahr ein dem Seminar angeschlossenes Ausbildungshaus eröffnet, das für Priesteramtskandidaten gedacht ist, die für den Dienst in den Pfarreien des Bistums vorbereitet werden, sich aber auch noch näher mit dem außerordentlichen Ritus beschäftigen und ihn vertiefen möchten. Das heißt, die Seminaristen leben dort gemeinsam, sie feiern regelmäßig die Messe im außerordentlichen Ritus, sie besuchen das Seminar und nehmen an der Feier in der ordentlichen Form teil, doch sie sind in ein Gemeindeleben integriert sowie in ein gesondertes Bildungshaus, das dem Seminar angeschlossen ist.

    Inwiefern ist die Liturgie in Ihrer Diözese in die Neuevangelisierung eingebunden?

    Die Neuevangelisierung ist zunächst ein Verweis auf den Vorrang der Gnade Gottes. Vor all unseren apostolischen Vorhaben müssen wir das Geschenk Gottes, die Gegenwart Christi, besonders in der Feier der Eucharistie, erfahren. Daher gibt es auch – wie es Johannes Paul II. sagte und danach Benedikt XVI. keine fruchtbare Evangelisierung, wenn diese nicht in der Zelebration des eucharistischen Mysteriums verankert ist. Aus diesem Bemühen heraus, die Liturgie zum Zentrum, zur „Quelle und zum Höhepunkt des christlichen Lebens und der Sendung der Kirche“ zu machen – ist es wichtig, auf die Ars celebrandi, die liturgische Ausbildung der Gläubigen und der Hirten und auf das ganze Geschehen innerhalb der Kirche – den liturgischen Gesang, die Ikonographie und die liturgische Ausstattung – zu achten. All das hat Anteil an der Liturgie, damit sie schön ist – weil sich hier die Gemeinde versammelt, und weil hier die kirchliche Identität der Christen gestiftet wird.

    In welche Richtung wird sich die Reform der Reform Ihrer Ansicht nach weiterentwickeln? Ist das kleine Pflänzchen der Reform der Reform bereits so stark und fest, dass es aus sich allein heraus weiterwachsen kann? Hat Papst Benedikt XVI. den Ball so weit ins Rollen gebracht, dass die Diözesen diese Entwicklung nun allein weiter vorantreiben können?

    Das ist meiner Meinung nach noch ein sehr weiter Weg, weil er nicht nur einzig und allein über hierarchische Entscheidungen läuft. Denn in Frankreich war das Verhältnis zwischen den beiden Formen sehr angespannt: In manchen Diözesen ist das Motuproprio nicht besonders gut, noch nicht einmal mit einfacher Toleranz, aufgenommen worden. Damit eine gegenseitige Bereicherung beider Formen mit dem Aufkommen neuer Generationen wirklich stattfinden und zu so etwas wie einer „Reform der Reform“ führen kann, meine ich, dass so etwas Tag für Tag getan und fortgeführt werden muss. Das vollzieht sich in einer Atmosphäre der Gemeinschaft und der gegenseitigen Anerkennung. Aber ich würde auch sagen, dass die nun nachfolgenden Generationen zumindest Anlass zu großen Hoffnungen geben, weil sie zuweilen aus diesen ideologischen Kategorien ausbrechen, in denen die älteren noch eingesperrt sind. Die Freude am Beten, der Sinn für die Transzendenz, die Suche nach Schönheit, nach Symbolen und Riten – all das, was in der Tradition der Kirche verwurzelt ist – wird diese Reform der Reform möglich machen.

    Ja, ich wünsche mir im Bereich des liturgischen Kalenders, dass es gelingt, diesen in den beiden Formen besser aufeinander abzustimmen. Ich wünsche mir auch, dass die Offertoriumsgebete ihren Platz in der ordentlichen Form finden, wie auch, dass man in der außerordentlichen Form vielleicht versucht, eine aktivere Teilnahme der Gläubigen zu ermöglichen. Doch das ist ein weiter Weg, das braucht Zeit.

    Gibt es in Frankreich noch andere Diözesen, die diesen Weg verfolgen, den Sie selbst eingeschlagen haben?

    Es gibt ja Klöster und Abteien – ich denke da zum Beispiel an Le Barroux und Fontgombault. Das sind sehr gute Beispiele dafür, wie man der außerordentlichen Form verbunden bleiben und dennoch in großer Übereinstimmung und in harmonischer Gemeinschaft mit der übrigen Kirche leben kann. Ich meine, das sind gute Vorbilder, die uns vorantreiben, um die Dinge etwas gelassener zu betrachten. Und im Bereich der Diözesen und der Pfarreien erlebe ich ebenfalls eine neue Generation von Priestern und eine neue Generation von Bischöfen, die offener und aufgeschlossener sind. Das wird sich auf die Reform der Reform noch sehr positiv auswirken.