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    Viel älter als die Luther-Bibel

    Im Rahmen der Lutherdekade, durch die Edition der Youcat-Bibel und das persönliche Beispiel von Papst Franziskus, der in Ansprachen immer wieder seine intensive Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift bezeugt, ist die Beschäftigung mit der Übersetzung der Schrifttexte wieder neu ins Bewusstsein geraten. Auf der Seite der Hochschulen trägt ein Projekt des Instituts für Germanistische Literaturwissenschaft der Friedrich Schiller Universität Jena dazu bei, das Thema Bibelübersetzung wieder neu in den Fokus des öffentlichen Interesses zu rücken.

    Eine Luther-Bibel im Genfer Reformations-Museum. Die jetzt zu edierende Evangeliumsübersetzung eines österreichischen La... Foto: KNA

    Im Rahmen der Lutherdekade, durch die Edition der Youcat-Bibel und das persönliche Beispiel von Papst Franziskus, der in Ansprachen immer wieder seine intensive Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift bezeugt, ist die Beschäftigung mit der Übersetzung der Schrifttexte wieder neu ins Bewusstsein geraten. Auf der Seite der Hochschulen trägt ein Projekt des Instituts für Germanistische Literaturwissenschaft der Friedrich Schiller Universität Jena dazu bei, das Thema Bibelübersetzung wieder neu in den Fokus des öffentlichen Interesses zu rücken.

    Martin Luther gilt vielen als einzigartiger Leuchtturm in der Geschichte der Bibelübersetzungen. Als seine deutsche Fassung des Neuen Testaments im September 1522 in Wittenberg mit Unterstützung der Verleger Christian Döring und Lukas Cranach dem Älteren sowie des Druckers Melchior Lotter erschien, war dies zweifellos ein Meilenstein in der Rezeptionsgeschichte der Heiligen Schrift. Dennoch ist die Idee, deren Texte in die jeweiligen Volkssprachen zu übertragen, nicht so neu, wie man denken möchte. Schon der englische Missionar Bonifatius forderte von seinen Mitarbeitern außer der Kenntnis des Lateinischen die fließende Beherrschung aller Sprachen und Dialekte der Stämme, zu denen sie sich aufmachten, damit sie bei der Verkündigung der guten Nachricht mit den Franken „waafn“, den Friesen „schnacken“ und den Hessen „babbeln“ konnten. In den Jahrhunderten vor der Reformation entstanden mehrere handschriftliche und 18 gedruckte Übersetzungen der Heiligen Schrift.

    Die Universität Jena hat sich nun zum Ziel gesetzt, eine lange vor Martin Luther in der Zeit um 1330 entstandene Bibelübersetzung aus Österreich zu edieren und die Umstände ihrer Entstehung zu erforschen. Sie stammt von dem namentlich bislang nicht bekannten sogenannten „österreichischen Bibelübersetzer“, einem Laien. Das Projekt ist auf zwölf Jahre angelegt und trägt den Titel „Der Österreichische Bibelübersetzer. Gottes Wort deutsch“. Die erste Aufgabe des interuniversitären Wissenschaftlerteams um die Projektleiter Jens Haustein von der Universität Jena, Martin Schubert von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften – auch die Bayerische Akademie der Wissenschaften fördert das Projekt – und Freimut Löser von der Universität Augsburg besteht in der Transkription des 27 Überlieferungszeugnisse umfassenden sogenannten Klosterneuburger Evangelienwerks. Sie befinden sich in zahlreichen Bibliotheken Deutschlands und Österreichs und werden zunächst analysiert und anschließend für die digitale und gedruckte Edition vorbereitet.

    Vor allem die digitale Edition, Teil der „Open Access Strategie“ des von Bund und Ländern finanzierten Akademienprogrammes, das der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses dienen soll, wird zu jener Verbreitung der Arbeit des österreichischen Bibelübersetzers beitragen, die diese aufgrund der im 14. Jahrhundert noch nicht bekannten Technik des Druckes, die Luthers Werk so entscheidend vorangebracht hatte, nicht erlangen konnte und deshalb bislang nur Spezialisten bekannt ist.

    Die Handschrift ist aufwendig gestaltet und reich bebildert. Sie besticht zudem durch ihre elegante Prosa. Neben den Übersetzungen großer Teile der Bibel enthält das Werk auch Kommentare, die dem interessierten Leser den Inhalt weiter erschließen helfen sollen. In seinem Vorwort verteidigt der anonyme Übersetzer seine Arbeit und betont das Recht der Laien auf eine Verkündigung in der Volkssprache. Dass diese zu allen Zeiten mit einem gewissen Misstrauen betrachtet wurde, verwundert nicht. Schließlich ist es ein Unterschied, wenn der deutsche Beter von Psalm 49 sein Geheimnis beim Harfenspiel enthüllt, während das Englische beim gleichen Vers mit den Worten „...with the harp I will solve my problem“ oder „I will solve my riddle to the music of the Lyre“ beim Harfenspiel wahlweise sein Problem oder ein Rätsel löst. Und auch die Frage, ob der Psalmist am Ende von Psalm 139 auf den altbewährten Weg oder „in via aeterna“, also auf den ewigen Weg geleitet wird, macht einen entscheidenden Unterschied.

    Wie weit Übersetzungen vom eigentlichen Inhalt abweichen können, zeigt der Umgang nachkonziliarer Theologenkommissionen mit den Orationen des Messbuchs. Hier wird unter der Maßgabe, dass der Originaltext von den Gläubigen entweder nicht mehr verstanden werde oder ihnen nicht mehr zugemutet werden könne, eine inhaltlich stark abweichende Übertragung einer wörtlichen Übersetzung vorgezogen. Umso wichtiger ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Übersetzungen, wie sie nun in dem Jenaer Projekt realisiert und von einer interakademischen Kommission begleitet wird. Die Bewilligung erfolgte im Rahmen des Akademienprogrammes, das von der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften koordiniert wird und der Erschließung, Sicherung und Vergegenwärtigung des kulturellen Erbes dient. Das Projekt ist mit einem Jahresbudget von 370 000 Euro ausgestattet – die gesamte Fördersumme beläuft sich auf 4,5 Millionen Euro – und unterliegt kontinuierlichen Qualitätskontrollen. Es gilt als eines der größten geisteswissenschaftlichen Forschungsprogramme Deutschlands.

    Bleibt die Frage, ob Martin Luther die Arbeit des österreichischen Übersetzers gekannt hat. Das Expertenteam um Professor Haustein ist davon überzeugt, dass dies nicht der Fall ist. Umso interessanter dürfte der Vergleich zwischen der in den nächsten Jahren sukzessive zugänglich werdenden Übersetzung aus dem 13. Jahrhundert und der des Wittenberger Reformators sein. Sie könnte Teil einer notwendigen Auseinandersetzung mit einem textgerechten und zugleich in den jeweiligen Muttersprachen verständlichen Umgang mit den Worten der Heiligen Schrift sein.