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    Viel Lärm um nichts

    Der Abendmahlssaal auf dem Jerusalemer Zionsberg gerät in diesen Tagen vor dem Besuch des Papstes immer mehr ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Hintergrund sind von jüdischen Kreisen gestreute Gerüchte über eine unmittelbar bevorstehende Übergabe des von ihnen „Davidsgrab“ genannten Gebäudekomplexes an die katholische Kirche. Manche behaupten gar, der ganze Zionsberg solle an die katholische Kirche übergeben werden. Mit Plakaten, medialen Aufrufen und Demonstrationen versucht das ultra-orthodoxe und national-religiöse Lager, die israelische Öffentlichkeit in ihrem Sinne zu mobilisieren. Anfang Mai haben deshalb vier Knesset-Abgeordnete rechtsgerichteter Parteien wie Likud und „Jüdisches Heim“ dem Ort einen Solidaritätsbesuch abgestattet.

    Seit Jahren Gegenstand bilateraler Verhandlungen: der Abendmahlssaal in Jerusalem. Foto: KNA

    Der Abendmahlssaal auf dem Jerusalemer Zionsberg gerät in diesen Tagen vor dem Besuch des Papstes immer mehr ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Hintergrund sind von jüdischen Kreisen gestreute Gerüchte über eine unmittelbar bevorstehende Übergabe des von ihnen „Davidsgrab“ genannten Gebäudekomplexes an die katholische Kirche. Manche behaupten gar, der ganze Zionsberg solle an die katholische Kirche übergeben werden. Mit Plakaten, medialen Aufrufen und Demonstrationen versucht das ultra-orthodoxe und national-religiöse Lager, die israelische Öffentlichkeit in ihrem Sinne zu mobilisieren. Anfang Mai haben deshalb vier Knesset-Abgeordnete rechtsgerichteter Parteien wie Likud und „Jüdisches Heim“ dem Ort einen Solidaritätsbesuch abgestattet.

    Dabei steht, anders als von jüdischen Aktivisten behauptet, weder eine Einigung zwischen dem Heiligen Stuhl und Israel in dieser Frage unmittelbar bevor noch geht es um eine Übertragung von Eigentumsrechten, wie dieser Zeitung aus Kreisen des Lateinischen Patriarchats bestätigt wurde. Zudem sei von den Verhandlungen ausschließlich der im ersten Stock befindliche Abendmahlssaal betroffen und nicht andere Teil des Gebäudes wie etwa das im Erdgeschoss von Juden verehrte Davidsgrab. Amnon Ramon vom „Jerusalem Institute for Israel Studies“ ist Experte für den jüdisch-christlichen Streit um den Abendmahlssaal. Dieser Zeitung sagte er am Sonntag: „Das Davidsgrab ist nach 1948 sehr wichtig geworden, denn Tempelberg und Klagemauer lagen im jordanisch kontrollierten Ost-Jerusalem und waren für Juden nicht zugänglich. So wuchs die Bedeutung des Davidsgrabes, das dem Tempelberg damals am nächsten kam. Nach der Eroberung Ost-Jerusalems durch Israel 1967 konnten Juden zwar wieder zur Klagemauer. Aber der Zugang zum Tempelberg ist anders als das Davidsgrab nach wie vor Restriktionen unterworfen. Möglicherweise macht es das zusätzlich attraktiv.“ Interessanterweise würden sich auch ultra-orthodoxe Kreise zunehmend für das Davidsgrab einsetzen. „Das ist ein Richtungswechsel. Denn noch vor wenigen Jahrzehnten haben ihre Rabbiner bestritten, dass König David hier liegt. Denn schließlich liegt sein Grab dem Alten Testament zufolge in der Davidsstadt und nicht auf dem Zionsberg.“ Politisch bedeutsam ist Ramons Einschätzung nach, dass der Einsatz für das Davidsgrab ultra-orthodoxe und national-religiöse Kreise zusammenführt, die ansonsten vielfach im Disput liegen. „Rechtsgerichtete Politiker nutzen die emotional aufgewühlte Situation aus. Dabei müssten sie genau wissen, dass es gar nicht um die Übertragung von Eigentumsrechten geht. Das hat Israels Vize-Außenminister Zeev Elkin kürzlich ja öffentlich gesagt. Die religiösen Aktivisten wiederum wollen die Stellung des Davidsgrabes in der jüdischen Öffentlichkeit stärken. Deshalb kommt ihnen die Aufregung gelegen.“ Der jüdische Widerstand gegen eine Änderung des Status quo erklärt sich Ramon zufolge auch aus dem jüdischen Religionsgesetz, der Halacha. Demnach kann jüdischer Gottesdienst und Gebet dort nicht stattfinden, wo sich ein nicht-jüdischer, heidnischer Kultort wie etwa eine Kirche befindet. „Die Franziskaner haben aber nicht vor, den Abendmahlssaal dauerhaft in eine Kirche umzuwandeln. Es geht nur um eine zeitweilige Nutzung.“

    Seit Jahren ist der künftige Status des Abendmahlssaals Gegenstand bilateraler Verhandlungen. Schon im Grundlagenvertrag, mit dem Israel und der Vatikan 1993 ihr Verhältnis regelten und diplomatische Beziehungen zueinander aufnahmen, war der Abendmahlssaal erwähnt. Immer wieder war in den vergangenen Jahren in Presseberichten von einer bevorstehenden Einigung im Rahmen der Verhandlungen über ein Fiskal- und Wirtschaftsabkommen die Rede gewesen. Der Heilige Stuhl verhandelt derweil nicht über eine Übertragung von Eigentumsrechten, sondern wünscht sich zusammen mit der Heilig-Land-Kustodie der Franziskaner ein umfänglich erweitertes Nutzungsrecht an dem Saal. Unbestätigten Gerüchten zufolge wird eine tägliche zweistündige Nutzung für morgendliche Gottesdienste unter Aufsicht der Kustodie angestrebt. Bislang dürfen die Franziskaner, die sich als rechtmäßige Besitzer des Abendmahlssaals betrachten, dort nur zwei Mal im Jahr Andachten abhalten, nämlich am Gründonnerstag und an Pfingsten. Messfeiern sind untersagt. Eine Ausnahme wurde für den heiligen Papst Johannes Paul II. bei dessen Besuch 2000 gemacht. Auch Papst Franziskus wird hier mit seinem Gefolge und den Bischöfen des Heiligen Landes kurz vor seiner Abreise eine nicht-öffentliche Messe zelebrieren. Papst Benedikt XVI. betete 2009 dort nur das Regina Caeli.

    Beim Abendmahlssaal auf dem Zionsberg handelt es sich der Tradition nach um das im Neuen Testament erwähnte Obergemach, in dem Jesus mit seinen Jüngern das Letzte Abendmahl feierte und Eucharistie und Priestertum des Neuen Bundes stiftete. Auch die Erscheinungen des Auferstandenen vor den Jüngern und das Pfingstereignis werden hier verortet. Die Evangelien sagen nichts darüber, wo sich dieser Ort befand. Frühe Überlieferungen indes lokalisieren ihn auf dem Südwesthügel der Jerusalemer Altstadt. Dieser nahm in der christlichen Tradition den Namen Zionsberg an. In byzantinischer Zeit und während der Kreuzzüge wurden hier große Kirchbauten errichtet. Der Abendmahlssaal mit seinem gotischen Kreuzrippengewölbe und Kreuzfahrerwappen wird in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert. Im Erdgeschoss des Gebäudes liegt das von Juden verehrte Davidsgrab. Die Überlieferungen vom Letzten Abendmahl und der Ruhestätte König Davids wurden durch die Kreuzfahrer baulich miteinander verbunden.

    Nach dem Ende der Kreuzfahrerzeit beauftragte der Heilige Stuhl die Franziskaner mit dem Schutz der Heiligen Stätten. 1333 erwarben sie mithilfe des Königs von Neapel vom ägyptischen Sultan das Eigentum am Coenaculum genannten Abendmahlssaal und richteten auf dem Zionsberg einen Konvent ein. Die während der Kreuzfahrerzeiten eingeführte Tradition, das Grab König Davids befinde sich im Erdgeschoss, wandte sich 1551 gegen die Christen, als die osmanischen Herren die Franziskaner endgültig vom Zionsberg vertrieben. Zuvor hatten die Muslime diese Tradition übernommen und das Gebäude in eine islamische Stiftung überführt. Das Davidsgrab wurde ebenso wie der Abendmahlssaal in eine Moschee umgewandelt. Christen und Juden wurde der Zugang zu ihren Heiligtümern sehr erschwert. Mit dem israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 änderte sich dies. Der Zionsberg samt Abendmahlssaal und Davidsgrab wurde Teil West-Jerusalems und damit Israels. Israel erklärte das Gebäude aufgrund der kriegsbedingten Abwesenheiten der islamischen Eigentümer zu Staatsbesitz. Das israelische Religionsministerium verwaltet das Davidsgrab, die für christliche Angelegenheiten zuständige Abteilung des Innenministeriums kümmert sich um das von den Christen verehrte Obergeschoss. 1972 wurde das Davidsgrab in eine Synagoge umgewandelt. Nach und nach siedelten sich verschiedene jüdische Organisationen dort an. Besonders die Diaspora-Yeschiva, eine national-religiöse Tora-Schule, mobilisiert jetzt gegen den Abendmahlssaal. Dabei war es schon vorher zu religiös motivierten Spannungen an dem Ort gekommen. Anfang vergangenen Jahres zerstörte ein jüdischer Fanatiker die Fliesen, die in islamischer Zeit am Davidsgrab angebracht worden waren. Dies sorgte islamischerseits für scharfe Reaktionen.