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    Verlorene Wurzeln

    Regensburg (DT) Ein gemeinsamer ökumenischer Nenner ist rasch gefunden: „Unser Papst macht sich viel Hoffnung“, erklärt Generalbischof Anba Damian von der koptisch-orthodoxen Kirche mit trockener Miene beim Regensburger Katholikentag, als er auf die Präsidentenwahlen in Ägypten angesprochen wird. Auch die koptisch-katholische Kirche hat den Sieg von General Abdul Fattah al-Sisi begrüßt. Vor gut dreißig Besuchern stehen er und der türkischstämmige syrisch-orthodoxe Geistliche Gabriel Aktürk Rede und Antwort zur Lage der bedrängten Christen in Ägypten und Syrien.

    Der koptisch-orthodoxe Generalbischof Anba Damian äußerte sich dankbar und kritisch zugleich über die deutsche Politik i...

    Regensburg (DT) Ein gemeinsamer ökumenischer Nenner ist rasch gefunden: „Unser Papst macht sich viel Hoffnung“, erklärt Generalbischof Anba Damian von der koptisch-orthodoxen Kirche mit trockener Miene beim Regensburger Katholikentag, als er auf die Präsidentenwahlen in Ägypten angesprochen wird. Auch die koptisch-katholische Kirche hat den Sieg von General Abdul Fattah al-Sisi begrüßt. Vor gut dreißig Besuchern stehen er und der türkischstämmige syrisch-orthodoxe Geistliche Gabriel Aktürk Rede und Antwort zur Lage der bedrängten Christen in Ägypten und Syrien.

    Die Stimmungslage unter Ägyptens Christen schwankt. Stichwort Präsidentenwahlen: Während die offiziellen Stellungnahmen aus Kirchenkreisen überaus positiv ausfallen, räumt Bischof Anba, der selbst „demonstrativ nicht zur Wahl gegangen ist“, angesichts der etwas forciert wirkenden Begeisterung mancher Christen persönliche Skepsis ein: „Al-Sisi ist das Beste vom Schlechtesten.“ Die Wunden, die das ägyptische Militär der Bevölkerung geschlagen hat, sind noch nicht verheilt. Man hoffe, dass er das Land aus dem Chaos führen könne und setze Erwartungen in eine neue Verfassung, in der das Wort „Scharia“ nicht mehr vorkommen und die Kopten und andere Bevölkerungsgruppen endlich zu ihrem Recht kommen sollen. Er selbst müsse aufpassen, um nicht durch unbedachte Äußerungen in Konflikt mit seiner Kirche zu geraten.

    Andererseits ist der Alltag in Ägypten zu belastend, als dass er stillschweigend über die Not der Menschen hinweggehen möchte: „Frauen und Mädchen, die kein Kopftuch tragen, sind in allergrößter Gefahr“ unterstreicht der koptische Bischof. Fünfhundert Mädchen seien deswegen in Ägypten entführt worden, das sei eine „tagtägliche Praxis“. Darüber hinaus würden viele Familien erpresst. Christen würden in Ägypten zudem bei der Arbeitssuche diskriminiert. Der Bischof erklärt in diesem Zusammenhang die Unterschiede innerhalb der christlichen Konfessionen: Den Katholiken gehe es besser als den Orthodoxen, da sie im Papst und im Nuntius in Kairo Fürsprecher hätten. Evangelische Christen könnten sich an die EKD in Hannover wenden. Die Koptisch-Orthodoxen stünden jedoch allein da. „Wenn Koptisch-Orthodoxe nur auf die Idee kommen, Kontakt mit ausländischen Medien aufzunehmen heißt es: ,Staatsfeind‘“.

    „Fasten sei gut,

    Fasten und Beten besser, Fasten, Beten und

    Handeln noch besser“

    Dennoch reicht der römische Mantel der Ökumene weit. Von vollen Kirchen am weltweiten Gebets- und Fasttag für Syrien berichten Katholikentagsbesucher. Papst Franziskus hatte ihn im September 2013 initiiert. Zu einer Wiederholung der Aktion raten allerdings weder Generalbischof Anba Damian noch Gabriel Aktürk: Fasten sei gut, Fasten und Beten besser, Fasten, Beten und Handeln noch besser, kommentiert der Generalbischof. So wäre die Aufnahme weiterer syrischer Flüchtlinge und die Verbesserungen des Bleiberechts sogenannter geduldeter Ausländer in Deutschland aus Sicht der syrisch-orthodoxen Kirche wünschenswert. „Es stimmt mich unsagbar traurig, dass Christen von der Gewalt zerrieben zu werden drohen“, äußert Aktürk zur Situation in Syrien. Ein Ende des christlichen Orients sei eine „finstere Möglichkeit unserer geschichtlichen Epoche“.

    Mit einer eindringlichen Bitte wendet sich der syrisch-orthodoxe Geistliche an die Politiker in Deutschland. „Tun Sie alles Ihnen Mögliche, um eine friedliche Entwicklung der Region zu fördern, um die Überlebensmöglichkeiten der christlichen Minderheit zu sichern.“ Ausdrücklich dankt er Bundespräsident Joachim Gauck dafür, dass dieser in der Türkei für Menschenrechte eingetreten sei. „Wir Christen aus der Türkei fühlen uns nicht mehr als Waisenkinder.“ Dass die Regierung Assad den Christen Freiheit geboten habe, erläutert der Geistliche in einer von persönlichen Erfahrungen geprägten Rückblende. Er selbst verbrachte mehrere Jahre im Mar Ephrems-Kloster bei Damaskus zum Arabischstudium. Christen seien in der Ära des aus einer alavitischen Familie stammenden Diktators Assad weder verfolgt noch diskriminiert worden. So hätten sie in dieser Zeit Kirchen bauen und renovieren können. Zwar wären Muslime Christen gegenüber rechtlich teilweise bessergestellt gewesen, doch habe das keine gravierenden Auswirkungen gehabt. Mittlerweile seien in Syrien Kämpfer aus der Türkei, Saudi-Arabien, Tschetschenien, Katar und sogar aus Deutschland, um den politischen, religiösen und wirtschaftlichen Kampf gewaltsam auszutragen. Im Internet zirkulierten Bilder gekreuzigter oder enthaupteter Menschen. „Wahr ist, wir haben unsere christlichen Wurzeln verloren“, erklärt der syrisch-orthodoxe Geistliche. Er hoffe, dass dies nicht auch in Europa geschehe. Wenn die ausländischen Kämpfer zurückgerufen würden, könne in Syrien Frieden einkehren. „Sonst sind wir verloren.“

    Ausführlich geht Aktürk auf die Schwierigkeiten ein, denen Christen bei der Einreise nach Syrien begegnen. Bei den Beerdigungsfeierlichkeiten für den verstorbenen Patriarchen Ignatius Zakka I. in diesem Frühjahr habe die syrische Regierung den Trauergästen von der libanesischen Grenze bis zum Kloster mit Militär und Panzern Geleitschutz geboten. Rückweg inklusive.

    Ganz anders als die Einschätzung des Gauck-Besuchs in der Türkei fällt die Bewertung der Ägyptenreise des früheren Außenministers Guido Westerwelle in orthodoxen Augen aus. Von einer „Provokation“ spricht der koptische Bischof. Westerwelle sei nicht willkommen gewesen. Zweck der Reise sei es gewesen, aus Mursi einen Helden zu machen. „Wir haben nicht verstanden, dass Deutschland immer wieder vom legitimen Präsidenten gesprochen hat.“ Das ägyptische Volk habe Mohammed Mursi jedoch mehrheitlich abgelehnt.

    Scharfe Kritik übt Anba Damian an Amerikas Präsident Barack Obama, der die Muslimbrüder finanziell unterstützt habe. „Deutschland und Europa singen nach wie vor auf die Musik der Amerikaner.“ Das mache den Ägyptern das Leben schwer. Doch sei Ägypten ein treuer Partner Deutschlands. Die „Rebellion“ von 35 Millionen friedlicher Demonstranten in dem geostrategisch bedeutsamen Land sei einzigartig und habe jede Unterstützung verdient. Allerdings werde es Jahre dauern, ehe sich das wirtschaftlich ruinierte Land erholt habe. „Es wäre vernünftig, sich auf die Seite der Jugendlichen zu stellen und den Wunsch des Volkes zu respektieren.“

    „Entwicklungshilfe an die Einhaltung der

    Menschenrechte

    koppeln“

    Stein des Anstoßes bleibt der Waffenhandel. Europa verkaufe sowohl an Regierende als auch an Rebellen in Syrien Waffen. „Die Unruhe ist manchmal ein ,Segen‘ für das Waffengeschäft. Das darf nicht sein“, erklärt der Generalbischof und fügt unter Gelächter und Applaus ironisch hinzu, dass man angesichts des Elends von Millionen Syrern dennoch dankbar sein müsse für die Aufnahme einer kleinen Zahl von Flüchtlingen in Deutschland. Befremdet zeigt sich Anba Damian vor allem über den geringen Christenanteil in dem von Deutschland akzeptierten Flüchtlingskontingent. Gefährdete Muslime könnten auch in arabischen Staaten Zuflucht finden, Christen jedoch nicht. „Warum nimmt Deutschland gerade mal vier christlichen Familien?“

    Den Christen vor Ort zu helfen, um den Exodus zu stoppen, bleibt ebenfalls Christenpflicht. Waffen und Militär sind keine Lösung – in der Diskussion wird als Beispiel Nigeria genannt, dessen finanziell üppig ausgestattete Armee Übergriffe auf Christen nicht verhindern könne. Bischof Anba Damian gibt auf die Frage, wie Christen im Nahen Osten am besten zu helfen sei, als erste Antwort: „eine friedliche Generation auszubilden“. Als gelungenes Beispiel verweist er auf die katholische Mädchenschule der Borromäerinnen in Kairo. Außerdem sei es sinnvoll, die Entwicklungshilfe an die Einhaltung der Menschenrechte zu koppeln und in Niederlassungen deutscher Firmen für Christen und Muslime die Möglichkeit zu schaffen, friedlich zusammenzuarbeiten. „Wenn wir in die Bildung investieren, investieren wir auch in den Frieden.“ Die Hälfte aller Ägypter seien Analphabeten.

    Ausdauernden Applaus erhält ein Besucher für seinen Vorschlag, der Katholikentag solle am Ende der Regensburger Veranstaltung eine Erklärung für die Christen in Syrien und Ägypten verabschieden. Auf Hilfe von außen angewiesen sind auch die Christen in der Türkei: Aktürk berichtet, dass von 83 Klöstern der syrisch-orthodoxen Kirche heute nur noch drei existierten. Wer das erwähne, gelte jedoch leicht als Nestbeschmutzer. „Die Türkei nicht schlechtzumachen“ habe man ihm geraten, als er diesen Tatbestand einmal in der Türkei erwähnt habe.

    Für syrisch-orthodoxe Christen fiel das Himmelfahrtsfest mit einem anderen Fest zusammen: Am selben Tag wurde in der Nähe von Damaskus Ignatius Afrem II., zuvor Erzbischof in den USA, als „Patriarch von Antiochien und dem ganzen Orient“ inthronisiert. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger wird er nach Damaskus zurückkehren. Ein starker Appell an den Überlebenswillen der geprüften syrischen Christen.