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    „Vater“ ist nicht gleich „Vater“

    Bonn (DT/KNA) Es war der wohl spektakulärste Fund antiker Handschriften des zwanzigsten Jahrhunderts. 1947 fanden Beduinen nahe dem Toten Meer Tonkrüge mit mehr als 2 000 Jahre alten jüdischen Schriften. Allein in den Höhlen bei Qumran wurden in Tonkrügen Reste von über 800 Schriftrollen mit gut tausend hebräischen und aramäischen Dokumenten entdeckt – eine einzigartige Quelle für die Erforschung des antiken Judentums sowie des Alten und Neuen Testaments. Diese wissenschaftliche Arbeit ist nun in eine neue Phase getreten: Der erste Band des Wörterbuchs zu den berühmten Qumrantexten ist erschienen, wie die Universität Bonn am Dienstag mitteilte. Seit 2007 arbeiteten Bonner Wissenschaftler intensiv an dem Band; sie wurden dabei durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziell unterstützt. Auf 580 Seiten sind vierhundert Jahre Sprachgeschichte nachzulesen, zunächst für die Buchstaben A bis H.

    Bonn (DT/KNA) Es war der wohl spektakulärste Fund antiker Handschriften des zwanzigsten Jahrhunderts. 1947 fanden Beduinen nahe dem Toten Meer Tonkrüge mit mehr als 2 000 Jahre alten jüdischen Schriften. Allein in den Höhlen bei Qumran wurden in Tonkrügen Reste von über 800 Schriftrollen mit gut tausend hebräischen und aramäischen Dokumenten entdeckt – eine einzigartige Quelle für die Erforschung des antiken Judentums sowie des Alten und Neuen Testaments. Diese wissenschaftliche Arbeit ist nun in eine neue Phase getreten: Der erste Band des Wörterbuchs zu den berühmten Qumrantexten ist erschienen, wie die Universität Bonn am Dienstag mitteilte. Seit 2007 arbeiteten Bonner Wissenschaftler intensiv an dem Band; sie wurden dabei durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziell unterstützt. Auf 580 Seiten sind vierhundert Jahre Sprachgeschichte nachzulesen, zunächst für die Buchstaben A bis H.

    Für Projektleiter Heinz-Josef Fabry ein besonders spannender Abschnitt. Der Band enthalte etwa die hebräischen Wörter für Vater, Mutter, Sohn und Tochter. Deren Bedeutung habe sich in der Zeit zwischen Altem und Neuem Testament stark gewandelt. „Denken Sie an den Vater im Alten Testament: Das war immer der Strenge, der mit dem Stock.“

    Dagegen hatte Jesus ein anderes Bild, als er Gott Vater nannte, so der katholische Theologe und Alttestamentler. Denn das Erziehungssystem hatte sich im Laufe der Zeit gewandelt. Zur Zeit der Qumranschriften habe die Epoche der Philosophenschulen in Griechenland begonnen. Anstelle von Prügeln wurden Unstimmigkeiten ausdiskutiert – ein Prinzip, das sich bald auch in Palästina etablierte und sich sprachlich deutlich bei der Bedeutung von familiären Begriffen abzeichnete.

    Insgesamt drei Bände mit bis zu 790 hebräischen Stichwörtern sollen erscheinen. Es geht um Grundlagenforschung: um die Veränderung von Wörtern, die Weiterentwicklung des Hebräischen durch Anleihen aus der persischen, griechischen oder aramäischen Sprache und um unterschiedliche Literaturgattungen. Die Wissenschaftler profitieren dabei von jahrzehntelanger Arbeit von Archäologen und Textforschern, die die oft stark zerbröselten und nur noch in kleinen Fragmenten erhaltenen Papyrusrollen wie Mosaiksteinchen wieder zusammengesetzt haben. Erst seit kurzem sind die Handschriften vollständig ediert.

    Drei unterschiedliche Textsorten finden sich bei den Qumranrollen: Sie umfassen Handschriften nahezu aller biblischen Bücher des Alten Testaments; außerdem außerbiblische Textreste und theologische und liturgische Texte, die nach Ansicht mancher Wissenschaftler der streng religiösen jüdischen Gemeinschaft der Essener zuzuordnen sind. Die Qumrantexte würden inhaltlich erforscht und ihre theologische Botschaft erhoben, beschreiben die Leiter des Bonner Projekts, Fabry und der Siegener Privatdozent Ulrich Dahmen, das Forschungsziel. Zugleich sollen Theologie- und Literaturgeschichte der „zwischentestamentlichen Zeit“ aufgearbeitet werden. Die Wissenschaftler erhoffen sich Rückschlüsse auf die große Vielfalt des damaligen Judentums. „Unser Augenmerk liegt auf dem ausgehenden Alten Testament, der frühjüdischen Literatur, der Auseinandersetzung des Frühjudentums mit dem Hellenismus und auf der neutestamentlichen Urgemeinde“, so Fabry.

    Am Wörterbuch arbeiten nicht nur die wenigen Qumran-Spezialisten, sondern Wissenschaftler aus allen einschlägigen Disziplinen wie Alt- und Neutestamentler, Experten der Judaistik, der Alten Geschichte und der Hellenismusforschung. 2012 soll der Band zu den Stichworten I bis O folgen. Die Arbeiten zu den über 800 Schriftrollen können zudem ein fehlendes Puzzleteil für die Erforschung der hebräischen Sprache sein: In den Texten wird der Übergang vom älteren biblischen zu dem jüngeren rabbinischen Hebräisch offenkundig.

    Heinz-Josef Fabry, Ulrich Dahmen (Hrsg.): Theologisches Wörterbuch zu den Qumrantexten, Band 1, Kohlhammer 2011, EUR 248,-