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    Unverzichtbare Leitbilder

    Wer das Päpstliche Jahrbuch zur Hand nimmt, findet dort auf den ersten Seiten die Päpste aufgelistet, die als Selige oder Heilige der katholischen Kirche verehrt werden. Die Zahl ist beeindruckend: Fast hundert selige und heilige Oberhirten sind im „Annuario Pontificio“ verzeichnet. Das Gros von ihnen wirkte in der Frühzeit des Christentums und im ersten Jahrtausend. Das zweite und dritte Millenium benennt in der langen Reihe der Päpste bloß sechzehn Selige und Heilige, von denen wiederum nur sechs in den vergangenen sechs Jahrhunderten lebten. Es ist jedoch kein Mangel an Heiligkeit, der der Kirche im zweiten Jahrtausend relativ wenige Vorsteher schenkte, die zur Ehre der Altäre erhoben wurden. Eine Vielzahl von Gründen hat zu einer Beschränkung dieser Auszeichnung für die Päpste geführt.

    Santo Subito: Am 1. Mai 2011 strömten Pilgermassen nach Rom zur Seligsprechung Johannes Pauls II. Foto: dpa

    Wer das Päpstliche Jahrbuch zur Hand nimmt, findet dort auf den ersten Seiten die Päpste aufgelistet, die als Selige oder Heilige der katholischen Kirche verehrt werden. Die Zahl ist beeindruckend: Fast hundert selige und heilige Oberhirten sind im „Annuario Pontificio“ verzeichnet. Das Gros von ihnen wirkte in der Frühzeit des Christentums und im ersten Jahrtausend. Das zweite und dritte Millenium benennt in der langen Reihe der Päpste bloß sechzehn Selige und Heilige, von denen wiederum nur sechs in den vergangenen sechs Jahrhunderten lebten. Es ist jedoch kein Mangel an Heiligkeit, der der Kirche im zweiten Jahrtausend relativ wenige Vorsteher schenkte, die zur Ehre der Altäre erhoben wurden. Eine Vielzahl von Gründen hat zu einer Beschränkung dieser Auszeichnung für die Päpste geführt.

    Der erste Grund ist genereller Natur und betrifft alle Katholiken, die im Ruf der Heiligkeit gestorben sind. Selig- und Heiligsprechungen wurden im Laufe der Zeit in eine rechtliche, streng prozessuale Form gebracht. Ein beständiges Wachsen der Kirche und veränderte Umstände hatten eine Änderung der in der Antike und im frühen Mittelalter geübten Praxis, vorbildhaften Christen das Attribut „heilig“ zuzugestehen, erzwungen. Neben dem Martyrium als ursprünglichem Heiligkeitsideal hatten sich das unblutigte Bekennertum und die heroische Übung der Tugenden gesellt. Die Verantwortlichkeiten für Kanonisationen gingen Schritt für Schritt von den Ortsoberhirten auf die Päpste über. Mit Alexander III. (1159–1181) wurden Heiligsprechungen definitiv einer päpstlichen Reservation unterworfen (das heißt der Apostolische Stuhl zog alles, was die causae sanctorum, „die Angelegenheiten der Heiligen“, betraf, an sich), Sixtus V. (1585–1590) errichtete mit der Sacra Congregatio Rituum (Ritenkongregation) eine eigene Behörde für die Durchführung von Kanonisationen und Urban VIII. (1623–1644) sowie Benedikt XIV. (1740–1758) erließen schließlich die genauen Regeln, nach denen in Selig- und Heiligsprechungsverfahren vorzugehen war und ist.

    Es ist vor allem die Besonderheit des Papstamtes, die seinem Inhaber eine Selig- oder Heiligsprechung zu erschweren scheint. Das munus petrinum, der Dienst des Petrus, geht über die Verantwortung für die Gläubigen des Bistums Rom weit hinaus, es ist durch den Auftrag und das Geheiß Jesu Christi ausdrücklich auf die Erhaltung, das Wohl und die Förderung der Gesamtkirche ausgerichtet. Die pastorale Verantwortung des Bischofs von Rom übersteigt somit die eines jeden anderen Oberhirten. Der Papst verfügt aus der Entwicklung der Geschichte heraus zudem über einen Status, der ihn im weltlichen Bereich zum doppelten Subjekt völkerrechtlicher Souveränität macht, als Inhaber des Heiligen Stuhls und als Staatsoberhaupt des Kirchenstaates respektive der Vatikanstadt.

    Schon die Unterscheidung zwischen Selig- und Heiligsprechung weist für die Verfahren, die auf eine kirchliche Verehrung von Päpsten hinzielen, eine Problematik auf. Eine Seligsprechung ist in der Regel auf eine lokale Verehrung ausgerichtet – in einer Ordensgemeinschaft, einer Region oder einem Land. Da der Wirkungsbereich eines Seligzusprechenden für gewöhnlich begrenzt ist, sind die Zahl der Zeugen, die vernommen werden müssen, und die zu sichtenden schriftlichen Unterlagen (publizierte und nicht publizierte Schriften des Kandidaten) überschaubar. In einem Prozess, der einen Papst betrifft, ist dies völlig anders. Als Oberhaupt der Gesamtkirche erstreckt sich sein Wirken auf die ganze Welt, und das geschriebene Wort eines Papstes füllt mehr als nur einige Aktenordner. Auch hat es im Grunde keinen Sinn, seine Verehrung auf eine Ortskirche oder ein einzelnes Land zu beschränken. Daher taucht immer mehr die Überlegung auf, einen Kandidaten, der Papst war, auch ohne vorhergegangene Seligsprechung in das Verzeichnis der Heiligen aufzunehmen, was rechtlich kein Problem wäre.

    Als Verkörperung des Heiligen Stuhls, als eine geistliche Autorität, die in fast jedes Land der Erde hineinwirkt und damit auch säkulare Geschichte schafft, ist der Papst ein politischer Faktor. Es bleibt daher nicht aus, dass er für den jeweiligen Staat zu einem Objekt des Interesses wird. In Fällen, in denen gegenteilige Ansichten oder Konflikte das Verhältnis bestimmen, kann es geschehen, dass sich die Regierung eines Landes gegen die Selig- oder Heiligsprechung eines Papstes stemmt, sie behindern oder sogar verhindern will. Ein solches Handeln ist bis in das Heute hinein zu beobachten. Ein beredtes Beispiel ist der Seligsprechungsprozess, der für Innozenz XI. (Benedetto Odescalchi, 1676–1689) geführt wurde. Mehr als 250 Jahre gelang es einem Staat, die angestrebte Beatifikation dieses verdienten Oberhauptes der katholischen Kirche durch beständige Interventionen aufzuhalten. Der asketische und vorbildliche Papst hatte sich entschieden dem innerkirchlichen Machtanspruch des französischen Königs widersetzt und dem Irrweg des Gallikanismus Einhalt geboten.

    In seinem Roman „Les Clés de saint Pierre“ (1953) spottete der Schriftsteller Roger Peyrefitte, der als Diplomat im Dienst der „Grand Nation“ stand: „Innozenz XI. war vergebens im Geruch der Heiligkeit gestorben; denn die französischen Botschafter aller Regierungssysteme übernahmen immer von ihren Vorgängern die Aufgabe, ihm den Weg zur Seligsprechung zu versperren.“ Jeder Gesandte Frankreichs beim Heiligen Stuhl, so Peyrefitte, habe dem Papst bei der Überreichung seines Beglaubigungsschreibens zugeflüstert: „Wer Ohren hat zu hören, der höre, Heiligster Vater – keine Seligsprechung Innozenz XI., bitte!“ 1956 war es endlich soweit. Die Zeiten hatten sich zum Guten gewandelt, Pius XII. (1939–1958) konnte den Papst in Sankt Peter zur Ehre der Altäre erheben. Anlässlich der Seligsprechung hob Pius XII. hervor, es sei jetzt vor aller Augen „die geschichtliche Gerechtigkeit“ gegenüber dem Toten wiederhergestellt worden.

    Tragischerweise muss die Causa des Pacelli-Papstes nun erleben, dass sie in nicht geringem Maße durch geschichtliche Ungerechtigkeiten bedingt ihren Abschluss noch nicht erreicht hat, obschon die Heroizität der von Pius XII. gelebten Tugenden unbestreitbar feststeht und ihm der Rang eines „Venerabilis“, eines verehrungswürdigen Dieners Gottes, zugesprochen wurde. Der Papst ist bis zum heutigen Tag auch ein weltlicher Herrscher. Und so versuchen politische, weltanschauliche und extreme innerkirchliche Gruppierungen, die Ausübung weltlicher Macht des Oberhauptes der Kirche zum Kriterium zu machen. Besonders deutlich wurde dies in den Verfahren für den heiligen Pius V. und den seligen Pius IX. Benedikt XIV. hat in seiner Abhandlung über die Selig- und Heiligsprechung die Ansicht vertreten, die Heiligkeit eines Papstes sei auch an „seinem Einsatz für die Erhaltung und Verbreitung des katholischen Glaubens, für die Einhaltung und Wiederherstellung kirchlicher Disziplin und die Verteidigung der Rechte des Heiligen Stuhls zu messen“. Ein Übermaß in der Befolgung dieser Prinzipien (eingeschlossen ein entschiedenes Vorgehen im Innern des Kirchenstaates und Waffengänge zur Verteidigung des Glaubens) dürfe, so der gelehrte Pontifex des 18. Jahrhunderts, bei der Beurteilung der heroischen Tugenden nicht als Untugend gelten.

    Der Dienst des Petrusamtes erfordert ein Engagement im Glauben, das nicht bei jedem, nicht einmal in der Kirche selbst, auf Zustimmung stößt. So können sich „pressure groups“ bilden, die Selig- und Heiligsprechungen aus ideologischen Überlegungen oder einer eingeschränkten Sichtweise heraus entgegenwirken wollen. So werden mutige Schritte Johannes Pauls II. im Dialog zu anderen Religionen von den einen als „Verrat am katholischen Glauben“ gesehen, andere sehen in dem Pontifikat des Papstes einen „Rückfall in zentralistische und autoritative Strukturen“; Gruppierungen wie „Wir sind Kirche“ greifen die baldige Kanonisation des seligen Pontifex sogar mit Vorwürfen in der Behandlung von Missbrauchsfällen an. Die Kriterien, die in der Kirche für die offizielle Verehrung eines vorbildhaften Katholiken ausschlaggebend sind, ignorieren sie indessen fundamental – manchmal aus Unkenntnis, häufg jedoch bewusst. Das beliebte Spiel, dabei Päpste gegeneinander auszuspielen, haben die Nachfolger Petri selber nie mitgemacht. Im Gegenteil, hier bewiesen sie bewundernswerte Solidarität. So musste beispielsweise der Versuch, Pius IX. als Gegensatz zu Johannes XXIII. zu plakatieren, scheitern. Wer den Roncalli-Papst aufmerksam studiert, wird ihn als Bewunderer des Konzilspapstes und unermüdlichen Förderer seines Seligsprechungsverfahrens „entlarven“.

    In seinem Apostolischen Schreiben „Tertio Millennio Adveniente“ zur Vorbereitung auf das Heilige Jahr 2000 schrieb der selige Johannes Paul II.: „Die größte Verehrung, die alle Kirchen an der Schwelle des dritten Jahrtausends Christus darbringen werden, wird der Beweis der allmächtigen Gegenwart des Erlösers durch die Früchte von Glaube, Hoffnung und Liebe in Männern und Frauen vieler Sprachen und Rassen sein, die Christus in den verschiedenen Formen der christlichen Berufung nachgefolgt sind.“ Die Päpste sind in dieses für die Neuevangelisation wichtige Zeugnis mit hineingenommen. Auf ihr Leitbild kann und darf man nicht verzichten. Vielleicht haben sich Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus daher entschieden, Hürden, die ihren beispielhaften Vorgängern den Weg zur Ehre der Altäre erschwerten, abzubauen. Sie taten dies mit Entschiedenheit und Mut. So, als der jetzige Heilige Vater von einem Wunder für die Kanonisation des seligen Johannes’ XXIII. dispensierte. Man kann dieses Vorgehen mit vernünftigen und respektablen Gründen bedauern oder begrüßen. Aber es ist zu erkennen und uneingeschränkt zu bejahen, dass es dem Papst als höchste Autorität dieser kirchlichen Rechtsmaterie zusteht, auf die Feststellung eines Wunders zu verzichten – und zwar ohne, dass er sich hierfür irgend jemandem gegenüber rechtfertigen muss.