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    Unsere Hoffnung verlieren wir nie

    Im August 2008 hat es im indischen Bundesstaat Orissa größere religiöse Unruhen gegeben. Tausende von Christen wurden von radikalen Hindus vertrieben. Wie sieht die Lage der Christen heute aus? In Indien gibt es an verschiedenen Plätzen noch Probleme.

    Erzbischof Leo Cornelio leitet die zentralindische Diözese Bhopal. Foto: KIN

    Im August 2008 hat es im indischen Bundesstaat Orissa größere religiöse Unruhen gegeben. Tausende von Christen wurden von radikalen Hindus vertrieben. Wie sieht die Lage der Christen heute aus?

    In Indien gibt es an verschiedenen Plätzen noch Probleme. In Orissa hatten Extremisten vor zwei Jahren Christen vertrieben und ein Pogrom geplant, das den ganzen Distrikt in Aufruhr versetzt hat. Seitdem gibt es immer wieder kleinere Zwischenfälle. Von Unruhen sind übrigens häufig auch Muslime betroffen. Die Lage ist aber insgesamt nicht so schlecht. Bei meinem letzten Besuch in Orissa konnte ich feststellen, dass sich die Dinge sehr zum Besseren geändert haben. Die Kirche hat sich sehr für die Verbesserung der Situation der Menschen eingesetzt. Mehr als 50 000 Menschen wurden ja aus ihren Heimatdörfern vertrieben. Jetzt können sie wieder in ihre Dörfer zurückkehren. Es gibt nur noch zwei Orte, die die Anwesenheit der Christen nicht dulden wollen und das, obwohl sich dort hochrangige Politiker für eine Rückkehr der Christen stark gemacht haben. Diese Menschen dort sind nicht bereit, Christen zurück in ihre Häuser zu lassen. Sie knüpfen das meist an eine Konversion und sagen: Wenn du Hindu wirst, dann bist du willkommen. Christen aber werden abgelehnt. Das ist natürlich jetzt eine Ausnahme. Die Unruhen in Orissa waren ein großer Schock für ganz Indien. Dass das in einem demokratischen Staat passieren konnte, war für viele unverständlich.

    Kann der Staat den Schutz der Christen gewährleisten?

    Natürlich sagt die Regierung, sie könne alle schützen. Allerdings haben die Extremisten großen Einfluss auf die Regierung und die Polizei. Sie manipulieren die Justiz, sodass sich Prozesse verlangsamen und verzögern. Und sie üben auf Autoritäten Druck aus, damit sie schweigen und nicht handeln. In vielen Orten wird durch diese Verzögerungstaktik Christen Gerechtigkeit verweigert.

    Wie groß ist die Gruppe der Extremisten?

    Das ist keine große Gruppe. Aber sie sind gut vernetzt mit der Regierung. Die Hindu-Gruppen vertreten eine bestimmte Ideologie: Sie wollen den indischen Staat zu einem hinduistischen Staat machen. Dazu haben sie einen Plan und ein Programm. Das Christentum und der Islam werden nun von diesen Gruppen angefeindet, weil sie als ausländische Religionen betrachtet werden. Dabei werden große Bevölkerungsteile, 82 Prozent der Inder bekennen sich zum Hinduismus, auch instrumentalisiert. Die meisten Religionen bei uns, beispielsweise der Hinduismus, der Buddhismus oder die Sikhs, haben einen indischen Ursprung. Das Christentum und der Islam hingegen sind weniger in der Kultur Indiens verwurzelt.

    Wächst die Zahl der Christen angesichts dieser schwierigen Lage?

    Ich glaube, dass die Zahl der Christen in Indien langsam wächst. Es kommt außerdem häufig vor, dass Menschen zwar an Christus, die Bibel und die christlichen Prinzipien glauben, aber nicht konvertieren wollen. Sie bleiben äußerlich Hindus, sind aber in ihrem Bewusstsein Christen und leben als solche. Andere konvertieren, geben aber weiterhin vor, Hindus zu sein, weil sie sonst ihre Vorteile oder ihre Arbeit verlören. Christen kommen in Indien nicht in den Genuss bestimmter Privilegien oder werden bei der Vergabe von Arbeitsplätzen nicht berücksichtigt.

    Minderheiten werden also diskriminiert...

    Ja, sehr offen sogar. Davon sind aber nicht nur Christen betroffen, sondern auch Muslime. Die Christen trifft es aber noch einmal besonders, da viele Christen zu den Dalits, den Kastenlosen, gehören. Die indische Verfassung garantiert den Dalits gewisse Vorteile. So bekommen Dalit leichter eine Arbeit, auch wenn sie schlecht ausgebildet sind. Etwa 15 Prozent der Stellen sind für die Dalits reserviert. Ein Konvertierter verliert seine Vorteile oder bekommt sie erst gar nicht.

    Ist es für Christen in Indien dann überhaupt möglich, missionarisch tätig zu sein?

    Indien ist eine Demokratie. Wir sind frei. Die Missionsarbeit ist an sich kein großes Problem. Wir können in die Dörfer gehen und mit den armen Leuten arbeiten. Aber manchmal müssen wir auch unser Leben riskieren. In Pakistan gibt es das Blasphemie-Gesetz. In Indien gibt es etwas ähnliches: das Anti-Konversionsgesetz. So kann jemand nach einer Konversion eine Klage anstrengen und vorgeben, die Konversion sei unter Zwang vollzogen worden. Geschieht dies, geht der Fall vor Gericht und Christen können ins Gefängnis wandern. Wenn jemand so eine Klage anstrengt, kommen wir in Schwierigkeiten.

    Inwiefern kann die Kirche gegen solche Anti-Konversionsgesetze vorgehen?

    Wir tun alles, was uns möglich ist. Wir sprechen mit Repräsentanten der Regierung, betreiben Lobbyismus. Wir haben damit schon einiges erreicht. Ein Beispiel: Im Bundesstaat Madhya Pradesh gab es 1968 das erste Gesetz gegen Konversion. 2008 sollte es verschärft werden. Es passierte das Parlament, der Gouverneur hat das Gesetz aber nicht unterschrieben, sondern sich an den Regierungschef gewandt mit der Begründung, dass es nicht rechtens sei. Mittlerweile liegt das Gesetz beim Präsidenten. Es ist kein reguläres Gesetz. Ein weiteres Gesetz, das nicht verabschiedet wurde, ist ein Gesetz, mit dem das Eigentum von Christen in staatliche Kontrolle überführt werden sollte.

    Welche Botschaft hat die Kirche für die Menschen in Indien?

    Die Botschaft ist, dass unser Gott gelitten und sein Leben gegeben hat für uns. Christ zu sein bedeutet, bereit zu sein zu leiden und alle Schwierigkeiten auf sich zu nehmen. Die, die zu Christus stehen, haben immer die Möglichkeit, dieses Leid bis zum Ende zu ertragen. Was wir ändern können, sollten wir versuchen zu ändern, aber was wir nicht verändern können, müssen wir versuchen zu akzeptieren. Unsere Hoffnung aber, die ja Christus selbst ist, verlieren wir nie. Als Christen arbeiten wir für eine Verbesserung der Gesellschaft. Wir glauben, dass das Christentum in Indien eine Hoffnung darstellt. Die Christen machen weniger als zwei Prozent der Inder aus, aber 20 bis 25 Prozent aller Hilfsdienste werden von diesen zwei Prozent betrieben. Unsere christliche Schulausbildung ist ein anderes Beispiel, das uns hoffnungsfroh stimmt: Nur fünf Prozent der Kinder sind Christen, 95 Prozent sind Hindus oder aus anderen Religionen. Viele Nicht-Christen schicken ihre Kinder in unsere Schulen, denn sie wollen eine gute Erziehung und die Vermittlung von Werten. Wir lehren sie diese christlichen Werte und sie sind glücklich damit. Daneben gibt es Krankenhäuser und die Sozialarbeit. Wir gehen in die Dörfer, wo die Regierung keine Möglichkeit hat. Wenn wir dort eine Schule eröffnen, muss die öffentliche Schule schließen. Niemand will dort hin.