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    Unruhen in Syrien: Was wird aus den Christen?

    Syrien gehört zu den Kernländern des Christentums. Die Omajjaden-Moschee im Zentrum von Damaskus war einst als christliche Johannes-Kathedrale von den Byzantinern gebaut worden, weil dort das Haupt des Johannes des Täufers aufbewahrt wird. In Damaskus wurde Saulus aus Tarsus zum Völkerapostel Paulus. Die Christen in Syrien erfreuen sich eines wesentlich günstigeren Umfelds als etwa in Saudi-Arabien, Ägypten oder dem derzeitigen Irak. Die Verfassung der Arabischen Republik Syrien garantiert in Artikel 35 Absatz 1 die Freiheit des Glaubens. Syrien ist ein laizistischer Staat, in dem die Verfassung den Bürgern grundsätzlich Glaubensfreiheit zusichert. Die Ausübung aller Kulthandlungen wird garantiert, soweit sie nicht die öffentliche Ordnung stören. Ein institutioneller Laizismus garantiert den Christen eine relative Gleichberechtigung, obschon sie strengen Kontrollen unterstehen. Der Islam ist nicht Staatsreligion, allerdings sind Christen gemäß der syrischen Verfassung vom Amt des Staatspräsidenten ausgeschlossen. Ansonsten haben sie vor dem Gesetz die gleichen Rechte. Christliche Gemeinden dürfen Grundstücke kaufen und Kirchen oder andere Pastoral-Einrichtungen bauen. Priester sind vom Wehrdienst befreit.

    Großmufti Ahmad Kaftaro empfing Papst Johannes Paul II. in Damaskus. Foto: dpa–

    Syrien gehört zu den Kernländern des Christentums. Die Omajjaden-Moschee im Zentrum von Damaskus war einst als christliche Johannes-Kathedrale von den Byzantinern gebaut worden, weil dort das Haupt des Johannes des Täufers aufbewahrt wird. In Damaskus wurde Saulus aus Tarsus zum Völkerapostel Paulus. Die Christen in Syrien erfreuen sich eines wesentlich günstigeren Umfelds als etwa in Saudi-Arabien, Ägypten oder dem derzeitigen Irak. Die Verfassung der Arabischen Republik Syrien garantiert in Artikel 35 Absatz 1 die Freiheit des Glaubens. Syrien ist ein laizistischer Staat, in dem die Verfassung den Bürgern grundsätzlich Glaubensfreiheit zusichert. Die Ausübung aller Kulthandlungen wird garantiert, soweit sie nicht die öffentliche Ordnung stören. Ein institutioneller Laizismus garantiert den Christen eine relative Gleichberechtigung, obschon sie strengen Kontrollen unterstehen. Der Islam ist nicht Staatsreligion, allerdings sind Christen gemäß der syrischen Verfassung vom Amt des Staatspräsidenten ausgeschlossen. Ansonsten haben sie vor dem Gesetz die gleichen Rechte. Christliche Gemeinden dürfen Grundstücke kaufen und Kirchen oder andere Pastoral-Einrichtungen bauen. Priester sind vom Wehrdienst befreit.

    Ein Zeichen der Toleranz gegenüber nicht-muslimischen Minderheiten ist vor allem die Tatsache, dass in syrischen Pässen und Personalausweisen die Religionszugehörigkeit nicht vermerkt ist. Der christliche Bevölkerungsanteil ist mit etwa zehn Prozent von 20 Millionen Einwohnern wesentlich höher als im Heiligen Land, obwohl er auch in Syrien durch Abwanderung sinkt. Gemäß den säkularen Prinzipien des syrischen Staates ist eine Diskriminierung von Nichtmuslimen verboten. Das nach Konfession verschiedene Ehe- und Familienrecht wird respektiert. Christliche Feiertage sind staatlich anerkannt, der Präsident sendet Grußbotschaften oder nimmt Einladungen zu den jeweiligen Feierlichkeiten an. Seit den 1980er Jahren kommt es in Syrien sogar konfessionsübergreifend zu einer Wiederbelebung des Klosterlebens. Große neue Klosterkomplexe als regionale Pfarrzentren sind seit damals in vielen Regionen des Landes entstanden. Diese Bewegung wurde sogar von staatlicher Seite unterstützt, weil der Name Syrien aus dem Christentum „Suryani“ (syrisch) stammt.

    Die Mehrheit der Christen in Syrien sind orthodoxe Christen, die dem griechisch-orthodoxen Patriarchat von Antiochia angehören. Die maronitische Kirche, die größte mit Rom unierte orientalische Kirche, bildet zwar in Syrien nur ein kleine Gruppe, aber sie entstand im 5. Jahrhundert in Syrien am Orontes-Fluss, dem Nahr al-Asi, der das Land von Norden nach Süden durchschneidet. Darüber hinaus gibt es starke Gruppen von armenischen, melkitischen (griechisch-katholischen), syrisch-katholischen und chaldäisch-katholischen Christen. Auch evangelische und freikirchliche Glaubensgemeinschaften sind in Syrien vertreten, aber nicht offiziell anerkannt. Christen leben vor allem in städtischen Gebieten. In Damaskus, Aleppo, Latakia und Homs gibt es eigene historische christliche Stadtviertel. Auf dem Land findet sich eine größere Anzahl von Christen im Kalamoun-Gebirge und in der Provinz Hassake am Euphrat, wo seit 1920 vom Völkerbund viele Aramäer aus der Türkei angesiedelt wurden. Viele Armenier aus der osmanischen Türkei haben nach dem Genozid in der Stadt Aleppo eine neue Heimat gefunden. Heute hat Syrien vielen irakischen Flüchtlingen Zuflucht gewährt, von denen 18 Prozent christlichen Glaubens und somit deutlich überrepräsentiert sind. In Damaskus stellen die christlichen Irakflüchtlinge sogar etwa die Hälfte aller registrierten irakischen Flüchtlinge.

    Nationalismus statt Islam

    Auch in Syrien regiert seit mehr als vierzig Jahren eine Familiendespotie, die nicht gerade für Demokratie und eine besondere Wertschätzung der Bürgerrechte bekannt ist. Die Hoffnungen auf mehr Demokratie hatten sich nach der Machtübernahme des 34-jährigen, in Europa ausgebildeten Arztes Baschar al-Assad, der im Jahr 2000 die Nachfolger seines Vaters Hafiz al-Assad angetreten hat, nicht erfüllt. Die Grundlage der in Syrien herrschenden Baath-Partei ist der arabische Nationalismus. Die arabischen Christen waren die ersten Bürger ihrer Staaten, die dank europäischer Bildung mit dem aus Europa stammenden Nationalismus in Berührung kamen und diesen in den Nahen Osten gebracht hatten. Nur der Nationalismus konnte Jahrzehnte lang den Islamismus der Muslimbrüder, deren Aufstand in Syrien 1982 blutig niedergeschlagen wurde, in Schach halten. Die Baath-Partei, die bis heute Syrien beherrscht, wurde 1943 von dem aus Damaskus stammenden griechisch-orthodoxen Christen Michel Aflaq (1910–1989) gegründet. Wie im Irak des Saddam Hussein, ebenfalls ein Baath-Anhänger, hatten Christen und andere Minderheiten wenig Grund zu klagen. Da die herrschende syrische Baath-Partei den Christen die Integration in das politische System und die Gesellschaft gewährleistet, sehen viele Christen im säkularen Baath-Regime der Familie Assad den Garant für ihre religiöse Freiheit. Christliche religiöse Führer werden vom Baath-Regime als Wächter der Kirchen angesehen, die ihre Gemeinden kontrollieren sollen. Gegenüber dem Staat fungieren sie als halboffizielle Funktionäre, von denen erwartet wird, dass sie die Regierungspolitik unterstützen. Unter armenischen Christen geht die Instrumentalisierung der Kirche so weit, dass sie auch die christlichen Kandidaten für die Baath-Partei rekrutiert.

    Christliche Würdenträger werden umfassend durch die verschiedenen Geheimdienste kontrolliert. Die Religionsfreiheit findet dort ein Ende, wo Christen sich nicht systemkonform verhalten. Das Rückgrat der Christen war ihr aus Europa importiertes hochstehendes Bildungswesen, dessen Niveau weit über dem Landesdurchschnitt lag. Als im Jahre 1967, nach der Machtergreifung von Hafiz al-Assad, in Syrien alle Privatschulen verstaatlicht wurden, begann der gesellschaftliche Abstieg der Christen. Die seit 1963 in Syrien regierende Baath-Partei versucht die verschiedenen Minderheiten des Landes in ein „arabisches“ Konzept zu integrieren. 1966 übernahm der Assad-Clan, der der schiitisch-alawitischen Minderheit im Norden des Landes angehört, die elf bis zwölf Prozent der Bevölkerung ausmacht, durch einen Putsch die Macht. In der politischen Elite sind die Alawiten überrepräsentiert, aber die anderen religiösen Gruppen werden nicht zugunsten der Alawiten diskriminiert. Christen sind zwar auf politischer Ebene formal unterrepräsentiert, aber sie haben dennoch Schlüsselpositionen als Berater inne.

    Seit der Ära des Osmanischen Reiches und der Zeit des französischen Mandats ist überproportional vielen Christen in Syrien dank ihrer Offenheit, ihren Handelsbeziehungen mit dem Libanon und ihres Zugangs zu Hochschuleinrichtungen der soziale Aufstieg gelungen. Seit der Schließung der christlichen Schulen 1967 haben allerdings überdurchschnittlich viele Christen Syrien verlassen, da sie um ihre Bildung, ihr wichtigstes Kapital, fürchten. Aufgrund ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen im Ausland, ihres hohen Bildungsgrads und ihrer Religion haben Christen bessere Chancen, im Westen Fuß zu fassen. Vor allem Skandinavien, Kanada oder Australien haben viele Christen aus Syrien aufgenommen.

    Syrien setzt auf den Dialog

    Syrien, einst wie Libyen ein Pariastaat, ist zwar unter dem Druck der USA zu einem moderateren außenpolitischen Kurs übergegangen und setzt verstärkt auf regionalen Dialog, um den Respekt der internationalen Gemeinschaft zurückzugewinnen. Sogar zu der schiitischen Führungsmacht, dem Iran, ist Syrien in letzter Zeit etwas auf Distanz gegangen. Innenpolitisch ist das Land jedoch noch immer relativ unbeweglich. Charakteristisch für die baathistische Machtstruktur ist nach wie vor die systematische Einschränkung demokratischer und bürgerlicher Rechte. Christen sind hiervon nicht mehr, aber auch nicht weniger betroffen als alle anderen religiösen und sozialen Gruppen im Land.

    Der frühere Großmufti Syriens, Scheich Ahmad Kaftaro, dessen Begegnung mit Papst Johannes Paul II. 1985 einen Markstein bildete, und sein Nachfolger Scheich Ahmad Badr al-Din Hassoun legten großen Wert auf das friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen. Syrien spielt für den Islam eine besondere Rolle, Damaskus war das erste Zentrum der arabisch-islamischen Kultur, als zwischen 661 und 750 unter den Omajjaden von Damaskus aus das erste arabisch-muslimische Weltreich, von Spanien bis fast zu den Ufern des Indus, entstand. Von diesem Nimbus zehrt die Stadt noch heute, kulturell wie politisch. Bei Al-Nebek in West Syrien wurde in den vergangenen Jahren das aus dem 6. Jahrhundert stammende Mar Musa Kloster zu einem kirchenübergreifenden Zentrum der Erneuerung antiken spirituellen Lebens und gleichzeitig zu einem Zentrum christlich-islamischen interreligiösen Dialogs ausgebaut. In den allermeisten arabischen Ländern wäre eine solche Initiative unvorstellbar.