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    Übt die Werke der Barmherzigkeit!

    Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

    „In ihrer abstrakten Form spricht uns die Armut nicht persönlich an, sondern sie lässt uns Pläne machen, sie lässt uns k... Foto: KNA

    Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

    Eine der Folgen des sogenannten Wohlstands besteht darin, dass die Menschen dazu tendieren, sich in sich selbst zu verschließen, und dass sie unempfindlich für die Bedürfnisse der anderen werden. Es wird alles getan, um sie durch kurzlebige Lebensentwürfe zu täuschen, Lebensentwürfe, die nach ein paar Jahren verschwinden, als ob unser Leben eine Mode wäre, der man folgt und die man in jeder Saison wechselt. So ist das nicht. Die Wirklichkeit muss so, wie sie ist, angenommen und angepackt werden, und häufig begegnen wir in ihr Situationen dringender Not.

    Deswegen findet sich unter den Werken der Barmherzigkeit der Hinweis auf Hunger und Durst: die Hungrigen speisen – es gibt viele heutzutage – und den Durstigen zu trinken geben. Wie oft informieren uns die Medien über Bevölkerungsgruppen, die unter Nahrungs- und Wassermangel leiden, mit schweren Folgen vor allem für die Kinder. Angesichts gewisser Nachrichten und vor allem bestimmter Bilder fühlt sich die öffentliche Meinung berührt, und es gibt immer wieder Hilfsaktionen, um zur Solidarität anzuspornen. Es wird großzügig gespendet, und auf diese Weise kann dazu beigetragen werden, das Leid vieler Menschen zu lindern.

    Diese Form der Nächstenliebe ist wichtig, aber möglicherweise fühlen wir uns nicht unmittelbar angesprochen. Wenn wir jedoch auf der Straße einem Menschen in Not begegnen oder ein Armer an unsere Haustür klopft, ist das etwas ganz Anderes, weil ich nicht mehr vor einem Bild stehe, sondern selbst unmittelbar angesprochen bin. Es besteht keine Distanz mehr zwischen mir und ihm oder ihr, ich fühle mich persönlich betroffen. In ihrer abstrakten Form spricht uns die Armut nicht persönlich an, sondern sie lässt uns Pläne machen, sie lässt uns klagen; doch wenn wir die Armut am Leib eines Mannes, einer Frau oder eines Kindes sehen, dann sind wir persönlich betroffen!

    Daher unsere Gewohnheit, vor den Bedürftigen fortzulaufen, uns ihnen nicht zu nähern und ihre Situation ein bisschen mit Gewohnheiten zu schönen, die dem modischen Trend entsprechen, um uns von ihr abzuwenden. Es gibt keine Distanz mehr zwischen dem Armen und mir, wenn ich ihm persönlich begegne. Wie reagiere ich in diesen Fällen? Sehe ich weg und gehe vorbei? Oder bleibe ich stehen, um mit ihm zu reden, und interessiere mich für seinen Zustand? Und wenn du das tust, findet sich sicher jemand, der sagt: „Der spinnt, der spricht mit einem Armen.“ Sehe ich zu, dass ich diesen Menschen in gewisser Weise annehmen kann, oder versuche ich, mich so schnell wie möglich von ihm zu befreien? Doch vielleicht bittet er nur um das Nötigste: etwas zu essen und zu trinken. Denken wir einen Moment nach: Wie oft sprechen wir das Vaterunser und achten doch nicht wirklich auf die Worte: „Unser tägliches Brot gib uns heute“.

    In der Bibel heißt es in einem Psalm, dass Gott derjenige ist, „der allen Geschöpfen Nahrung gibt“ (136,25). Die Erfahrung des Hungers ist hart. Jemand, der einen Krieg oder eine Hungersnot erlebt hat, weiß das. Und doch wiederholt sich diese Erfahrung jeden Tag und existiert neben Überfluss und Verschwendung.

    Die Worte des Apostels Jakobus sind immer noch aktuell: „Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten? Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das? So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat“ (2,14-17), tot, weil er unfähig ist, gute Werke zu tun, karitativ zu sein, zu lieben. Es gibt immer jemanden, der Hunger und Durst hat und der mich braucht. Ich kann nicht jemand anderen beauftragen. Dieser Arme braucht mich, meine Hilfe, mein Wort, mein Engagement. Wir alle sind hiervon betroffen.

    Das ist auch die Lehre jener Stelle im Evangelium, in der Jesus angesichts der vielen Leute, die ihm seit Stunden folgen, seine Jünger fragt: „Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?“ (Joh 6,5) Und die Jünger antworten: „Das ist unmöglich, es ist besser, wenn du sie wegschickst…“. Doch Jesus sagt ihnen: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Mk 6,37) Er lässt sich die wenigen Brote und Fische geben, die sie bei sich haben, spricht den Segen und lässt sie an alle austeilen. Das ist eine ganz wichtige Lehre für uns. Sie besagt: Wenn wir das Wenige, das wir haben, den Händen Jesu anvertrauen und es im Glauben teilen, dann wird es zu überreicher Fülle.

    Papst Benedikt schreibt in der Enzyklika „Caritas in veritate“: „Den Hungrigen zu essen geben (…) ist ein ethischer Imperativ für die Weltkirche. (…) Das Recht auf Ernährung sowie das auf Wasser spielen eine wichtige Rolle für die Erlangung anderer Rechte. (…) Darum ist es notwendig, dass ein solidarisches Bewusstsein reift, welches die Ernährung und den Zugang zum Wasser als allgemeine Rechte aller Menschen betrachtet, ohne Unterscheidungen und Diskriminierungen“ (Nr. 27).

    Vergessen wir nicht die Worte Jesu: „Ich bin das Brot des Lebens“ (Joh 6,35) und „Wer Durst hat, komme zu mir“ (Joh 7,37). Diese Worte sind eine Herausforderung für uns Gläubige, eine Herausforderung, zu erkennen, dass unsere Beziehung zu Gott darüber führt, dass wir den Hungrigen zu essen und den Durstigen zu trinken geben, unsere Beziehung zu einem Gott, der in Jesus sein barmherziges Antlitz offenbart hat.

    Ein Sprecher verlas folgenden Gruß des Heiligen Vaters an die Besucher aus dem deutschen Sprachraum:

    Mit Freude heiße ich die Pilger aus den Ländern deutscher Sprache willkommen. Insbesondere begrüße ich den Domchor der Kathedrale Mainz und die vielen Jugendlichen, Schüler und Ministranten, vor allem die große Gruppe des Gymnasiums Damme. Diese Begegnung mit dem Papst und mit der universalen Kirche hier in Rom mache euch stark in eurem Zeugnis für Christus, damit euer Glaube immer mehr in der Nächstenliebe tätig ist. Von Herzen segne ich euch und eure Lieben.

    Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller