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    Über den wahren Tempel Gottes

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Steinigung des Stephanus. Glasfenster, Trier, um 1250. Foto: KNA

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Bei den letzten Katechesen haben wir gesehen, wie im persönlichen und gemeinschaftlichen Gebet das Lesen und die Betrachtung der Heiligen Schrift auf das Hören Gottes hin öffnen, der zu uns spricht, und mit Licht erfüllen, um die Gegenwart zu verstehen. Heute möchte ich über das Zeugnis und das Gebet des ersten Märtyrers der Kirche, des heiligen Stephanus, sprechen, eines der sieben Erwählten für den Dienst der Nächstenliebe an den Bedürftigen. Im Moment seines Martyriums, das in der Apostelgeschichte geschildert wird, zeigt sich nochmals die fruchtbare Beziehung zwischen dem Wort Gottes und dem Gebet.

    Stephanus wird zum Gericht geführt, vor den Hohen Rat, wo man ihn beschuldigt, erklärt zu haben: „Jesus ... wird diesen Ort [den Tempel] zerstören und die Bräuche ändern, die uns Mose überliefert hat“ (Apg 6, 14). Während seines öffentlichen Wirkens hatte Jesus tatsächlich die Zerstörung des Tempels von Jerusalem vorangekündigt: „Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten“ (Joh 2, 19). Doch wie der Evangelist Johannes anmerkt, meinte er „den Tempel seines Leibes. Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte“ (Joh 2, 21–22).

    Die Rede des Stephanus vor Gericht, die längste der Apostelgeschichte, entfaltet sich gerade über diese Prophezeiung Jesu, der der neue Tempel ist, den neuen Gottesdienst einrichtet und durch die Hingabe seiner selbst am Kreuz die alten Opfer ersetzt. Stephanus will zeigen, wie unbegründet die gegen ihn vorgebrachte Anschuldigung ist, er wolle das Gesetz des Mose ändern, und legt seine Sicht der Heilsgeschichte, des Bundes zwischen Gott und dem Menschen dar. So deutet er die ganze biblische Erzählung neu, den in der Heiligen Schrift enthaltenen Weg, um zu zeigen, das er zum „Ort“ der endgültigen Gegenwart Gottes führt: Jesus Christus – vor allem seinem Leiden, seinem Tod und seiner Auferstehung. In dieser Perspektive interpretiert Stephanus auch, Jünger Jesu zu sein, indem er Ihm bis zum Martyrium folgt. So ermöglicht ihm das Nachdenken über die Heilige Schrift, seine Sendung, sein Leben, seine Gegenwart zu verstehen. Darin wird er vom Licht des Heiligen Geistes geführt, von seiner engen Beziehung zum Herrn, sodass den Mitgliedern des Hohen Rats „sein Gesicht wie das Gesicht eines Engels“ (Apg 6, 15) erschien. Dieses Zeichen göttlichen Beistands erinnert an das Gesicht Mose, das Licht ausstrahlte, als er vom Sinai hinabstieg, nachdem er Gott begegnet war (vgl. Ex 34, 29–35; 2 Kor 3, 7–8).

    In seiner Rede geht Stephanus von der Berufung Abrahams aus, des Pilgers in das von Gott gezeigte Land, das er nur auf der Ebene der Verheißung besaß; dann geht er über zu Josef, der von seinen Brüdern verkauft worden war, von Gott aber Beistand erhielt und befreit wurde, um schließlich zu Moses zu gelangen, der Werkzeug Gottes wird, um sein Volk zu befreien, der jedoch auch mehrfach auf die Ablehnung seiner eigenen Leute stößt. In diesen Begebenheiten, die in der Heiligen Schrift erzählt werden, auf die Stephanus offensichtlich ehrfurchtsvoll hört, kommt immer Gott zum Vorschein, der nicht müde wird, dem Menschen entgegenzugehen, obgleich er häufig hartnäckigem Widerstand begegnet. Und das gilt für die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Er sieht also im ganzen Alten Testament die Ankündigung Jesu, des fleischgewordenen Sohnes Gottes, der – wie die alten Väter – Hindernissen, Ablehnung, dem Tod begegnet. Stephanus bezieht sich dann auf Josua, David und Salomon, die mit dem Aufbau des Tempels in Jerusalem in Verbindung gesetzt werden, und schließt mit den Worten des Propheten Jesaja (66, 1–2): „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße. Was für ein Haus könnt ihr mir bauen?, spricht der Herr. Oder welcher Ort kann mir als Ruhestätte dienen? Hat nicht meine Hand dies alles gemacht?“ (Apg 7, 49–50).

    In seinem Nachdenken über das Handeln Gottes in der Heilsgeschichte erklärt er, indem er die ständige Versuchung, Gott und sein Wirken abzulehnen, hervorhebt, dass Jesus der von den Propheten verheißene Gerechte ist; in Ihm ist Gott selbst auf einzigartige und endgültige Weise gegenwärtig geworden: Jesus ist der „Ort“ des wahren Gottesdienstes. Stephanus leugnet nicht die Bedeutung des Tempels für eine gewisse Zeit, doch er hebt hervor, dass Gott „nicht in dem (wohnt), was von Menschenhand gemacht ist“ (Apg 7, 48). Der neue wahre Tempel, in dem Gott wohnt, ist sein Sohn, der das Fleisch des Menschen angenommen hat, ist die Menschheit Christi, des Auferstandenen, der die Völker sammelt und sie im Sakrament seines Leibes und seines Bluts vereint. Der Ausdruck über den „nicht von Menschenhand gemachten“ Tempel findet sich auch in der Theologie des heiligen Paulus und des Briefes an die Hebräer: der Leib Jesu, den Er angenommen hat, um sich ganz als Opfer hinzugeben, um die Sünden zu sühnen, ist der neue Tempel Gottes, der Ort der Gegenwart des lebendigen Gottes; in Ihm ist Gott Mensch, sind Gott und die Welt wirklich in Verbindung: Jesus nimmt alle Sünde der Menschheit auf sich, um sie in die Liebe Gottes hineinzutragen und sie in dieser Liebe gewissermaßen zu verbrennen. Sich dem Kreuz zu nähern, mit Christus in Gemeinschaft zu treten, bedeutet, in diese Verwandlung einzutreten. Und das bedeutet mit Gott in Verbindung zu treten, in den wahren Tempel hineinzutreten.

    Das Leben und die Rede des Stephanus werden unversehens durch die Steinigung abgebrochen, doch gerade sein Martyrium ist die Vollendung seines Lebens und seiner Botschaft: er wird eins mit Christus. So wird sein Nachdenken über das Handeln Gottes in der Geschichte, über das göttliche Wort, das in Jesus seines volle Erfüllung gefunden hat, ein Teilhaben am Gebet des Kreuzes. Bevor er stirbt, ruft er aus: „Herr Jesus, nimm meinen Geist auf“ (Apg 7, 59), indem er sich die Worte von Psalm 31 Vers 6 zu eigen macht und die letzten Worte Jesu auf Golgatha aufgreift: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lk 23, 46); und schließlich – wie Jesus – ruft er laut vor denen, die ihn steinigen: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an“ (Apg 7, 60). Wir stellen fest, dass, wenn auf der einen Seite das Gebet des Stephanus das Gebet Jesu aufgreift, der Adressat ein anderer ist, da die Anrufung an den Herrn selbst, also an Jesus, gerichtet ist, den er verherrlicht zur Rechten des Vaters betrachtet: „Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen“ (V. 55).

    Liebe Brüder und Schwestern, das Zeugnis des heiligen Stephanus bietet uns einige Hinweise für unser Beten und für unser Leben. Wir können uns fragen: woher hat dieser erste christliche Märtyrer die Kraft bezogen, seinen Verfolgern gegenüberzutreten und bis zur Hingabe seiner selbst zu gelangen? Die Antwort ist einfach: aus seiner Beziehung zu Gott, aus seiner Gemeinschaft mit Christus, aus dem Nachdenken über die Heilsgeschichte, daraus, das Handeln Gottes zu sehen, das in Jesus Christus seinen Höhepunkt erreicht hat. Auch unser Gebet muss durch das Hören auf das Wort Gottes – in der Gemeinschaft mit Jesus und seiner Kirche – gestärkt werden.

    Ein zweites Element: Der heilige Stephanus sieht in der Geschichte der Beziehung der Liebe zwischen Gott und dem Menschen die Gestalt und die Sendung Jesu vorangekündigt. Er – der Sohn Gottes – ist der Tempel, der „nicht von Menschenhand gemacht“ ist, in dem die Gegenwart Gottes, des Vaters, so nah geworden ist, dass er unser menschliches Fleisch angenommen hat, um uns zu Gott zu führen, um uns die Türen des Himmels zu öffnen. Unser Gebet muss also Betrachtung Jesu zur Rechten Gottes sein, Betrachtung Jesu als Herrn unseres, meines täglichen Lebens. In Ihm können auch wir uns, unter der Führung des Heiligen Geistes, an Gott wenden, wirkliche Verbindung zu Gott aufnehmen, mit dem Vertrauen und der Hingabe der Kinder, die sich an einen Vater wenden, der sie unendlich liebt. Danke.

    Auf deutsch sagte der Papst:

    Von Herzen grüße ich alle Pilger und Besucher deutscher Sprache und aus den Niederlanden. Das Beispiel des heiligen Stephanus möge uns helfen, aus der Beziehung zu Gott Kraft für unser Leben zu schöpfen und unseren Weg recht zu erkennen. Unser Beten – damit es selber richtig ist und Gott nahe kommt, ihn in uns hereinbringt, uns zu Gott bringt – muss sich aus dem Wort Gottes nähren und auf Christus hinschauen. In ihm können wir uns durch den Heiligen Geist dann in kindlichem Vertrauen an Gott wenden, weil wir wissen, er ist der Vater und er liebt uns. Von Herzen segne ich euch alle.

    Übersetzung aus dem Italienischen

    von Claudia Reimüller